Resilienz und Krisenbewältigung – Wege aus der Stressfalle

Welche Faktoren machen uns widerstandsfähig gegen Krisen? Was bedeutet Resilienz, durch welche Faktoren wird sie beeinflusst und wie können wir unsere Selbstheilungskräfte aktivieren? Beim 15. Euskirchener Symposium wurden diese und weitere Fragen aus medizinischer und soziologischer Perspektive erörtert.

Professor Dr. Klaus Lieb Foto: Peter Pulkowski, Universitätsmedizin Mainz

Professor Dr. Klaus Lieb Foto: Peter
Pulkowski, Universitätsmedizin Mainz

Krisen, traumatische Erlebnisse oder persönliche Schicksalsschläge können Auslöser für psychische Erkrankungen sein. Auch der Dauerstress im modernen Alltag führt immer häufiger zum Burnout und erhöht das Risiko, eine Depression zu entwickeln. Doch nicht alle Menschen werden in der Krise krank. Das Ausmaß der Beeinträchtigung hängt entscheidend ab von ihrer psychischen Widerstandsfähigkeit, der Resilienz. Ihre Förderung soll Menschen helfen, mit den gestiegenen Anforderungen des modernen Lebens besser zurechtzukommen.

Auf dem 15. Euskirchener Symposium am 5. Oktober 2016 wurde daher ein Paradigmenwechsel vollzogen – von der Pathogenese, die die Vielzahl der modernen Diagnosen und Therapien begründet, hin zur Salutogenese, die Gesundheit nicht als Zustand, sondern als Prozess versteht.

In seinem Vortrag „Resilienz – was macht uns stark gegen Stress?“ gab Professor Dr. Klaus Lieb Ärztinnen und Ärzten, aber auch interessierten Bürgern einen kompakten Überblick über den aktuellen Stand der Resilienzforschung. Der Professor für Psychiatrie und Psychotherapie und Mitbegründer des Deutschen Resilienz-Zentrums in Mainz gewährte interessante Einblicke in die Neurobiologie von Maus und Mensch und zeigte epigenetische Faktoren auf, die zu resilienten Phänotypen führen. Neben dieser individuellen Prädisposition haben aber auch bestimmte Grundhaltungen, wie beispielsweise Optimismus, Werteorientierung, Akzeptanz und vor allem die Selbstwirksamkeitserwartung einen positiven Einfluss auf die psychische Widerstandsfähigkeit. Resiliente Menschen zeichnen sich besonders durch kognitive Flexibilität bei der Bewertung von Erlebnissen und aktives Coping in schwierigen Lebenssituationen aus.

Professor Dr. phil. Heinz Bude Foto: Bodo Dretzke, Hamburger Edition

Professor Dr. phil. Heinz Bude Foto: Bodo
Dretzke, Hamburger Edition

Professor Dr. phil. Heinz Bude, Makrosoziologe und Buchautor, ergänzte das medizinische Konstrukt der Resilienz um die gesellschaftliche Perspektive. Soziologisch gesehen ist Resilienz ein Produkt von Person und Situation. Dass Menschen manchmal mit den Herausforderungen wachsen, manchmal aber an ihren Belastungen scheitern, hängt nicht allein von ihren persönlichen Kompetenzen ab, sondern hat auch immer etwas mit den Gelegenheitsstrukturen zu tun, die Schwächen in Stärken verwandeln können. So gibt es Generationen mit einer schweren Kindheit, die sich genau aufgrund dieser Verwundungen als die „Champions einer späteren Zeit“ entpuppen. Bude hat dies in seinen Studien eindrucksvoll an der Flakhelfer-Generation, zu der auch Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher gehörten, zeigen können.

Aber soziale Empfindungen können die innere Widerstandskräfte mobilisieren oder verfallen lassen. Die Art und Weise unserer Verbundenheit mit dem „empfundenen sozialen Ganzen“ gibt laut Bude den Ausschlag dafür, wie wir eine Situation wahrnehmen und uns darauf einstellen. Dieses Inklusionsempfinden, zusammengenommen mit den materiellen und sozialen Rahmenbedingungen, macht die soziale Dimension der Resilienz aus.

Das heißt, es lohnt sich durchaus, in die Pflege des sozialen Netzwerks zu investieren. Auch an unserer inneren Einstellung sollten wir arbeiten, denn häufig entscheidet die Bewertung von Ereignissen darüber, ob sie uns psychisch belasten: „Stress passiert in Deinem Kopf“, so Lieb. Belastungen zu akzeptieren, sie als Herausforderung zu begreifen und Techniken der Stressbewältigung einzuüben, waren einige seiner praktischen Tipps zur Stärkung der Selbstheilungskräfte. Positive Emotionen, ausreichend Bewegung und guter Schlaf sind für den Psychiater aus Mainz „die halbe Miete“ bei der Entwicklung von Resilienz – oder wie Thomas von Aquin schon vor über 800 Jahren formulierte: „Gesundheit ist weniger ein Zustand als eine Haltung, und sie gedeiht mit der Freude am Leben.“

Ulrike Schaeben

Save the date

Das 16. Euskirchener Symposium „Der ‚Neue Mensch‘ – im gentechnischen Design“ findet am 29. März 2017 im „Casino“ Euskirchen statt. Professor Dr. Stefan Mundlos, Direktor des Instituts für Medizinische Genetik und Humangenetik, Charité Berlin, und Univ. Professor Mag. Dr. Konrad Paul Liessmann, Institut für Philosophie der Universität Wien, werden Möglichkeiten und Grenzen des Genome Editing ausloten.

Weitere Informationen: E-Mail veranstaltungen@aekno.de

Internetlink www.euskirchener-gespräche.de


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letzte Änderung am: 12.10.2016



Ärztliche Flüchtlingshilfe

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Rheinisches Ärzteblatt

Heft 11/2017

Titel 11/2017 Titelgestaltung: Eberhard Wolf

Titelthema

Ärztliche Kommunikation als medizinisches Handeln

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Dokumentation Kammersymposium zur Arzt-Patienten-Kommunikation

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