Erste Jörg-Dietrich Hoppe-Vorlesung

am 11. November 2013, Düsseldorf

Kardinal Karl Lehmann und Rudolf Henke

Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke (r.), begrüßte Karl Kardinal Lehmann zur ersten Jörg-Dietrich-Hoppe-Vorlesung im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft. Foto: JochenRolfes.de

Inhaltsübersicht

Begrüßungsansprache des Präsidenten der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke

Vorlesung von Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz: "Ewiges Leben oder ewig leben"

Presseecho


Hinweis

Eine DVD von der ersten Jörg-Dietrich-Hoppe-Vorlesung kann kostenfrei bestellt werden bei der Pressestelle der Ärztekammer Nordrhein, Tersteegenstr. 9, 40474 Düsseldorf, E-Mail pressestelle@aekno.de.


 

Begrüßungsansprache des Präsidenten der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke

Sehr verehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich begrüße Sie sehr, sehr herzlich zum heutigen Tag. Es ist mir eine große Freude, anlässlich der ersten Jörg-Dietrich-Hoppe-Vorlesung  im Haus der Ärzteschaft Nordrhein zu Ihnen zu sprechen.

Ich bin vorher von Teilnehmern gefragt worden, ob das denn eine kluge Auswahl des Datums sei, im Rheinland am 11. im 11. über ein solches Thema Gedanken zu teilen:  Ewiges Leben oder ewig Leben. Und ob das denn einen Sinnbezug zum Rheinland hätte am 11. im 11.? Also natürlich: das ist der Tag an dem wir an den heiligen Martin erinnern. St. Martin – und wer wenn nicht St. Martin? – wusste um die Bedeutung und das Gewicht des Teilens. Und wir teilen heute die Gedanken um ewiges Leben oder ewig Leben. Und dann sagte einer: aber das ist doch der Start von Karneval. Ja, natürlich, weil an diesem Tag des Teilens das Fasten begann in den Jahren, in denen die Erinnerung an Martin wuchs. Deswegen war an dem Tag dann noch einmal das Carne vale, das Fleisch, lebe wohl. Das war dann zu feiern, und deswegen passen St. Martin und der Start in den rheinischen Karneval − wer will, der kann das mit einer 14-tägigen Fastenzeit einleiten, so wie es früher war − ganz gut zueinander. Aber das müssen Sie erst morgen machen, weil wir ja für Ihr leibliches Wohl heute Abend auch noch sorgen.

Mit der Vorlesungsreihe,  die wir heute beginnen, möchte die Ärzteschaft der Person und des Wirkens unseres ehemaligen Präsidenten Jörg-Dietrich Hoppe gedenken und seine Anliegen in Erinnerung erhalten. Seine Sorge und sein Mühen galt insbesondere den grundlegenden Fragen ärztlichen Handelns,  seiner ethischen Bedingungen und der professionellen Haltung der Ärztinnen und Ärzte. Die Bezüge des ärztlichen Wirkens in die Gesellschaft waren für ihn besonders wichtig.

Und vor diesem Hintergrund, meine verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen ist es mir eine besondere Freude, den heutigen Redner unseren Referenten begrüßen zu dürfen: Seine Eminenz Karl Kardinal Lehmann, den Bischof von Mainz, der heute zum Thema „Ewiges Leben oder ewig leben“ zu uns sprechen wird. Es ist uns eine besondere Freude, Sie im ich glaube 50. Jahr Ihrer Priesterschaft und 30. Jahr ihrer Bischofszeit bei uns im Haus der Ärzteschaft willkommen zu heißen. Lieber Kardinal Lehmann seien Sie uns herzlich willkommen!

Anlässlich dieses besonderen Anliegens und sicherlich auch wegen des Referenten haben heute sehr viele Persönlichkeiten den Weg zu uns gefunden − solche, die regelmäßig zu den Gästen und Teilnehmern unserer Veranstaltungen zählen, und solche, für die das nur ausnahmsweise gilt. Und Ihrer aller Anwesenheit ist uns in gleicher Weise wertvoll …

Ganz besonders, und das macht für uns diesen Tag zu einem besonderen Ereignis, weil wir uns wieder begegnen, möchte ich die Familie Hoppe hier im Haus der Ärzteschaft im Namen der nordrheinischen Ärzteschaft herzlich willkommen heißen. Das gilt insbesondere für Sie, Frau Erika Hoppe, von der ich hier nicht verraten darf, dass sie heute Geburtstag hat. Wenn ich es verraten dürfte und es alle wüssten, dann würden wir alle gratulieren, aber das dürfen wir ja nicht. Ich freue mich auch sehr, dass wir den  Bruder unseres ehemaligen Präsidenten, Professor Rudolf Hoppe hier zugegen haben und seine ganze Familie, insbesondere natürlich die Kinder von Jörg Hoppe, herzlich willkommen.

Ich begrüße auch die Mitglieder des Falkauer Kreises, und der eine oder andere hat gefragt und mancher wird sich noch fragen, wer denn neben der Ärztekammer Nordrhein Sie heute hierher eingeladen hat. Der Falkauer Kreis, wurde im Jahr 2000 gegründet, und manche sehen in ihm den engsten Beraterkreis Jörg Hoppes in seiner Zeit als Präsident der Bundesärztekammer in gesellschaftlichen Fragen und solchen der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens … Der Falkauer Kreis hat nach der Gedenkveranstaltung im vorigen Jahr diese Veranstaltung angeregt und inhaltlich mit vorbereitet.

Sie alle wissen, dass wir die große Freude haben, im kommenden Jahr in Düsseldorf Gastgeber des 117. Deutschen Ärztetages sein zu dürfen. Wir haben uns vorgenommen, nicht nur während der Woche im nächsten Mai über grundlegende Anliegen der Deutschen Ärzteschaft zu beraten, sondern im Kontext dieses Ereignisses in einer Reihe von Veranstaltungen Themen vorher schon aufzugreifen, die für die Gesellschaft, die Medizin, die Ärzteschaft von großer Bedeutung sind. Insofern haben wir auch die heutige Veranstaltung schon in diesen Kontext gestellt, und deswegen ist es mir eine besondere Freude, den Präsidenten des Deutschen Ärztetages, der Bundesärztekammer und der Ärztekammer Hamburg, Herrn Professor Frank Ulrich Montgomery, heute hier sehr herzlich willkommen zu heißen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

in gewisser Hinsicht hat in den letzten 150 Jahren die Gesundheitsversorgung Aufgaben übernommen, die in den Zeiten zuvor vielleicht eher der Theologie, der Religion, der priesterlichen Seelsorge zugerechnet wurden. Man hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass im Jahre 1882 Friedrich Nietzsche im Zarathustra Friedrich Nietzsche feststellte: Gott ist tot − und ein Jahr später, 1883 die Bismarcksche Krankenversicherung im Deutschen Reich gegründet wurde.

Ich glaube nicht, dass man das überinterpretieren darf. Ich glaube nicht, dass die beiden sich genau abgesprochen haben. Aber in dem Zusammenhang taucht gelegentlich die Frage auf, ob die Tröstungen der Religion, die Zuordnung der geistigen Hilfe bei existenziellen Nöten zur Seelsorge, inzwischen nicht in einem relativ großen  Umfang − weil die Geborgenheit von Kirche nicht mehr von jedem empfunden wird − von der Zuordnung in die Sphäre des Arztes, des Psychiaters, des Heilkundigen abgelöst ist.

Ich will natürlich nicht spekulieren, was uns der Kardinal vortragen wird, aber ich darf vielleicht doch sagen − und das war eben auch Gegenstand einer Diskussion, die wir mit dem Falkauer Kreis hatten −, dass vielleicht der Dialog zwischen Ärzten und Theologen, zwischen Ärzten und Priestern intensiver entwickelt werden dürfte. Wir hatten − fast der gesamte Vorstand der Ärztekammer Nordrhein ist ja hier anwesend − am Wochenende eine Klausurtagung, und haben uns etwa darüber ausgetauscht, wie sehr der medizinische Fortschritt  janusköpfig ist, wie viele Fragen er aufwirft, die auch Ärzte nur dann beantworten können, wenn sie sie auch mit der Philosophie, der Sozialwissenschaft, der Psychologie, aber insbesondere der Theologie, und das heißt dann auch mit Vertretern der Kirche, diskutieren.

Dass Sie uns, verehrter Herr Kardinal Lehmann, zu einer solchen Auseinandersetzung  in gemeinsamer Verantwortung zur Verfügung stehen, dafür möchte ich Ihnen noch einmal sehr herzlich  danken.


 

Vorlesung: "Ewiges Leben oder ewig leben", Karl Kardinal Lehmann

Media vita in morte sumus – Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Der Tod ist sicheres Los aller Lebenden und allgegenwärtig: in den Nachrichten weltweit, aber auch in unserem persönlichen Umfeld, wenn nahe Menschen sterben. Gerade dies gehört auch zu unserer ersten Besinnung, wenn wir heute des Lebens und Wirkens von Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, des langjährigen Präsidenten der Bundesärztekammer und Landesärztekammer Nordrhein, durch die erste Gedächtnisvorlesung gedenken.

I. Leben – Krankheit – Gesundheit

Ich möchte zuerst von der Gesundheit und der Krankheit des Menschen als anthropologische Situation sprechen. Die Gesundheit erscheint uns meist als ganz selbstverständlich, obgleich sie keineswegs so eingeschätzt werden darf. Aber in Wirklichkeit ist die Gesundheit eher verborgen und uns gar nicht direkt zugänglich. Wir entdecken sie eigentlich erst, wenn sie beeinträchtigt wird, d.h. wenn wir uns nicht wohl fühlen oder wenn wir regelrecht krank sind. Dann geht alles darum, dass wir die Gesundheit wiedergewinnen. Darin liegen das Wunder der Rekonvaleszenz und das Geheimnis der Gesundheit.

Der kranke Mensch ist in einer besonderen Situation.[1] Er ist auf vielfache Hilfe angewiesen. Dies gilt nicht nur in dem Sinne, dass er äußere Hilfe z.B. beim Gehen oder Aufstehen braucht. Er ist in vielen Fällen rundum, d.h. mit Leib und Seele, auf Unterstützung angewiesen. Dies ist gerade heute keine einfache Situation. Wir haben oft einen übertriebenen oder gar falschen Begriff von menschlicher Autonomie, werden ganz auf Selbstbestimmung hin erzogen und schämen uns nicht selten, wenn wir andere für die Aufrechterhaltung unserer Lebensbedingungen brauchen.[2] Wir bringen Krankheit leicht mit einer regressiven Fremdbestimmung und einer Art von Infantilität in Zusammenhang. Wir fürchten besonders, dass der kranke Mensch in hohem Maß seine Freiheit, seine Würde und seine Intimität verlieren könnte. Dieses Erleben von Angst, Aggression und Ohnmacht gehört für viele Menschen zur Erfahrung des Krankseins. Wer krank ist, ist in seiner Autonomie und Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. Es wäre Ausdruck eines falschen Menschenbildes, wenn wir dagegen nur protestieren würden, vielleicht sogar enttäuscht und verbittert. Es gehört zur Kreatürlichkeit des Menschen, dass er an vielfache Grenzen, auch an Schranken seines leiblichen Daseins, stößt.

Wir Menschen sind in dieser Endlichkeit grundlegend aufeinander angewiesen und brauchen einander. Dies heißt auch, dass wir füreinander eintreten sollen und müssen, wenn wir in Not sind. Wir sind stets und immer schon durch andere herausgefordert, die von uns mit Worten oder schweigend Hilfe erwarten. Darin zeigt sich, dass die Solidarität unter den Menschen grundlegend in der Kreatürlichkeit verwurzelt ist. Daraus muss dann im doppelten Sinne Mitmenschlichkeit entspringen: Wir gehören zum selben Menschengeschlecht; wegen der Würde jedes Menschen bedarf es der Rücksicht und der Unterstützung des Anderen. Diese Mitmenschlichkeit im Sinne konkreter Humanität und christlicher Nächstenliebe sollte die Menschen von ihrer Natur her, aber besonders in ihrem Ethos miteinander verbinden.

Eine solche Situation ist für alle Beteiligten nicht bloß eine Herausforderung im allgemeinen Sinne, sondern sie muss mitmenschlich konkret angenommen und bewältigt werden. Der kranke Mensch muss seine Grenzen und seine Ohnmacht, auch wenn sie nur vorübergehend sind, einsehen und akzeptieren. Es ist gar nicht leicht, sich wirklich helfen zu lassen. Wir wollen zunächst gar nicht zugeben, dass wir hilfsbedürftig sind. Viele lehnen sich deshalb – wenigstens bis zu einem gewissen Grad – auch gegen ärztliche Hilfe und Pflege auf. Die Annahme der Krankheit versetzt uns Menschen in eine Situation der Schwäche und der Ohnmacht, die man in einer Haltung von Demut annehmen muss. Für den modernen, auf Autonomie bedachten Menschen kann dies sehr schmerzlich sein und ihn geradezu zur Rebellion gegen seine Endlichkeit und Sterblichkeit führen.

