Medizinische Hilfe für Illegale
Ärztliche Initiativen und Netzwerke kümmern sich um die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere.
Sie arbeiten als Schneiderinnen oder Tellerwäscher, reinigen Flugzeuge oder kümmern sich um pflegebedürftige Menschen. Sie haben zumeist eine Wohnung oder zumindest ein Zimmer, wo sie mit ihren Familien und Kindern leben. Sie kommen aus Marokko, dem Senegal, Brasilien, Bangladesch, Kamerun, Nigeria oder Albanien. Was sie von den meisten Ausländern in Deutschland unterscheidet: Sie haben keine gültigen Papiere, keinen Aufenthaltstitel. Dieser Status zwingt die Menschen in die Illegalität. Nach Schätzungen leben in Deutschland zwischen 500.000 und einer Million Menschen ohne Papiere, die meisten von ihnen in Großstädten. Flüchtlingsinitiativen versuchen, in sozialen und rechtlichen Belangen zu helfen. Wenn Menschen ohne Aufenthaltsstatus krank werden, scheuen sie häufig den Gang zum Arzt - aus Angst, von den Ausländerbehörden entdeckt zu werden. Deshalb gibt es in Deutschland knapp 20 Netzwerke, die sich um die gesundheitliche Beratung und die Vermittlung von Flüchtlingen ohne Papiere in eine Behandlung kümmern. Eine solche Initiative hat sich vor rund einem Jahr in Düsseldorf gegründet.Recht auf medizinische Versorgung
Bei Bedarf nimmt Dr. Alex Rosen kleine Voruntersuchungen an
Personen, die ohne gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland
leben, während den Sprechzeiten des MediNetz Düsseldorf in der
Beratungsstelle vor, damit die Patienten gezielt an kooperierende
Ärztinnen und Ärzte weitergeleitet werden können
(Szene nachgestellt). Foto: bre
Dr. Alex Rosen war einer der Mediziner, die MediNetz Düsseldorf aus der Taufe gehoben haben. Zusammen mit einer Rechts- und Sozialberatung wurde der Verein „Stay! Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative e. V.“ gegründet. Mittlerweile hat MediNetz Düsseldorf ein Kooperationsnetz mit rund 25 Praxen in Düsseldorf, Hilden und weiteren Städten geknüpft, die sich dazu bereit erklärt haben, Menschen ohne Papiere zu behandeln. Darunter sind Allgemeinmediziner, Kinder-, Augen- und Zahnärzte, Gynäkologen, Orthopäden, HNO-Ärzte, aber auch Hebammen, berichtet Rosen. Zur Betreuung traumatisierter Menschen arbeiten ein Diplom-Psychologe und ein Psychiater in der Initiative mit. Nicht ohne Stolz berichtet Rosen von einer Kooperation mit einem Krankenhaus, als ein Leistenbruch operiert werden musste. Der Chirurg und die Klinikverwaltung zeigten sich kooperativ. Jeder leistete seinen Beitrag, sodass die Operation und der nachfolgende stationäre Aufenthalt des Patienten zu einem sehr günstigen Kostenbeitrag möglich wurden. Dies sei zwar ein bisher einmaliger Vorgang gewesen, aber „man hat den Eindruck, wenn ein konkreter Fall vorliegt, hat man die Möglichkeit, Wege zu finden“, sagte Rosen und hob besonders die kirchlich getragenen Krankenhäuser und deren Mitarbeiter hervor.
Die Mitarbeiter von MediNetz selbst behandeln keine Patienten: „Wir sind eine Beratungsstelle“, so der angehende Kinderarzt. Wenn Migrantinnen und Migranten in die Sprechstunde kommen, wird herausgefunden, zu welchem angeschlossenen Partnerarzt die Patienten vermittelt werden. Um dies bei unklarer Anamnese abzuklären, können die Patienten in einem separaten Raum untersucht werden. „Die Leute kommen mit der ganzen Palette von Krankheiten zu uns wie beispielsweise Knochenbrüche, Infektionskrankheiten, Diabetes, Gicht oder Dermatosen und Kiefer- und Zahnbeschwerden“, berichtet Rosen.
„Auch viele Schwangere suchen uns auf, um sich zu vergewissern, dass mit ihrem Kind alles in Ordnung ist“, ergänzt die Krankenschwester und MediNetz-Mitarbeiterin Simone Froschauer. In den Krankheitsbildern spiegeln sich oft die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen wider, unter denen die Menschen ohne Papiere zu leiden haben, stellt Rosen fest. Auch belasten die gesamte Lebenssituation und der damit verbundene Stress die Psyche der Menschen, wie Rosen beobachtet hat. Viele leiden unter Depressionen oder Psychosomatosen. Deshalb stellt sich für das MediNetz die Frage, wie solchen Menschen eine aufwendige Psychotherapie oder zumindest eine erste Exploration ermöglicht werden kann. Nicht zuletzt deshalb sucht MediNetz weitere Ärztinnen und Ärzte, die sich dem Netzwerk anschließen. „Wir suchen Allgemeinmediziner, Gynäkologen, Haut- und Zahnärzte sowie ärztliche und psychologische Psychotherapeuten“, sagt Rosen.
