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Forum Gesundheit 2026

Humanitäre Nothilfe und Krisenresilienz

Podiumsdiskussion beim Forum Gesundheit 2026
Diskutierten über die medizinische Versorgung in Krisenzeiten (v.l.): die stellvertretende Kreisstellenvorsitzende Dr. Eva Niedziella-Rech, Dr. Vivian Simm, Kreisstellenvorsitzender Uwe Brock, Dr. Rainer Kram sowie Moderator und geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Nordrhein Dr. Christian Köhne Mitte März in Mülheim © Andreas Köhring

Düsseldorf, 27.3.2026. Die Kreisstelle Mülheim der Ärztekammer Nordrhein organisierte am 10. März 2026 das 16. Forum Gesundheit im Evangelischen Krankenhaus Mülheim. Es widmete sich dem hochaktuellen Thema der gemeinsamen Verantwortung für globale Gesundheit und der Frage nach der nationalen Vorbereitung auf Krisenszenarien wie einem Verteidigungs- oder Bündnisfall.

Uwe Brock, Vorsitzender der Kreisstelle Mülheim, skizzierte in seiner thematischen Einführung die zunehmende Verflechtung von humanitärer Hilfe, globaler Gesundheitspolitik und sicherheitspolitischen Szenarien. 

Der Mülheimer Bürgermeister Markus Püll lobte in seinem Grußwort die lokale Vernetzung der Mülheimer Ärzteschaft, die sich bereits in der Pandemie bewährt habe, während Krankenhaus-Geschäftsführer Nils B. Krog die Relevanz der lokalen Klinik-Infrastruktur als Plattform hervorhob. Beide betonten die wachsende Relevanz von Krisenvorsorge in unsicheren Zeiten.

Der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Dr. Sven Dreyer, und Vizepräsident Dr. Arndt Berson dankten in ihrer Videobotschaft für die Ausrichtung der mittlerweile 16. Auflage des Forums als etablierte Plattform für kollegialen Austausch und Fortbildung mit stets hochaktuellen Themen. Sie schätzten die Krisenresilienz des Gesundheitswesens – sei es im Fall von Pandemien, Cyberangriffen oder der Landesverteidigung – als unzureichend ein und forderten strukturelle Maßnahmen wie eine dezentrale Energieversorgung, Personalpools und eine regionale Priorisierung der ambulanten Versorgung in Abstimmung mit der Selbstverwaltung.

Handeln, wo Leben auf dem Spiel steht

Dr. Vivian Simm, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Essen, berichtete eindrücklich von ihren internationalen Einsätzen als aktives Mitglied der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Als Gynäkologin fokussierte sie die mütterliche Sterblichkeit. Sie zeigte auf, dass 95 % der vermeidbaren Müttersterbefälle in armen Ländern stattfinden – vor allem in Subsahara Afrika – und verdeutlichte die dramatischen Unterschiede zwischen Ländern mit hoher und niedriger Versorgungsqualität.

Am Beispiel ihrer Einsätze in Afghanistan 2017 und Haiti 2024 zeichnete sie ein realistisches Bild von der Arbeit der medizinischen Teams vor Ort in Konflikt  und Katastrophensituationen – oft die einzige Chance für schwangere Frauen, eine sichere Geburt und schnelle Hilfe bei Komplikationen zu erhalten. 

Ihr Vortrag machte deutlich, wie medizinische Fachkräfte in solchen Kontexten nicht nur Geburtshilfe leisten, sondern auch Infrastruktur aufbauen, Bildungsarbeit betreiben und mit begrenzten Ressourcen lebensrettende Maßnahmen organisieren.

Sind deutsche Krankenhäuser krisenresilient?

Dr. Rainer Kram, Leiter der Stabsstelle Katastrophenschutz am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) und Vorstandsmitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Krankenhauseinsatzplanung (DAKEP), analysierte anschließend die Resilienz im Verteidigungs- und Bündnisfall. Das kürzlich beschlossene „Kritis-Dach-Gesetz“ verpflichte kritische Infrastrukturen wie Kliniken zu Meldepflichten und Resilienzmaßnahmen.
Deutschland als NATO-Drehscheibe rechne mit 1.000 bis 1.500 Verletzten täglich plus Flüchtlingen, psychisch Erkrankten und hybriden Bedrohungen durch IT-Hackerangriffe oder Stromausfall.

Kram wies auf die Einsatzpläne für den Massenanfall von Verletzten (MANV) hin und unterstrich, dass im Krisenfall eine Vollversorgung illusorisch sei und man Abstriche machen müsse. Besondere Herausforderungen im Kriegsfall seien lange Verweildauern der Verletzten, multiresistente Keime und CBRN-Lagen, die eine Dekontaminationseinheit, auch mit einfachen Mitteln, vor der Klink notwendig machten.

Seine Forderungen umfassten u.a. Materialreserven, bauliche Schutzmaßnahmen und vor allem die Personalbindung durch Motivation, Familienvorsorge und Schulungen. „Gute Friedensvorbereitung ist beste Kriegsvorbereitung“ lautete sein Fazit.

Globale und nationale Verknüpfung

Bei der Podiumsdiskussion, moderiert von Dr. Christian Köhne, geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Nordrhein, diskutierten Dr. Simm, Dr. Kram, Uwe Brock und Dr. Eva Niedziella-Rech, die stellv. Kreisstellenvorsitzende und selbst in humanitären Einsätzen aktiv, mit dem Publikum die Aspekte wie Delegation und Stärkung des nichtärztlichen Personals, Übungen und Finanzierung. 

Konsens bestand in der Notwendigkeit eines sofortigen lokalen Handelns trotz fehlender zentraler Strukturen, der Orientierung an WHO-Standards und der engen Zusammenarbeit mit dem Zivilbevölkerungsschutz. 

Die Diskussion verknüpfte eindrucksvoll die Arbeit medizinischer Hilfsorganisationen mit nationaler Vorsorge: Beide erfordern Neutralität, Netzwerke und Eigeninitiative auf der einen Seite, klare Zuständigkeiten, Vorräte und gesetzliche Verpflichtungen auf der anderen. Das Engagement der nordrheinischen Ärzteschaft sei weltweit und lokal nötiger denn je – von Kabul bis Mülheim. 

usa
 


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