Es ist aber auch eine Herausforderung für den Helfenden, und hier nicht nur für den Arzt. In der Situation der Ohnmacht eines anderen bekommt man leicht die Oberhand. Es stellt sich fast von selbst eine Art von Verfügungsmacht über andere ein. Deshalb hat man den Eindruck, der Helfende könne unter der Hand rasch zum Herrschenden werden. Es gibt in der Tat im Verhältnis des Arztes und der pflegenden Kräfte zu Patienten die Gefahr eines solchen Herrschaftsverhältnisses. In der Routine des Alltags, wo es gewiss gerade auch um der sachgerechten Heilung und Pflege willen Weisung und Autorität braucht, kann diese Gefahr leicht unterschätzt werden. Deshalb ist es gut, wenn alle Helfenden den Kranken als ihresgleichen betrachten und immer auch eingedenk sind, dass sie selbst einmal Hilfe brauchen können. Darum sollten auch alle bestrebt sein, im Maß des Möglichen kranke Menschen voll in ihrer Würde anzunehmen und sie an Entscheidungen zu beteiligen, soweit dies möglich ist.

Eine solche Situation wie das Kranksein kann leicht zur Einsamkeit und zur Vereinsamung führen. Deshalb ist es ein elementares Gebot der Humanität, Kranke zu besuchen. Sie dürfen nicht von der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen werden und sollten so „normal“ wie eben möglich leben. Die Hospizbewegung versucht einen solchen Umgang mit dem Kranken bis in den Sterbeprozess hinein. Es ist auch erstaunlich, wie die neueren Arbeiten zum Umgang mit Behinderten manche Isolierung durchbrechen konnten und in vielen Fällen so etwas wie „Normalität“ erreichen konnten. Jedenfalls braucht der kranke Mensch in einer ganz elementaren Weise Kommunikation und Begleitung. Dies ist besonders wichtig in einer Zeit, die ein hohes technisches Können und Wissen für den Kranken bereithält. Der Kranke darf gerade unter den Bedingungen einer hochtechnisierten Medizin nicht nur als ein „Objekt“ der Pflege betrachtet werden, sondern man muss sich an die Seite des Kranken stellen, ihn ein Stück weit auf seinem Lebensweg begleiten und bei ihm bleiben, besonders wenn es in seinem Leben dunkel wird. Begleitung ist ein Element bleibender und kontinuierlicher Fürsorge, die alle Stationen und Krisen mitzugehen bereit sein muss. „Begleitung“ gewährt freilich auch eine gewisse Distanz, die die Integrität und Personalität des Kranken wahrt und die Pflegenden vor zu strapaziöser Identifikation schützt. Der professionelle Abstand kann darum auch für den Kranken durchaus wohltuend sein. Wenn der professionelle Abstand jedoch in übergroßem Maß vorherrscht, geht leicht jede Sensibilität verloren.

Die fachkundige Pflege ist gerade auch im schlichten menschlichen Helfen, das sehr alltäglich und unscheinbar sein kann, Verwirklichung von Liebe. In einer wirklichen „Begleitung“ liegt ein Geschenk an den kranken Menschen, das unersetzlich ist. Darum sind viele Kranke auch von Herzen dankbar, wenn sie eine solche menschliche Zuwendung erfahren. Es ist ganz entscheidend, dass zwischen vielen Apparaten und technisch orientierten Behandlungen ein konkretes menschliches Angesicht erscheint und sichtbar bleibt, ob es sich nun um einen Arzt, eine Schwester oder einen Pfleger handelt.

Manchmal können dies auch ehrenamtliche Dienste und Kräfte im Krankenhaus erreichen. Die „Grünen Damen“, d.h. Frauen, die ehrenamtlich die Kranken besuchen, kleine Dinge besorgen und Besuchsdienste verrichten, haben hier eine besonders wichtige Aufgabe, weil sie nicht so unmittelbar vom Stress professioneller Pflege erfasst sind. Sie haben die besondere Chance, gleichsam unverzweckt den Kranken zu begleiten. Dies äußert sich gerade darin, dass jemand Zeit für einen anderen hat. In besonders konzentrierter Form gilt dies für die Kranken- und Krankenhausseelsorge.[3] Es wäre schlimm, wenn es anders wäre.

Wir sind überzeugt, dass die Gesundheit unser höchstes Gut ist. Dies kommt uns selbstverständlich vor. Aber es wäre zunächst besser zu sagen – und dies stimmt auch mit unserer Verfassung überein –, dass das „Leben“, das noch über Gesundheit hinausgeht, das höchste Gut ist. Wir sehen dies bei Kranken, Alten, Behinderten, besonders auch bei den Wachkomapatienten. Allein dies zeigt schon, dass Gesundheit zwar ein sehr hohes, sehr kostbares Gut ist, aber dass man nicht einfach sagen kann, es sei das höchste Gut. Sonst würden wir Leben, das beschädigt ist und über die „Normalität“ hinaus begrenzt ist, nicht hoch genug schätzen können. Dies ist sicher auch eine unbeabsichtigte Nebenwirkung einer Absolutsetzung von Gesundheit in unserer Gesellschaft. Man muss sich dann außerdem fragen, welche Form von Gesundheit gemeint ist. Denn manche sehen hier weitgehend nur körperliche Ertüchtigung, muskelprotzende Gestalten oder auch nur „Wellness“.[4]

II. Das doppelte Gesicht des „Fortschritts“

Vielleicht muss man an dieser Stelle auch auf die Grundausstattung des Menschen zurückkommen. Er unterscheidet sich von allen anderen Lebewesen. Er ist weder Gott noch Tier. Viele Denker bezeichnen den Menschen schon früh als ein Wesen der Mitte, der ganz verschiedenen Seinsbereichen angehört, dem irdischen und dem himmlischen. Dies spiegelt sich in verschiedener Weise auch in seinem Verhältnis zur Um- und Mitwelt und zu sich selbst. Er ist Subjekt und aktiv, er ist aber immer auch angewiesen auf die Welt im organischen und im anorganischen Sinne. Die Bibel bringt diese Doppelung dadurch zum Ausdruck, dass sie dem Menschen seinen Ort auf dieser Erde dadurch umschreibt und zugleich anweist, dass er die Erde „bebaue und behüte“ (Gen 2,15).[5] Aus diesem Spannungsbogen kommt der Mensch nicht heraus. Er muss in diesem Bereich leben, wirken und gestalten. Dies gilt aber nicht nur für sein Verhältnis zur Welt, sondern für die Beziehung zu sich selbst. Es ist selbstverständlich, dass sich die Balance in diesem Ausgleich zwischen Subjekt und Objekt, Bebauen und Behüten immer wieder anders gestaltet.

Diese Struktur hat auch Auswirkungen im Umgang mit den Krankheiten des Menschen und den medizinischen Möglichkeiten. Der medizinische Fortschritt hat in den letzten Jahrzehnten zu einer schwierigen Situation geführt. Auf der einen Seite können durch moderne medizinische Möglichkeiten Krankheiten geheilt oder wenigstens aufgehalten werden, die noch vor wenigen Jahren und Jahrzehnten als unheilbar gegolten haben. Auf der anderen Seite kann der Einsatz aller medizinisch-technischen Mittel heutiger Intensivmedizin dazu führen, das Leiden und Sterben von Menschen wesentlich zu verlängern. Alles muss darauf hinzielen, bis zuletzt ein Leben und Sterben in Würde zu ermöglichen. Dafür kann es notwendig sein, die Intensivmedizin voll anzuwenden oder aber auf sie zu verzichten. Die letzte Entscheidung sollte aus der konkreten Situation des sterbenden Menschen heraus getroffen werden, wobei seine Wünsche und Bedürfnisse im Vordergrund stehen.

Die Chancen auch und gerade der Medizin kennen wir alle. Aber Grenzen? Wer Wissenschaft als Beruf ausübt, mag vielleicht zuerst sogar über einen solchen Begriff erschrecken. Die Wissenschaft scheint gerade dadurch Wissenschaft zu sein und zu bleiben, dass ihr niemand einfach von außen Grenzen setzt.[6] Ihre Leistungsfähigkeit besteht gerade darin, dass sie bisherige Grenzen immer wieder neu in Frage stellt und überschreitet. Davon lebt der Anspruch auf eine zweckfreie Theorie, die diesen Namen verdient, und auf die Autonomie. Freilich wissen wir alle, dass es solche Grenzen gibt. Für den neuzeitlichen Menschen ist dieser Gedanke nicht einfach. Denn die Wissenschaft ist über Jahrhunderte fast ununterbrochen vorangeschritten. Es ist geradezu ihre Definition. Jede neue Entdeckung hat zu neuen Fragestellungen und neuen Lösungsmethoden geführt. Immer wieder hat die Wissenschaft neue Explorationsfelder geschaffen und immer wieder Neuland betreten. Heute stoßen wir eher an die Grenzen, die mit unserer Endlichkeit zusammenhängen, auch im Blick auf die Ressourcen. Wir haben auch Grenzen durch Irrtumsmöglichkeiten: der wissenschaftliche Verstand verrennt sich in seine eigenen Unzulänglichkeiten. Es gibt auch harte ökonomische Grenzen, weil hier und dort der wissenschaftliche Fortschritt unbezahlbar wird. Dies sind mindestens praktische Grenzen. Aber lassen sich heute in den modernen Wissenschaften Theorie und Praxis überhaupt so leicht trennen?

Wissen ist Macht. Dies ist eine alte Aussage. Immer schon hat die Wissenschaft die Welt tiefgreifend geprägt, indem sie sie fortlaufend verändert hat. Während früher jedoch die wachsende Fülle von Ergebnissen der Wissenschaft dem Leben diente und die Zivilisation förderte, ist hier – wenigstens in unserem Bewusstsein – ein Wandel eingetreten. Zwar erkannte man auch schon früher nachteilige Folgen, aber sie erschienen doch eher als geringfügig. In den letzten Jahrzehnten hat die wissenschaftlich-technische Entwicklung in zunehmendem Maß ein neues und eigenes Problembewusstsein hervorgerufen: Neben den unbestreitbaren Segnungen für den Fortbestand und die Weiterentwicklung der menschlichen Kultur ist nicht zu übersehen, dass die Fortschritte auch dazu führen können, dass unsere Welt unumkehrbar geschädigt und dass alles menschliche Leben auf ihr zutiefst gefährdet wird.

Die Intensivmedizin verhilft Menschen in erstaunlicher Weise zum Überleben und stellt zugleich die schwierige Frage, ob Ärzte verpflichtet sind, alle therapeutischen Maßnahmen zu ergreifen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit besteht, dass nur ein vegetatives Fortleben erhalten wird. Darf man Leben, das hoffnungslos leidet, „künstlich“ beenden? Darf man überhaupt Hilfe zur Verlängerung des Lebens versagen? Schließlich denke man an Transplantationen aller Arten. Eine Grundschwierigkeit des Problems besteht darin, dass die Spannung zwischen dem technisch Machbaren und dem sittlich Verantwortbaren meist überhaupt nicht wahrgenommen wird.[7] Es mangelt auf weite Strecken an Sensibilität für die sittlichen Implikationen neuzeitlicher Naturbeherrschung. Sie erscheint nicht selten schon durch sich selbst gerechtfertigt: durch ihre Erfolge, durch ihre immer mehr um sich greifende Tendenz, durch ihre Veränderungsmöglichkeiten, durch ihr allgemeines Akzeptiertsein. Die Dominanz eines neoliberalen Denkens steigert diese Einstellung. Es gibt dadurch eine fast unangreifbare Immunität wichtiger technischer Prozesse gegenüber ethischen Anfragen. Wo sind diese mangelnden Sensibilitäten nun genauer begründet und wie lassen sie sich überhaupt aufspüren?

Zunächst ist die Eigendynamik der technischen Machbarkeit zu nennen. Vieles von dem, was hergestellt werden konnte, verfahrensmäßig technologisch erreichbar war, hat bis in unsere Zeit hinein eine derartige Suggestivkraft gewonnen, dass es beinahe normative Kraft annahm. Je höher der Entwicklungsstand der Technik in einzelnen Bereichen ist, desto radikaler scheint sich die Weiterentwicklung zu beschleunigen. Die Anstöße zum „Fortschritt“ geschehen fast automatisch. Es ist nicht zufällig, dass in diesem Zusammenhang oft die Bilder eines abgefahrenen, sich immer mehr beschleunigenden Zuges, der nicht mehr gebremst werden kann, und einer Lawine, die ihre unwiderstehliche Kraft und Bewegung mitbringt, Verwendung finden. Im Zug der neuzeitlichen Naturbeherrschung wird die Veränderung von vornherein legitimiert und erscheint so immer wieder als notwendige „Optimierung“.

