Gesundheit als globale Herausforderung

Im Zuge des Globalisierungsprozesses wird die deutsche und weltweite Gesundheitspolitik vor neue Herausforderungen gestellt. Infektionserkrankungen wie HIV, Ebola, Tuberkulose oder Antibiotikaresistenzen machen vor nationalen Grenzen nicht halt. Aber auch Umwelteinflüsse, der Klimawandel, Stress und ungesunde Lebensweisen stellen gegenwärtig weltweite Probleme dar, die nach Lösungen verlangen.

von Michael Ganter

Dicke Menschen auf Straße Foto: justhavealook/istock.com

Die Menschen in Industrienationen leiden immer häufiger an
sogenannten Zivilisationskrankheiten.
Foto: justhavealook/istock.com

„Gesundheit ist gewiss nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“, sagte bereits im 19. Jahrhundert der deutsche Philosoph und Autor Arthur Schopenhauer, als die west- und mitteleuropäischen Gesellschaften noch nicht einmal davon träumen konnten, in solch ein stabiles und allumsorgendes Gesundheitssystem eingebettet zu sein, wie die Menschen im Jahre 2019. Gesundheit und allgemeines Wohlbefinden sind seit Menschengedenken wichtige Säulen des Zusammenlebens und des humanitären Fortschritts. Für die Gesundheitspolitik bietet die Globalisierung neue medizinische Wissenstransfers und den schnellen und kostengünstigen Transport und Zugang zu Arzneimitteln. In Schwellen- und Entwicklungsländern entstehen zudem neue pharmazeutische Produktionsstätten, um die Versorgung vor Ort effizienter zu gewährleisten. Die stärkere internationale Vernetzung hat mit dazu beigetragen, Gesundheitsfragen als festen Bestandteil auf der internationalen Agenda und in der Forschung zu verankern. Internationale Handelsbeziehungen, Staatengemeinschaften, NGOs und Zivilgesellschaften sind mittlerweile in vielen Teilen der Erde fest verankert. Andererseits begünstigt der rasante Mobilitätsanstieg von Menschen im Handels- und Reiseverkehr und der weltweite Güteraustausch die Verbreitung von Infektionskrankheiten. In wenigen Tagen oder Stunden können gefährliche Erreger über Länder- und Kontinentalgrenzen hinweg „eingeführt“ und verbreitet werden. Folgen können Epidemien und Pandemien sein, welche die politische, wirtschaftliche und soziale Stabilität ganzer Regionen ins Wanken bringen. Schwellen- und Entwicklungsländer gelten hierbei als besonders gefährdet. Die Ausbreitung chronischer Krankheiten wie HIV, in Verbindung mit den sehr teuren Therapie- und Behandlungskosten, beeinträchtigen die Entwicklungschancen und das wirtschaftliche Wachstum in den ärmeren Regionen dieser Welt. Darunter zählen insbesondere die afrikanischen Länder, die in einem hohen Maße von der Armuts- und Krankheitsgefährdung betroffen sind. Die Ebola-Krise von 2014 machte deutlich, dass die Gesundheitssysteme in Guinea, Sierra Leone und Liberia mit der Situation völlig überfordert und auf finanzielle und humanitäre Unterstützung angewiesen waren. Mit dem mittlerweile geläufigen Begriff „Global Health“ oder auch „globale Gesundheit“ werden diese Entwicklungen in einer zunehmend globalisierten Welt auf die gesundheitliche Lage und den damit verbundenen Herausforderungen bezeichnet. Zugleich stehen hinter dem Begriff die transnationalen Einflüsse der Globalisierung auf gesundheitliche Determinanten und Risiken, die außerhalb der Kontrolle einzelner Nationen liegen.

