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Vom Reparaturbetrieb zum Vorsorgebetrieb: Prävention im Fokus

Dr. Arndt Berson
Dr. Arndt Berson © Dr. phil. Ulrike Schaeben

Ein eklatantes Missverhältnis prägt das deutsche Gesundheitssystem: Während jährlich über 360 Milliarden Euro von den gesetzlichen Krankenkassen in die kurative Behandlung fließen, werden für die Prävention lediglich rund 686 Millionen Euro aufgewendet. Wie lässt sich in einem der teuersten Gesundheitssysteme der Welt angesichts dieser Verteilung und wachsender Defizite nachhaltig gegensteuern? Diese zentrale Fragestellung stand im Mittelpunkt der Fortbildungsveranstaltung der Kreisstelle Essen der Ärztekammer Nordrhein am 22. April 2026 unter dem prägnanten Titel "Prävention – was gibt es, was geht noch?".

Ruf nach einem Präventions-Kulturwandel

Zur Eröffnung der Veranstaltung unterstrich Dr. med. Arndt Berson MHBA, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein, in seinem Grußwort die Notwendigkeit eines fundamentalen Umdenkens. Trotz der immensen finanziellen Aufwendungen rangiere die Lebenserwartung in Deutschland im Vergleich zu anderen OECD-Staaten lediglich im Mittelfeld. Ein wesentlicher Grund hierfür sei das eklatante Defizit in der Verhältnis- und Primärprävention.
Berson verwies auf aktuelle Forderungen des Wissenschaftsrates, eine präventions- und gesundheitsorientierte Haltung bereits tief im Medizinstudium sowie in der Aus- und Weiterbildung aller Gesundheitsfachberufe zu verankern. Die Ärzteschaft habe hierbei eine fundamentale Schlüsselrolle: Sie müsse Patientinnen und Patienten nicht nur behandeln, sondern im Praxisalltag konsequent für Vorsorgemöglichkeiten sensibilisieren und motivieren. Denn nach wie vor ist die Inanspruchnahme kassenfinanzierter Vorsorgeuntersuchungen und Impfprogramme in der Bevölkerung unzureichend. Ziel müsse es sein, eine präventive Haltung zu einem festen Bestandteil des ärztlichen und gesellschaftlichen Bewusstseins zu machen.

Die effektivste Therapie beginnt vor der Erkrankung

Den ersten fachlichen Impuls setzte Professor Dr. med. Christian Berg, Chefarzt der Klinik für Angiologie, Diabetologie und Endokrinologie am Evangelischen Krankenhaus Mettmann. Er verdeutlichte anhand medizinischer Evidenzen die enorme Hebelwirkung einer konsequenten Primärprävention. Durch die gezielte Optimierung klassischer kardiovaskulärer und metabolischer Risikofaktoren – wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Fehlernährung – ließen sich schwerwiegende Ereignisse wie Herzinfarkte, Schlaganfälle oder der vorzeitige Tod um 10 bis 15 Jahre verzögern.

Dennoch dominiere in der Praxis weiterhin die "Reparaturmedizin". Das System greife oft erst dann mit maximalem finanziellem Aufwand ein, wenn bereits irreversible Spätfolgen wie fortgeschrittene Gefäßerkrankungen oder Organschäden infolge eines Diabetes mellitus vorliegen. Berg betonte, dass insbesondere die Adipositasprävention im Kindes- und Jugendalter eine Überlebensfrage für das Gesundheitssystem darstelle. Wenn das Entstehen chronischer Zivilisationskrankheiten nicht frühzeitig verhindert werde, drohe dem System eine medizinische und finanzielle Überlastung. Seine Kernbotschaft war unmissverständlich: Eine Plaquestabilisierung oder gar Regression von Gefäßveränderungen sei heute therapeutisch möglich, doch die effektivste Intervention bleibe diejenige, die ansetze, bevor die Krankheit überhaupt entsteht.