Ein weiterer Grund für das Zurücktreten des Bewusstseins um die sittliche Verantwortung technologischer Prozesse liegt nicht selten in der Anonymität des Geschehens. Dies hängt nicht nur mit der genannten Eigendynamik dieses Prozesses und der Arbeitsteilung bzw. Teamarbeit der daran Beteiligten zusammen, sondern viele Prozesse laufen in ihrer Zwangsläufigkeit geradezu ohne eindeutig erkennbares und Verantwortung tragendes Subjekt ab. Oft hat niemand mehr eine individuelle Steuerungsmöglichkeit für das Ganze, auch wenn jeder zu seinem Teil zum „Funktionieren“ des Systems beiträgt. So kann auch nicht immer leicht das beliebte „Verursacherprinzip“ angerufen werden, da sich in vielen Bereichen konvergierende Effekte, die sich unterschwellig ergänzen, anhäufen, sich so zur Schädlichkeit aufsummieren und einen erträglichen Schwellenwert überschreiten. Diese Strukturen verstärken die relative Unkontrollierbarkeit und vermindern so auch die sittliche Verantwortungsfähigkeit. Wir erleben dies besonders auch bei Fragen der Biomedizin am Lebensbeginn und ihren ethischen Implikationen.

Eine gewisse Chance besteht darin, dass sich eine neue ethische Betrachtung des technisch Machbaren trotz dieser Tendenzen beinahe wie von selbst auferlegt. „Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden.“[8]

III. Das „Machbarkeitsdenken“ und seine Grenzen

Daraus ergibt sich eine ambivalente Situation. Wenn der Mensch das Wesen ist, das schöpferisch entwirft, kühn plant und Neues konstruiert, darf man dies nicht sofort als „Machbarkeitswahn“ kritisieren. Der Mensch kann durch seinen Erfindungsgeist in einer manchmal atemberaubenden Weise helfen. Aber auch dabei spüren wir immer noch, dass wir auf die „Natur“ angewiesen sind, wie das bei vielen Heilungsprozessen anschaulich der Fall ist. Deswegen haben wohl auch medizinische Methoden, die zum Teil dem asiatischen Raum entstammen, mit ihren anderen Herangehensweisen ihr eigenes Recht und ihre Chancen. Die Ausbildung vieler Techniken steigert die Möglichkeiten nicht nur des Bewahrens und Erhaltens, sondern auch der Steuerung und des Eingreifens. Die Entwicklung von Klonierungstechniken, die Erfindung der Pränataldiagnostik, das Testen von Embryonen auf ihre Gene schon vor der Einnistung haben auch schon Züge eines veränderten Menschenbildes geschaffen. Wir wollen, wie deutlich gesagt wurde, diese technischen Zugänge in keiner Weise einfach kritisieren. Sie sind für jedes pauschale Urteil ohnehin zu verschieden.[9] „Die Problematik entsteht aber dort, wo der Mensch angesichts der technischen Erfolge zu der Annahme verleitet wird, dass alles machbar sein sollte und man sich daher mit nichts mehr abzufinden bzw. anzufreunden hätte. Der heutige Mensch verfällt in seinem Streben nach einer grundlegenden Emanzipation von allen Bedingungen des Lebens zuweilen dem Irrglauben, dass er nicht nur die äußeren Bedingungen des Lebens bestimmen, sondern auch die Ausgestaltungen des Lebens selbst ‚machen‘ und steuern könnte. In dieser Weltsicht werden sogar Krankheiten zu einem Ergebnis menschlichen Machens oder eben Unterlassens herabgestuft, womit ihnen jeglicher Charakter als schicksalhaftes Widerfahren abgesprochen wird. Indem Krankheit oder ihr Ausbleiben – nicht zuletzt bedingt durch die Verheißungen der modernen Gendiagnostik – immer mehr als Produkt menschlicher Vorentscheidungen gedeutet wird, verliert sie jegliche Schicksalhaftigkeit. So werden Krankheiten zu verhinderbaren, vorhersehbaren und von menschlicher Hand abhängigen Resultaten umgedeutet, die nicht mehr als etwas Anzunehmendes betrachtet, sondern lediglich als Ergebnisse menschlicher Entscheidungen aufgefasst werden. Leben und krank werden erscheinen in dieser Perspektive nicht mehr als Schicksal, zu dem man in ein positives Verhältnis treten kann.“[10] Die Fehlentwicklung liegt nicht zuletzt darin, dass der Mensch sich fast nur negativ zum „Vorgegebenen“ verhält. Der Absolutheitsanspruch und die Totalisierung des Machbarkeitsdenkens werden dabei problematisch. „Ein solcher, vom Menschenbild der modernen Medizin beeinflusster Mensch ist keiner, der einfach nur sein darf. Nicht das Sein steht hier länger im Vordergrund der menschlichen Existenz, sondern das Machen. Der Mensch wird als zu machendes Wesen betrachtet. Dabei wird aber versäumt zu fragen, was der Mensch von seiner Essenz her eigentlich ist.“[11] Die Machbarkeit kann auch Selbstzweck werden, wobei man ein sinnvolles Ziel aus den Augen verliert. „Nicht das durch die Machbarkeit anzustrebende Ziel ist der Wert eines solchen Machens, sondern die Machbarkeit wird als Wert an sich gesehen.“[12]

Wenn dies so ist, dann schleichen sich oft auch unbemerkt Vorstellungen ein, die diese Machbarkeit immer weiter ausdehnen. Beispiele dafür sind die pränatale Diagnostik und die Präimplantationsdiagnostik. „Allein schon die Vorstellung, vor der Geburt ein Kind auf genetische Defekte – auch ohne therapeutisches Ziel – untersuchen zu wollen, ist nur möglich, indem der Mensch als machbar bezeichnet wird. Eine Medizin, die vorgeburtliches Leben nicht mehr aus medizinischer Indikation, sondern zunehmend nur auf Wunsch der Eltern routinemäßig durchmustert, lässt sich in die Vorstellungen einer machbarkeitsorientierten Gesellschaft verstricken, die geradezu verbissen versucht, jegliche Kontingenz abzustreifen.“[13] Immer wieder wird die ästhetische Chirurgie als Beispiel angeführt. Zunächst wirkt der Anspruch der Schönheitschirurgie vielleicht banal, bei näherem Zusehen entdeckt man aber doch problematische Voraussetzungen. Die Veränderung einer Körperform ist nicht einfach schon identisch mit Schönheit. Diese hängt nicht nur von äußeren Formen ab, sondern ist eine nicht herstellbare Qualität, gleichsam von innen, vielmehr eine „Weise zu sein“.[14] Von hier aus ist der Weg zu weiteren Wünschen und Versuchen nicht weit. Ein einfaches Beispiel ist das Ziel mancher Biogerontologen, die menschliche Lebensspanne um viele Jahrzehnte zu verlängern.

Wir kommen hier zweifellos in einen Bereich, wo sich vieles miteinander kreuzt und auch vermischt: angepeilte, aber nicht erreichte oder auch nicht erreichbare Ziele, Wünschbarkeiten, Träume von einem unbegrenzten Gesundsein und Gesundbleiben. Zwar weiß jeder, dass diese Wünsche weitgehend Utopien sind, aber sie bewegen den Menschen immer wieder, manchmal bis in die Wissenschaft hinein. Die Utopien über einen neuen Menschen und eine bessere Welt, die Visionen einer geradezu unendlichen Perfektibilität finden sich besonders ab der Aufklärung, aber sie zeigen sich auch in literarischen Utopien. Die Grauzone zwischen Träumen und Planungen äußert sich ganz besonders in literarischer Form. Die kühnen Vorstellungen bekunden sich z.B. in dem überaus verbreiteten Roman von Aldous Huxley, Schöne neue Welt.[15] In einer Zeit, wo die Wissenschaft ungeahnte Erfolge feiern kann, legt es sich nahe, das Erreichte und das Gewünschte in eine große Nähe zueinander zu verwandeln. Man darf auch nicht übersehen, dass es philosophische Entwürfe gibt, die oft im Anschluss an F. Nietzsche einen „neuen Menschen“, ja einen „Übermenschen“ verkünden und erwarten, der nicht selten in die weltanschaulichen Entwürfe eines „Transhumanismus“ mündet.[16] So ist in den letzten Jahrzehnten und Jahren eine immer umfassendere, jedoch recht verschiedenartige Literatur über das sogenannte „Enhancement“ entstanden, also eine Verbesserung und Vervollkommnung, Vergrößerung und Erhöhung des Menschen. Enhancement meint in Abgrenzung zur Therapie verbessernde oder optimierende Eingriffe am Menschen. Während sich eine Therapie auf die Behandlung eines Krankheitszustandes richtet, zielen Enhancement-Aktivitäten beim gesunden Menschen auf die Steigerung körperlicher oder mentaler Eigenschaften über das Normalmaß hinaus. Wir werden dies noch vertiefen.

Dies wirft sehr viele Fragen auf. Zunächst muss man feststellen, dass es natürlich kaum ernsthafte und ernstzunehmende Aussagen gibt über eine wirklich unendliche Verlängerung des menschlichen Lebens. Dafür ist das Ereignis des Todes, in welcher Form er uns immer überfällt, zu handgreiflich und evident. Aber es gibt gewissermaßen untergründige Insinuationen, die doch nicht nur partielle Verbesserungen des Menschen angehen, sondern eine mehr oder weniger laute Einflüsterung darstellen, man bewege sich immer mehr auf ein doch auf „Unsterblichkeit“ hin orientiertes Menschenwesen. In manchen Konzeptionen gibt es dabei durchaus eine offenbar gewollt schillernde Unklarheit. Auch da, wo man Warnungen ausspricht, gibt es Anlass zu fragen, was man eigentlich meint.[17] So gewinnt man nicht selten den Eindruck eines intellektuellen Spiels, das aber ernster wird, wenn das dahinterstehende Menschenbild mit dem Suchen nach einem „neuen Menschen“ und einem konzeptionell fragwürdigen Trans- bzw. Posthumanismus verbunden wird.[18] Es muss später noch genauer nach den geistigen Voraussetzungen des damit verbundenen Geschichtsbegriffs gefragt werden.

IV. „Enhancement“ als Programm

Die Diskussion um das Enhancement wird vor allem dadurch bedeutsam, dass man damit einen korrigierenden Eingriff in den menschlichen Körper bezeichnet, durch den nicht eine Krankheit behandelt wird, bzw. der nicht medizinisch indiziert ist. Das Wort wird auch vorwiegend verwendet für die gezielte Beeinflussung genetisch determinierter menschlicher Eigenschaften. Dies gilt auch unter der Voraussetzung, dass die Terminologie nicht exakt fixiert ist. Ich brauche hier nicht im Einzelnen die Kontroverse vor allem um eine Genverbesserung darzulegen. Hier greift natürlich die Veränderungsmöglichkeit im Blick auf den Menschen am stärksten. Dies betrifft besonders die Frage, ob Eltern berechtigt sind, vor der Geburt eines Menschen aufgrund ihrer Entscheidung allein den genetischen Bestand eines Embryos abzuändern. Genetische Programme lassen die Nachgeborenen nicht zu Wort kommen. Zur Natürlichkeit eines Menschen gehört auch die natürliche Unvollkommenheit. Besonders J. Habermas hat auf diese Zusammenhänge und die Folgen einer liberalen Eugenik hingewiesen und dafür viel Zustimmung erhalten.[19] Die Kontroverse wird vor allem von philosophisch unterschiedlich bestimmten Gruppen beherrscht, nämlich einer utilitaristischen Ethik der Oxforder Gruppe und der am Prinzip der Menschenwürde orientierten Jenaer Gruppe.[20] Viele andere Fragen von fundamentaler Bedeutung werden dabei berührt. Dabei geht es auch um die Frage, wie weit die Identität eines Menschen von seiner konkreten Leiblichkeit mitbestimmt wird. Eine „Optimierung“ des Körpers kann auch tiefer den Personkern betreffen.[21] Gewiss besteht keine strikte Identität zwischen der jetzt gegebenen Leiblichkeit bis in alle somatischen Einzelheiten mit der Personalität. Hier müssen die einzelnen Phänomene genauer betrachtet werden (vgl. z.B. Veränderungen durch Anti-Aging-Medizin, aber auch die Beschneidung bei Jungen). Man darf sich hier keinen Täuschungen hingeben: „Zwar sind Wirksamkeit, Zielgenauigkeit, Nachhaltigkeit und Risikoarmut solcher Interventionen bei Gesunden bisher keineswegs erwiesen … Doch bereits jetzt läuft der Einsatz auf Hochtouren. Nicht nur Schönheitschirurgie und Sport-Doping, sondern auch Anti-aging-Maßnahmen und Neuro-Enhancer werden offenbar zunehmend von vielen benutzt – ohne dass diese Mittel dafür zugelassen wären. So schlucken mit hohen Dunkelziffern Abertausende von gesunden ‚Patienten‘ schon jetzt Medikamente zur Steigerung der Aufmerksamkeit oder des Gedächtnisses, zur Stimmungsaufhellung oder zur Senkung des Schlafbedarfs.“[22]

