Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Ärztekammer Nordrhein

Bericht zur Lage bei der Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein am 18. November 2006 in Düsseldorf

Es gilt das gesprochene Wort  

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ärzteschaft im Ausnahmezustand − so war die Lage bei unserer Frühjahrs-Kammerversammlung im März.

Die großen Demonstrationen der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen gegen Honorarverfall, Regressdrohungen und Bürokratiewahnsinn, die harten Streik-Auseinandersetzungen der Kolleginnen und Kollegen in der Klinik für eine angemessene Vergütung und eigene Tarifverträge − all dies waren klare Zeichen einer neuen Entschlossenheit der Ärztinnen und Ärzte, für eigene Interessen ebenso konsequent einzutreten wie für eine gute Versorgung der Patientinnen und Patienten.

Unsere Signale sind klar und deutlich gewesen: Wir können und wir wollen einfach nicht mehr in uneingeschränkter Solidarität zu denen stehen, die bestmögliche Versorgung lächelnd in jede Kamera versprechen − und dann die Rechnung an uns weiterreichen, und zusätzlich das Gesundheitswesen mit immer neuen Leistungsanforderungen, mit Bürokratie und mit ihrer Kontrollmentalität bedrängen.

Ulla Schmidt ist ja jüngst mit einem bezeichnenden Vorschlag hervorgetreten: Geldbuße, wenn Privatversicherte bei der Terminvergabe bevorzugt werden. So sorgt sie für Gerechtigkeit.

Das erscheint erstmal so albern, dass man es gleich abhaken möchte.

Richtig ärgerlich wird es erst, wenn man bedenkt, was diese Geisteshaltung zerstört hat in unserem Gesundheitswesen!

Wie es um die Akzeptanz dieser Art von Politik bei den unmittelbar Betroffenen, den Patienten und den Gesundheitsberufen, bestellt ist, wird wichtigen Entscheidungsträgern in Berlin erst nach und nach bewusst − trotz 80 Prozent Ablehnung der Reform laut repräsentativen Umfragen, trotz aller unserer Proteste und der Verrisse durch den geballten Sachverstand, trotz zahlloser Gespräche, die wir mit Politikern aller Couleur geführt haben, trotz eines Außerordentlichen Deutschen Ärztetages im Oktober, auf dem wir die Geschlossenheit der Ärzteschaft erneut bewiesen haben.

Nein, Ministerium und Koalitionsspitzen haben ihren Irrweg weiter verfolgt, auf dem Tisch liegt jetzt der Entwurf des so genannten GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetzes, und der bedeutet nichts anderes einen krassen Systembruch.

Das ist ein Meilenstein auf dem direkten Weg in die Staatsmedizin.

Da können wir nicht mitmachen, da wollen wir nicht mitmachen.

 

Deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, lautet unser Motto hier und heute:

Ärzteschaft im Ausstand.

Mancher spricht auch schon von Aufstand.

Diese Reform richtet sich so unmittelbar gegen Patienten, gegen Ärzte, gegen viele andere Gesundheitsberufe, dass es nun gilt, Bevölkerung, veröffentlichte Meinung und Parlamentarier in einer großen Kraftanstrengung aufzurütteln.

Dieser Gesetzentwurf ist geprägt von zentralistischen Gedanken und Staatsgläubigkeit.

Dagegen werden wir die freiheitlichen Kräfte in dieser Republik mobilisieren.

Am Montag, den 4. Dezember wird es einen bundesweiten Aktionstag zu den absehbar fatalen Folgen der geplanten Reform geben.

Aufgerufen haben

  • Bundesärztekammer,
  • Deutsche Krankenhausgesellschaft, Kassenärztliche Bundesvereinigung und Marburger Bund.
  • Die Allianz Deutscher Ärzteverbände,
  • die Bundesorganisationen der Zahnärzte,
  • der Apotheker,
  • der Psychologischen Psychotherapeuten,
  • der Medizinischen Fachangestellten
  • und weitere Fachberufe im Gesundheitswesen

haben ihre Bereitschaft zur Teilnahme bereits erklärt.

In Informationsveranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Pressekonferenzen werden wir mit den Bürgerinnen und Bürgern, mit den Medienvertretern darüber sprechen, dass diese Reform nichts nützen, sondern großen Schaden anrichten wird.

Besonders wichtig wird es sein, in den einzelnen Wahlkreisen das direkte Gespräch mit den Abgeordneten zu suchen. Ich habe bei zahlreichen Gesprächen in Berlin festgestellt, dass eine wachsende Zahl von Parlamentariern nachdenklich wird.

Zumal auch dem Parlament − meines Wissens immer noch dasjenige Verfassungsorgan, das in unserem Lande die Gesetze beschließt − in dem bisherigen Hauruck-Verfahren von der Regierung einiges zugemutet wurde.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

nach ersten Gesprächen in der laufenden Woche zeichnet sich ab, dass Nordrhein-Westfalen ein Schwerpunkt der Aktionen des 4. Dezember sein wird.

Unter dem Motto „Gesundheit! Wir in Nordrhein-Westfalen gegen diese Reform“

sollen in allen Städten und Kreisen in Nordrhein Informationsveranstaltungen für Bürger und Patienten stattfinden, darüber hinaus sind Pressekonferenzen für die lokalen Medien geplant.

Ich muss sagen, dass es sich nicht um einen Streik handelt. Vertragsärzte streiken per Definition nicht.

Krankenhausärzte streiken nur in laufenden Tarifauseinandersetzungen.

Eine normale Versorgung wird es am 4. Dezember jedoch nicht geben können. Wir wissen, dass sich ein Großteil der Kolleginnen und Kollegen in Klinik und Praxis einige Stunden Zeit nehmen will, um mit Bürgern, Patienten und Medien über die Gesundheitsreform zu sprechen.

An der Basis der Versorgung, dort, wo seit Jahren durch Überstunden und unbezahlte Arbeit hart daran gearbeitet worden ist, um das allumfassende Leistungsversprechen der Politiker auf eigene Kosten einzulösen, wird am 4. Dezember mal ein wenig innegehalten und gefragt:

Wie geht es weiter mit der Gesundheitsversorgung in Deutschland?

Die Notfallversorgung der Patienten wird selbstverständlich unberührt bleiben. Die Arztrufzentrale der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein wird am 4. Dezember ganztägig öffnen.

Die Glaubwürdigkeit unseres Protestes wird stark davon abhängen, ob er für Bürger und Patienten, Medien und Politiker ganz konkret vor Ort sichtbar wird.

Deshalb heute ganz konkret die Bitte an Sie alle: Werden Sie aktiv in der Begleitung und Koordination der Aktionen in Ihrer Stadt, in ihrem Kreis.

Auf Landesebene hat sich − zur Koordination der Aktivitäten und der medialen Vermittlung − eine so genannte Steuergruppe für den Aktionstag gebildet.

Darin sind nach dem aktuellen Stand bisher

  • die Ärztekammern,
  • die Kassenärztlichen Vereinigungen,
  • die Krankenhausgesellschaft,
  • der Marburger Bund,
  • der Hartmannbund,
  • die Freie Ärzteschaft und
  • die Apothekerkammer

vertreten.

Dieser Kreis wird am kommenden Mittwoch zusammenkommen und die bisherige Planung konkretisieren.

Vergleichbare Steuergruppen für die lokalen Aktivitäten − mit den anderen Heilberuflern, mit den anderen Gesundheitsberufen, mit Patientenvertretern − bitte ich Sie in den Städten und Kreisen einzuberufen.

Im unmittelbaren Anschluss an die Sitzung der landesweiten Steuergruppe am Mittwoch sind die Kreisstellenvorsitzenden unserer Kammer und die Stellvertreter − ich weiß nicht, ob das schon alle erreicht hat − zu einer Besprechung über die Aktivitäten in den Regionen für 17 Uhr eingeladen.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unsere Haltung zu dem Gesetzentwurf haben wir beim Außerordentlichen Deutschen Ärztetag im Oktober formuliert. Es lässt sich alles nachlesen, und angesichts des umfangreichen Programms heute will ich es hier nur noch einmal kurz zusammenfassen.

Der Titel des Gesetzentwurfes − GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz − ist ein Euphemismus.

