Sichere Entsorgung von Arzneimitteln über den Hausmüll

Arzneimittel

Düsseldorf, 22.2.2013. Arzneimittel sind für eine wirksame und sichere Behandlung von Patientinnen und Patienten unverzichtbar. Arzneimittel werden jedoch zu einer Belastung für die Umwelt, wenn sie sich im Oberflächenwasser, im Grund- und Trinkwasser oder auch im Erdreich anreichern und hier ungewollte Auswirkungen wie Resistenzentwicklungen von Bakterien gegen zahlreiche Antibiotika entfalten. Die im Trinkwasser nachweisbaren Arzneimittelspuren liegen im Bereich von Nanogramm bis wenige µg pro Liter und gelten nach heutigem Kenntnisstand als für den Menschen pharmakologisch unbedenklich. Dennoch müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um ökologischen Folgen und eventuellen Langzeitwirkungen beim Menschen durch den Dauergebrauch von minimal belastetem Trinkwasser vorsorglich entgegenzutreten.

Daher wird dem Vorkommen von humanpharmakologisch wirksamen Substanzen in der Umwelt zunehmend Beachtung geschenkt. Es ist zum Teil zurückzuführen auf Abwässer aus Krankenhäusern, pharmazeutischen Unternehmen, Landwirtschaft (Tierarzneimittel), aber auch auf den bestimmungsgemäßen Gebrauch von Arzneimitteln, nämlich Einnahme und nachfolgende Ausscheidung durch Patienten (2). Dies betrifft zum Beispiel hormonell, analgetisch, antibiotisch ebenso wie auch zytostatisch wirksame Substanzen, die zu den 156 bislang in Oberflächengewässern, Sedimenten, Grundwasser und Böden nachgewiesenen Wirkstoffen zählen (3).

Dabei spielen nicht nur die genannten Quellen der Umweltbelastung eine Rolle, sondern auch unverbrauchte Arzneimittel, die falsch entsorgt werden: ein nicht genau quantifizierbarer, Schätzungen zufolge aber relevanter Anteil gelangt durch eine unsachgemäße häusliche Entsorgung über die Toilette oder den Ausguss in das Abwasser und damit wieder in den Wasserkreislauf. Hierzu werden in der Literatur regelmäßig Zahlen aus einer vom Bundesforschungsministerium finanzierten Befragung von 1.306 Personen zitiert. 205 Befragte gaben an, unverbrauchte Tabletten selten bis immer in die Toilette zu werfen, bei flüssigen Arzneimitteln waren es 571 Befragte, die selten bis immer ihre nicht mehr benötigten Medikamente über die Toilette oder den Ausguss entsorgten (4).

Diese Daten stammen aus dem Jahr 2006, als die Rücknahme ungenutzter Arzneimittel durch die Apotheke noch Standard war. Im Jahr 2009 führte jedoch eine Änderung der Verpackungsverordnung dazu, dass dieser bis dahin etablierten Praxis der freiwilligen Medikamentenrücknahme in Apotheken die Finanzierungsgrundlage entzogen wurde. Bundesregierung, Umweltministerien und Apothekerkammern empfehlen seither bis auf wenige Ausnahmen die kindersichere Entsorgung von Altmedikamenten, auch flüssigen, über den Hausmüll (Zu den Ausnahmen zählen zum Beispiel Betäubungsmittel, Zytostatika oder nicht vollstänig entleerte Sprays. Es bietet sich an, dass Ärzte gegebenenfalls ihre Stamm-Apotheke um Rücknahme solcher Arzneimittel bitten). Dessen weitere sichere und rückstandsfreie Entsorgung durch anschließende Verbrennung wird NRW-weit von den Kommunen geregelt. Unbeschadet dessen bieten auch heute nach wie vor zahlreiche Apotheken einen für die Kunden unentgeltlichen Rücknahmeservice von Altarzneimitteln an.

Obwohl aktuelle Daten über eine unsachgemäße Entsorgung von Altarzneimitteln nicht vorliegen, werden weiterhin Wissensdefizite in der Bevölkerung dahingehend vermutet, dass unverbrauchte Arzneimittel sicher über den Hausmüll entsorgt werden können.

Um diese Defizite abzubauen, publizieren zahlreiche Institutionen gut zugängliche und allgemeinverständliche Informationen. Beiträge leisten neben anderen Akteuren beispielsweise das Bundesgesundheitsministerium oder – in NRW – das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, Verbraucherschutzzentralen ebenso wie die Städte.

Von Kritikern wird dagegen gelegentlich vorgehalten, dass die Entsorgung von Altmedikamenten über den Hausmüll erhöhte Risiken für Kinder birgt. Beispielhaft herangezogen werden in diesem Zusammenhang 26 akzidentelle Vergiftungen durch Fentanyl-Pflaster, darunter zehn tödliche, die der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA innerhalb von 15 Jahren bekannt gemacht wurden. Die FDA warnte aufgrund dieser Kasuistiken vor jeglicher Möglichkeit, die Kindern das Finden solcher Pflaster im Wohnumfeld erlaubt, wie auch davor, Kinder körpernah über einem aufgeklebten Fentanyl-Pflaster (5) zu tragen. Eine Anfrage bei der Informationszentrale gegen Vergiftungen am Zentrum für Kinderheilkunde des Universitätsklinikums Bonn hat ergeben, dass nach ihren Beobachtungen eine spezifische Risikosituation für Kinder, sich an einem aus dem Hausmüll gefischten Arzneimittel zu vergiften, nicht aufgefallen sei (6). Eltern werden allgemein darauf aufmerksam gemacht, dass sich die meisten Arzneimittel-bedingten Vergiftungen bei Kindern ereignen, wenn bei einem Erkrankungsfall in der Familie die eingesetzten Medikamente in den Aktionsbereich von Kindern gelangen (7).