Man muss auch bedenken, dass durch grundlegende Enhancement-Maßnahmen die künstliche Verbesserung z.B. der kognitiven Funktionen Normalität werden könnte. „Dies macht Enhancement-Maßnahmen hinsichtlich von Fairness und Wettbewerb problematisch. Da Eingriffe an Körper oder Psyche auch mit Risiken verbunden sind, wird fraglich, ob dem Einzelnen in dieser Hinsicht die Freiheit zur Selbstschädigung zukommen kann.“[23] Damit wird auch das Thema einer „individualisierten Medizin“ berührt, ob man also „maßgeschneiderte therapeutische Ansätze“ planen und verwirklichen kann und in welchen Grenzen. So entsteht die Frage, ob bei der „Individualisierung“ im Gesundheitssystem mehr Chancengerechtigkeit im Hinblick auf den Grundwert Gesundheit erreicht werden kann – oder das pure Gegenteil.[24]

Man sieht, wie sehr die Beurteilung von Enhancement nach Maßnahmen davon abhängt, welchen Begriff von „gesundheitlicher Normalität“ man verwendet. Gewiss ist der Mensch in seinem Wesen und in seinen Dimensionen offen und in vieler Hinsicht plastisch, aber es ergibt sich doch die Frage, gerade auch im Blick auf die menschliche „Natur“, ob eine grenzenlose Selbstgestaltung mit der Menschenwürde vereinbar ist. Dabei geht es auch um die Frage einer Überwindung der natürlichen Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit mit biotechnischen Mitteln. „Die Merkmale der jeweiligen Enhancement-Eingriffe werden (auch) stark von den unterschiedlichen Anforderungen der jeweiligen Personengruppen bestimmt. Solche Anforderungen können in der gesamten Gesellschaft verbreitet sein (Schönheitsideale, Vorstellungen von jugendlichem Aussehen) oder sich auch auf gesellschaftliche Untergruppen beziehen (Schüler, Studenten, Akademiker).“[25] Wie weit gibt es unter diesen Voraussetzungen eine „Entgrenzung des Menschseins“?[26]

V. Kleiner Exkurs: Voraussetzungen und

Implikationen reinen Machbarkeitsstrebens

An dieser Stelle müssen wir den Wandel in der Auffassung des Verlaufs der Geschichte bedenken. Natürlich ist dies eine insgesamt differenzierte und schwierige Frage.[27] Sie hängt grundlegend mit der Entstehung vor allem der Neuzeit zusammen. Die christliche, eschatologisch bestimmte Weltzeit löst sich in verschiedenen Stufen auf in eine unendliche, vom Menschen gestaltete Zukunft und tritt so in die weitgehend philosophische Diskussion ein. Zugleich gibt es ein Fortschrittsdenken, das sich immer wieder steigert im Sinne einer Perfektibilität.[28] Das Verständnis der Geschichte ändert sich ganz grundlegend: Sie hat kein letztes Ergebnis; es gibt keine Lösung ihrer Probleme aus ihr selbst; der Sinn der Geschichte wird auf bloße Kontinuität reduziert, ohne Anfang und Ende. Die eschatologische Sicht des Neuen Testamentes hat zwar den Blick auf eine künftige Erfüllung freigemacht, aber diese Erfüllung konzipiert man später, nun „säkularisiert“ innerhalb des geschichtlichen Lebens. Es ist ein fortschreitender Prozess menschlichen Handelns und weltlichen Geschehens. Eine eschatologische Anschauung ist in diesen Augen gescheitert, verwirkt und nutzlos. Diese ganz offene Geschichte ist von Zufall und Schicksal geprägt. Man empfindet die so entstandene Welt als „nachchristlich“; sie ist schlechthin weltlich. Dabei gibt es in dieser ganz offenen Geschichte, die kein Ziel und keine Erfüllung kennt, eine doppelte Konzeption: es ist einfach eine kontinuierliche „ewige Sanduhr des Daseins“ (F. Nietzsche), die keinen Anfang und kein Ende hat; dies unterscheidet sie vom antiken Denken, das Anfang und Ende in einem beständigen Kreislauf vereinigt, wie es auf seine Weise dann Nietzsche wieder zu beleben versucht. So herrscht in diesem Säkularisierungsprozess ein endloser Fortschritt von primitiven zu zivilisierten Zuständen vor, die aber immer wieder durch Krisen und Zufälle gestört werden und sich wieder etablieren. Dadurch beschäftigt diesen Entwurf von Geschichte eigentlich nur der Gedanke an die Zukunft und der Wille, diese zu gestalten. Durch die Krisenanfälligkeit gibt es auch keine Möglichkeit, einen sinnvollen Plan der Geschichte mittels der Vernunft zu entwerfen. Es kann in dieser Konzeption nicht überraschen, dass die Geschichte in dieser unendlichen Offenheit und Kontinuität außer der Idee des Fortschritts kaum eine inhaltliche, qualitative Orientierung hat. So hat diese Geschichte sehr stark den Charakter einer „schlechten Unendlichkeit“ (Hegel), die ein ähnliches Fortschreiten ohne Ziel und damit fast schon so etwas wie eine endlose Verlängerung insinuiert.

Es ist damit deutlich geworden, in welch hohem Maße die Antwort auf die hier behandelten Fragen mit der grundsätzlichen Wertung der menschlichen Wirklichkeit zusammenhängt. Dabei spielt die Beurteilung der Legalität von Kontingenz[29] und Endlichkeit, ja des Verlaufs und des Sinnes der Geschichte eine große Rolle.

VI. „Kontingenz“ und „Geschöpflichkeit“

Man missversteht den klassischen Begriff der Kontingenz, wenn man ihn einfach mit dem gegenwärtigen Sprachgebrauch „Zufall“ gleichsetzt.[30] Zunächst bezeichnet der Begriff das Kontingente im Sinne des Nicht-Notwendigen. H. Blumenberg formulierte: „Die nachchristliche Ära hat eine Kontigenz-Kultur. Sie ist geprägt von dem Grundgedanken, dass nicht sein muss, was ist.“[31] Er rückt aber diese „Zufälligkeit“ in die Nähe der Sinnlosigkeit und – wegen der eschatologischen Predigt Jesu – der „Untergangswürdigkeit“.[32] In dieser Perspektive wird die Dimension der Unbestimmtheit und der Zufälligkeit, eben bis an die Grenze des Sinnlosigkeitsverdachts, einseitig übertrieben, sodass man von einer „totalen Möglichkeitsoffenheit“[33] sprechen konnte. Th. W. Adorno schrieb sogar von einem „Fluch der Kontingenz“.[34] Der Weg ist nicht weit, mit J. P. Sartre diese Welt als „Absurdität“ zu empfinden. So blieb eine leere, gleichgültige Idee von dem, „was ist“, sodass man diese Wirklichkeit auch ziemlich beliebig und gleichgültig manipulieren kann.

Dies hat aber mit der biblisch-christlichen „Kontingenzkultur“ so gut wie nichts mehr zu tun. „Was ist“ hat ja als Vorgegebenes eine eigene Bedeutung, es verdient in seinem So-Sein eine Anerkennung. So sagt Thomas von Aquin: „Nichts ist so kontingent, dass es nicht etwas Notwendiges in sich hätte.“[35] Dies erfordert gegenüber dieser Faktizität des Seienden ein gewisses Maß an Anerkennung, Rücksicht und Solidarität. Dies ist der metaphysische und ethische Gehalt der Kontingenz. Natürlich hängt dies am Ende eng mit der Auslegung der Wirklichkeit als Schöpfung zusammen.

  1. Jeder Mensch möchte leben und sich im Leben voll entfalten. Wer krank ist, stößt an Grenzen, die sich besonders in Hinfälligkeit und Hilflosigkeit, Not und Leid, Schmerz und Elend bezeugen. Wer so krank ist, sucht Hilfe. Dieses Angewiesensein auf Hilfe ist elementar. Am Ende steht der Tod. Die Hoffnung bezieht sich zuerst auf die Nächsten, besonders aber auf den Arzt.
  2. Die unvermeidbare natürliche Grenze des weiterhin grundsätzlich endlichen Lebens konnte immer wieder und weiter ausgedehnt werden. Dies erzeugt eine eigentümliche Ambivalenz in der Grenzerfahrung: Einerseits hält man – wenigstens in der Tendenz – den medizinisch-technischen Fortschritt für fast unbegrenzt, sodass der Tod immer stärker in die Ferne rückt oder als Tabu erscheint; anderseits wird gerade angesichts der Übermacht des ausnahmslos jeden ergreifenden Todes auch die ganze Ohnmacht des Menschen offenkundig wie sonst kaum irgendwo. Der Tod wird damit ein immer größeres Rätsel. Er ist der Störfaktor schlechthin. Gerade die Philosophie des 20. Jahrhunderts bekennt immer wieder die denkerische Ohnmacht vor dem Faktum des Todes.
  3. Die Erfahrung der Grenze in der Krankheit und erst recht im Tod ist ein reales Zeichen von Kontingenz, das auf die Endlichkeit und Beschränktheit des Menschseins hinweist. Dies kann dazu führen, dass man den Menschen als absurdes Wesen oder als Fehlkonstruktion einschätzt. Es gibt sehr verschiedene Reaktionen darauf: geradezu titanisches Sichaufbäumen, aber auch selbstvergessene Ergebung in das „Schicksal“. Das Rätsel des Todes verschwindet aber auch da nicht, wo man glaubt, alle Ansprüche des Unbedingten hinter sich lassen zu können. Darum bleibt die Stellung zum Tod der Prüfstein jedes Menschenbildes und für jede Anschauung vom Leben. Die Erfahrung der Grenze lässt sich nicht verleugnen, aber auch nicht überspielen. Der menschheitsalte Kampf gegen den Tod hat in unserer Zeit ungeahnte Möglichkeiten entwickelt und faszinierende Erfolge erzielt. Zuletzt erweist es sich doch, dass der Tod mächtiger ist. Dies ist für den Menschen, besonders für den Menschen von heute, schwer zu ertragen. Zugleich wächst die Versuchung, den Vorgang des Sterbens von außen maßgeblich zu beeinflussen. „Wir regeln den Eintritt ins Leben, es wird Zeit, dass wir auch den Austritt regeln.“[36]
  4. Der biblische Glaube versteht Endlichkeit und Grenze im Sinne der Kreatürlichkeit. Das Geschöpf weiß, dass es nicht sein muss, aber doch ist. Die Kreatur grenzt an das Nichts, ohne einfach nichtig zu sein. Schon durch seine Existenz und sein Wirken hat das Geschöpf eine eigene Wirklichkeit. Aber diese ist ihm immer schon geliehen. Das Geschöpf kann sich nicht in sich selbst verkapseln. Obwohl das Geschöpf in sich selbst etwas Positives ist, ist es nicht einfach selbstgenügsam. Es gelangt mehr zu seiner Vollkommenheit, wenn es seine „Armut“ annimmt, alles von einem anderen zu empfangen und sich in ihm zu vollenden. Bezogensein auf Gott ist kein Defekt, sondern die höchste Möglichkeit. In dem Augenblick, in dem die Kreatur diese seinsmäßige Demut verkennt und sich absolut auf sich selbst stellt, wird sie anmaßend, weil sie das ihr zugedachte Maß nicht annimmt. In dieser Verweigerung der Annahme kreatürlicher Armut liegt so etwas wie die Wurzel dessen, was man Urverfehlung und Ursünde nennt.

Dabei ist der Mensch freilich nicht in der Schicksalhaftigkeit seiner individuellen oder kollektiven Naturausstattung gefangengesetzt, sondern er soll auch die Vernunft gebrauchen. Darin zeichnet sich ja seine Menschenwürde besonders aus. Er tut dies, um nicht bloß die Defekte der faktischen menschlichen Natur zu heilen, sondern um die unvermeidbare Grenze des Lebens erträglich zu machen. Aber die Versuche der Überwindung der „Grenze“ dürfen nicht insgeheim von einer Erwartung ausgehen, die aufgezeigte Kreatürlichkeit des Menschseins könnte grundsätzlich aufgehoben werden. Es gibt hier gewiss von der schlichten Verdrängung des Todes bis hin zu Träumen von einem Leben ohne Altern und Sterben viele solche und ähnliche Grundeinstellungen. Die Erfahrung dieser Kreatürlichkeit[37] berührt auch das Verständnis der „Selbstbestimmung“.