In Wirklichkeit wird ja jeder Wettbewerb weitgehend abgeschafft.

Stattdessen müsste der Gesetzentwurf überschrieben sein mit „Umfangreiche Sammlung der staatssozialistischen Rezepte von gestern für die Medizin von morgen“.

Das früher einmal angepeilte Hauptziel der Reform, das Einnahmeproblem der Gesetzlichen Krankenversicherung endlich zu lösen, wurde total verfehlt.

Die Unterfinanzierung des Systems wird also fortgeschrieben, mit der Folge, dass die  Existenznöte zahlreicher Arztpraxen wachsen werden, dass Krankenhäuser werden schließen müssen.

Die Selbstverwaltung soll zu einer unterstaatlichen Rationierungs- und Zuteilungsmaschine umgebaut werden. Die gemeinsame Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen wird praktisch abgeschafft. Dazu trägt auch die Auslagerung bisheriger Selbstverwaltungsentscheidungen in so genannte professionalisierte Gremien bei.

Diese Institutologie überlagert − übrigens in demokratisch zweifelhafter Weise − den Gedanken der Selbstverwaltung.

Der Gemeinsame Bundesausschuss soll zu einer mit hauptamtlichen Mitgliedern besetzten Exekutiv-Agentur umstrukturiert werden, ohne dass eine verbindliche Mitwirkung der Betroffenen vorgesehen ist.

Diesem Bundesausschuss werden Aufgaben im Bereich der Qualität, der Qualitätssicherung und der Fortbildung zugewiesen.

Das bedeutet für uns: Noch mehr Fremdbestimmung statt Selbstbestimmung, wie sie bisher durch das Heilberufsgesetz des Landes dem Arztberuf zusteht.

Die ärztliche Berufsausübung, die auf den Eckpfeilern der Professionalität und der Therapiefreiheit beruht, gerät immer enger in die Umklammerung einer vom Staat beeinflussten Programm- und Weisungsmedizin.

Der Bund greift immer impertinenter direkt in unsere beruflichen Belange ein. Das ist auch verfassungsrechtlich höchst fragwürdig!

Dann, liebe Kolleginnen und Kollegen, wird der Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen durch selektive Verträge weiter ausgehöhlt werden, was die gleichmäßige und flächendeckende Versorgung der Patienten zerstören wird.

Das funktionierende System der auf Kapitaldeckung basierenden privaten Krankenversicherung wird geschwächt. Es soll in eine staatlich kontrollierte Einheitszwangsversicherung überführt werden. Das ist einfach unverantwortlich!

So wird der Arztberuf als Freier Beruf vollends demontiert. Mit dieser Reform wird der Weg vorgezeichnet in einen staatlichen Gesundheitsdienst mit Wartelistenmedizin und Leistungsausschlüssen.

Sie markiert den Übergang von der schleichenden Rationierung zur galoppierenden Rationierung.

Doch wir wollen keine Staatsmediziner und Rationierungsassistenten sein, und das werden wir am 4. Dezember klar und deutlich allen sagen.

Lassen Sie mich zu unserem heutigen Arbeitsprogramm kommen. Auf der Tagesordnung steht − wie immer in der Herbst-Kammerversammlung − der Bericht der Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler.

Diese ist nach wie vor höchst erfolgreich, und das behaupten wir nicht nur, sondern es ist ja auch eindrucksvoll mit Zahlen belegt.

Mein Dank gilt dem Vorsitzenden, Herrn Dr. jur. Heinz-Dieter Laum, und dem Geschäftsführenden Kommissionsmitglied Professor Dr. med. Lutwin Beck − stellvertretend für die ehrenamtlich tätigen Juristen und Ärzte − sowie dem hauptamtlichen Geschäftsführer der Kommission, Herrn Ulrich Smentkowski.

Neben der Arbeit der Gutachterkommission stehen − wie immer im Herbst − die Finanzangelegenheiten der Nordrheinischen Ärzteversorgung auf dem Programm.

Darüber werden informieren unser Versicherungsmathematiker, Professor Heubeck, und die Geschäftsführer der Versorgung, die Herren Dr. Rosler und Professor Lepelmeier.

