Der mit den Päpsten spricht

Arzt, Bestsellerautor, Katholik, Kolumnist, Kabarettist und Talkshow-Dauergast: Der Kölner Psychiater Dr. Manfred Lütz ist der vielleicht bekannteste Arzt des Rheinlandes.

Dr. Manfred Lütz übergibt Papst Franciscus ein Buch Foto: L‘Osservatore Romano

Juni 2013: Dr. Manfred Lütz (r.) übergibt Papst Franziskus im Vatikan sein damals neuestes Buch „Benedikts Vermächtnis und Franziskus‘ Auftrag“, in dem er gemeinsam mit dem ehemaligen Kurienkardinal Paul Josef Cordes für eine Entweltlichung der katholischen Kirche plädiert. Am Tag zuvor hatte Lütz mit dem emeritierten Papst Benedikt XVI gesprochen. Das war der Kölner Boulevardzeitung „Express“ eine Schlagzeile auf der Titelseite wert: „Kölner trifft 2 Päpste in 17 Stunden.“ Foto: L‘Osservatore Romano

von Horst Schumacher

Wenn man ihn auf dem Mobiltelefon anruft, ist er auch schon mal im Vatikan. So wie damals im Juni 2013, als er an einem Tag den emeritierten Papst Benedikt XVI und am Tag darauf Papst Franziskus traf. Als dieser beim Konklave im März des gleichen Jahres gewählt wurde, war er live dabei – als Kommentator beim Fernsehsender Phoenix in einem Freiluftstudio auf dem Petersplatz. Seine Expertise unterstrich der Fernsehsender durch die Bezeichnung „Mitglied des päpstlichen Laienrates“. Laut Wikipedia ist er auch Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben und Berater der Vatikanischen Kleruskongregation. Die Rede ist von Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lütz, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln. Der Arzt und katholische Theologe ist ein Multitalent und als Autor mehrerer Bestseller, Kolumnist in überregionalen Tageszeitungen, Kabarettist und Dauergast in Talkshows zum vielleicht bekanntesten Arzt des Rheinlandes geworden.

Papst Benedikt Foto: iStock.com/miqu77

Papst Benedikt XVI. Foto: iStock.com/miqu77

„Irre! Wir behandeln die Falschen, unser Problem sind die Normalen“ – schon der Buchtitel ist bemerkenswert, wenn der Autor ein psychiatrischer Chefarzt und Nervenarzt ist. Während er sich mit „rührenden Demenzkranken“, „hochsensiblen Schizophrenen“, „erschütternd Depressiven“, „mitreißenden Manikern“ und „dünnhäutigen Süchtigen“ beschäftigt, beschleicht Manfred Lütz mitunter das Gefühl, dass er die Falschen behandelt: nicht die angeblich Verrückten sind das Problem, sondern die vermeintlich Normalen. Das ist nur zum Teil augenzwinkernd gemeint. Lütz‘ Warnung vor der „Diktatur des Normalen“ meint er ebenso ernst wie den Anspruch, das gesamte Spektrum der Psychiatrie und Psychotherapie unterhaltsam, allgemeinverständlich und auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft darzustellen. Das kam beim Publikum so gut an, dass „Irre!“ Lütz‘ erfolgreichstes Buch wurde und wochenlang an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste stand.

