„In2Balance“: Unterstützung traumabelasteter Flüchtlinge durch Laienhelfer

Ein Pilotprojekt der Ärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein und des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge Düsseldorf schult Menschen mit Flüchtlingserfahrung zu Laienhelfern. So sollen traumabelastete Flüchtlinge in den Unterkünften niedrigschwellig begleitet werden.

von Dagmar M. David und Martina Levartz

Gruppenfoto: Laienhelfer Fortbildung Foto: Jürgen Brenn

20 Laienhelfer wurden im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft geschult. Foto: bre

Welchen Einfluss sprachliche und kulturelle Hürden auf die medizinische Versorgung von geflüchteten Menschen haben können, darüber diskutierten Experten auf einer Veranstaltung des Instituts für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein (IQN) Ende November im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft. Neben körperlichen Gewalterfahrungen und posttraumatischen Belastungsstörungen beleuchtete die Veranstaltung auch die Unterstützung traumabelasteter Flüchtlinge durch Laienhelfer. Gemeinsam mit dem Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf (PSZ) haben die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein an einem Pilotprojekt in Düsseldorf zum Einsatz von Laienhelfern mitgewirkt, das noch bis August kommenden Jahres läuft. Menschen, die zum Teil selber eine Flüchtlingsgeschichte haben, sollen Flüchtlinge ihres Kulturkreises in den Unterkünften aufsuchen, sie informieren und unterstützen. Dabei sollen auch psychische Erkrankungen erkannt und die Betroffenen professioneller Hilfe zugeführt werden.

Insgesamt 20 Frauen und Männer hat das PSZ aus einer großen Zahl von Bewerbern ausgewählt. Sie wurden an fünf Tagen als Laienhelferinnen und -helfer im Haus der Ärzteschaft geschult. Neben Grundkenntnissen des deutschen Gesundheitssystems und des Ausländer- und Asylrechts lernten die Laienhelfer auch etwas über die Arbeit mit Gruppen, über Gesprächsführung und Grundlagen der Symptomenlehre. Zum Lehrplan gehörten zudem Übungen zur Entspannung und zum Stressabbau.

Das auf diesen Grundlagen basierende Angebot in den Unterkünften bleibt dabei ausdrücklich unterhalb eines therapeutischen Ansatzes. Es handelt sich bei der Arbeit der Laienhelfer um Hilfe zur Selbsthilfe. Sie bieten in den Düsseldorfer Unterkünften neben allgemeinen Informationsveranstaltungen für neu angekommene Flüchtlinge auch fortlaufende wöchentliche Gruppenveranstaltungen sowie Einzelgespräche an. Dabei sollen Personen, die Anzeichen einer psychischen Erkrankung zeigen, einer professionellen Abklärung und gegebenenfalls Therapie zugeleitet werden. Hierzu werden für das Projekt noch Ärztinnen und Ärzte sowie Psychologische Psychotherapeuten gesucht, die spezielle Sprechstunden anbieten. Das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen (MGEPA) unterstützt das Projekt mit 250.000 Euro.

Die große Zahl von geflüchteten Menschen, die Deutschland erreichen, stellt nicht nur die Politik, sondern auch das Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. NRW als bevölkerungsreichstes Bundesland hat viele geflüchtete Menschen bei sich aufgenommen. Von den rund 175.000 Neuankömmlingen im Jahr 2015 in Nordrhein-Westfalen sind mehr als 70 Prozent jünger als 30 Jahre, fast zwei Drittel davon sind Männer. Obwohl diese Menschen in der Regel wenige (Grund-)Erkrankungen haben, sind sie aufgrund der Kriegserlebnisse, der Strapazen der zum Teil lebensgefährlichen Flucht und den ­Erfahrungen in den Aufnahmeländern psychisch stark belastet. In ihren Heimatländern wie Syrien, Afghanistan, dem Irak oder Eritrea mussten sie um ihr Leben fürchten. Derart entwurzelt und belastet, zeigen viele Flüchtlinge Stressreaktionen. Entsprechend häufig werden auch pathologische Entwicklungen wie zum Beispiel posttraumatische Belastungsstörungen erwartet.

Geflüchtete sind häufig psychisch stark belastet

Eine Untersuchung der psychologischen Forschungs- und Modellambulanz für Flüchtlinge der Universität Konstanz (Gaebel et al., 2006) hat ergeben, dass es so zu sein scheint, dass mehr Geflüchtete als erwartet unter psychischen Erkrankungen leiden. Dabei ist psychische Gesundheit eine Voraussetzung dafür, sein Leben aktiv zu gestalten und sich zu integrieren. Die Versorgungsstrukturen in Deutschland sind derzeit nicht darauf ausgerichtet, alle Flüchtlinge zeitnah einer geeigneten Diagnostik zuzuleiten. Für die Behandlung fehlen genügend muttersprachliche Personen.

Studien und Erfahrungen in der Arbeit mit den geflüchteten Menschen haben die Wirksamkeit von unterstützenden Maßnahmen durch geschulte Laien gezeigt (Kruse, Joksimovic et al. 2009, Köbach, Schaal et al. 2015). Eine beträchtliche Gruppe von psychisch belasteten Flüchtlingen kann von günstigen Umfeldbedingungen sowie durch basale unterstützende und stabilisierende Maßnahmen durch geschulte Laienhelfer profitieren. Damit könnten für diese Gruppe Integrationshemmnisse deutlich reduziert werden.

Bei Fragen zum Projekt wenden Sie sich an Veronika Wolf, Psychosoziales Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf, telefonisch unter: 0211 544173-30.

Dr. med. Dagmar M. David, MPH, ist Referentin im Institut für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein (IQN), Dr. med. Martina Levartz, MPH, ist Geschäftsführerin des Instituts.

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letzte Änderung am: 22.12.2016



Ärztliche Flüchtlingshilfe

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Rheinisches Ärzteblatt

Heft 11/2017

Titel 11/2017 Titelgestaltung: Eberhard Wolf

Titelthema

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Mitte September fand das Kammersymposium zur Arzt-Patienten-Kommunikation statt.

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