Eröffnungsveranstaltung des 117. Deutschen Ärztetages: Grußwort des Präsidenten der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke

Rudolf Henke

Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein.
Foto: Jochen Rolfes

Es ist mir eine große Freude, Sie im Namen von mehr als 56.000 nord­rheinischen Ärztinnen und Ärzte und im Namen des Vorstandes der Ärztekammer Nordrhein hier in Düsseldorf willkommen zu heißen. Auch wenn in unserem rheinischen Landesteil Ärztetage keine Seltenheit waren, nämlich in Köln, haben wir doch sehr lange warten müssen, bis der Deutsche Ärztetag wieder einmal zu Gast in Düsseldorf ist. Es sind genau 38 Jahre vergangen. Die wenigsten von uns werden sich an den Ärztetag von 1976 erinnern.

Seitdem hat sich unser Gesundheitswesen rasant entwickelt. Vieles von dem, was wir heute an moderner Diagnostik und Therapie zum Wohle unserer Patientinnen und Patienten einsetzen können, gab es damals noch nicht.

Wenige Jahre vor dem letzten Ärztetag in Düsseldorf hat Heiner Geißler ausrechnen lassen, dass wir bei einer anhaltend glei­chen Ausgabensteigerungsrate im Gesundheitswesen im Jahre 2000 das gesamte Bruttoinlandsprodukt nur für die gesundheit­liche Versorgung der Bevölkerung würden ausgeben müssen.

Diese Prognose ist bei Weitem nicht eingetreten.

Stattdessen gelingt es uns − 14 Jahre nach dem von Geißler vorhergesagten Zeitpunkt − mit einem seit Jahren nahezu stabilen Anteil am Bruttoinlandsprodukt die Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau sicherzustellen. Angesichts all der neuen, faszinierenden Möglichkeiten der Medizin, angesichts unserer Gesellschaft des langen Lebens, wie Jörg-Dietrich Hoppe es genannt hat, wird dieser Anteil auf mittlere Sicht möglicherweise ansteigen müssen, wenn wir auch in Zukunft moderne Medizin für alle Bevölkerungsschichten wollen. Und das wollen wir.

Also: Unser Gesundheitswesen ist nicht zu teuer. Unser Gesundheitswesen ist auch gut. Es gibt keinen Grund, es schlechtzureden, es gibt erst recht keinen Grund für Katastrophenmeldungen.

Das darf uns aber nicht selbstgefällig machen, das darf uns nicht davon abhalten, an der Qualität zu arbeiten. Darin besteht ja ein Großteil der Arbeit unserer Ärztekammern in den Ländern, aus deren Sicht ich hier heute spreche: Qualität der ärztlichen Weiterbildung, sorgfältige Berufsausübung, Fortbildung – wenn ich alle unsere Qualitätsthemen nur kommentarlos aufzählen würde, käme ich zu keinem weiteren Satz mehr.

Von daher bin ich froh, dass im Gesundheitskapitel des Koalitionsvertrages mindestens 30- bis 40-mal der Begriff Qualität vorkommt.

Und übrigens bin ich froh, dass der Begriff Qualität deutlich häufiger vorkommt als der Begriff Wettbewerb, den ich nur 5-mal gefunden habe.

Ich erinnere mich an Koalitionsverträge, in denen dieses Verhältnis noch ganz anders war. Das jetzige ist eindeutig besser.

Wir sind froh darüber, dass Qualität neu im Mittelpunkt steht.

Das bringt uns zu der Frage: Wovon hängt die Qualität in der Medizin ab? Viele meinen, dass Qualität in erster Linie eine Frage von Messen, Kontrollen und noch mehr Bürokratie ist. Wir sagen: Das führt in die Irre.

Wir sagen aus unserer ärztlichen Erfahrung: Wer Qualität in der Medizin will, braucht vor allem Menschen, die gute Medizin machen. Wir brauchen die hervorragend qualifizierten und hoch engagierten Ärztinnen und Ärzte und auch Pflegerinnen und Pfleger, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten und die Angehörigen der anderen Gesundheitsberufe. Wir brauchen genug von ihnen und müssen ihnen genügend Zeit geben.

Wir brauchen das Wissen, die Erfahrung, die Einsatz­bereit­schaft von Menschen, die im Gesundheitswesen Tag für Tag für die Patienten da sind. Wir brauchen das Extra-Quentchen Auf­merksamkeit, wir brauchen die Zeit für das zusätzliche Ge­spräch, für die Sorgfalt, die über das „Schema F“ hinaus­geht. Wo die Zeit dafür schwindet, dort verdunstet Qualität, selbst, wenn man bestimmte Aspekte der Qualität immer noch messen kann. Denn in der Medizin hängt gute Qualität oft entscheidend von dem ab, was man nicht messen kann.