Keine Almosen verteilen
Die Behandlungen müssen nicht gratis erfolgen. „Wir verhelfen den Menschen, die zu uns kommen, zu einer medizinischen Behandlung, wie sie auch jeder andere, der zum Arzt geht, erwartet“, so Rosen und betont: „Es geht um Gerechtigkeit, Fairness und das Recht auf Gesundheit.“ Zur Fairness gehöre auch, dass die Patienten sich so weit wie möglich an den Kosten für ihre Behandlung beteiligen. Viele der Illegalen seien nicht mittellos und erwarteten keine Almosen, auch wenn die finanzielle Beteiligung oft den Charakter eines symbolischen Wertes nicht übersteigt. Für einen Mann, der an einer Infektionskrankheit litt, habe MediNetz die Arzneimittelkosten vorgestreckt, erzählt Rosen. Der Mann habe von sich aus vorgeschlagen, den Betrag auf Raten abzubezahlen. Er kam regelmäßig in die Beratungsstelle und legte mit einer gewissen Befriedigung einen 10-Euro-Schein auf den Tisch. „Die Menschen haben ihren Stolz“, so Rosen.
Rosen weiß, dass die Menschen ohne Papiere Angst vor den Ausländerbehörden und einer drohenden Abschiebung haben und sich diese Angst in eine Paranoia steigern kann: „Manche gehen zwei-, dreimal am Fenster der Beratungsstelle auf und ab, bevor sie den Mut finden, einzutreten.“ Viele der Menschen wissen nicht, dass Ärztinnen und Ärzte der Schweigepflicht unterliegen und keine Informationen an offizielle Behörden weitergeben. Ebenfalls sind Bedenken unbegründet, dass Ärztinnen und Ärzte durch die Behandlung von Menschen mit unklarem Auf-
enthaltsstatus in Konflikt mit dem Gesetz kommen. Der Aufenthaltsstatus eines Patienten ist für die Arzt-Patienten Beziehung nicht relevant.
Medizinische Vermittlungs- und Beratungsstellen für Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten in Nordrhein
Bonn: MediNetz Bonn c/o Informationsstelle Lateinamerika (ila) e.V.
Oscar-Romero-Haus, Heerstr. 205, 53111 Bonn, Tel.: 02 28/69 52 66,
E-Mail: info@MediNetzBonn.de, Internet: www.medinetzbonn.de
Düsseldorf: MediNetz Düsseldorf, c/o Stay! Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative e.V.
Hüttenstr. 150, 40227 Düsseldorf, Tel.: 02 11/72 13 95 12,
E-Mail: medinetz@gmx.de,
Internet: www.stay-duesseldorf.de/sprechstunde.html
Essen: MediNetz Essen e. V., Medizinische Flüchtlingshilfe,
Maxstr. 11, 45127 Essen, Tel.: 02 01/2 20 04 19,
Notfall-Nummer: 01 78/1 98 29 95, E-Mail: info@medinetz-essen.de
Köln: Kein Mensch ist illegal, AG Medizinische Versorgung, c/o Agisra,
Steinbergerstr. 40, 50733 Köln, Tel.: 02 21/2 71 97 96,
Internet: www.kmii-koeln.de/med/index.html
Malteser Migranten Medizin, c/o St. Hildegardis,
Bachemer Str. 29-33, 50931 Köln, Tel.: 02 21/2 77 83 01, Fax: 02 21/2 77 85 53,
E-Mail: MMM@malteser-koeln.de,
Internet: www.malteser-migranten-medizin.de
Übersichten über die in Deutschland arbeitenden Vermittlungs- und Beratungsstellen
finden sich im Internet unter www.medibueros.org
letzte Änderung am: 12.07.2010
Rheinisches Ärzteblatt
Heft 09/2010

Titelthema
Medizinische Fachangestellte: Ausbilden heißt Zukunft sichern
Vertrauen auf Vertraulichkeit ?!
Patientenschutz und Datenschutz im Gesundheitswesen

Kolloquium der Ärztekammer Nordrhein
Samstag, 2. Oktober 2010, 9:00 bis 14:00 Uhr
Düsseldorf, Haus der Ärzteschaft, Tersteegenstraße 9
Begrüßungsveranstaltung im Video
Ab sofort sind Ausschnitte der Begrüßungsveranstaltung neuer Kammermitglieder als Videostream online.

