Ärztemangel gefährdet bedarfsgerechte Patientenversorgung in NRW

Witten/Düsseldorf/Münster, 10. Mai 2011 – Die nordrhein-westfälischen Ärztekammern und die Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke (UW/H) warnen vor einem gravierenden Ärztemangel in NRW. Wenn der Arztberuf nicht wieder attraktiver werde, drohe das gute medizinische Niveau im Land mittelfristig einzubrechen, hieß es heute bei einer Expertentagung in Witten. Bereits heute sind in NRW etwa 1500 klinische und 500 ambulante Arztstellen unbesetzt. Die gemeinsame Forderung lautet: Jetzt gegensteuern, um den bis 2030 drohenden Rückfall auf das Versorgungsniveau der 70er Jahre zu verhindern. Laut Prognosen werden ohne entschlossenes Eingreifen ab 2030 doppelt so viele Ärztinnen und Ärzte aus ihrer Berufstätigkeit in Klinik oder Praxis ausscheiden wie nachrücken.

„Ärzte werden Mangelware. In der Patientenversorgung kommen einfach zu wenige Ärzte an. Das lässt sich durch zahlreiche Studien belegen und kann nicht mit Schlagworten wie Verteilungsproblem und Fehlversorgung wegdiskutiert werden“, erklärt dazu der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), Dr. Theodor Windhorst. „Es lodert bereits vielerorts, in fünf Jahren brennt es lichterloh, in 15 Jahren wird die Lage katastrophal sein.“ Gerade in einer Gesellschaft des Älterwerdens und des langen Lebens dürften nicht immer mehr Jungmediziner nach dem Examen oder der Weiterbildung ins Ausland oder in fachfremde Berufsfelder außerhalb der Kuration abwandern. „Diese gehen für die Patientenversorgung in Praxen und Krankenhäusern verloren“, sagt Windhorst. „Wir brauchen eine konzertierte Aktion aller Beteiligten, sonst droht ein Flächenbrand. Auch die Politik muss ihrer Verantwortung für die Daseinsfürsorge nachkommen.“

Insbesondere für den Mangelberuf des Hausarztes sollten angehende Mediziner bereits während der Ausbildung begeistert werden, sagt der Präsident der Ärztekammer Nordrhein und der Bundesärztekammer, Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe. Daher verlangen die Ärztekammern, dass an  allen medizinischen Fakultäten in Nordrhein-Westfalen kurzfristig Institute und Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet werden. Teilweise müssten Patienten bereits jetzt große Entfernungen bis zum nächsten Allgemeinmediziner zurücklegen. Bis zum Jahr 2020 werden aus Altersgründen bundesweit rund 24.000 Hausärzte aus der Patientenversorgung ausscheiden, so Hoppe. Nach den Zahlen des Bundesarztregisters seien etwa 20 Prozent der niedergelassenen Hausärztinnen und Hausärzte über 60 Jahre alt. Im Kammerbezirk Nordrhein müssten bei circa 6000 hausärztlich tätigen Ärztinnen und Ärzten jährlich 200 neue Hausärzte nachrücken, um diese Lücke zu schließen. Derzeit liegt die Zahl lediglich bei 100 Ärztinnen und Ärzten pro Jahr. Daher fördern die Ärztekammern nachhaltige Programme wie die hausärztlichen Weiterbildungsverbünde, die in vielen Orten und Regionen Nordrhein-Westfalens entstehen.

Prof. Hahn, Dekan der Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke, weist darauf hin, dass die Universität Witten/Herdecke schon 2007 einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin eingerichtet und mit Prof. Dr. Stefan Wilm besetzt hat, der auch niedergelassener Arzt ist. Außerdem besuchen die Studierenden im Modellstudiengang Humanmedizin ab dem ersten Semester und fortlaufend immer wieder Sprechstunden von niedergelassenen Ärzten, um den Berufsalltag kennen zu lernen. Der klinische Unterricht findet über mehrere Semester auf den Stationen der Kliniken der UW/H statt, also mit einem hohen Praxisanteil. „Wir hoffen, dass wir damit und mit weiteren Bestandteilen unserer Arztausbildung die spätere Praxis so sehr in den Mittelpunkt des Studiums stellen, dass unsere Studierenden ihre Berufsentscheidung wirklich bewusst und schon früh im Studium für die Praxis treffen können“.