Ohne dass der Erkrankte sich persönlich angesprochen fühlt und ohne dass der Arzt seine Lebensnöte und Lebensperspektive verstanden hat, kann die segensreiche Wirkung der diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen nicht eintreten.

Ich möchte sehr dafür werben, dass wir diese soziale und kommunikative Kompetenz der Ärztinnen und der Ärzte in Düsseldorf in unseren Debatten über Qualität auf diesem wie auf den folgenden Ärztetagen nicht aus dem Blick verlieren.

„Vom Wiegen allein wird die Sau nicht fetter.“ Diese Redensart stammt aus der Landwirtschaft. Sie bringt das in der Schweine­mast beobachtete Phänomen zum Ausdruck, dass der Landwirt füttern und das Tier futtern muss, wenn die Gewichtszunahme von Mastvieh gelingen soll. Bloße Wiederholungen des Wie­gens haben auf das Gewicht einer Mastsau keinen steigernden Einfluss. Womöglich lässt die Aufregung bei zu häufigen Wiegeprozessen das Tier sogar abnehmen.

In der kommenden Woche wird der Deutsche Bundestag das GKV-FQWG beschließen. Der Beschluss wird der erste Schritt dazu sein, die Ankündigung eines neuen Instituts für Qualität und Transparenz in die Tat umzusetzen. Dieses Institut soll bis 2016 entwickelt werden.

Als Ärzte begrüßen wir die Absicht der Bundesregierung, die Qualität der medizinischen Leistungen – fast  hätte ich gesagt: wieder – stärker in den Mittelpunkt der Versorgung rücken zu wollen. Im Koalitionsvertrag ist so gar von einer „Qualitätsoffensive“ die Rede.

In der Debatte des Deutschen Bundestages über die Errichtung des Instituts fiel das Wort vom „Quantensprung“, der dadurch zu erwarten sei.

Das kommt darauf an. Unser Gesundheitssystem braucht sicher keine neue Behörde im Gewand eines Qualitätsinstituts, die Qualitätsdaten lediglich verwaltet. Das wäre ein Verbrennen von Zeit, Energie und gutem Willen.

Sinnvoll ist eine solches Institut allerdings dann, wenn es die Ärztinnen und Ärzte aktiv dabei unterstützt, bessere Qualität zu erzeugen. Deshalb wäre es gut, beim Aufbau des Instituts die Ärzteschaft unmittelbar zu beteiligen. So wird es wohl auch der Deutsche Ärztetag fordern.

Das gilt für das Institut und auch für andere Werkzeuge aus dem Instrumentenkasten der Qualitätsoffen­sive.

Die Möglichkeiten zum Beispiel, die Versorgungsqualität mittels finanzieller Anreize (Pay for Performance) zu verbessern, sind weit davon entfernt, ausreichend untersucht zu sein. Das geht auch aus Gutachten für das Bundesministerium für Gesundheit hervor.

Ehe wir uns auf P4P-Projekte stürzen, müssen erst einmal andere Mittel eingesetzt werden, um eklatante Fehlentwicklun­gen zu beseitigen, beispielsweise das von den Ländern gerissene milliarden­schwere Loch in der Invesitionsfinanzierung der Kranken­häuser.

Dazu gehört auch, dass die Kritik der Ärztinnen und Ärzte an der heutigen Realität ihrer Weiterbildung aufgegriffen wird, ein für die Qualität der Patientenversorgung absolut zentrales Thema. Kranken­häuser wie Praxen müssen in die Lage versetzt werden, ihren Pflichten in der Weiterbildung in Ehrlichkeit und Würde nachzu­kommen.

Dazu gehört weiter, dass die Verschwendung ärztlicher und pflegerischer Arbeitszeit in unnötigen und unproduktiven Dokumentationsroutinen eingestellt wird.

Solche Schritte anzugehen und bereits festgestellte Mängel zu beheben wäre die beste Steilvorlage für die Gründung des geplanten neuen Qualitätsinstituts. So könnte eine ganz neue Erfolgsgeschichte gesicherter Versorgungsqualität entstehen.

Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass dieser 117. Deutsche Ärztetag in Düsseldorf viele Impulse für eine solche Erfolgs­geschichte gesicherter Versorgungsqualität setzt.

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letzte Änderung am: 31.05.2014



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