Programmierte Gefühle: Der Roboter als Pflegekraft der Zukunft?

Das 17. Euskirchener Gespräch der Ärztekammer Nordrhein beleuchtete in der Themenreihe „Der Neue Mensch“ die Entwicklung von sozialen Emotionen und Empathie in einer zunehmend digitalen Welt.

Kind mit Roboter Foto: Photo by Andy Kelly on Unsplash

Der Emotionsroboter „Pepper“ lebt bereits in japanischen Familien. Er kommt auch in Krankenhäusern und Pflegeheimen zum Einsatz.
Foto: Photo by Andy Kelly on Unsplash

von Ulrike Schaeben

Gefühle, Zuwendung, Vertrauen, Nähe – mit diesen Begriffen kann umschrieben werden, was Menschen vielleicht mehr als alles andere brauchen. Bisher galt, dass ein Mensch emotionale Zuwendung nur von einem anderen Menschen empfangen kann. Doch diese Überzeugung könnte ins Wanken geraten: In Japan werden, ebenso wie in den USA und Europa, fortlaufend neue humanoide Roboter und virtuelle Bezugsfiguren entwickelt, die nicht mehr nur wie Service- oder Industrieroboter als Werkzeuge des Menschen gebraucht, sondern in Zukunft unsere Bezugspartner werden könnten.

Dies ist zumindest die Prämisse des Forschungszweiges „Affective Computing“, der seit einigen Jahren zunehmend ins Rampenlicht der Öffentlichkeit rückt. Ziel ist es, emotionale Maschinen zu entwickeln, die menschliche Emotionen „lesen“ und „beantworten“ können und so dem Benutzer das Gefühl geben, mit einem denkenden, fühlenden Lebewesen zu interagieren. Durch die vom Roboter simulierte Reaktion auf eine menschliche Emotion kommt ein scheinbarer Dialog zwischen Mensch und Maschine in Gang, das Konzept des sozialen Roboters als Kommunikations- und Interaktionspartner wird um eine emotionale Komponente erweitert.

Erste Anwendungsbeispiele von Emotionsrobotern gibt es international im Bereich der Medizin und der Pflege. Auch in Deutschland bekannt ist der in Japan entwickelte Seehundroboter Paro, der besonders bei Demenzkranken in Alten- und Pflegeheimen eingesetzt wird. Als positive Effekte sind Entspannung und Motivation, eine Verbesserung der Körperfunktionen und die Aktivierung der Kommunikation zwischen Patienten und Pflegern zu beobachten.

Liegt hier der Lösungsansatz für ein Versorgungssystem, das sich ständig wachsenden Anforderungen und einem immer drängenderen Personalmangel gegenübersieht? Oder droht der Verlust von Humanität und Menschenwürde in einem endgültig technisierten Gesundheits- und Pflegesystem? Das 17. „Euskirchener Gespräch“, eine Veranstaltungsreihe der Ärztekammer Nordrhein in Euskirchen auf Initiative des Neurologen und Psychiaters Dr. Hubertus Rüber, ging diesen aktuellen Fragen nach und lockte am 29. November im historischen Euskirchener „Casino“ mehr als 200 interessierte Zuhörer an.

Haben Roboter Gefühle?

Professor Dr. Elena Giannoulis, Juniorprofessorin für Japanologie der Freien Universität Berlin, stellte ihr neuestes Forschungsprojekt zur Interaktion zwischen Menschen und Emotionsrobotern vor. Sie wird in den kommenden fünf Jahren mit einem interdisziplinären Team aus Japanologen, Anthropologen und Roboterwissenschaftlern untersuchen, wie genau eine emotionale Bindung in der Mensch-Roboter-Interaktion entsteht und welche Potenziale und Gefahren der Einsatz künstlicher Intelligenz im Alltag hat. Dabei wird die Forscherin auch in den Blick nehmen, ob und inwiefern Affekte veränderlich sind, welche Rolle dabei die neuen Technologien spielen und ob sie, sozialanthropologisch betrachtet, eine neue Form von Intimität generieren.

Die japanische Gesellschaft, die im Zentrum der Untersuchung steht, ist noch stärker als die westeuropäische durch einen Verlust traditioneller Familienstrukturen geprägt. Mit Menschen kommunizierende Roboter spielen im Alltag der Japaner zunehmend eine Rolle. Emotionsroboter scheinen – zumindest temporär – das Bedürfnis nach Trost und Bindung in einer als unsicher empfundenen Gesellschaft zu befriedigen. Sie erschaffen die Illusion von Geborgenheit in einer krisenhaften Situation und ermöglichen eine Art Realitätsflucht. Genau darin liegen nach Ansicht von Giannoulis auch potenzielle Gefahren begründet: Emotionale Geborgenheit und körperliche Nähe könnten zu Dienstleistungen werden, die jederzeit und uneingeschränkt erhältlich sind. Gleichzeitig wächst die Gefahr der emotionalen Abhängigkeit von Maschinen und der gegenseitigen Entfremdung der Menschen voneinander, da sie möglicherweise emotional verkümmern und sich immer weniger auf zwischenmenschliche Beziehungen einlassen.