Nicht ganz so populär war „Der blockierte Riese“, in dem Lütz die eigene Kirche einer „Psycho-Analyse“ unterzog. Mit dem ihm eigenen Witz geht er ernsthaft der These nach, dass der Kirchenalltag das Verhaltensrepertoire einer typischen Alkoholikerfamilie wiederspiegelt: „Ihre Depression ist hausgemacht. Sie ist gelähmt durch eine gewaltige Selbstblockade.“ Der Therapievorschlag folgt kurz nach der Wahl von Franziskus zum Papst: Lütz verfasst gemeinsam mit dem ehemaligen Kurienkardinal Paul Josef Cordes eine „Streitschrift“ – und fordert eine „Entweltlichung“ der Kirche. „Das heißt, man kann zum Beispiel aus meiner Sicht nicht bei 54 katholischen Krankenhäusern im Erzbistum Köln und bei 50.000 kirchlichen Angestellten erwarten, dass die alle nach den kirchlichen Prinzipien denken und leben. Das wäre realitätsfremd“, sagte Lütz dem Kölner Domradio. „Sie finden heute gar nicht mehr genügend Chefärzte, die wirklich die Auffassungen vertreten, die in den Dienstverträgen niedergelegt sind, die sie unterschreiben. Das kann nicht mehr so weitergehen, wenn die Kirche nicht ihre Glaubwürdigkeit verlieren soll.“

Weiter plädiert Lütz in dem Buch dafür, „einen Kernbereich weiter unter den bisherigen Kriterien der bischöflichen Grundordnung zu belassen, aber zum Beispiel aus der großen Mehrzahl dieser katholischen Krankenhäuser Krankenhäuser ‘aus katholischer Tradition‘ zu machen, wo nicht abgetrieben wird, wo auch Obdachlose noch versorgt werden, wo man nicht nach Profit strebt, wo man also wirklich immer noch im Sinne der Nächstenliebe tätig ist, aber wo man nicht mehr katholische Kriterien an die Mitarbeiter anlegt. Das wären dann natürlich keine katholischen Krankenhäuser mehr. Es wären Krankenhäuser, die die katholische Tradition noch pflegen würden, aber an denen es nicht mehr diese unangenehme Atmosphäre produzierter Heuchelei gäbe, in der bloß noch die Fassade katholisch zu sein scheint, obwohl es dahinter ganz anders aussieht.“

Es ist kurz vor Weihnachten. Unter der Decke am Eingang des Alexianer-Krankenhauses in Köln-Porz hängt ein großer Adventskranz. Der Pförtner weist den Weg zum Chefarzt im 1. Stock. Dort bittet der 1,90-Meter-Mann mit dem weißen Bart und der weißen Brille in sein Büro. Das schlichte Ikea-Design der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts hat Manfred Rudolf Lütz, der hier 1997 im Alter von 43 Jahren Chef wurde, von seinem Vorgänger übernommen. Die Stapel von Büchern und Papieren überraschen kaum bei einem derart Kreativen. Bei all der Medienpräsenz – bereitet der Arztberuf da noch Freude? „Ich mag an meinen Patienten die Unmittelbarkeit“, sagt Lütz, „meine Patienten sagen mir, was sie denken.“ Auch empfindet er es als „tiefe Befriedigung“, zum Beispiel einen depressiv erkrankten, suizidgefährdeten Menschen zu heilen. Im Umgang mit seinen nachgeordneten Ärzten pflegt der Chefarzt nach eigenen Worten das Subsidiaritätsprinzip: „Sie sollen frei und kreativ arbeiten können, die vorgesetzte Ebene ist subsidiär hilfreich.“ Eine Delegation „von oben herab“ liegt ihm nicht: „Wer das nötig hat, ist kein guter Chef.“

An einem Samstag Ende September beim Zappen. Im SWR Fernsehen ist ein Mann zu Gast, der eine ziemlich gelbe Krawatte trägt auf ein beiges Hemd, eine grüne Cordhose und ein grünliches Jackett, dazu hellbraune Schuhe. „Ich will kein Guru sein“, sagt der Mann, der ein Dauergast auf deutschen Fernsehkanälen ist und einer der bekanntesten Seelendoktoren des Landes. Letzteres hält ihn nicht davon ab, ordentlich über Psychotherapeuten zu lästern: Manches Problem sollte besser mit der Freundin oder einem lebenserfahrenen Mütterchen besprochen werden als mit einem Psychotherapeuten mit Einserabitur, dessen Erfahrungsschatz sich beschränkt auf Gespräche mit gestörten Menschen in hässlichen Räumen. So kann Manfred Lütz live sein: Die Pointe setzt er gewitzt wie ein Kabarettist. Gleichzeitig hat man irgendwie das Gefühl, da gibt es eine tiefere Wahrheit.

