Kammersymposium "Aktuelle Infektionserkrankungen"

Zikavirus: Gefahrenlage in Deutschland überschaubar

Christina Frank Foto: Jürgen Brenn

Die Infektionsepidemiologin, Christina Frank, schätzt die
Zikaviren-Gefahr für Deutschland gering ein. Schwangeren
rät sie allerdings von Reisen in Ausbruchsgebiete ab.
Foto: Jürgen Brenn

Köln, Düsseldorf, 4.6.2016. Soll die Olympiade in Rio de Janeiro verschoben oder gar abgesagt werden vor dem Hintergrund der Ausbreitung des Zikavirus? Diese Frage stellte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, am Anfang des diesjährigen Symposiums der Ärztekammer Nordrhein „Aktuelle Infektionserkrankungen“ in Köln. Kurz vor dem Symposium hatten sich 150 Gesundheitsexperten aus 29 Ländern mit einem offenen Brief an die WHO gewandt, in dem sie die Verlegung der Spiele anregten.

Christina Frank, Ph.D., Mitarbeiterin der Abteilung für Infektionsepidemiologie des Robert Koch-Instituts in Berlin hatte auf dem ÄkNo-Symposium dazu eine klare Meinung: Unter Berücksichtigung aller Fakten, die derzeit über das 1947 erstmals nachgewiesene Zikavirus bekannt sind, stelle die Infektionserkrankung für Nicht-Schwangere keine größere Gefahr dar als bei anderen in Brasilien vorkommenden Infektionen. Auch sei das Reiseaufkommen durch die Olympischen Spiele überschaubar. Sie fallen im August in die Hauptreisezeit, in der sehr viele Menschen verreisen. Auch sei Zika kein Brasilienspezifisches Problem, sondern das Virus komme in rund 40 Ländern vor allem der tropischen Breiten vor. Dies hänge mit dem Verbreitungsgebiet des Hauptüberträgers, der Gelbfiebermücke (Aedes aegypti) zusammen, sagte Frank. Auch lasse sie das Argument nicht gelten, dass die Mückenbekämpfung in der Stadt am Zuckerhut unvollständig und die Stadt Zikavirus-Ausbruchsgebiet sei. Dies sei zwar richtig, treffe allerdings auch auf andere beliebte Reiseziele in den Tropen zu, wo das Virus verbreitet ist, stellte die Infektionsepidemiologin fest.

Meist sehr milder Verlauf

Das Zikavirus, für das seit Anfang Mai in Deutschland eine Labormeldepflicht gilt, stelle durch den meist sehr milden Verlauf der Infektionskrankheit mit Hautausschlag, Gelenkschmerzen und Fieber für die meisten Menschen keine Bedrohung dar. „Schwere Verläufe sind sehr selten“, so Frank. Dass bei einigen Patienten nach einer Zikavirus-Infektion ein Guillain-Barré-Syndrom aufgetreten sei, weise bisher eine starke Evidenz auf. Ein klarer Zusammenhang sei allerdings noch nicht nachgewiesen, sagte die Epidemiologin. Todesfälle im Zusammenhang mit einer Zikavirus-Infektion seine bisher lediglich in Kombination mit anderen Vorerkrankungen bekannt, sagte Frank. Als Beispiele nannte sie Sichelzellanämie oder die Autoimmunkrankheit Lupus erythematodes. Chronische Infektionen seien bisher noch nicht beschrieben und die Forscher vermuten in Analogie zu anderen Flaviviren, dass die Patienten, die die Krankheit durchlaufen haben, eine langanhaltende Immunität entwickeln.

Schwangere sollten Ausbreitungsgebiete meiden

Die größte Gefahr durch das Virus haben Schwangere und ihre ungeborenen Kinder, bei denen es durch das Virus, das auch über die Plazenta übertragen werden könne, zu einer Mikrozephalie aber auch zu Fehl- und Totgeburten kommen könne. Das Risiko einer Mikrozephalie lag nach Untersuchungen in Französisch Polynesien bei rund einem Prozent und in Brasilien zwischen 0,9 und 13,2 Prozent, so Frank. Die Hirn- und Schädelfehlbildungen waren bei infizierten Schwangeren besonders im ersten Trimester der Schwangerschaft zu beobachten, wobei man „keine Entwarnung für den weiteren Schwangerschaftsverlauf geben kann“, sagte Frank auf dem Kölner Symposium.

Franks Empfehlung: Schwangere sollten Reisen in die Zikavirus-Risikogebiete vermeiden. Wenn dies nicht möglich sei, müsse auf einen konsequenten Mückenschutz geachtet werden, auch wenn dies oft schwierig sei. Daneben sollten Frauen, die in Risikogebieten waren, mindestens acht Wochen nach Rückkehr oder nach durchlaufener Zikavirus-Infektion mit der Empfängnis warten, empfiehlt die Epidemiologin. Da das Virus auch sexuell übertragbar ist, sollten Männer, die in einem Ausbruchsgebiet waren, mindestens acht Wochen beim Geschlechtsverkehr Kondome verwenden. Wenn der Mann Symptome der Infektion entwickelt hat, sollte mindestens sechs Monate lang Sex nur mit Kondomen praktiziert werden. Ist die Partnerin schwanger, sollten während der gesamten Schwangerschaft Kondome verwendet werden, rät Frank.

Die meisten Zikaviren werden von Reisenden mitgebracht

Der derzeit häufigste bekannte Übertragungsweg ist der Mückenstich der Gelbfiebermücke. Diese kommt in Deutschland gar nicht vor, und die verwandte Asiatische Tigermücke, die ebenfalls ein möglicher Vektor ist, nur punktuell. Daher sei das Risiko, sich durch Mückenstiche in Deutschland mit Zikaviren zu infizieren, sehr gering, sagte die Epidemiologin Frank. Ein theoretisches Übertragungsrisiko gibt es auch bei Bluttransfusionen, Organtransplantationen oder Unfälle in Laboren, die infizierte Substanzen untersuchen. Frank sagte, dass diese Szenarien nach jetzigem Wissenstand eher selten vorkommen.

Einen vollständigen Bericht über das Symposium, das sich hauptsächlich mit respiratorischen Infektionen beschäftigte, lesen Sie in der Juli-Ausgabe 2016 des Rheinischen Ärzteblattes.

lokaler Link aktuelle Ausgabe

lokaler Link Informationen zum Zikavirus

Internetlink Schwangere sollten sich nach Fernreisen in Epidemiegebiete auf Zikavirus-Infektion testen lassen
(Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, 15.6.2016)

PDF-Dokument Stellungnahme zum Thema Zika-Virus Infektion und Mikrozephalie in der Schwangerenvorsorge
(Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, 19.5.2016)

bre


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letzte Änderung am: 05.07.2016

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