Zum Thema der Kammer-Finanzen einschließlich der Finanzen der Fortbildungsakademie, die beide nach wie vor gesund sind − das ist ja nicht selbstverständlich heutzutage − wird Ihnen der Kollege Dr. Lothar Rütz berichten.

Weiter stehen auf der Tagesordnung Satzungsänderungen der Ethikkommission, die unser Geschäftsführender Arzt Dr. Robert Schäfer erläutern wird.

Um die notwendigen Änderungen der Gemeinsamen Notfalldienstordnung von Kammer und KV hat sich der Kollege Dr. Frieder-Götz Hutterer gekümmert, herzlichen Dank dafür.

Dank auch an Arnold Schüller, dessen Berufsordnungsausschuss sich mit der neu gefassten Richtlinie zur Assistierten Reproduktion befasst hat. Und last but not least berichtet Dr. Dieter Mitrenga über die Umsetzung der Weiterbildungsordnung.

Wenn das keine sach- und fachnahen ärztlichen Themen sind.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir haben hier schon berichtet, dass auch die neue nordrhein-westfälische Landesregierung die Prävention als einen Schwerpunkt ihrer Gesundheitspolitik ansieht.

Umso erfreulicher ist es, dass die Beiträge unserer Ärztekammer hierzu im Land hoch anerkannt werden.

Da ist einmal das fest etablierte Programm zur Gesundheitserziehung in der Grundschule. Preisgekrönt wurde im vorigen Jahr die Aufklärungs- und Fortbildungskampagne in Düsseldorf zur Bekämpfung der Depression.

In diesem Jahr nun haben wir erneut beim Gesundheitspreis NRW den 2. Platz belegt, diesmal mit dem Projekt „Sicher und mobil im Alter“ zur Vermeidung von Stürzen bei alten Menschen.

Ich gratuliere denen, die daran mitgewirkt haben, und danke Arnold Schüller dafür, dass er die Präventionsprojekte unserer Kammer, die Maßstäbe gesetzt haben und in vielen Teilen der Republik auf Interesse stoßen, über viele Jahre so zielstrebig ausgebaut hat.

Dann ist zu erwähnen, dass wir von Nordrhein aus wesentliche Beiträge zur Modernisierung der GOÄ liefern. Trotz aller politischen Querschüsse, der Bestrebungen, die Private Krankenversicherung morbide zu machen, arbeitet die Bundesärztekammer nämlich mit Hochdruck an einem eigenständigen GOÄ-Konzept.

Es geht darum, eine moderne, fachlich hochwertige Gebührenordnung in die politische Waagschale zu werfen, die ärztliche Leistungen fair und gerecht abbildet.

Der GOÄ-Verordnungsentwurf soll im Frühjahr vorliegen. Die Ärztekammer Nordrhein ist mit der Überarbeitung, in großen Teilen mit der Neufassung der Abschnitte Hals-, Nasen-, Ohrenheilkunde, Gefäßchirurgie und Herzchirurgie befasst, das machen Dr. Tina Wiesener und Dr. Stefan Gorlas. Beides Kollegen, die in unserer GOÄ-Abteilung angestellt sind.

Bei unserer Kammerversammlung im März 2006 hatte Dr. Dorothea Prütting aus unserem Gesundheitsministerium die Novellierung des bestehenden Landeskrankenhausgesetzes angekündigt. Bisher liegt noch kein Referentenentwurf vor.

Angekündigt wurde jedoch, dass im Dezember das so genannte Krankenhaus-Gestaltungs-Gesetz noch im Landeskabinett beraten werden soll.

Leider ist festzustellen, dass seit der Sommerpause die Ärztekammern nicht mehr in die Ausgestaltung des neuen Krankenhausgesetzes eingebunden sind und die vom Landesausschuss für Krankenhausplanung eingerichteten Arbeitsgruppen – an denen die Kammern beteiligt waren – nicht mehr zusammengekommen sind.

Die bisher bekannt gewordenen Details des Krankenhaus-Gestaltungs-Gesetzes werfen zahlreiche Fragen auf und wir hoffen auf eine baldige Information durch das zuständige Ministerium.