Vor diesem Hintergrund muss auch der Begriff des Enhancement noch stärker geklärt werden. Dabei geht es im strengen Sinn nämlich nicht nur um Verbesserung, wie z.B. bei der Stimmungsbeeinflussung, oder um Steigerung, wie beim Doping im Sport, „sondern auch um solche Formen der Selbstgestaltung, bei denen sich das Individuum nicht primär wünscht, besser zu sein oder sich besser zu fühlen, sondern um unter Zuhilfenahme künstlicher Mittel anders zu sein, eine neue Identität anzunehmen, mit seinen individuellen Möglichkeiten zu experimentieren. Es geht selbstverständlich nicht um sämtliche Mittel der Selbstverbesserung und Selbststeigerung, sondern lediglich um solche, die als künstlich gelten und nicht bereits kulturell approbiert sind.“[38]

Damit wird auch der Unterschied zur Auffassung der schon erwähnten Bestimmung der Wirklichkeit als Kreatürlichkeit offenkundig. In dieser Perspektive gibt es durchaus auch eine Perfektibilität im Sinne des Wachsens und Entwickelns, aber dies innerhalb der „Gattungsidentität“[39] Dazu zählen auch Überlegungen, die vor allem J. Habermas schon seit einigen Jahren vorlegt. Sie können hier nur kurz genannt werden: Es gibt eine notwendige Moralisierung der menschlichen Natur. Es braucht gerade in der Zeit eines mächtigen technischen Fortschritts einen Sinn für Enthaltsamkeit gegenüber den Lebensbedingungen, eine Sensibilität gegenüber allem Gewachsenen und Gemachten, ein Instrumentalisierungsverbot und auch eine Skepsis gegenüber einer Selbstinstrumentalisierung der Gattung.[40]

Dies ist zwar ein wichtiger Schritt in der Bestimmung des menschlichen Wesens zur Welt und zu sich selbst. Aber ist dies alles? Im Grunde setzt der biblische Glaube voraus, dass das Leben des Menschen nicht in unserer geschichtlichen Welt aufgeht. Diese wird nicht verachtet, wie es manchmal durch gnostische Einflüsse im Lauf der Geistes- und Kirchengeschichte drohte. Vielmehr geht es darum, dass der Mensch ein Wesen der Transzendenz ist. Wir müssen dafür in der Bestimmung des Menschen etwas ausholen, um zum Begriff des ewigen Lebens zu gelangen.[41]

VII. Unstillbare menschliche Sehnsucht nach erfülltem Leben

Der Mensch jagt stets nach seinem Glück. Wir können auch sagen, dass wir stets nach „Leben“ hungern, wie schon einige große Denker vor der Geburt Jesu Christi bezeugen. Wir sehnen uns nach etwas, was wir noch nicht erreicht haben. Freilich ist dies in der Einlösung eines einzelnen partikulären Ziels noch nicht zu Ende.

Solange wir nämlich unter einem bestimmten Mangel leiden, sind wir auch tatsächlich oft selbst davon überzeugt, dass, wenn nur dieses oder jenes Bedürfnis befriedigt ist, wir vollends zufrieden und glücklich seien. Die Hoffnung der Religionskritik eines Ludwig Feuerbach und Karl Marx zielte darauf, dass Religion und mit ihr die Frage nach dem Ewigen Leben überflüssig werden, wenn endlich einmal das Versprechen eines sinnerfüllten irdischen Lebens für alle eingelöst ist. In einer zukünftigen Gesellschaft sollte also das Bedürfnis nach Religion und ihrem Trost nicht mehr aufkommen können. Religion stirbt ab und aus, wenn sie ohnehin nur die imaginäre bzw. fiktionale Verdoppelung von Gütern und Werken dieser Welt ist.

Die Erfahrung lehrt jedoch immer mehr, dass die innerweltliche Glücksverheißung in sich unerfüllt bleibt. Wer Hunger hat, glaubt, wenn er nur zu Essen habe, dann sei alles andere zweitrangig. Wenn er aber keine Angst vor Hunger mehr zu haben braucht, macht ihn die Tatsache, dass er nicht hungert, keineswegs wirklich glücklich. Sobald ein Wunsch routinemäßig und sicher erfüllt wird, verheißt er nicht mehr das Glück, das er einmal beim Namen rief. Jede auf Dauer gestellte Beglückung erleidet einen unaufhaltsamen Verfall.[42]

Die erfahrene Befriedigung schafft immer neue Bedürfnisse. Dadurch sinkt jedoch der Wert der Erfüllung. Wir wehren uns gegen diese Erfahrung und wollen das Glück durch Wiederholungen erreichen, doch führt dies nicht selten über die Selbstverständlichkeit und die Gewohnheit zur Frustration oder gar zum Ekel. Wer kennt nicht die heimliche Trauer in jedem Glück? Wirkliche Erfüllung gelingt nur im Nu des Augenblicks. Wir wehren uns gegen die nur flüchtige Gegenwart des Glücks und wollen es festhalten. Aber man kann Seligkeit nicht fixieren. Die Wiederholbarkeit des Glücks ist nicht unbegrenzt. Das selbst bestellte und auf Kommando abgerufene, wiederholte Glück ist nicht gegen aufkommenden Überdruss gefeit. Das Glück ist umso weniger gut, d. h. auf die Dauer beglückend, je eigenmächtiger es von uns festgehalten wird. Wer sich an sein Glück klammert, verliert es umso rascher. Das Märchen von „Hans im Glück“ kann uns manche Weisheit lehren.

Alle Lust will Ewigkeit, sagt Friedrich Nietzsche. Aber jede Lust, die jemand ewig zu ertragen hätte, würde bald aufhören, Lust zu sein. Manches erträumte Paradies verlöre – würde es als Wirklichkeit erfahren – schnell allen Reiz. Eines bleibt jedoch wahr: Seligkeit ist nur dann wirklich erreicht, wenn sie dem Menschen nicht mehr genommen werden kann. „Noch an der Banalität des happy end wird das deutlich. Wenn der Film oder der Roman zu Ende ist, soll der Augenblick festgehalten werden, denn die Rückkehr in die Nüchternheit hat jetzt den Charakter der ‚grausamen Ernüchterung’. – Es ist die grausamste Erfahrung in der Profanität, dass die erfüllte Seligkeit in ihrem Jetzt nun doch nicht ‚stehen’, nicht dauern kann, dass es auf die Dauer Seligkeit nicht gibt.“[43] Wir können uns in der Tat keine inhaltliche Befriedigung diesseitiger Art vorstellen. Der Glaube, an die Stelle einer absoluten Heilsverheißung könne eine diesseitige Glücksrealisierung treten, erweist sich angesichts dieser Erfahrung als hohl. Der Mensch leidet in seinem Wesen daran, mit irdischen Gütern der Macht, des Reichtums und des Ansehens keine letzte Befriedigung zu erfahren. Man kann auch sagen, dass der geistige und willentliche Antrieb des Menschen einen solchen unersättlichen Hunger und eine überschießende Dynamik in sich trägt, dass er alles Erreichbare übersteigt. Der Überschuss der Sehnsucht geht im Vorfindlichen nicht auf. Der Mensch ist wirklich ein Wesen des ständigen Überstiegs, d. h. der Transzendenz. Darum stranden auch nicht wenige politische Versuche, ein Paradies in irdischen Bildern auszumalen und zugleich deren irdische Befriedigungsmöglichkeit anzunehmen, an der unübersteigbaren Erfahrung, dass ein erreichtes Paradies in dieser Zeit von selbst aufhört, eines zu sein.

Hier entsteht eine entscheidende Weggabelung. Es hat manchmal den Anschein, als ob heute dem Menschen das Bewusstsein um einen bleibenden Sinn seines Lebens genommen würde. Die Hektik des Konsumbetriebes produziert andauernd neue Bedürfnisse. Das Resultat ist für den, der sich darauf einlässt, ein immer unbefriedigtes und stets neu gewecktes Genießen und Ausleben. Wir werden an die falsche Selbstsicherheit des reichen Mannes erinnert, der sich sagt: „Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink, und freu dich des Lebens. Da sprach Gott zu ihm: Du Narr, noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern.“ (Lk 12,19-21). Dies kann sogar dazu führen, dass „Erfüllung“ und „Sinn“ absurde und unverständliche Begriffe werden. Was ist aber der Mensch, wenn er seine letzte Sehnsucht nach unverbrauchbarem Glück verliert? Wird er dann nicht von selbst zu einem neu angepassten und anpassungsbedürftigen Tier?

Der andere Weg ist die Verheißung der Religion, dass es nämlich trotz aller intensiven diesseitigen Glücksbefriedigung Leben im Vollsinn nur in Gott geben kann. „Alle großen Religionen haben das Leben nach dem Tode unmissverständlich bejaht“ (C. G. Jung). Nur Gott gewährt eine Seligkeit, die immer größer ist als jeder menschliche Hunger und darum nicht stets neuer Sensationen und rasch wechselnder Moden bedarf. Genau hierher gehört das Wort des heiligen Augustinus: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“ Vielleicht versteht man erst jetzt, warum die wirkliche, letzte Glücksverheißung „jenseitig“ ist. Hier geht es um eine Erfüllung, die der menschlichen Sehnsucht entgegenkommt, sie jedoch zugleich unendlich übertrifft. Hier wird das wahre Verständnis von Seligkeit gewonnen, nämlich eine unaufhörliche Erfahrung mangelloser, leidloser Geborgenheit, die nicht mehr aufgehoben, gemindert oder genommen werden kann. In dieser Erfahrung wurzelt auch der klassische Begriff des Ewigen: Ewigkeit ist der zugleich ganze und vollkommene „Besitz“ nie beendbaren Lebens. Die Bibel sagt es noch treffender: „Kein Ohr hat es je gehört, kein Auge hat es je gesehen, was denen, die erlöst sind, bereitet wird“ (1 Kor 2,9, vgl. schon Jes 64,3; Jer 3,16; Sir 1,10).

VIII. Die grundlegende Antwort der Bibel vom „Ewigen Leben“

So können wir uns langsam auch der Bibel nähern, weil wir sie nun besser verstehen. Wie kommt man in der Bibel zum „Ewigen Leben“?

Der alttestamentliche Beter glaubt, dass Leben im vollen Sinn Gemeinschaft mit Gott bedeutet. Diese Erfahrung muss sich freilich auch in den widrigen Lebensschicksalen bewähren: Bleibt Gott auch überall da gegenwärtig, wo das Leben gemindert wird, im Erfolg des Ungerechten gegen den Wehrlosen, in der Zerschlagenheit unheilbarer Krankheit, oder wo es gar zerstört wird: im absurden Tod? Langsam lernt der Glaube des Alten Testaments, dass diese Lebensgemeinschaft mit Gott für den Frommen von einer immer weiteren, ja schließlich unbegrenzten Reichweite ist. Die kühne Gewissheit, in der gegenwärtigen Zeit in der Gemeinschaft und Huld Gottes zu stehen, weitet sich auf das Ganze aus und stößt ins Letzte vor. „Ich aber bleibe stets bei dir, du hältst mich an meiner Rechten. Du leitest mich nach deinem Ratschluss und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit. Was hab ich im Himmel außer dir? Neben dir erfreut mich nichts mehr auf Erden. Mögen auch Fleisch und Herz mir verschmachten, Fels meines Herzens und Anteil bleibt Gott mir auf ewig“ (Ps 73,23-26). Gott bleibt treu in allen Lebenslagen, und auch der Tod kann seine Hilfe und seinen Segen nicht aufheben. Nur weil der Fromme von Gott her das Leben im Vollsinn versteht, kann der Tod überwunden werden. Nach und nach vertieft sich im Gang der alttestamentlichen Geschichte dieser Gedanke, der durch die Erfahrungen des irdischen Scheiterns des Volkes Israel noch erheblich verschärft wird. Dies wird zuerst so ausgesprochen, dass Gott den Tod auf immer vernichtet (Jes 25,8). Im Zweiten Makkabäer-Buch (7,9) haben wir dann die deutlichste Stelle des Alten Testaments für ein Ewiges Leben: „Der König des Weltalls wird uns, die wir für seine Weisungen sterben, zum Ewigen Leben auferwecken“ (vgl. auch 7,11.14; 7,23; 7,29.36; 12,43ff; 14,26). So sagen es die Märtyrersöhne vor ihrem Tod. Mit diesem Glauben an „Ewiges Leben“ wird die Erwartung der Auferweckung des Leibes, der Gedanke des Gerichtes und der Vergeltung sowie die Hoffnung auf ein Wiedersehen verbunden.[44]

Ähnlich wird auch im Neuen Bund vom Ewigen Leben gesprochen. Man kann von ihm nicht sprechen, ohne dass zugleich vom Tod und von der Auferstehung Jesu Christi die Rede ist. „Ewiges Leben“ darf darum nicht ein vorschnelles und voreiliges Wort sein. Sonst wird es allzu leicht als die Verlängerung und als Fortgang nur unseres diesseitigen Lebens verstanden. Der oft grausame Abbruch unserer irdisch-leiblichen Existenz darf nicht verdrängt werden. Der Tod wird bitter ernst genommen. Wir müssen gerade an dieser Stelle aufpassen, wie das Neue Testament vom „Ewigen Leben“ spricht. Der Tod wird nicht in seiner Macht verniedlicht. Man redet nicht direkt und geradewegs vom „Ewigen Leben“. Man weiß um die radikale Verwandlung, die der Tod bedeutet. So ist für das Neue Testament zunächst – wenn es vom „Ewigen Leben“ spricht – wichtig, dass sich die Hoffnung des Glaubenden nun gegen den Tod wenden darf. Der Tod hat nicht das letzte Wort, aber er wird auch nicht idealistisch romantisiert. Der Tod selbst wird durch das Sterben und die Auferstehung des Herrn verwandelt. Die Auferweckung Jesu gibt freilich keinen Anlass zu irgendeiner Art von Schwärmertum. Der auferstandene Herr berichtet nicht vom „Jenseits“, er wendet uns vielmehr zuerst das neue Leben zu, das der Tod nicht mehr vernichten kann. Die erste Wirkung des Todes Jesu ist, dass wir die Sendung und den Auftrag zum Zeugnis für das Ewige Leben erhalten.

