Essener Ärzteschaft: Impfakzeptanz erhöhen, Impflücken schließen

Masern, Influenza, HPV und andere impfpräventable Erkrankungen standen im Fokus der diesjährigen Mitgliederversammlung der Kreisstelle Essen der Ärztekammer Nordrhein im Hörsaal des Elisabeth-Krankenhauses.

Die Diskutanten (v.l.n.r.): Dr. Patricia Aden, Vorstandsmitglied der Kreisstelle Essen der Ärztekammer Nordrhein, Ltd. Med.-Dr. a. D. Dr. Jan Leidel, ehemaliger Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin und langjähriger Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, Dr. Sonia Prader, Gynäkologin und Oberärztin an den Kliniken Essen-Mitte, Sayfullah Bahci, Gesundheitsamt Essen, Dr. Ludger Wollring, Vorsitzender der Essener Kreisstelle und Moderator der Veranstaltung, Marcus Reil, Hausarzt in Essen-Katernberg

Die Diskutanten (v.l.n.r.): Dr. Patricia Aden, Vorstandsmitglied
der Kreisstelle Essen der Ärztekammer Nordrhein,
Ltd. Med.-Dr. a. D. Dr. Jan Leidel, ehemaliger Vorsitzender der
Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts
(RKI) in Berlin und langjähriger Leiter des Kölner
Gesundheitsamtes, Dr. Sonia Prader, Gynäkologin und
Oberärztin an den Kliniken Essen-Mitte, der Kinderarzt Sayfullah Bahci,
Gesundheitsamt Essen, Dr. Ludger Wollring, Vorsitzender der
Essener Kreisstelle und Moderator der Veranstaltung,
Marcus Reil, Hausarzt in Essen-Katernberg.
Foto: Andreas Köhring

Essen, Düsseldorf (26. April 2018). Nach dem Zugang zu sauberem Wasser sind Impfungen die wichtigste Maßnahme zum Schutz des Menschen und der Gesellschaft vor gefährlichen Infektionskrankheiten und ihren teils schwerwiegenden, bis zum Tod reichenden Folgen. Das sagte Ltd. Med.-Dr. a. D. Dr. Jan Leidel, ehemaliger Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin und langjähriger Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, auf der diesjährigen Mitgliederversammlung der Kreisstelle Essen der Ärztekammer Nordrhein.

Mit Blick auf die Masern zeigte sich Leidel bei seinem Impulsvortrag am Mittwoch, den 25. April im Hörsaal des Elisabeth-Krankenhauses bezüglich der Quote für die erste Impfung im Großen und Ganzen zufrieden. Ein Problem bestehe aber darin, dass die zweite Impfung noch zu oft zu spät erfolge, also wenn viele Kleinkinder schon in eine Tagesbetreuung gehen. So seien laut RKI 187.000 Kinder des Jahrgangs 2014 im Alter von zwei Jahren nicht oder nicht ausreichend gegen Masern geimpft gewesen. Diese Kinder seien allerdings „nicht der Kern des Problems; das sind noch deutlich größere Impflücken bei den älteren Kindern, den Jugendlichen und den jungen, nach 1970 geborenen Erwachsenen“.

Impf-Party bei Leidels zu Halloween

Sorgen bereitet Leidel die Impfquote bei Influenza und die Situation bei der HPV-Impfung. So bewege sich die Influenza-Impfquote unter Senioren bei etwa 35 Prozent, für das medizinische Personal in der Klinik sei eine Bandbreite von 20 bis etwa 30 Prozent anzunehmen. Unter Niedergelassenen habe die Quote in Erhebungen aus dem Jahr 2010 etwa 60 Prozent betragen, sagte Leidel. „Offensichtlich ist es für einen Freiberufler schwieriger, mal drei Wochen auszufallen als für einen angestellten Kollegen.“

In der abgelaufenen Saison 2017/18 sei es bundesweit zu mehr als 600 Influenza-Ausbrüchen gekommen, davon 144 in Kliniken, 39 in Reha-Einrichtungen und 51 in Alten- beziehungsweise Pflegeeinrichtungen. Bei etwa jeder fünften laborbestätigten Erkrankung (bis zum 17. April 330.000 Fälle) sei eine stationäre Aufnahme erfolgt, mehr als 1.400 Patienten seien an der Influenza verstorben. Leidel: „Die Impfakzeptanz muss erhöht, und die Impflücken müssen geschlossen werden.“ Allerdings sehe er derzeit nicht, dass die STIKO ihre Empfehlungen zur Influenza-Impfung (chronisch erkrankte Menschen und Menschen über 60 Jahre) ausweiten könnte, obwohl die Bundesländer die Impfung generell ab sechs Monaten empfehlen.