Wichtiges Anliegen der Kammern ist es, bei dieser Novellierung in den Kreis der unmittelbar Beteiligten an der Krankenhausplanung aufgenommen zu werden. Hierfür werden wir uns in den nächsten Wochen mit aller Kraft einsetzen.

Fortschritte machen unsere Bestrebungen, in Nordrhein eine Modellregion zur integrierten Patientenversorgung einzurichten. Auf einen entsprechenden Aufruf von Ärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung haben sich interessierte Ärztinnen und Ärzte aus mehreren Regionen gemeldet.

Zwei Regionen eignen sich besonders gut für das Modellprojekt. Dort werden in der nächsten Zeit intensive Gespräche geführt werden.

Bei allen Kolleginnen und Kollegen, die sich beworben haben, darf ich mich sehr herzlich bedanken.

Das Engagement der Ärztinnen und Ärzte vor Ort für integrierte Versorgungsformen ist vielfältig, es werden in den Regionen interessante Projektideen verfolgt. Ich wünsche viel Erfolg bei der Umsetzung.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

gestern hat mich eine gute Nachricht aus dem politischen Raum erreicht. Das ist schon allein deshalb erwähnenswert, weil es derzeit nicht so häufig vorkommt.

Es hört sich auch zunächst wenig spektakulär an, dass die Regierungskoalition hier in NRW vorhat, den so genannten Zuführungsbetrag an die Medizinischen Fakultäten aufgrund der Tarifentwicklung um 19,5 Millionen Euro aufzustocken, immerhin ein Zuwachs um rund vier Prozent.

Aus meiner Sicht ist es ein beachtliches Signal, ein Signal für eine Politik, die auf  Forschung und Lehre in diesem Land setzt, und auch eine zusätzliche Bestätigung für die Tarifpolitik des Marburger Bundes.

Sie alle wissen, dass wir uns um Forschung und Lehre Sorge machen müssen angesichts der Abwanderung junger, besonders motivierter und qualifizierter Kolleginnen und Kollegen wegen der im internationalen Vergleich bescheidenen Bedingungen, die an unseren Universitäten herrschen.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

bei aller Notwendigkeit von Forschung und Innovation für unseren künftigen Wohlstand, bei aller Faszination neuer Technik in der Medizin − blinde Fortschrittsgläubigkeit wäre ein Fehler.

Das zeigt sich am Beispiel der so genannten Telematik-Infrastruktur, der vom Gesetzgeber vorgesehene elektronische Vernetzung von ambulanten Praxen, Krankenhäusern, Apotheken, anderen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und den Krankenkassen.

Diese neue Technik ist nicht per se ein Fortschritt. Es kommt darauf an, genau hinzuschauen: Wie wird sie im Einzelnen gestaltet?

Ich weiß, dass vielen, gerade niedergelassenen Ärzten überhaupt nicht wohl ist bei der Sache.

Viele fürchten um die Vertraulichkeit der Arzt-Patient-Beziehung, und diese Befürchtung ist nicht  aus der Luft gegriffen.

Dem trägt die Beschlusslage dieser Kammerversammlung Rechnung, die ganz klar sagt: Alle auf den Patienten beziehbaren Informationen sind auch in der neuen Welt elektronischer Kommunikationsmöglichkeiten vertraulich zu behandeln.

Auch künftig muss es so sein, dass der Patient darüber entscheidet, welche dem Arzt anvertrauten Informationen an Dritte weitergegeben werden dürfen und welche nicht.

Das Arztgeheimnis, das ja dem Schutz des Patienten dient, muss in vollem Umfang erhalten bleiben, die neue elektronische Welt ist so zu gestalten, dass sie in der alltäglichen Anwendung von Patienten und Ärzten sicher zu beherrschen ist. So haben wir es beschlossen.

Damit wir in der Telematik-Entwicklung eigene Handlungsmöglichkeiten behalten, hatten wir uns gleichzeitig entschieden, im Sinne der Patienten aktiv einzugreifen und die Gestaltung der neuen Technik ärztlich und aus Sicht des Patienten eng zu begleiten.