IX. „Ewiges Leben“ als verborgene Gegenwart

Vom Ewigen Leben darf also nicht nur „jenseitig“ die Rede sein. Jetzt schon verwandelt das aus Kreuz und Auferstehung Jesu Christi stammende Leben unser tägliches Dasein. Ewiges Leben, das aus der Hingabe Jesu Christi am Kreuz geboren wird, ist also zuerst Indienstnahme und Einsatz für Gottes Liebe. Gnade und Heil, Ewiges Leben und Seligkeit sind jedoch für Glauben und Hoffnung, die sich die Augen offenhalten, nur verborgen da in jenem Jesus Christus, der sein Leben für alle hingegeben hat und in dieser Liebe die Schuld, das Leid und den Tod verschlungen hat. Die Gegenwärtigkeit des neuen Lebens bewährt sich nicht zuletzt daran, ob der Christ sich auf das von ihm Geforderte einlässt, das Kreuz konkreter Liebe auf sich nimmt oder durch falsche Sehnsüchte die Stunde der Sendung und des Auftrags schwärmerisch überfliegt. Gerade Paulus lehrt mit Entschiedenheit, das konkrete Dasein ernst zu nehmen. Diese Annahme der Wirklichkeit ist nicht ein resignierendes Hinnehmen, sondern entspricht eher einem bejahenden Übernehmen und darin Besiegen dessen, was widrig ist. So gibt es für Paulus tragbares Leid und getröstete Trauer und auch einen Tod, der im Verborgenen Erlösung findet. Dass hier nicht lähmende Identifikation mit der Welt, sondern konkret erfüllte Kraft der Hoffnung ihren Sieg behält, kann Paulus (2 Kor 4,8ff) bezeugen: „In allem werden wir bedrängt, aber nicht in die Enge getrieben, in Zweifel versetzt, aber nicht in Verzweiflung, verfolgt, aber nicht verlassen, zu Boden geworfen, aber nicht vernichtet; alle Zeit tragen wir das Sterben Jesu am Leibe herum, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde.“ Das Leben, das durch den Tod nicht mehr absolut erniedrigt werden kann, leistet das Unwahrscheinliche und Unmögliche, dass nämlich Leben und Tod schon im Diesseits in einem fruchtbaren Streit bleiben. Nur darum kann Paulus in folgender Weise von Leben und Tod sprechen: „Als Sterbende, und siehe, wir leben, als Gezüchtigte und doch nicht getötet, als Betrübte, aber allzeit fröhlich, als Arme, die aber viele reich machen, als solche, die nichts haben und doch alles besitzen“ (2 Kor 6,9ff). Ein solches Leben kann nur in der Kraft dessen geführt werden, der den Tod und alle bedrohlichen Mächte des Menschen durch den Tod selbst besiegte: „In dem allem siegen wir glänzend durch den, der uns geliebt hat“ (Röm 8,37).

Die christliche Besinnung auf das Ewige Leben entleert also das diesseitige Leben nicht durch falsche Träume über ein Jenseits, sondern macht dafür bereit, das sterbliche Leben ganz anzunehmen, ohne ihm jedoch zu verfallen. Es gibt für diese Dimension des Ewigen Lebens ein großartig einfaches Wort von Madeleine Delbrêl: „Der Glaube ist der zeitliche Einsatz des Ewigen Lebens: sind wir zeitlich genug?“

Die Schrift nennt den Anfang des Ewigen Lebens in der geschichtlichen Existenz „Frucht des Geistes“ (vgl. Gal 5,22). Der Geist vermittelt Gottes Leben zwischen geschichtlicher Gegenwart und absoluter Zukunft. Nur in ihm kann anfänglich, aber wirklich und erfahrbar das künftige Leben zu uns gelangen. Darum gehören die „Früchte des Geistes“ viel enger zur Wirklichkeit des „Ewigen Lebens“, als uns gewöhnlich bewusst ist. Es sind nüchterne Gaben: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Ohne diese Erfahrung des Geistes und seiner Früchte gibt es keinen Zugang zum „Ewigen Leben“. So verstehen wir auch, dass zwar unser irdisches Leben und Tun nicht fortlebt im Sinn einer direkten Verlängerung ins Unendliche, dass es aber auch nicht schlechthin abgebrochen wird im Sinn einer totalen Vernichtung.[45] Dieses unser Leben wird vollendet sein. Halten wir uns an den Apostel Paulus, der davon spricht, dass unser Leben „verwandelt“ wird. Wie dieses Ewige Leben dann genauer aussieht, dies können wir getrost Gott selbst und der letzten Stunde überlassen. Wenn wir eingestehen, dass wir inhaltlich vom jenseitigen „Ewigen Leben“ weniger wissen, als man früher gelegentlich meinte, dann sind wir in guter Nachbarschaft zum Verständnis des Lebens im Johannesevangelium, wo Jesus sagt: „Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat Ewiges Leben, und in ein Gericht kommt er nicht, sondern er ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen“ (Joh 5,24).

X. „Ewiges Leben“ als unübertreffbare Erfüllung

Doch ist damit der volle Sinn des Wortes „Ewiges Leben“ noch nicht erschöpft. Ewiges Leben ist nicht bloß Kraft für das Diesseits, wie man heute gelegentlich schmackhaft machen will. Es ist sogar zumeist nur verborgen und unter dem Zeichen des Kreuzes und des Leidens gegenwärtig. Zu seiner Wirklichkeit gehört diese tiefe Verborgenheit, wie wir es besonders an der Zerbrechlichkeit unseres Bemühens um das Gute erfahren. Von uns allein aus können wir nichts wirklich Bleibendes schaffen. Wir erfahren dies in der Vergeblichkeit unseres Tuns, in der Hinfälligkeit unseres Lebens, in den Niederlagen beim Kampf gegen das Böse und schließlich in der Wirklichkeit des Todes. All dies ist das Gegenteil von „Ewigem Leben“.

Mancher wird nämlich die bisher versuchte Sinndeutung Ewigen Lebens annehmen, aber er glaubt, darüber hinaus wäre jedes weitere Wort überflüssig. Man soll es doch bei dieser Bestimmung des hiesigen Lebens belassen und sich mutig von allen mythologischen Eierschalen und apokalyptischen Vorstellungen trennen.

Das Neue Testament ist nicht dieser Meinung. Es fällt auf, dass gerade da, wo das Ewige Leben in seiner gegenwärtigen Kraft herausgestellt wird (Joh, Kol, Eph), nicht nur seine Verborgenheit, sondern die noch gänzlich ausstehende, endgültige Offenbarung betont wird. Hier darf an das erinnert werden, was im ersten Schritt unserer Besinnung aufgezeigt wurde: Es gibt keine diesseitige Befriedigung menschlicher Sehnsucht.

Vielleicht muss man an einige Erfahrungen erinnern, bei denen uns die Notwendigkeit eines weiteren Fragens und Suchens besonders aufgeht. Im Grunde ist es die alte Frage nach dem Gericht Gottes über die Weltgeschichte oder auch nach der Rechtfertigung des Bösen vor und durch Gott. Wer rächt den unschuldig Verfolgten, dessen Mörder entkam? Was ist mit dem Los derer, die ein absurder Tod vor aller Vollendung oder mitten aus der Sorge für Unmündige hinwegnahm? Wir sind heute solchen Fragen gegenüber eigentümlich abgestumpft geworden. Unheil, Unglück und Tod erscheinen uns oft wie Naturkatastrophen, die jäh hereinbrechen und im Grunde keine Frage nach dem Warum und nach dem Wohin erlauben. Darum gehen die Erfolglosen, die unter die Räder Gekommenen, die Opfer auch in der Dämmerung unseres Bewusstseins so schnell wieder unter. Das Leiden wird rasch vergessen, die Trauerzeiten sind kurz. Diese Abstumpfung gegen „fremdes“ Leid macht uns immer unfähiger, in einem solchen Leben irgendeinen „Sinn“ zu entdecken. Aber gerade hier gewinnt schon die Frage nach dem Ewigen Leben so etwas wie einen kritischen Stachel: Einzig nämlich im unvergesslichen Gedenken Gottes sind die Namen derer unauslöschlich eingeschrieben, die wir Menschen vergessen, verachten und übersehen. Wenn Gott nicht in seinem treuen Gedenken bei jenen wäre, die von der Welt schändlich und erbarmungslos behandelt worden sind, hätte sein Name keinen Sinn. Nur mit ihm ist auch eine letzte Rettung des menschlich Verlorenen, des einsam Guten, des sozial „Unnützen“ und des unheilbar Kranken verheißen. Hier wird wahr, dass Gott alle Haare jedes Einzelnen gezählt hat. Der Christ ist überzeugt, dass Gott dem schmählich Zerschlagenen die Wunden heilt und jene Ungerechtigkeit zurechtrückt, die keiner gesehen hat. Hier wird im Angesicht Gottes die Weltgeschichte gegen unsere Lesarten und Deutungen entziffert.

So zeigt sich, dass das individuelle Leben nicht nur in die gegenwärtige Gesellschaft verflochten ist, sondern auch seine eigene Geschichte hat. Das Reich Gottes und das „Ewige Leben“ umfasst wie die kommenden so auch die früheren Generationen der Menschheit. Heil und Leben gibt es nicht nur für die jetzige oder gar für die letzte Generation. Die Geschichtsmächtigkeit Gottes und seine Unmittelbarkeit zu allen Zeitaltern der Menschheit verhindert, dass das Glück des Individuums für die vermeintlich bessere Zukunft der Menschheit geopfert werden darf. Dieser absolute Rang der Menschenwürde auch des Geringsten ist nicht nur eine große endzeitliche Hoffnung, sondern stellt auch eine tiefe gesellschaftskritische Rückwirkung dar: Die anonymen Opfer der Kriege, der Hungerkatastrophen und der menschlichen Rücksichtslosigkeit bewahren im lebendigen Gedächtnis Gottes ihren unverwechselbaren Namen. Weil sie, zumal in ihrer Verlassenheit, von Gott gekannt und geliebt sind, darum können sie nicht mehr total untergehen. Wenn sie niemand in Liebe und mit Mitleid anschaut, sind sie vor dem Angesicht des lebendigen Gottes in besonderer Hut. Die Sprache des christlichen Glaubens hat diese letzte Rettung des Menschen damit zum Ausdruck gebracht, dass sie sagt, der vor Gott Vollendete schaue ihn von „Angesicht zu Angesicht“.

Hier ist auch der Ort, wo all das, was „Ewiges Leben“, in dieser Vollendung bedeutet, am besten in der Sprache der biblischen Bilder gesagt wird. Diese tragen etwas von dem unverbrauchbaren Überschuss an menschlicher Sehnsucht und noch mehr von unausdenkbarer göttlicher Erfüllung in sich: das nie endende Freudenmahl aller Völker in Eintracht; der Tag, an dem Gott alle Tränen wegwischt; die Zeit, da das Lamm und der Wolf einträchtig zusammen wohnen; Seligkeit, wie sie am ehesten noch zwischen Braut und Bräutigam, zwischen ernsthaft Liebenden lebt. Die Unzerstörbarkeit dieser Bildworte in fast allen großen Religionen spiegelt keine irdische Realisierung wider, sondern die immer quellfrische Unerschöpflichkeit Ewigen Lebens.[46]

XI. Leben heißt Jesus Christus

Wir haben die grundsätzliche Antwort und die wichtigsten Dimensionen der Frage nach dem Ewigen Leben erläutert. Jetzt müssen wir die gewonnenen Einsichten nochmals zusammenfassen. Dabei leitet uns das Problem, wie man vom Ewigen Leben sprechen soll.