Das neue Lungenkrebs-Screening

Wie moderne, strukturierte Früherkennung in der Praxis verankert werden kann, demonstrierte Privatdozent Dr. med. Lars Hagmeyer, Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Allergologie am Krankenhaus Bethanien in Solingen, am Beispiel des neu eingeführten Lungenkrebs-Screenings. Die wissenschaftliche Evidenz liege bereits seit 15 Jahren vor und belege eine signifikante Senkung der Lungenkrebssterblichkeit. Das systematische Screening mittels Niedrigdosis-Computertomographie (LDCT) ist seit April 2026 nun auch eine reguläre Kassenleistung in Deutschland.

Das Programm richtet sich gezielt an Hochrisikogruppen, primär an starke langjährige Raucherinnen und Raucher, um Lungentumore in frühen, noch operablen und somit potenziell heilbaren Stadien zu detektieren. Dr. Hagmeyer erläuterte die strengen regulatorischen und qualitativen Hürden, die der Gesetzgeber für die Durchführung etabliert hat. Um Über- oder Fehldiagnosen zu vermeiden und die Strahlenbelastung zu minimieren, greift ein hochgradig standardisiertes Verfahren: Jedes CT mit tumorverdächtigem Befund muss im Vier-Augen-Prinzip von qualifizierten Erst- und Zweitgutachtern bewertet werden. Die Befundung erfolgt dabei stark digitalisiert und KI-gestützt. Da das Screening jedoch auch eine erhebliche Anzahl an Zufallsbefunden generieren wird, betonte Hagmeyer die Notwendigkeit regionaler interdisziplinärer Netzwerke, um Hausärzte bei der Einordnung der Befunde nicht allein zu lassen.

Prävention als gesamtgesellschaftliche Pflichtaufgabe

In der anschließenden lebhaften Podiumsdiskussion brachte Essens Stadtdirektor Christian Renzel die kommunale und strukturelle Perspektive ein. Wenn die Zuständigkeit und die Mittelvergabe primär bei den Krankenkassen angesiedelt seien, werde Prävention isoliert und verfehle oft die Lebensrealität der Menschen. Echte Vorsorge müsse als gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe verstanden und im Sinne des Ansatzes "Health in all policies" in allen Politikfeldern – von der Stadtplanung bis zur Bildung – verankert werden.

Prävention müsse laut Renzel idealerweise bereits in den ersten 24 Lebensmonaten beginnen. Er berichtete aus der kommunalen Praxis in Essen, wo insbesondere die mangelnde Gesundheits- und Systemkompetenz in einer von Zuwanderung geprägten Stadtgesellschaft eine enorme Herausforderung darstellt. Während junge Erwachsene nach den Jugenduntersuchungen oft bis zum 35. Lebensjahr völlig aus dem Blickfeld des Gesundheitssystems verschwinden und ungesunde Lebensstile wie Rauchen und Fast-Food-Ernährung direkt nach dem Schulhof etablieren, zeigt die Stadt Essen bei der älteren Generation Vorreitercharakter, wie Renzel betonte. Mit den "Zentren 60 plus" und einem ausgeprägten Seniorenförderplan steuere die Stadt Essen seit 2016 erfolgreich gegen Einsamkeit und den vorzeitigen Verlust der Selbstständigkeit an. Ziel sei es, ältere Menschen durch soziale Teilhabe und Aktivität so lange wie möglich gesund in den eigenen vier Wänden zu halten.

Verhältnisprävention stärken

Die von der Vorsitzenden der Kreisstelle, Dr. med. Annette Deutsch-Friedrich, moderierte Diskussion machte deutlich, dass individuelle Verhaltensprävention – also der bloße Appell an das Individuum, sich gesund zu ernähren oder zu bewegen – nicht ausreicht, wenn die Lebenswelten krankmachend gestaltet sind. Es bedürfe einer drastischen Stärkung der Verhältnisprävention.

Die Veranstaltung der Kreisstelle Essen zeigte eindringlich auf, dass die Medizin der Zukunft nicht erst am Krankenbett beginnen darf. Wenn Deutschland den Sprung vom teuren Reparaturbetrieb zu einem nachhaltigen, präventiv ausgerichteten Gesundheitssystem schaffen will, müssen Politik, Ärzteschaft und Kommunen an einem Strang ziehen. Das Ziel ist klar definiert: Es gilt, die Erhaltung der Gesundheit statt der bloßen Verwaltung von Krankheit konsequent in den Mittelpunkt des gesamten Handelns zu stellen.

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