Diese Linie wird mit dem heute vorliegenden Antrag der Vorsitzenden unseres Vorstandsauschusses „E-Health“, Dr. Christiane Groß, konsequent fortgeführt. Ich  bedanke mich auch beim Kollegen Dr. Ludger Wollring − Essen hat sich ja ganz intensiv mit dem Thema beschäftigt − für sein Engagement und sein Bemühen um Konsensbildung zu diesem Thema.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Freiheit des Einzelnen, zum Beispiel im Beruf, ist die Voraussetzung für gute Leistungen, für Wohlstand und Wachstum in diesem Land.

Für uns Ärztinnen und Ärzte ist ganz wesentlich die Freiheit, unsere fachlichen Entscheidungen nach bestem Können, Wissen und Gewissen zu treffen − im Dialog mit dem Kranken, ungestört durch Dritte.

Das nennen wir Therapiefreiheit, ohne die es den Arztberuf als freien Beruf nicht geben kann.

Diese Freiheit begründet Vertrauen in ärztliches Tun. Nur in Vertrauen kann das Gespräch zwischen Arzt und Patient gelingen.

Der jüngste Gesetzentwurf bestätigt: Der Staat will immer noch weiter eindringen in dieses Verhältnis.

Ich sage: Da stört der Staat!

Wir haben beim Arzneimittelspargesetz erlebt, wie Misstrauen gesät wird.

Deshalb muss ganz klar sein: Wir lassen unseren Beruf nicht im Räderwerk eines politischen Prozesses zerreiben, der unsere Leistungen abwertet, uns geradezu verhöhnt.

Die Wurzeln der Krankheit liegen im Denken, siehe Geldbuße oben.

Es geht jetzt um die Systemfrage: Staatsmedizin oder Freiberuflichkeit?

Wir werden uns mit aller Kraft dagegen wehren, den Arztkittel gegen die Zwangsjacke des Staatsmediziners einzutauschen.

Der 4. Dezember wird ein Zeichen setzen, dass die Ärzteschaft, und nicht nur die Ärzteschaft, für die Freiheit und gegen die Verstaatlichung des Gesundheitswesens kämpft.

Unsere gesundheitspolitischen Vorstellungen richten sich aus an den ärztlichen Werten. Die haben sich entwickelt in einer langen Tradition des Helfens und Heilens − zum Wohle unserer Patienten.

Wenn wir auf dieser Basis am 4. Dezember argumentieren, kann gar nichts schief gehen.

Wir erfinden ja nichts. Wir tun nur kund, wie es tatsächlich aussieht in der Patientenversorgung, in unserem beruflichen Alltag, und wie es absehbar kommen wird, wenn der Gesetzgeber uns auf die vorgesehene Weise noch stärker ins Handwerk pfuscht.

Wir werden Eindruck machen bei der Bevölkerung, bei Medien und Volksvertretern, wenn wir Entschlossenheit zeigen, und wenn wir selbst vertrauen auf die politische Kraft der ärztlichen Ethik, die doch auch das Fundament ist der Solidarität von niedergelassenen Ärzten und Klinikärzten, Hausärzten und Fachärzten, die wir in den vergangenen Wochen und Monaten gelebt haben.

Ich danke sehr für Ihre Aufmerksamkeit.

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letzte Änderung am: 02.10.2008



Rheinisches Ärzteblatt

Heft 2/2018

Titel 2/2018 Titelillustration nach einem Entwurf von Alexandra Wilhelm, Titelkonzept Eberhard Wolf

Titelthema

Gute Medizin sieht Vielfalt

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Dokumentation: Cannabis auf Rezept?
Cannabis als Medikament Foto: Africa Studio - Fotolia.com

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Am Freitag 8. Dezember 2017 veranstaltete die Ärztekammer Nordrhein das Kammersymposium "Cannabis auf Rezept? Cannabinoide in der Medizin im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft. Einige der gehaltenen Referate stehen zur Verfügung.

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Ärztekammer begrüßte neue Mitglieder

Begrüßungsveranstaltung für neue Mitglieder November 2017 Foto: Jochen Rolfes 

Am Samstag, 25. November 2017 begrüßte Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, zum 15. Mal neue Kammermitglieder im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft.

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