„Ewiges Leben“ ist darum auch kein sachliches Neutrum, sondern wie eine Person, der man in der Sprache der Liebe in allen Situationen des Lebens sagen kann: Ich glaube an dich. Wer darum das Ewige Leben darin sucht, dass er nur egoistisch die Fortsetzung dieses seines Lebens verlangt, wird es verlieren. Wer sich für Gott und die Menschen weggibt, wird das Ewige Leben gewinnen. Man kann nur in Gott selbst das Ewige Leben erlangen. Darum hat das Alte Testament auch so entscheidend richtig gesehen, wenn es nur den Beter, d. h. von innen her die unzerstörbare Gemeinschaft mit Gott erfahren lässt. „Ewiges Leben“ ist also im Grunde nur Gott selbst, Gott alles in allem, und die unerschöpfliche Freude an dieser seiner bleibenden Gegenwart. Seitdem auf dem Antlitz Jesu Christi diese Herrlichkeit Gottes offenbar wurde, hat er uns gezeigt, wie in allen menschlichen Situationen, auch der äußersten Ausweglosigkeit, das Leben Gottes gesucht und gefunden werden kann. Ohne diesen ständigen, von Jesus Christus her zu lernenden Überstieg zu Gott, dem Vater, und zum Nächsten gibt es keinen Zugang zu unzerstörbarem Leben. Ewiges Leben kommt aus der Liebe Gottes und kann nur in jener von Gott inspirierten Hingabe bewahrt werden, in der wir unsere Eigenheit für andere öffnen und so zur Erfüllung bringen. Dafür ist Jesus Christus selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14,6). Hier öffnet sich die Kraft des christlichen Glaubens: „Dies ist das Ewige Leben: dich, den einzigen und wahren Gott zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17,3).

Man könnte auch an Paulus zeigen, dass es den Christen nicht zuerst auf eine Jenseitsspekulation ankommt (vgl. Phil 1,18-24). Alles kommt ihm darauf an, bei Jesus Christus zu sein. Der Tod hat nicht den Charakter einer Flucht oder eines Entkommens in eine als besser vorgestellte Welt. Das Mehr, das Paulus vom Sterben erhofft, ist nicht in einer resignierenden Abwendung vom Leben begründet. Vielmehr ist das Ewige Leben, das jenseits der Grenze des Todes liegt, eine Steigerung dessen, was bereits die diesseitige Wirklichkeit bestimmte, insofern Jesus Christus der Grund des Lebens ist. Leben heißt Jesus Christus (Phil 1,21). Das Leben aber, das Christus ist, kann durch den Tod nicht genommen, sondern nur gemehrt werden. Die gesteigerte und bleibende Christusgemeinschaft ist für den Apostel das erstrebenswerte Gut. Darum kann Paulus sich auch ganz wieder seinen Brüdern und Schwestern zuwenden, wenn diese ihn nötig haben.

Was Leben ist, kann man nur erfahren und er-leben. Keiner, der das Ewige Leben nicht in diesem Leben schon als anfängliche Kraft, als „Angeld“, wie Paulus sagt, in sich trägt, wird es bei der Vollendung seiner irdischen Existenz geschenkt bekommen. Aber wir sind noch nicht, was wir sein sollen. Auch in uns bezeugt sich das Ewige Leben in verhüllten Zeichen und ist gegenwärtig in irdenen Gefäßen. Es muss sich als geduldige und ausdauernde Kraft der Hoffnung bewähren. Erst wenn es durch das Feuer des göttlichen Gerichtes hindurch geläutert und vollendet wird, werden wir seine wirkliche Gestalt erkennen. Bis dahin bleibt gerade jede Rede vom Ewigen Leben Stückwerk. Nur die Tat jener unvergleichlichen Liebe, die Paulus im 13. Kapitel des Ersten Korintherbriefes rühmt, hat die Verheißung, auch jetzt schon in der reinsten Gestalt das Bleibende zu bezeugen.

Es gibt noch viel zu bedenken. So müsste man danach fragen, wie uns Jesus Christus das Ewige Leben hinterlassen hat. Die Antwort darauf wird uns in der Bibel deutlich gegeben: das Evangelium und die Sakramente, besonders Taufe und Eucharistie. Das Wort Gottes gewährt uns Worte des Ewigen Lebens (vgl. Joh 6,68). Die Eucharistie ist die lebenschaffende Kraft. Sie gibt der Welt das Leben. Darum sprechen wir mit Recht auch davon, dass die Eucharistie die heilige Wegzehrung sei: Sie hilft dem Menschen, den Tod zu bestehen und das Ewige Leben zu gewinnen, weil Jesus darin mit seinem Tod und seiner Auferstehung gegenwärtig wird für alle, die an ihn glauben.

Hierher gehört auch ein wichtiges Jesuswort, das nicht selten falsch gedeutet wird. Genau übersetzt heißt es: „Wer sein Leben gefunden hat, wird es verlieren, und wer sein Leben um meinetwillen verloren hat, der wird es finden“ (Mt 10,39). Wer sein Leben schon in dieser Zeit gefunden hat, wagt nichts mehr auf Gott hin. Er ist „fertig“ mit seinem Leben und betrachtet das Erreichte als einen festen Besitz, über den man verfügen kann. Dagegen sagt die Schrift, dass niemand Herr seines Lebens und seines Todes ist. Das Wort vom Sichverlieren sagt jedoch noch nicht alles. Es gibt nämlich auch eine unwahre Hingabe des eigenen Lebens: Man gibt sich zuerst weg, um sich selbst zu gewinnen. Hinter der Fassade „Hingabe“ kann sich auch eine egoistisch inszenierte Selbstentäußerung und Selbstdrangabe verbergen. Darum können wir uns solche Situationen auch nicht aussuchen. Sie erreichen uns da, wo wir es nicht vermuten. Nur Gott kann uns zur äußersten Armut des Sichverlierens führen. Nur um Jesu Christi willen kann man sein Leben wirklich verlieren. Nur in ihm können wir den wahren Tod sterben. Er ist das Leben, das ewig weggeschenkte Liebe ist.

So zeigt uns diese Überlegung, dass Jesus Christus das Leben nicht als ein von ihm abtrennbares Gut bringt, sondern dass er selbst dieses Leben ist. Gabe und Geber lassen sich nicht trennen. Oft wird uns die Gegenwart des Ewigen Lebens im Dunkel unserer täglichen Erfahrungen entschwinden. Aber gerade dann darf diese Hoffnung nicht zu einem bloßen Traum werden. Der Glaube ist der Mut des Widerspruchs zu allen Formen der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Dieser Glaube lebt aus der Gewissheit vom Ewigen Leben. Weil es das Ewige Leben gibt, darf der Mensch auch in diesem Dasein wirkliches Glück erwarten und erfahren. Es bleibt dann immer noch der Schrecken des Todes. Aber auch er ist inmitten aller Angst und bedrängenden Enge grundsätzlich überwunden. Paul Celan erzählt uns von dieser Hoffnung in einem Gedicht aus der Folge „Atemkristall“. – „Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen.“[47]

Diese Vorlesung – man mag sie auch Besinnung nennen – gilt dem Gedenken an Herrn Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe (1940-2011), Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages (1999-2011). Seit 1993 war er auch Präsident der Ärztekammer Nordrhein. Er kannte und schätzte die Segnungen und Errungenschaften der modernen Medizin. Er wusste aber auch, dass und wo der Fortschritt in Rückschritt umschlagen kann. Vernunft und Wissen allein, so unentbehrlich sie sind, können ein solches Verhängnis nicht wenden. Jörg-Dietrich Hoppe war bewusst ein Wanderer zwischen diesen Welten, durch die wir gegangen sind und gehen. Wir verbeugen uns in Dankbarkeit vor ihm.



[1] Vgl. H.-G. Gadamer, Über die Verborgenheit der Gesundheit, Frankfurt 1993, 133-149; Krankheit, Heilkunst, Heilung, hrsg. von H. Schipperges u.a., Freiburg 1978; Cl. Herzlich/J. Pierret, Kranke gestern, Kranke heute. Die Gesellschaft und das Leiden, München 1991 (franz. Ausgabe, Paris 1984). Zum Phänomen Krankheit vgl. auch Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. VI., Freiburg i. Br. 1997, 426-430 (Lit.).

[2] Vgl. K. Lehmann, Autonomie und Glaube, in: K. Lehmann/H. Maier (Hg.), Autonomie und Verantwortung. Religion und Künste am Ende des 20. Jahrhunderts, Regensburg 1995, 11-23.

[3] Vgl. dazu E. Weiher, Mehr als begleiten: Ein neues Profil für die Seelsorge im Raum von Medizin und Pflege, Mainz 1999; ders., Die Religion, die Trauer und der Trost: Seelsorge an den Grenzen des Lebens, Mainz 1999.

[4] Zum rechten Personbegriff vgl. R. Spaemann, Personen, Stuttgart 1996 u.ö.

[5] Vgl. dazu K. Lehmann, Der Grundauftrag des Menschen: Bebauen und Behüten. Technische Weltgestaltung im Licht der Bibel, in: ders., Glauben bezeugen, Gesellschaft gestalten, Freiburg i. Br. 1993, 159-169.

[6] Vgl. H. Girndt, Grenze, in: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Band 2, Freiburg i. Br. 2011, 1103-1114 (Lit.).

[7] Vgl. meinen Beitrag zu dieser Spannung als einem Grundkonflikt der modernen Zivilisation in: Glauben bezeugen, Gesellschaft gestalten, 170-186.

[8] Vgl. H. Jonas, Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt 1985, 7.

[9] Vgl. als erste Übersicht K. M. Einhäupl (Hg.), „Chancen und Grenzen (in) der Medizin“ = Veröffentlichungen der Hanns Martin Schleyer-Stiftung 80, Köln 2012.

[10] G. Maio, Mittelpunkt Mensch: Ethik in der Medizin, Stuttgart 2012, 381f.; ders., Medizin in einer Zeit, die kein Schicksal duldet, in: Zeitschrift für medizinische Ethik 57 (2011), 79-98; ders., (Hg.), Abschaffung des Schicksals?, Freiburg i. Br. 2011. Aus diesem Grunde sind die Überlegungen von G. Maio so wichtig, ohne dass wir näher auf die heutige Verwendung des Schicksalsbegriffs eingehen können. Dafür geben die früheren Schriften von R. Guardini, Freiheit – Gnade – Schicksal, Mainz 1994, 153ff., aber auch von E. Theunissen wichtige Hinweise, vgl. z.B. Schicksal in Antike und Moderne, München 2004.

[11] Ebd., 382.

[12] Ebd., 383. Vgl. dazu auch Th. Rehbock, Personsein in Grenzsituationen. Zu Kritik der Ethik medizinischen Handelns, Paderborn 2005.

[13] G. Maio, a.a.O., 383.

[14] Vgl. G. Böhme, Leib sein als Aufgabe. Leibphilosophie in pragmatischer Hinsicht, Kusterdingen 2003; G. Maio, Mittelpunkt Mensch, 321ff.

[15] Ein Roman der Zukunft (Erstausgabe 1932, Neuausgabe 1949), Frankfurt 1953 u.ö.; dazu W. Biesterfeld, Die literarische Utopie, Stuttgart 1974; F. Seibt, Utopica. Modelle totaler Sozialplanungen, Düsseldorf 1972; A. Neusüss (Hg.), Utopie = Soziologische Texte 44, Neuwied 1968; O. Schatz (Hg.), Abschied von Utopia? Anspruch und Auftrag der Intellektuellen, Graz 1977; Chr. Coenen u.a. (Hg.), Die Debatte über „Human Enhancement“. Historische, philosophische und ethische Aspekte der technologischen Verbesserung des Menschen, Bielefeld 2010; R. Saage, Utopieforschung. Eine Bilanz, Darmstadt 1997; R. Spaemann, Zur Kritik der politischen Utopie, Stuttgart 1977; immer noch nützlich ist K. Mannheim, Ideologie und Utopie, 3. Aufl., Frankfurt 1972; R. Koselleck, Vergangene Zukunft, Frankfurt 1979; besonders wichtig R. Koselleck, Die Verzeitlichung der Utopie, in: ders., Zeitschichten, Frankfurt 2003, 131-149.

[16] Vgl. z.B. den Überblick bei H. Bleckwenn, Nietzsches Lehre vom Übermenschen – revisited. Ein Literaturbericht, in: O. Bender u.a. (Hg.), Enhancement oder die Verbesserung des Menschen: Die zweite Evolution? = Schriftenreihe der Otto Koenig-Gesellschaft Wien, Matreier Gespräche zur Kulturethnologie 37, Wien 2012, 213-222 (Lit.); im selben Band auch die Beiträge von R. Saage (65-81), M. Liedtke (83-105) usw.

[17] Ich verzichte hier z.B. auf eine weitere Beschäftigung mit P. Sloterdijk, Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus, Frankfurt 1999 (Sonderdruck); dazu S. van Tuinen, Peter Sloterdijk. Ein Profil, Paderborn 2006, 103ff., bes. 108ff., 113ff.