Er selbst habe mit 36 Jahren eine schwere Influenza durchgemacht, berichtete Leidel dem Auditorium: „Ich dachte, ich überlebe es nicht und hatte noch lange, lange mit einer Influenza-induzierten Myokarditis zu tun. Und seitdem ist Familie Leidel jedes Jahr geimpft, und zwar nicht nur das Ehepaar Leidel, sondern natürlich auch die beiden Kinder und selbstverständlich die fünf Enkel. Nach Möglichkeit impfen wir an Halloween. Dann kommt die Familie, soweit möglich, zusammen, erst kocht Papa lecker, und dann kommt jeder einzeln in die Küche“, sagte er mit einem Augenzwinkern.

HPV-Impfung: Vorbild Großbritannien

Als „furchtbar“ und geradezu „skandalös“ empfindet Leidel mit Blick auf die HPV-Impfung, „dass wir es nicht schaffen, mehr als 40 Prozent unserer Mädchen diesen möglichen Schutz angedeihen zu lassen.“ In Ländern wie Großbritannien, Schweden oder Australien würden mit schulbasierten Programmen Impfquoten von 80 Prozent und mehr erreicht. Leider hänge der Impfung immer noch die Kritik einiger Gesundheitszentren an, dass die Last der Vorbeugung allein den Mädchen und ihren Müttern aufgebürdet werde und mit der Impfung eine „Kontrolle des weiblichen Körpers“ angestrebt werde. Leidel deutete an, dass die STIKO in diesem Jahr die HPV-Impfung auch für Jungen empfehlen könnte.

Der ehemalige STIKO-Vorsitzende macht einen Mix aus Gründen für Probleme bei der Akzeptanz von Schutzimpfungen aus: eine Zersplitterung des Gesundheitswesens, Einstellungen und Verhalten der Bevölkerung sowie eine gering ausgeprägte Impf-Affinität „nicht weniger“ Ärztinnen und Ärzten. So seien für die Gesundheitsgesetze, den  „mittlerweile zusammengesparten“ Öffentlichen Gesundheitsdienst und die Entwicklung von Impfempfehlungen die Länder zuständig, für das Sozialsystem und damit die Ausgestaltung der vertragsärztlichen Versorgung der Bund beziehungsweise die von ihm beauftragte Selbstverwaltung. „In meinen Augen ist das ein Geburtsfehler unserer Verfassung.“

In der Bevölkerung seien derweil „unglaubliche Fehleinschätzungen“ verbreitet, so Leidel, zum Beispiel mit Blick auf die Sechsfach-Impfung, in der sich heute weniger als 20 Antigene befänden. Darüber hinaus gebe es auch psychologische Aspekte: „Wenn eine Mutter ihr Kind impfen lässt, gegen Masern zum Beispiel, und es bekommt tatsächlich oder vermeintlich dadurch einen Schaden, dann fühlt sie sich schuldig, weil durch ihr aktives Handeln dem Kind etwas passiert ist. Wenn sie es nicht impfen lässt und das Kind kriegt eine Masern-Enzephalitis, dann ist es Schicksal.“ Etwa jeder dritte Bundesbürger sei laut einer Umfrage der Ansicht, Kinder müssten Erkrankungen „durchmachen, dann wären sie auch viel besser geschützt als durch eine Impfung“, so Leidel. „Das stimmt in einzelnen Fällen sogar, aber es bleiben halt viele auf der Strecke.“

Darüber hinaus habe die wissenschaftliche Infektiologie die Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts mit überzogenen Erwartungen in gewisser Weise enttäuscht, so Leidel: „Wir mussten erleben, dass wir selbst dort gefährdet sind, wo wir am sichersten sein wollen: im Krankenhaus. Und dass es natürlich weiterhin Infektionen gibt und neue aufgetreten sind. Das führt zu einer gewissen Enttäuschung, außerdem ist die Sichtweise heute anders: Heute ist es nicht mehr die gefährliche Natur, die durch die wunderbare menschliche Technik besiegt wird, sondern wir haben eine gefährdete Natur, die von der menschlichen Technik bedroht wird.“

Leidel sprach sich dafür aus, Impfungen in Schulen und am Arbeitsplatz anzubieten, also einen niederschwelligen Zugang zu schaffen. Dies sei im Präventionsgesetz eigentlich auch so angelegt.

Manchem Kollegen wiederum sei der bürokratische Aufwand zu hoch, ebenso halte sich das Bemühen innerhalb der Selbstverwaltung im Rahmen. Dabei könnten ein gutes Impfmanagement und eine entsprechende Praxissoftware mit Recall-Option viel bewirken, um die Impfteilnahme zu erhöhen, sagte der Mediziner.

