Sind wir auf der Datenautobahn noch zu bremsen?

Einen Blick in die wahrscheinlich nicht mehr so ferne Zukunft der Digitalisierung im Gesundheitswesen warfen Referenten einer Kreisstellen-Fortbildung in Bonn.

Alexander Markowetz (PhD) Foto: Markus Bollen

Alexander Markowetz (PhD) rüttelte die ärztlichen Teilnehmer
der Fortbildung „Unterwegs auf der Datenautobahn: Wohin
führt uns die Digitalisierung in der Medizin?“ in Bonn mit seinem
Vortrag auf und ermutigte die Ärztinnen und Ärzte, sich an dem
nicht aufzuhaltenden Prozess aktiv zu beteiligen.
Foto: Markus Bollen

von Jürgen Brenn

„App ‚Vivy‘ macht Schluss mit der Intransparenz bei Gesundheitsdaten“, titelte die Vivy GmbH anlässlich der Veröffentlichung der App für Smartphones. 14 gesetzliche Krankenversicherungen, darunter die DAK, einige BKKen und IKKen sowie zwei private Krankenversicherungen wie die Allianz stellen die App ihren Mitgliedern zur Verfügung. Zielgruppe sind insgesamt rund 13,5 Millionen Versicherte. Vivy verspricht die Verwaltung der persönlichen Gesundheitsdaten und viele Zusatznutzen. Kurz nach der Einführung war Vivy bereits wieder in den Schlagzeilen. Die IT-Sicherheitsfirma Modzero hat „erhebliche Schwachstellen in der Sicherheit der Anwendung“ gefunden, wie die Süddeutsche Zeitung schrieb. Es seien lediglich „hypothetische Angriffsvektoren“ aufgezeigt worden, entgegnete die Betreiberfirma am 30. Oktober. „Selbst im Falle erfolgreicher Angriffe wäre lediglich fragmentierte Datensätze einzelner Nutzer, nie jedoch größere Datenbestände einsehbar gewesen“, so die Vivy GmbH. Software-Lecks, wenn auch hypothetische, sind Wasser auf die Mühlen derjenigen, die sich seit Jahren für die Sicherheit im Bereich der Telematik und Telemedizin stark machen und nicht müde werden, auf die besondere Sensibilität von Gesundheitsdaten hinzuweisen, egal ob sie in einer elektronischen Gesundheitsakte beim Patienten oder in einer elektronischen Patientenakte auf dem IT-System des Arztes lagern.

Dr. Christiane Groß M.A. Foto: Jochen Rolfes

Das Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein und
Vorsitzende des Ärztlichen Beirats zur Begleitung des Aufbaus
einer Telematik-Infrastruktur NRW, Dr. Christiane Groß M.A., wies
darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte mehr als nur Techniker
und Gesundmacher für ihre Patientinnen und Patienten sind.
Foto: Jochen Rolfes

Erst kürzlich veröffentlichte der Ärztliche Beirat zur Begleitung des Aufbaus einer Telematik-Infrastruktur für das Gesundheitswesen in Nordrhein-Westfalen Anforderungen an eine elektronische Patientenakte. Die Stichworte sind „strukturiert, durchsuchbar und ärztlich validiert“ (www.aekno.de/aerztlicher_Beirat). Darauf wies die Vorsitzende des Beirats und Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein, Dr. Christiane Groß M.A., auf der Fortbildung „Unterwegs auf der Datenautobahn: Wohin führt uns die Digitalisierung in der Medizin?“ der Kreisstelle Bonn der Ärztekammer Nordrhein hin. Groß betonte, dass die Ärzte sich nicht der Telemedizin und der Telematik verschließen würden. Allerdings seien Ärzte mehr als Techniker. „Für uns steht das empathische Arzt-Patienten-Verhältnis im Vordergrund“, sagte Groß.

Der Informatiker Alexander Markowetz (PhD) prophezeite, dass die Digitalisierung und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten den Ärztinnen und Ärzten mehr Zeit für ihre Patienten geben werden. Markowetz ist Autor des Buches „Digitaler Burnout“ und versuchte in Bonn, den anwesenden Ärzten die Augen für die digitale Zukunft zu öffnen: „Wir stehen an der Schwelle tiefgreifender Veränderungen. Die Welt wird nicht mehr so sein wie vorher.“ Ähnlich wie die Erfindung des Buchdrucks oder der Dampfmaschine werde die Digitalisierung viele Strukturen unseres Lebens und der Gesellschaft nachhaltig verändern. Auch die Definition, was wir als Krankheit ansehen, werde sich verschieben. Damit die Digitalisierung ihren Nutzen in der Medizin ausspielen könne, sollten keine Insellösungen entwickelt werden. Standardisierung sei auch mit Blick auf die internationale Interoperabilität besser, sagte Markowetz.

Der Medizininformatiker Professor Dr. Peter Haas von der Fachhochschule Dortmund kritisierte, dass in Deutschland die Datensicherheit über die Nützlichkeit gestellt werde und die Angst vor unsicheren Systemen dazu geführt habe, dass sich die Einführung etwa einer elektronischen Patientenakte oder anderer telematischer Anwendungen sehr in die Länge zieht. Er wünsche sich, dass das Know-how, das in Deutschland vorhanden sei, auch endlich genutzt werde und sich das Gesundheitswesen aus der informationellen „Steinzeit“ herausbewege, wie Haas mit Verweis auf die weit verbreitete Datenweitergabe per Fax sagte.

Für die Diskussion über sichere Datenverbindungen und telematische Anwendungen hat Professor Dr. Michael Forsting nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Der Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie des Universitätsklinikums Essen, sieht in der Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) wesentliche Vorteile für eine verbesserte Diagnostik und Therapie. Er zeigte auf, wie lernfähige KI bereits heute Radiologen bei ihrer Arbeit unterstützen könne. „Verbesserte, passgenauere medizinische Diagnosen und Therapien werden sich durchsetzen“, sagte Forsting.

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letzte Änderung am: 29.11.2018



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