[18] Außer der schon in Anm. 12 und 13 genannten Literatur, die sehr vermehrt werden könnte, vgl. G. Maio u.a. (Hg.), Mensch ohne Maß? Reichweite und Grenzen anthropologischer Argumente in der biomedizinischen Ethik, Freiburg i. Br. 2008; G. M. Hoff u.a. (Hg.), Zwischen Ersatzreligion und neuen Heilserwartungen. Umdeutungen von Gesundheit und Krankheit = Grenzfragen 33, Freiburg i. Br. 2010. Zu grundlegenden Fragen von neuen Lebensformen vgl. bes. M. Beck, Mensch-Tier-Wesen. Zur ethischen Problematik von Hybriden, Chimären, Parthenoten, Paderborn 2009.

[19] Vgl. J. Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik?, Frankfurt 2001 u.ö. (erweiterte Aufl. ab 2002); weitere Ausführungen und Literaturangaben finden sich bei H. Brunkhorst u.a. (Hg.), Habermas-Handbuch, Stuttgart 2009, 282-290; zu Habermas selbst vgl. auch: Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt 2005; ders., Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt 1988; M. J. Sandel, Plädoyer gegen die Perfektion. Ethik im Zeitalter der genetischen Technik. Mit einem Vorwort von J. Habermas, Berlin 2008.

[20] Vgl. N. Knoepffler/J. Savulescu (Hg.), Der neue Mensch? Enhancement und Genetik = Angewandte Ethik 11, Freiburg i. Br. 2009; St. L. Sorgner u.a. (Hg.), Eugenik und die Zukunft = Angewandte Ethik 3, Freiburg i. Br. 2006; zur grundsätzlichen Einführung vgl. B. Schöne-Seifert/D. Talbot (Hg.), Enhancement. Die ethische Debatte, Paderborn 2009; N. Knoepffler, Der Beginn der menschlichen Person und bioethische Konfliktfälle = Questiones disputatae 251, Freiburg i. Br. 2012, 158-196.

[21] Dazu die einzelnen Referate in: Th. Hoppe (Hg.), Körperlichkeit – Identität. Begegnung in Leiblichkeit = Studien zur Theologischen Ethik 121, Freiburg i. Br. 2008, vgl. bes. das Referat von A. Anzenbacher, 17-31; U. H.-J. Körtner, Leib und Leben. Bioethische Erkundungen zur Leiblichkeit des Menschen = Arbeiten für Pastoraltheologie, Liturgik und Hymnologie 61, Göttingen 2010, 32-37; Themenheft „Enhancement“: Zeitschrift für medizinische Ethik 52 (2006), Heft 4 (vgl. darin die Beiträge von U. Wiesing, G. Maio, M. Fuchs und J. Clausen).

[22] B. Schöne-Seifert, Grundlagen der Medizinethik, Stuttgart 2007, 99f. (dort auch Kriterien über Enhancement-Maßnahmen: 100f.); dazu auch B. Schöne-Seifert u.a. (Hg.), Neuro-Enhancement. Ethik von neuen Herausforderungen, Paderborn 2009.

[23] Chr. Lenk, Enhancement, in R. Gröschner u.a. (Hg.), Wörterbuch der Würde, München 2013, 255-257, Zitat: 257 (Lit.).

[24] Vgl. ausführlich dazu V. Schumpelick/B. Vogel (Hg.), Medizin nach Maß. Individualisierte Medizin – Wunsch und Wirklichkeit, Freiburg i. Br. 2011; vgl. auch insgesamt zu diesen Problemen G. Rager, Die Person. Wege zu ihrem Verständnis = Studien zur Theologischen Ethik 115, Freiburg i. Br. 2006. Zur Wahrung der Identität der Person vgl. auch H. Joas, Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, Berlin 2011; B. Laux (Hg.), Heiligkeit und Menschenwürde. Hans Joas´ neue Genealogie der Menschenrechte im theologischen Gespräch, Freiburg i. Br. 2013.

[25] Chr. Lenk, Enhancement, 256f.

[26] Vgl. G. Fürst/D. Mieth (Hg.), Entgrenzung des Menschseins? Eine christliche Antwort auf die Perfektionierung des Menschen, Paderborn 2012; vgl. bes. die Ausführungen von L. Honnefelder, D. Mieth, A. Müller, R. Wimmer, M. Striet; M. Zimmermann-Acklin, Bioethik in theologischer Perspektive = Studien zur Theologischen Ethik 126, 2. Aufl., Freiburg/Schweiz 2010; J. P. Beckmann, Ethische Herausforderungen der modernen Medizin, Freiburg i. Br. 2009.

[27] Vgl. dazu immer noch trotz vieler Einwände K. Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie, Stuttgart 2004 (Erstauflage 1953); W. Schmidt-Biggemann, Geschichte als absoluter Begriff, Frankfurt 1991; G. Krüger, Die Geschichte im Denken der Gegenwart, Frankfurt 1947 u.ö.; H. Blumenberg, Die Legitimität der Neuzeit, Frankfurt 1966, 2. Aufl.: Mit einem neugeschriebenen ersten Teil: Säkularisierung und Selbstbehauptung, Frankfurt 1974; ders., Arbeit am Mythos, Frankfurt 1979; dazu W. Schmidt-Biggemann, Geschichte als absoluter Begriff, 118ff.; G. Dux, Die Zeit in der Geschichte, Frankfurt 1989; A. Demandt, Endzeit? Die Zukunft der Geschichte, Berlin 1993; Kh. Stierle/R. Warning (Hg.), Das Ende. Figuren einer Denkform = Poetik und Hermeneutik XVI, München 1996. Vgl. auch G. Krüger, Grundfragen der Philosophie, Frankfurt 1958; ders., Freiheit und Weltverwaltung, Freiburg i. Br. 1958; K. Löwith, Aufsätze und Vorträge 1930-1970, Stuttgart 1971, 64ff., 100ff., 189ff., 229ff.; ders., Der Mensch inmitten der Geschichte. Philosophische Bilanz des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1990, 115ff., 155ff., 223ff., 305ff., 320ff., 339ff., 358ff.

[28] Vgl. dazu R. Baum/S. Neumeister/G. Hornig, Perfektibilität, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 7, Basel 1989, 238-243 (Lit.).

[29] Zur allerdings nicht ausreichend behandelten Begriffsgeschichte von Kontingenz, die ja durchaus nicht nur mit der Zufälligkeit identifiziert werden darf, vgl. W. Brugger/W. Hoering, Kontingenz, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 4, Basel 1976, 1027-1038; G. von Graevenitz/O. Marquard (Hg.), Kontingenz = Poetik und Hermeneutik XVII, München 1998; O. Muck, Kontingenz, in: Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. 6, 3. Aufl., Freiburg i. Br. 1997, 329f.; S. Wendel, Kontingenz, in: Lexikon philosophischer Grundbegriffe der Theologie, 2. Aufl., Freiburg i. Br. 2007, 230-231; I. U. Dalferth (Hg.), Vernunft, Kontingenz und Gott, Tübingen 2000.

[30] So gibt es in den meisten gegenwärtigen Lexika das Stichwort „Kontingenz“ nicht. Man wird auf „Zufall“ verwiesen. Eine Ausnahme stellt dar der Artikel „Kontingenz“ von H. Poser/H. Deuser, in: Theologische Realenzyklopädie, Band XIX, Berlin 1990, 551-559 (Lit.). Vgl. auch O. Marquard, Philosophische Studien, Stuttgart 1986 (Apologie des Zufälligen: 117-139), auch in: O. Marquard, Zukunft braucht Herkunft, Stuttgart 2003, 146-189.

[31] Die Sorge geht über den Fluss, Frankfurt 1987, 57.

[32] Ebd., 58.

[33] M. Makropoulos, Modernität als Kontingenzkultur. Konturen eines Konzepts, in: G. v. Graevenitz/O. Marquard (Hg.), Kontingenz, 55-79, Zitat: 77; ders., Modernität und Kontingenz, München 1997.

[34] Philosophie der neuen Musik, Frankfurt 1978, 105.

[35] Summa theologica, pars I, quaestio 86, articulus 4 = Deutsche Thomas-Ausgabe, 9. Band, Salzburg 1937, 340. – Aufmerksam gemacht sei auch auf einen frühen Artikel von H. Blumenberg, Kontingenz, in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Band III, Tübingen 1959, 1793f.

[36] Vgl. M. Frisch, Tagebuch 1966-1971, Frankfurt 1972, 98. Vgl. J. Manser, Der Tod des Menschen. Zur Deutung des Todes in der gegenwärtigen Philosophie und Theologie, Bern 1977.

[37] Die Begründung und Struktur der Kreatürlichkeit habe ich ausführlicher entfaltet in: K. Lehmann, Glauben bezeugen, Gesellschaft gestalten, 142-158, vgl. auch 137ff., 187ff., 211ff., 261ff.

[38] D. Birnbacher, Natürlichkeit, Berlin 2006, 111, vgl. darin auch die Ausführungen zum Enhancement: 111-131; dazu auch B. Gesang, Perfektionierung des Menschen, Berlin 2007 (vgl. Reg. 173).

[39] Vgl. diesen Begriff wohl zuerst bei J. Habermas, Die Zukunft der menschlichen Natur, 70ff.

[40] Vgl. dazu die gesamte Abhandlung von J. Habermas, aber auch schon den Vortrag „Glauben und Wissen“, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2001, Frankfurt 2001.

[41] Ich beziehe mich dabei auch auf frühere Ausführungen: Was heißt „ewiges Leben“? = Antwort des Glaubens 3, Freiburg i. Br. 1978, auch in: E. Maurer (Hg.), Grundlinien der Dogmatik, Rheinbach 2005, 303-317; Benedikt XVI./J. Ratzinger, Eschatologie. Tod und ewiges Leben, Regensburg 2007, 129ff.; E. Jüngel, Die Ewigkeit des ewigen Lebens, in: Ganz werden. Theologische Erörterungen V, Tübingen 2003, 345-353; ders., Evangelischer Glaube und die Frage nach Tod und ewigem Leben, in: Das Wesen des Christentums in seiner evangelischen Gestalt. Eine Vortragsreihe im Berliner Dom, Neukirchen 2000, 112-132; U. Swarat/Th. Söding (Hg.), Gemeinsame Hoffnung – über den Tod hinaus. Eschatologie im ökumenischen Gespräch = Questiones disputatae 257, Freiburg i. Br. 2013 (Lit.). Zum Begriff der Transzendenz vgl. K. Lehmann, Transzendenz, in: Sacramentum mundi IV, Freiburg i. Br. 1969; zur geschichtlichen Entfaltung vgl. meine Untersuchungen in: Vom Ursprung und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers, 2 Bände, 2. Aufl., Mainz/Freiburg i. Br. 2003, Band 2: 453-640; K. Kreutzer, Transzendenz, in: Lexikon philosophischer Grundbegriff der Theologie, 416-417.

[42] Vgl. ausführlicher K. Lehmann, Von der besonderen Kunst glücklich zu sein, Freiburg i. Br. 2006 u.ö., 11ff., 33ff. (Lit.).

[43] W. Kamlah, Philosophische Anthropologie, Mannheim 1972, 188.

[44] Vgl. Chr. Barth, Die Errettung vom Tode in den individuellen Klage- und Dankliedern des Alten Testamentes, Neuausgabe, Stuttgart 1997; Th. Hieke (Hg.), Tod – Ende oder Anfang?, Stuttgart 2005 (Lit.).

[45] Vgl. auch F. W. Graf/H. Meier (Hg.), Der Tod im Leben, 5. Aufl., München 2010.

[46] Vgl. P. Ricoeur, Die lebendige Metapher, 2. Auflage, München 1991; A. Haverkamp, Die paradoxe Metapher, Frankfurt 1998.

[47] Paul Celan, Fadensonnen, in: Atemwende, Gedichte Bd. 2, Frankfurt 1975, 26.


 

Presseecho

Internetlink Kardinal Lehmann warnt vor Machbarkeitswahn (Deutsches Ärzteblatt online, 12.11.2013)

Internetlink Kardinal, Ärzte und ewiges Leben (Rheinische Post, 13.11.2013)

lokaler Link Rebellion gegen die Sterblichkeit? (Rheinisches Ärzteblatt 12/2013 S. 23f)


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letzte Änderung am: 21.01.2014



Ärztliche Flüchtlingshilfe

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Rheinisches Ärzteblatt

Heft 11/2017

Titel 11/2017 Titelgestaltung: Eberhard Wolf

Titelthema

Ärztliche Kommunikation als medizinisches Handeln

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Dokumentation Kammersymposium zur Arzt-Patienten-Kommunikation

Ärztin spricht mit Patientin Foto: Westend61/fotolia.com 

Mitte September fand das Kammersymposium zur Arzt-Patienten-Kommunikation statt.

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