„Im Extremfall dieses Szenarios leben wir isoliert in unserer persönlichen Roboter-Traumwelt, die alle unsere zwischenmenschlichen Bedürfnisse perfekt befriedigt. Emotionale Maschinen werfen damit die Frage auf, wie wir uns als Menschen verändern, wenn unsere sozialen Interaktionen zunehmend auf der Prämisse basieren, dass Artefakte echte Gefühle für uns haben. Es könnte aber auch sein, dass Roboter Menschen als Bezugspartner nicht ersetzen, sondern von Fall zu Fall Bedürfnisse befriedigen, die sonst unerfüllt geblieben wären“, umriss die Forscherin die Problemstellung.

Der Schein des Anderen

Professor Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs, Karl Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg und Leiter der Sektion Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie, beleuchtete das komplexe Phänomen der Empathie in Zeiten der Virtualität. In seinem Vortrag skizzierte er die Folgen der Virtualisierung und einer fortschreitenden Entsinnlichung der menschlichen Lebenswelt für die Entwicklung intersubjektiver Beziehungen.

Das Ergebnis seiner Analyse: Die exponentielle Zunahme digitaler Zeichenwelten, Phantombilder und Scheinpräsenzen hat eine künstliche Welt erzeugt, die sich an die Stelle der handelnd erfahrbaren Realität schiebt. „Wenn wir die Wirklichkeit wieder erfahren wollen, müssen wir lernen, die Flut von Bildern zu hemmen und alle verschiedenen Sinne wieder auszubilden“, appellierte Fuchs an die Zuhörer.

Der Philosoph und Psychiater bezweifelte folgerichtig, dass die Qualität der Leistung eines Roboters der eines Menschen entspricht oder gar überlegen ist: „Je stärker die Demenz eines Patienten fortschreitet, umso mehr kommt es auf die Zwischenmenschlichkeit an. Wie wollen Sie eine affektive Berührung durch einen Computer ersetzen? Die Unterscheidung von virtueller und tatsächlicher Affektivität kann nur ein lebendiges, fühlendes Wesen leisten. Alles andere ist Täuschung!“

In Euskirchen sorgten die beiden Vorträge für eine lebhafte Diskussion – zwischen den beiden Referenten und mit dem Publikum. Emotionsroboter stießen teils auf kategorische Ablehnung, fanden aber mit Verweis auf die Realität in der Pflege auch Fürsprache: Zeitdruck und Personalmangel könnten zu Situationen führen, in der die Würde der oft hilflosen Patienten stärker beeinträchtigt werde als durch ein computergesteuertes Kuscheltier oder einen „empathischen Pflegeroboter“. Andere sahen in solchen technischen Lösungsansätzen nur einen scheinbaren Ausweg aus dem menschlichen Dilemma des Pflegenotstands. Weitgehend einig war man sich hingegen, dass sich die Entwicklung ohnehin nicht vollständig aufhalten lassen werde. Umso mehr wurde die Notwendigkeit betont, sich intensiv (auch wissenschaftlich) mit den Folgen dieses Trends zu befassen. Es gelte, Chancen und Risiken öffentlich zu diskutieren – gerade angesichts einer rasanten technischen Entwicklung, in der manches, was heute noch unvorstellbar erscheint, bald doch Realität werden könnte. Vielleicht haben sich die Euskirchener Gespräche also nicht zum letzten Mal mit diesem Thema beschäftigt.

Dr. Ulrike Schaeben ist Referentin für die Koordination der Kreis- und Bezirksstellen der Ärztekammer Nordrhein.

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letzte Änderung am: 20.12.2017



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Die Ärztekammer Nordrhein veranstaltet am Freitag, 23. Februar 2018 von 15 bis 19 Uhr ein Symposium mit dem Thema "Gesundheitsversrogung von Menschen mit geistiger Behinderung - Wo stehen wir heute?" Dem dem Grußwort des NRW-Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann stehen Vorträge und Diskussionsrunden mit Vertretern verschiedener Bereiche des Gesundheitswesens auf dem Programm.

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Patientenversorgung zukunftsfest machen

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Am Freitag 8. Dezember 2017 veranstaltete die Ärztekammer Nordrhein das Kammersymposium "Cannabis auf Rezept? Cannabinoide in der Medizin im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft. Einige der gehaltenen Referate stehen zur Verfügung.

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