„Gesundheit ist […] nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“

Die Unterstützung und der Aufbau von wirksamen und kostengünstigen Gesundheitssystemen ist eine der Hauptaufgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die 2018 ihr 70-jähriges Bestehen feierte. Die Bereitstellung der bestmöglichen Gesundheitsversorgung für alle Menschen, die Förderung der allgemeinen Gesundheit, die Festlegung von Standards für Trinkwasser und die Bekämpfung von Krankheiten, sind weitere Ziele der WHO, die seit der Gründung 1948 derzeit 194 Mitgliedsstaaten zählt. Sie definiert Gesundheit als „einen Zustand des vollständigen, körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen.“ Die WHO initiiert zudem globale Impfprogramme und koordiniert nationale und internationale Aktivitäten beim Kampf gegen übertragbare Infektionskrankheiten wie HIV, SARS oder Grippe. 2012 wurde auf Initiative der WHO das europäische Rahmenkonzept „Gesundheit 2020“ ins Leben gerufen, das von 53 Mitgliedsstaaten mitgetragen wird und die europäische Gesundheitspolitik kontinuierlich unterstützen soll. Es richtet sich an Institutionen, wie Gesundheitsministerien, Behörden, Verbände sowie Länderbüros und Netzwerkstrukturen der WHO. Das Konzept bietet europäische Handlungsstrategien für einen Abbau von Ungleichheiten im Gesundheitsbereich und eine Gewährleistung nachhaltiger bürgernaher Gesundheitssysteme.

Quo vadis Gesundheit?

Mithilfe der Studie Global Burden Disease (GBD) von 2017 (siehe Kasten) lassen sich Aussagen über die derzeitige weltweite Gesundheitslage treffen. Global gesehen, wird der Mensch immer älter, auch wenn die Lebenserwartung nur noch marginal zunimmt. Seit 1950 ist die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern von 48,1 Jahren auf 70,5 Jahre gestiegen. Im gleichen Zeitraum gab es bei Frauen einen Anstieg von 52,9 Jahren auf 75,6 Jahren. Dennoch gibt es erhebliche Schwankungen zwischen einzelnen Ländern. Männer in der Zentralafrikanischen Republik werden durchschnittlich nur 49,5 Jahre alt, wohingegen Frauen in Singapur 87,6 Jahre alt werden. 2017 sind in den ersten fünf Lebensjahren 5,4 Millionen Kinder gestorben, womit die Mortalitätsrate von fünf Millionen Kindern im Jahre 1950 erstmals wieder überschritten wurde. Dieser Anstieg der Todesfälle hängt einerseits mit dem weltweiten Bevölkerungswachstum von 2,57 auf 7,64 Milliarden Menschen und andererseits mit der Tatsache zusammen, dass in ärmeren Ländern verhältnismäßig mehr Kinder geboren werden als in reichen Ländern.

Global Burden of Disease-Studie

Das Institute for Health Metrics and Evaluation in Seattle führt alle zwei Jahre die Global Burden of Disease Studie durch. Sie zählt zu den größten standardisierten Studien, die sich mit der weltweiten Gesundheitslage beschäftigen. Mehr als 3.500 Wissenschaftler sammeln hierfür Daten zu Krankheiten, verlorene Lebenszeit, Todesursachen und Gesundheitsrisiken der Bevölkerungen aus 195 Ländern. Die Ergebnisse lassen Aussagen zu temporären Trends und internationalen Vergleichen zu und gewähren für die gesundheitspolitischen Entscheidungsprozesse eine hilfreiche Datenlage und Handlungsempfehlung. Weitere Informationen zur Studie lassen sich unter www.healthdata.org/gbd einsehen.

Trotz der weltweit gestiegenen Lebenserwartung gibt es eine Zunahme gesundheitlicher Bedrohungen durch Kriege und Terrorismus, denen 2017 mehr als 130.000 Menschen und damit doppelt so viele zum Opfer fielen wie vor zehn Jahren. Die aktuellen Daten der GBD-Studie offenbaren zudem ein gesundheitliches Problem, das insbesondere in Industrienationen häufiger auftritt und nachhaltige Folgen mit sich bringt. Es handelt sich um Zivilisations- oder auch Wohlstandskrankheiten, die jährlich für mehr als die Hälfte der weltweit 56 Millionen Todesfälle verantwortlich sind. Hierzu zählen insbesondere Übergewicht, hoher Blutdruck, übermäßiger Zucker,- Zigaretten- und Alkoholkonsum, Depressionen, Allergien und hohe Blutzuckerwerte. Übergewichtige Menschen gibt es mittlerweile in fast jedem Land und ihre Zahl steigt kontinuierlich weiter an. An Altersdiabetes sterben weltweit jährlich mehr als eine Million Menschen. Zugleich belasten diese Krankheiten die Gesundheitssysteme in den jeweiligen Ländern sehr. Ein weltweiter Ärzte- und Pflegemangel verschärft diese Zahlen. In knapp der Hälfte aller Länder stehen pro 10.000 Einwohner weniger als zehn Ärzte und weniger als 30 Pflegekräfte zur Verfügung. Die WHO empfiehlt an dieser Stelle mindestens 30 Ärzte und 100 Pflegekräfte. Aufgrund der Zivilisationskrankheiten befürchten einige Forscher der GBD-Studie, dass die Lebenserwartung für Menschen aus Industrienationen bald wieder sinken könnte.