Was also können Ärzte im Rahmen ihrer Tätigkeit beitragen? Neben der Apothekerschaft können auch sie ihre Patienten auf die Notwendigkeit einer kindersicheren Aufbewahrung von Arzneimitteln und der korrekten Entsorgung von Restbeständen über den Hausmüll hinweisen. Darüber hinaus hat das Umweltbundesamt in einem Forschungsvorhaben Kommunikationsstrategien zur Schärfung des Umweltbewusstseins im Umgang mit Arzneimitteln entwickelt, bei denen auch die Ärzteschaft als Zielpopulation angesprochen wird. Als Ziel der Befassung der Ärzte mit dieser Problematik wird angestrebt, eine Verbindung zwischen der (eigenen) ärztlichen Verschreibungspraxis und dem Problem der Medikamentenrückstände in der Umwelt herzustellen. Dies wird auch unter dem Aspekt gesehen, durch Reduktion des Arzneimittelverbrauchs zur Minderung des Problems beizutragen (1, 8, 9).

Interessierte finden aufschlussreiche weitere Informationen zum Thema in der Bundestagsdrucksache 17/11234 vom 26. Oktober 2012 (10).


 

Quellen
  1. Umweltbundesamt. Maßnahmen zur Minderung des Eintrags von Humanarzneimitteln und ihrer Rückstände in das Rohwasser zur Trinkwasseraufbereitung. Bundesgesundheitsbl (2012) 55:143-149.
  2. Hartnäckige Arzneimittel-Rückstände. dpa / 19.09.2012
  3. Arzneimittelrückstände belasten Umwelt zunehmend. DAZ Nr. 7, 40-41 (2012)
  4. Internetlink www.start-project.de
  5. Internetlink www.fda.gov/Drugs/DrugSafety/ucm300747.htm
  6. E-Mail der Informationszentrale für Vergiftungen, Bonn, vom 22.10.2012
  7. Informationszentrale gegen Vergiftungen, Bonn. Ratgeber für Vergiftungsunfälle (2009).
    Internetlink www.gizbonn.de
  8. Götz K et al. Kommunikationsstrategien zur Schärfung des Umweltbewusstseins im Umgang mit Arzneimitteln. ISOE- Studientexte, Nr. 16; Forschungsvorhaben 370861400 des Umweltbundesamtes (2011)
  9. Siehe hierzu auch Welt online vom 27.09.2012: Wo am meisten Antibiotika verschrieben werden
  10. Anthropogene Spurenstoffe in der Umwelt. Antwort der Bundesregierung auf die Drucksache 17/10914. BTD 17/11234 vom 26.10.2012

ÄkNo


Zurück zur Übersicht

  Zum Seitenanfang

letzte Änderung am: 22.02.2013



Ihre Ansprechpartnerin zu Arzneimitteln

Dr. Monika Schutte, Icon Telefon 0211 / 4302 2285

Icon Mail Dr.Schutte@aekno.de

Ärztliche Flüchtlingshilfe

Flüchtlinge in Deutschland Foto: picture alliance/AP Images/Hussein Malla

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 11/2017

Titel 11/2017 Titelgestaltung: Eberhard Wolf

Titelthema

Ärztliche Kommunikation als medizinisches Handeln

 aktuelle Ausgabe

Dokumentation Kammersymposium zur Arzt-Patienten-Kommunikation

Ärztin spricht mit Patientin Foto: Westend61/fotolia.com 

Mitte September fand das Kammersymposium zur Arzt-Patienten-Kommunikation statt.

Die Vorträge stehen nun für Interessierte bereit

interner Link Dokumentation

Materialbestellung

Die Ärztekammer Nordrhein hält zahlreiche Informationsbroschüre und Flyer für Ärztinnen und Ärzte, Bürgerinnen und Bürger oder auch zur Auslage im Wartezimmer bereit. Die Materialien können einfach ein bereitgestelltes Online-Formular bestellt werden.

Interner Link Materialbestellung

Logo Cochrane Library
Jobbörse für MFA
Screenshot Jobbörse

Suchen Sie eine neue Praxis-Mitarbeiter/in oder haben Sie einen Ausbildungs- / Praktikums- / Hospitationsplatz frei? Über die Jobbörse auf unserer Homepage haben Sie die Möglichkeit, schnell und kostenlos ein Inserat aufzugeben. Auch Job-Suchende können hier eine Anzeige schalten.

interner Link Jobbörse

Critical Incident Reporting System NRW. Melde- und Lernsystem für medizinische Beinahe-Fehler für NRW.

 Internetlink www.cirs-nrw.de

Diese Web Seite ist von der Health On the Net Stiftung akkreditiert: Klicken Sie, um dies zu überprüfen

Wir befolgen den HONcode Standard für vertrauensvolle Gesundheitsinformationen.
Kontrollieren Sie dies hier.


Medisuch-Siegel

Die Medizinsuchmaschine "Medisuch" bestätigt der Ärztekammer Nordrhein, dass die Homepage ohne kommerzielle Einflussnahme erstellt ist.

Video über die Ärztekammer Nordrhein
Screenshot-Image-Video

Video (7 Minuten): Die Aufgaben der Ärztekammer Nordrhein

Interner Link Imagevideo