Die Gründe für den Ärztemangel sehen Windhorst, Hoppe und Hahn vor allem in dem 2006 geänderten Arbeitszeitgesetz, einer Steigerung des Frauenanteils bei den Studierenden sowie dem gestiegenen Anspruch der Jungmediziner nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Ein ganzes Bündel von Maßnahmen ist notwendig“, sagt Windhorst, „es reicht nicht, nur einzelne Stellschrauben zu drehen.“ Zu dem von ihm, Hoppe und Hahn geforderten Maßnahmenkatalog zur Bekämpfung des Ärztemangels gehören die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Praxis und an den Krankenhäusern und eine bessere Vereinbarkeit von ärztlichem Beruf und Familie. Die ärztliche Tätigkeit am Patienten müsse attraktiv bleiben, damit ein Großteil der ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte in der Patientenversorgung tätig bleibt.

Dies umfasse auch eine neue gerechte und faire Honorarregelung in neuen Gebührenordnungen für GKV und PKV, die Abschaffung des Regressrisikos für Niedergelassene und die Aufhebung der Präsenzpflicht für Vertragsärzte. Zusätzlich sollen die Ausbildungskapazitäten an den Universitäten erhöht und die Zugangsbedingungen zum Studium angepasst werden. Notwendig sei zudem eine Verbesserung der ärztlichen Weiterbildung, um die ärztliche Tätigkeit von Anfang an attraktiver zu gestalten. Die Erhöhung der Attraktivität einer Tätigkeit in unterversorgten Regionen zum Beispiel mittels Zuschlägen für Tätigkeiten in weniger attraktiven Gebieten sowie strukturierte Maßnahmen zur medizinischen und gesellschaftlichen Integration ausländischer Ärztinnen und Ärzte seien ebenso notwendig.


Zurück zur Übersicht

  Zum Seitenanfang

letzte Änderung am: 11.05.2011



Ärztliche Flüchtlingshilfe

Flüchtlinge in Deutschland Foto: picture alliance/AP Images/Hussein Malla

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 11/2017

Titel 11/2017 Titelgestaltung: Eberhard Wolf

Titelthema

Ärztliche Kommunikation als medizinisches Handeln

 aktuelle Ausgabe

Dokumentation Kammersymposium zur Arzt-Patienten-Kommunikation

Ärztin spricht mit Patientin Foto: Westend61/fotolia.com 

Mitte September fand das Kammersymposium zur Arzt-Patienten-Kommunikation statt.

Die Vorträge stehen nun für Interessierte bereit

interner Link Dokumentation

Materialbestellung

Die Ärztekammer Nordrhein hält zahlreiche Informationsbroschüre und Flyer für Ärztinnen und Ärzte, Bürgerinnen und Bürger oder auch zur Auslage im Wartezimmer bereit. Die Materialien können einfach ein bereitgestelltes Online-Formular bestellt werden.

Interner Link Materialbestellung

Logo Cochrane Library
Jobbörse für MFA
Screenshot Jobbörse

Suchen Sie eine neue Praxis-Mitarbeiter/in oder haben Sie einen Ausbildungs- / Praktikums- / Hospitationsplatz frei? Über die Jobbörse auf unserer Homepage haben Sie die Möglichkeit, schnell und kostenlos ein Inserat aufzugeben. Auch Job-Suchende können hier eine Anzeige schalten.

interner Link Jobbörse

Critical Incident Reporting System NRW. Melde- und Lernsystem für medizinische Beinahe-Fehler für NRW.

 Internetlink www.cirs-nrw.de

Diese Web Seite ist von der Health On the Net Stiftung akkreditiert: Klicken Sie, um dies zu überprüfen

Wir befolgen den HONcode Standard für vertrauensvolle Gesundheitsinformationen.
Kontrollieren Sie dies hier.


Medisuch-Siegel

Die Medizinsuchmaschine "Medisuch" bestätigt der Ärztekammer Nordrhein, dass die Homepage ohne kommerzielle Einflussnahme erstellt ist.

Video über die Ärztekammer Nordrhein
Screenshot-Image-Video

Video (7 Minuten): Die Aufgaben der Ärztekammer Nordrhein

Interner Link Imagevideo