Initiative für Global Health an Fakultäten

Die Bundesrepublik Deutschland setzt sich für eine stabile Entwicklung und Verbesserung der weltweiten Gesundheitssysteme ein. Bei akuten Gesundheitskrisen unterstützt sie mit personellen, materiellen und finanziellen Mitteln betroffene Regionen dieser Welt. Deutschland ist ebenfalls Mitglied des World Health Summit, der vor zehn Jahren in Berlin gegründet wurde und seitdem einmal jährlich tagt. Ziel dieser Konferenz ist es, durch enge Zusammenarbeit und einem offenen Dialog die weltweite Gesundheitslage zu verbessern. Zu diesem Zweck treffen sich internationale Experten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, um über aktuelle und dringende Gesundheitsfragen zu debattieren. Auch in der medizinischen Lehre wird Global Health immer wichtiger. Mittlerweile geht jeder dritte Medizinstudierende im Rahmen seines Studiums ins Ausland, um mit den Gesundheitssystemen anderer Länder in Berührung zu kommen. Ein Global Health-Lehrangebot ist aber bisher an deutschen Universitäten noch nicht, oder nur im geringen Maße, verfügbar. Aus diesem Grund hat die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) eine AG unter dem Namen „Global Health Alliance Deutschland“ initiiert, deren Ziel es ist, die Lehre, Forschung und Umsetzung von Global Health an den deutschen Universitäten zu verbessern. Sie geht unter anderem der Frage nach, inwieweit man Global Health in das Pflichtcurriculum integrieren kann und ob interdisziplinäre Masterstudiengänge als Ergänzung zu den bereits bestehenden Angeboten in International Health und Public Health möglich sind. Die AG setzt hierfür auf eine kooperative Zusammenarbeit von interessierten Lehrenden, Studierenden und Forschenden, die sich mit Global Health im Rahmen ihres Studiums und darüber hinaus auseinandersetzen wollen.

Forum Gesundheit 2019 im Zeichen humanitärer ärztlicher Hilfe

Welche Herausforderungen kommen auf Ärztinnen und Ärzte in einer Zeit von Globalisierung und Migration, Terror und Krieg zu? Antworten auf diese Fragen will das „Forum Gesundheit 2019“ der Kreisstelle Mülheim der Ärztekammer Nordrhein (Vorsitz: Uwe Brock) am Dienstag, den 12. März 2019 geben und die humanitäre Hilfe an den Brennpunkten einer von Krisen erfassten Welt in den Blick nehmen. Dr. Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen, der bereits bei zahlreichen Einsätzen dabei war und Heiko Rottmann-Großner vom Bundesgesundheitsministerium werden die Möglichkeiten der länderübergreifenden Kooperation bei Pandemien und Gesundheitsrisiken vorstellen. Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, wird ein Schlusswort halten.

Veranstaltungsort des mittlerweile elften Forums ist das Evangelische Krankenhaus Mülheim an der Ruhr in der Wertgasse 30 in 45468 Mülheim an der Ruhr. Los geht es um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei.

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letzte Änderung am: 28.01.2019



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Gemeinsam mit veranstalten das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales Nordrhein-Westfalen, Ärztekammer Nordrhein, Ärztekammer Westfalen-Lippe und die Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen ein Symposium zu den Frage, wie die Organspende in Nordrhein-Westfalen gefördert werden kann. Die Veranstaltung findet am Dienstag, 26. Februar im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft statt.

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