Leidel zog ein fröhliches Fazit seiner Tätigkeit als ehemaliger STIKO-Vorsitzender und bezüglich seiner persönlichen Haltung zum Thema: „Man muss sich nicht sklavisch an die STIKO-Empfehlungen halten, man kann durchaus darüber hinausgehen, nur dahinter zurückbleiben sollte man nicht.“

Ansprechen. Aufklären. Erinnern.

Es sei wichtig, mit Blick auf Prävention nicht nur über Bewegung, Sport und Rauchen zu sprechen, sondern auch über Impfungen wie jene gegen HPV, sagte Dr. Sonia Prader, Gynäkologin und Oberärztin an den Kliniken Essen-Mitte. „Wir müssen nicht nur Impflücken schließen, wir müssen Informationslücken schließen.“ Untersuchungen aus Finnland zeigten zum Beispiel, dass zehn bis 15 Prozent der dortigen Neugeborenen  bereits mit dem Virus infiziert seien. Es gebe zwar keinen Grund für Hysterie, aber: „HPV ist überall. HPV ist da und kann Krankheiten verursachen, die zu Krebs führen. Und das nicht nur bei Frauen, sondern eben auch bei Männern.“ Wie Leidel plädierte auch Prader für ein niederschwelliges Impfangebot zum Beispiel an Schulen.

„Der Beginn der HPV-Impfung war problematisch“, sagte Dr. Patricia Aden, Mitglied des Essener Kreisstellenvorstandes der Ärztekammer Nordrhein und Koordinatorin des HPV-Frauen-Netzwerks. Man sei noch weit von einer „Herden-Immunität“ entfernt, daher müsse man nun auch die Jungen in das Impfprogramm aufnehmen, zumal auch sie von der Impfung profitierten.

Es sei unverständlich, so Aden, dass die Gesellschaft nicht die Konsequenz aus dem Zusammenhang von Virus und Krebs ziehe, für dessen Entdeckung Harald zur Hausen 2008 den Medizin-Nobelpreis erhalten hatte. Allerdings gab die Medizinerin zu bedenken, dass die HPV-Impfung „in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen“ falle, weil zwischen Infektion, die sich durch Impfung verhindern lassen könnte, und Erkrankung bis hin zu einem Krebs viele Jahre liegen können. Leider sähen einige Mütter zudem noch immer eine Verbindung zwischen einer möglichen „Frühsexualisierung“ ihrer Töchter und der Impfung. Aden: „Da müssen wir eine völlige Kursänderung in der Kommunikation vornehmen.“

Die Medizinerin regte auf der Versammlung an, die Impfung im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung „J1“ anzubieten und die J1 auf dem Deckblatt des Kinderuntersuchungsheftes auch zu vermerken.

Die Flut an Informationen im Internet mit Halbwissen oder gar falschem Faktenwissen stellt auch die Mitarbeiter des Essener Gesundheitsamtes vor Herausforderungen, erläuterte Sayfullah Bahci, Pädiater am Gesundheitsamt in Essen, einen Aspekt seiner Tätigkeit. Jährlich beraten die städtischen Mitarbeiter in Essen etwa 17.000 Kinder und deren Eltern über impfpräventable Erkrankungen. In der Gesamtheit erreiche man mit Kindern und Eltern jährlich bis zu 50.000 Essener Bürger. Am wichtigsten sei, immer wieder nach dem Impfstatus zu fragen, so Bahci.

„Nachholbedarf bei Pneumokokken und Pertussis“

„Impfungen sind bei einem großen Teil der Bevölkerung akzeptiert“, sagte Marcus Reil, in Essen-Katernberg niedergelassener Hausarzt. Wichtig sei, die Menschen, bei denen die Akzeptanz zur Impfung hoch ist, auch zu erreichen und vollständig zu impfen. Er sei immer wieder überrascht, wie häufig er noch Impfausweise aus den 1960er- oder 1970er-Jahren zu sehen bekomme. Einen „erheblichen Nachholbedarf“ sieht er bei den Impfungen gegen Pneumokokken und gegen Pertussis.

Ein Problem im täglichen Alltag ist laut Reil die Bürokratie: Während Standardimpfungen über den Sprechstundenbedarf abgerechnet werden können, ist für Satzungsleistungen ein Rezept erforderlich. Hoffnung setzt Reil in Änderungen im Medizin-Studium, mit denen Studenten künftig öfter mit dem Thema Impfung in Berührung kommen könnten.

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letzte Änderung am: 27.04.2018



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