Selbsthilfe als Beitrag zur gesundheitlichen Versorgung in Oberhausen

Beim 5. Oberhausener Ärztetag stand das Thema Selbsthilfe im Fokus. Experten und Betroffene diskutierten über Möglichkeiten und Grenzen.

Ärztetag in Oberhausen 2015

Beim 5. Oberhausener Ärztetag stand die Selbsthilfe im Mittelpunkt des Programms. Foto: Ursula Bergmann

Oberhausen, 16. November 2015. Wenn Heinrich Busch über die Zeit spricht, in der er seine schwerkranke Frau Renate pflegte, dann klingt hinter der sachlichen Schilderung dessen was war, noch etwas anderes mit: Der Schmerz über den schleichenden Verlust des lieben Menschen, die Anstrengung der Pflege im eigenen Zuhause, die Unerbittlichkeit dieser Pflicht, wenn wieder einmal die Kräfte am Ende sind. Es gibt aber auch den Moment, in dem ein Durchatmen zu hören ist – es ist der Moment, in dem Heinrich Busch über den Gesprächskreis pflegender Angehöriger spricht: „Diese paar Stunden, sie waren eine solche Hilfe.“

Diese Erfahrung macht Angelika Krietemeyer immer wieder. Menschen, die an die Grenzen ihrer körperlichen und seelischen Belastbarkeit kommen, erleben in der Selbsthilfe, dass sie nicht allein sind. Der Austausch bringt Rat für den Alltag aber auch Erleichterung für die Seele. Das Gefühl von Scham, das in vielen Familien wohl existiert, wenn Mutter oder Vater zu einem Pflegefall werden – hier spielt es keine Rolle. In den Gruppen sagt, Krietemeyer, haben alle die gleichen Erfahrungen, alles ist aussprechbar und in diesem Verstandensein liege eine ungeheure Resource für den schwierigen Alltag.

Selbsthilfe – das Thema der Podiumsdiskussion beim 5. Oberhausener Ärztetages am Samstag, 14.11.2015 im Bildungszentrum Medikon, es hat viele Facetten. In seiner Einleitung und nach einem kurzen Gedenken an die Opfer des Pariser Terrors nannte Dr. Peter Kaup, Vorsitzender der Kreisstelle Oberhausen der Ärztekammer Nordrhein, die Arbeit in den Gruppen einen wichtigen Baustein im Rahmen einer umfassenden Hilfe für Kranke und deren Angehörige.

Vor rund 100 Medizinerinnen und Medizinern betonte der neue Oberbürgermeister Daniel Schranz als Schirmherr die Bedeutung der Veranstaltung. Das Niveau der medizinischen Versorgung in Oberhausen sei hoch, um es zu halten und weiter zu verbessern sei die jährliche Veranstaltung ein wichtiger Baustein. Dazu dienten die Fortbildungsveranstaltungen im Rahmen im Ärztetags, aber auch der Austausch mit Vertretern verschiedener Selbsthilfe-Gruppen aus Oberhausen, die an ihren Ständen über die Arbeit informierten.

Inzwischen gibt es allein in der Stadt 120 Gruppen, sagte Peter Jötten, vom Paritätischen Wohlfahrtsverband – fast viermal mehr als noch Anfang der 90er Jahre. Es gibt eine Selbsthilfe-Kontaktstelle, ein Netzwerk, das Betroffenen bei den unterschiedlichsten Fragen helfen kann, den passenden Gesprächskreis oder die passende Gruppe zu finden.

Die Krankenkassen haben längst erkannt, welche kostbare Arbeit Selbsthilfe-Gruppen leisten, sagt Hans-Gerd Frank von der Regionaldirektion der IKK-Classic. Sie verringern den Gesprächsbedarf Erkrankter bei Ärzten, verbessern die häusliche Pflege und die Situation pflegender Angehörigen. So beugen sie auch der Entstehung von Erkrankungen bei Menschen wie Heinrich Busch vor. Die Kassen tragen dem Rechnung und erhöhen die Zuschüsse für Selbsthilfe-Einrichtungen. Sie steigen ab dem kommenden Jahr von 67 Cent pro Versichertem der gesetzlichen Krankenversicherung auf 1,05 Euro. Geld das die einzelnen Gruppen für Raum-Mieten, eine neue Kaffeemaschine oder Infomaterial verwenden.

Dass mehr Information nötig ist, darüber herrschte Einigkeit auf dem Podium. Sabine Schindler-Marlow von der Ärztekammer Nordrhein ermunterte die Ärzte, bei Patienten und Angehörigen aktiv auf das passende Angebot hinzuweisen. Denn auch Ärzte profitieren von Selbsthilfe, berichtete Dr. Joachim Opp vom sozialpädiatrischen Zentrum am EKO. Bei ADHS oder auch der Versorgung von extrem frühgeborenen Babys finden Eltern in den Gruppen Antworten auf viele Fragen; Mediziner können sich daher bei ihren Kontakten mit den Betroffenen auf die Behandlung konzentrieren. Bei sehr seltenen Kinderkrankheit etwa, so Opp, weisen Eltern zudem immer wieder auf Therapien hin,
die im allgemeinen medizinischen Betrieb nicht bekannt sind.

Hier aber liegen auch Risiken, merkte Mahmoud Maysami an. Der Allgemeinmediziner schätzt die Möglichkeit, Patienten oder Angehörige an Selbsthilfegruppen zu vermitteln. Er betreibt dies aktiv in Gesprächen, die er in seiner Praxis führt. Die Grenze aber sei gezogen, wo Laien-Informationen aus der Selbsthilfe die therapeutische Kompetenz eines Mediziners in Frage stellen, sagt er. Ein Problem, das sagt auch Schindler-Marlow, der Nutzen aber auch durch Zeitersparnis bei den Patientengesprächen im Praxisalltag überwiege. Die Selbsthilfe-Gruppen selbst haben hier eine Art Brandmauer eingezogen; sie soll zumindest gegen die Vereinnahmung durch manche Pharma-Firmen schützen, die dort durch Zuwendungen etwa ihren Präparaten einen Vorteil verschaffen wollten. Ein Kodex der auch im Oberhausener Netzwerk Selbsthilfe gilt, verbietet den Mitgliedsgruppen die Annahme von Geld oder einem Laptop, Beamer oder der neuen Kaffeemaschine.

Insgesamt wurde deutlich, dass Selbsthilfe eine wirksame und wichtige Hilfe ist – sowohl für Kranke aber auch Angehörige. Er wisse nicht so recht, wie er den Alltag hätte schaffen können, wenn da nicht die Unterstützung der anderen im Gesprächskreis gewesen wäre, sagte Heinrich Busch. Als seine Frau Renate 2012 starb besuchte er weiterhin die Treffen. Nun ging es um ihn und seine Trauer – und auch da fand er Hilfe.

Ansprechpartner:

Kreisstelle Oberhausen, Telefonnummer 0201 / 43 60 30 31, E-Mail Servicezentrum-Ruhr@aekno.de

ÄkNo


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letzte Änderung am: 23.11.2015



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