„Es geht nicht nur um medizinische Befunde“

Laut Statistischem Bundesamt lebten im Jahr 2015 fast 80.000 Menschen in Deutschland ohne Krankenversicherung. Offiziell ist das seit der Gesundheitsreform aus dem Jahr 2007 aber gar nicht mehr möglich – denn Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik sind versicherungspflichtig.

Mitarbeiter der Praxis ohne Grenzen Foto: Vassiliki Latrovali

Engagieren sich in der Praxis ohne Grenzen: (v.l.n.r.) Dr. Peter Wagner, ehemaliger internistischer Chefarzt des Wermelskirchener Krankenhauses, Dr. Thomas Ciecholowski, niedergelassener Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie und Berthold Höhler, ehemaliger Rettungssanitäter. Foto: Vassiliki Latrovali

von Vassiliki Latrovali

In Remscheid kümmert sich die „Praxis ohne Grenzen“ um Patientinnen und Patienten, die nicht krankenversichert sind. Jeden Mittwoch ab 17 Uhr können Erwachsene sich dort beraten lassen. Das multiprofessionelle Team besteht aus zehn Ärzten, von denen jeweils immer einer pro Woche anwesend ist, drei Sozialarbeiterinnen sowie mehreren Medizinischen Fachangestellten. Zudem stehen dem Team rund 15 Fachärzte aus den verschiedensten Bereichen zur Seite. „Das Schöne an unserer Praxis ist, dass wir einen großen Kreis an Fachärzten mit angebunden haben. Diese können wir konsultieren und gegebenenfalls unsere Patienten mit einer Überweisung hinschicken. Auch mit dem Sana-Klinikum hier in Remscheid besteht eine Art Gentlemen‘s Agreement“, sagt Dr. Thomas Ciecholewski, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie.

Gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Bettina Stiel-Reifenrath, Stellvertretende Vorsitzende der Kreisstelle Remscheid der Ärztekammer Nordrhein, gründete er vor bald drei Jahren die Praxis an der Wülfinger Straße. Zu Anfang, als Teil der Tafel, die in den Räumlichkeiten in Remscheid-Lennep bereits angesiedelt war und sie der Praxis ohne Grenzen zur Verfügung stellte – heute als eigenständiger Verein. Geräte und Materialien in der Praxis sind größtenteils gesponsert, auch von den Mitwirkenden selbst. Medikamente erhält die Praxis von einer nahegelegenen Apotheke, der Verein trägt die Kosten.

Patientinnen und Patienten, die zur Sprechstunde kommen, waren beispielsweise vorher privat versichert. Irgendwann konnten sie dann, aus verschiedensten Gründen, die Beiträge nicht mehr zahlen. Oder sie sind obdachlos und haben keinen angemeldeten Wohnsitz. Viele Menschen ohne Krankenversicherung sind auch Geflüchtete oder Zugewanderte, die entweder nicht wissen, wie das deutsche Gesundheitswesen funktioniert oder befürchten, wieder in ihre Heimatländer abgeschoben zu werden, wenn sie sich bei einer Behörde melden.

Ein System voller Hürden

Die Patienten, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, so Ciecholewski, bringen einen Dolmetscher mit: „Ich hatte bisher noch nie das Problem einen Patienten nicht zu verstehen. Ich glaube, das ist im sozialen Bereich schwieriger.“ Barbara Servos, Leiterin der pro familia-Stelle in Remscheid kann das nur bestätigen: „Es ist schon schwierig Muttersprachlern das deutsche Gesundheitssystem so zu erklären, dass sie nachvollziehen können, an welcher Stelle im Dschungel sie sich verlaufen haben. Jemand, der eine fremde Sprache spricht und solch ein System auch nicht aus seinem Heimatland kennt, ist dann hier völlig aufgeschmissen.“ Ciecholewski ergänzt: „Es geht bei der Praxis ohne Grenzen nicht nur um medizinische Befunde.“