Buchcover Jehuda Bacon, Manfred Lütz

Wo war Gott in Auschwitz?

Der 1929 in Ostrava geborene israelische Künstler Jehuda Bacon hat die Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebt. In dem Buch „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden“ erzählt er im Gespräch mit Dr. Manfred Lütz von seinen Erfahrungen. „Er begegnet einem existenziell, unglaublich demütig, mit einer heiteren Bescheidenheit. Ein Mensch, der eine Liebenswürdigkeit ausstrahlt, die etwas ganz Unmittelbares ist“, sagt Lütz, „seit ich Jehuda Bacon begegnet bin, lebe ich anders, mein Leben ist ein bißchen heller geworden.“

Jehuda Bacon, Manfred Lütz: „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.“
Leben nach Auschwitz. Gütersloher Verlagshaus, 16,99 Euro.

  Zum Seitenanfang

letzte Änderung am: 22.12.2016



Ärztliche Flüchtlingshilfe

Flüchtlinge in Deutschland

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 7/2017

Titel 9/2017 Titelgestaltung: Eberhard Wolf

Titelthema

SOS am Arbeitsplatz: Mit Mobbing und psychischen Belastungen umgehen

 aktuelle Ausgabe

Shalom Shlomo!

Sally Perel (Mitte) mit Dr. Beatrix Brägelmann und Thomas Tillmann. Foto: ble 

Ein Abend mit Texten und Liedern für und mit Sally Perel dem Hitlerjungen Salomon erwartet Sie am Freitag, 22. September 2017 ab 20 Uhr im Haus der Ärzteschaft in Düsseldorf.

Der Abend wird gestaltet von Sally Perel, Thomas Tillmann und Beatrix Brägelmann.

interner Link Nähere Informationen und Kartenbestellung

ÄkNo: Beratungstag für junge Kammermitglieder

Logo Ärztekammer Nordrhein

Die Ärztekammer Nordrhein lädt ihre jungen Kammermitglieder am Samstag, 30. September 2017 von 10 bis 15.30 Uhr zu einer Informationsbörse mit Vorträgen, Workshops und individueller Beratung ins Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft ein.

interner Link Programm und Anmeldemöglichkeit

Materialbestellung

Die Ärztekammer Nordrhein hält zahlreiche Informationsbroschüre und Flyer für Ärztinnen und Ärzte, Bürgerinnen und Bürger oder auch zur Auslage im Wartezimmer bereit. Die Materialien können einfach ein bereitgestelltes Online-Formular bestellt werden.

Interner Link Materialbestellung

Logo Cochrane Library
Jobbörse für MFA
Screenshot Jobbörse

Suchen Sie eine neue Praxis-Mitarbeiter/in oder haben Sie einen Ausbildungs- / Praktikums- / Hospitationsplatz frei? Über die Jobbörse auf unserer Homepage haben Sie die Möglichkeit, schnell und kostenlos ein Inserat aufzugeben. Auch Job-Suchende können hier eine Anzeige schalten.

interner Link Jobbörse

Critical Incident Reporting System NRW. Melde- und Lernsystem für medizinische Beinahe-Fehler für NRW.

 Internetlink www.cirs-nrw.de

Diese Web Seite ist von der Health On the Net Stiftung akkreditiert: Klicken Sie, um dies zu überprüfen

Wir befolgen den HONcode Standard für vertrauensvolle Gesundheitsinformationen.
Kontrollieren Sie dies hier.


Medisuch-Siegel

Die Medizinsuchmaschine "Medisuch" bestätigt der Ärztekammer Nordrhein, dass die Homepage ohne kommerzielle Einflussnahme erstellt ist.

Video über die Ärztekammer Nordrhein
Screenshot-Image-Video

Video (7 Minuten): Die Aufgaben der Ärztekammer Nordrhein

Interner Link Imagevideo