Am häufigsten kommen Schwangere in die Sprechstunde am Mittwoch. „Oftmals sind die Frauen in den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft oder es sind Komplikationen aufgetreten“, erklärt Ciecholewski. „Im Sozialgesetzbuch 12 ist ja schon verankert, das jeder Frau Schwangerschafts- und Geburtshilfe zusteht“, sagt Servos und verdeutlicht, „Wenn man diese Hilfe beantragt, muss man aber auch zum Amt. Das ist dann verpflichtet, jegliche Vorgehensweisen der Ausländerbehörde zu melden. Deshalb kommen die Frauen auch erst mit fortgeschrittener Schwangerschaft zu uns.“

Das Team weiß, dass die Hemmungen und die Scham um den fehlenden Versicherungsschutz oft sehr hoch sind und viele Patienten sich nicht früh genug zur Sprechstunde trauen. „Man darf nicht unterschätzen, wie viel Kraft und Mut es die Menschen kostet, Hilfe aufzusuchen und dann anzunehmen“, sagt die Familientherapeutin. Häufig blieben die Menschen lieber ohne Versicherung, weil ihnen Behörden und Bürokratie Angst machten. „Es gibt auch in Deutschland viele Menschen, die komplett papierlos sind. Das zieht sich dann durch mehrere Generationen und eine Klärung ist nicht in Sicht“, so Servos. Der Weg zurück in die Krankenversicherung sei bei den meisten Menschen ein langer Prozess, der sich nicht in einer Sprechstunde klären lasse, so das Team von Praxis ohne Grenzen. Die Patientinnen und Patienten, die länger betreut und behandelt werden müssen, sind daher mit an der Gemeinschaftspraxis von Stiel-Reifenrath und Ciecholweski angebunden. „Die Praxis ohne Grenzen ist ja immer nur mittwochs in den Abendstunden geöffnet. Unsere Patienten können aber immer zu uns in die Praxis kommen“, sagt der Kardiologe und ergänzt, „Zu hoffen ist, dass man uns, als Praxis ohne Grenzen, irgendwann nicht mehr braucht.“

Wer ist in Deutschland nicht krankenversichert?

Die Hellziffer der Menschen ohne Krankenversicherung im Jahr 2015 lag, laut Statistischem Bundesamt, in Deutschland bei fast 80.000. Experten sind sich allerdings einig, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ansetzt. Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik sind immer Mitglied einer Krankenkasse – diese dürfen sie selber auswählen. Wer Beitragsschulden hat, weil er einige Zeit nicht in der Lage war seinen Versicherungsbeitrag zu zahlen, erhält nur eine Notfallversorgung, aber keine Leistungen.

Rund 15 Prozent der Wohnungslosen in Deutschland sind nicht versichert, da sie keinen festen Wohnsitz und demnach auch keine Meldeadresse haben. Selbst mit einer Krankenversicherungskarte gestaltet sich ein Arztbesuch für diese Bevölkerungsgruppe schwer und ist häufig mit Scham und Stigmatisierung verbunden.

Auch wer in Deutschland Asyl sucht, erhält lediglich eine medizinische Grundversorgung. Das heißt: Ein Anspruch auf ärztliche Behandlungen besteht nur bei Schmerzen, akuten Erkrankungen, Schwangerschaft und Geburt, nicht aber bei chronischen Beschwerden. Um überhaupt behandelt zu werden, brauchen die Menschen einen sogenannten Krankenbehandlungsschein. Die Sozialbehörden können diesen nicht immer zeitnah ausstellen, sodass es mehrere Wochen dauert, bis Patientinnen und Patienten behandelt werden.

Wer in der Bundesrepublik keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung findet, kann auch nur selten eine Krankenversicherung für sich und seine Familien bezahlen und bleibt ohne Krankenversicherung. Menschen ohne gültige Papiere oder Aufenthaltsgenehmigung scheuen darüber hinaus auch den Gang zum Sozialamt, denn dort werden sie registriert – und können dann, unter Umständen, abgeschoben werden. Deshalb warten diese Menschen meist zu lange mit einem Arztbesuch, bis sie schwer oder chronisch erkrankt sind. 

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letzte Änderung am: 29.11.2018



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