Prof. Dr. Dr. h.c. Jörg-Dietrich Hoppe Präsident der Ärztekammer Nordrhein und der Bundesärztekammer

Bericht zur Lage bei der Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein am 20. November 2004 in Düsseldorf

Es gilt das gesprochene Wort  

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

in unserer Kammerversammlung haben wir heute ein umfangreiches Arbeitsprogramm zu bewältigen. Ich bin zuversichtlich, dass uns dies wie stets in den zurückliegenden Jahren auf effiziente Art gelingt, und dass wir zu guten Beschlüssen kommen werden. Die erfolgreiche Arbeit unserer Ärztekammer geht nicht zuletzt darauf zurück, dass bei uns Gemeinsamkeit in zentralen Fragen über alle Gruppen hinweg möglich ist. Kontroverse Diskussionen in einzelnen Fragen sind nötig, davon lebt die innerärztliche Demokratie. Gleichwohl bin ich davon überzeugt, dass es in den Grundpositionen bei uns nach wie vor eine breite gemeinsame Basis gibt. Einige dieser Grundüberzeugungen, von denen ich glaube, dass sie jeder hier im Saal unterschreiben kann, lassen sich in schlichten Sätzen formulieren:

  • Wir Ärztinnen und Ärzte wollen zuallererst gute Arbeit machen für eine erfolgreiche Patientenversorgung und dies unter würdigen Arbeitsbedingungen!

  • Die vertrauensvolle individuelle Patient-Arzt-Beziehung ist der Dreh- und Angelpunkt jeder medizinischen Behandlung. Deshalb ziehen wir personale Strukturen im Versorgungssystem den institutionalisierten Strukturen vor!

  • Das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt leidet schweren Schaden, wenn der wirtschaftliche Druck in Krankenhaus und Praxis die unabhängige ärztliche Entscheidung unmöglich macht. Gegen eine solche Entwicklung müssen wir uns wehren!

  • Wir setzen uns ein für starke und selbstbewusste ärztliche Körperschaften, die Ärzteschaft und Patienten vor staatlich verordneter Bevormundung schützen!

Deshalb sind Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen heute hierher gekommen. Es ist gut, dass es in diesen stürmischen Zeiten genügend Ärztinnen und Ärzte gibt, die sich für ihre Selbstverwaltung stark machen. Es ist gut, dass wir uns selbst um all das kümmern, was wir ganz einfach besser können als irgendeine ineffiziente Bürokratie - sei es eine Krankenkassenbürokratie oder eine Staatsbürokratie.

Der Blick auf die aktuelle gesundheitspolitische Lage zeigt, dass unsere gemeinsamen Ziele keine Selbstverständlichkeiten sind. Ob in Krankenhaus oder Praxis, die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen wird immer schlechter. Viele von uns sehen das Ziel eines patientengerechten Gesundheitswesens in weite Ferne rücken, ein Gesundheitswesen, in dem wir unseren Patientinnen und Patienten eine medizinische Versorgung nach modernen Maßstäben, gepaart mit Zuwendung und Menschlichkeit, angedeihen lassen können.

Die innere Motivation, Menschen zu heilen oder ihr Leid wenigstens zu lindern, ist bei uns allen noch immer vorhanden. Aber der ärztliche Alltag wird überschattet durch schlechte Arbeitsbedingungen, knappe Ressourcen für die Patientenbehandlung und eine Flut von Bürokratie. Und dann wird auch noch permanent behauptet, dass wir schlechte Arbeit leisten. So wird Misstrauen geschürt, und dieses Misstrauen ist zur geistigen Basis geworden für den bürokratischen Rechtfertigungswahn, mit dem wir uns inzwischen auseinandersetzen müssen!

Unvergessen ist die Parole aus dem Jahr 2001, das deutsche Gesundheitswesen sei teuer wie ein Mercedes, geliefert werde aber nur ein Golf. Das Bild eines Systems, das von Über-, Unter- und Fehlversorgung geprägt ist, das im internationalen Vergleich zwar viel kostet, aber nur Mittelmäßiges leistet, ist inzwischen längst als wissenschaftlich nicht haltbar entlarvt worden. Aber diese Stimmungsmache hat sich deutlich im GKV-Modernisierungsgesetz niedergeschlagen, mit dem wir uns nun als Fakt im Alltag auseinanderzusetzen haben.

Dieses Gesetz, in Kombination auch mit einigen Vorläufer-Gesetzen seit Anfang der 1990er Jahre, bedeutet zweifellos einen krassen Richtungswechsel. Die Auswirkungen werden nun nach und nach sichtbar.

Ursprünglich waren die wesentlichen Kennzeichen der ärztlichen Versorgung die freie Arztwahl für die Versicherten, die Therapiefreiheit für Patienten und Ärzte und die Niederlassungsfreiheit für Ärztinnen und Ärzte.

Das Krankenhauswesen war aufgrund des Krankenhausfinanzierungsgesetzes mittels staatlicher Bedarfsplanung nach dem "Feuerwehrprinzip" gestaltet. Es sollte sichergestellt sein, dass jeder Patient innerhalb von etwa 15 Minuten das für ihn nötige und geeignete Krankenhausbett zur Verfügung hatte.

Gravierende Versorgungslücken mit Wartezeiten für Patienten hat es jahrzehntelang nicht gegeben. Die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem Gesundheitssystem war hoch bis sehr hoch. Und obwohl das Märchen von der Kostenexplosion kursierte, war der Anteil der Ausgaben vom Bruttoinlandsprodukt für die Mitglieder der Gesetzlichen Krankenversicherungen über Jahrzehnte im Wesentlichen konstant bei etwa 5,5 bis 5,8 Prozent.

Bei aller Schönrederei des Bundesgesundheitsministeriums bleibt es dabei: Das GKV-Modernisierungsgesetzes ist ein Einschnitt. Sein Ziel ist die strukturelle oder statistische Rationierung, auch wenn das nicht offen ausgesprochen wird. Die Strukturen einer flächendeckenden Versorgung werden mittelfristig im ambulanten und im stationären Sektor reduziert. Der Wettbewerb wird ausgerufen, die Privatisierung gefördert.

Mit der Einführung der diagnosebezogenen Fallpauschalen wird unsere bisherige Philosophie der Krankenhausversorgung in ihr Gegenteil verkehrt. Bisher war jeder in ein Krankenhaus aufgenommene Patient umfassend medizinisch betreut - zumindest so lange, bis er sich im Alltag wieder selbst helfen konnte. So viel Mildtätigkeit kann sich heute kein Krankenhaus mehr erlauben.

Die Patienten werden nun einer Fallpauschale zugeordnet und dann entsprechend dieser Diagnose schnellstmöglich behandelt. Das birgt unzweifelhaft die Gefahr einer Selektion nach Marktgesetzen.

Viele Krankenhäuser werden im neuen System nicht überleben, insbesondere nicht kleinere Krankenhäuser in strukturschwachen Regionen.

Die rasch fortschreitende Übernahme von Kliniken durch profitorientierte Betreiber wird zudem dafür sorgen, dass das Angebot an Krankenhausleistungen sich am Renditekalkül der Investoren und nicht am Bedarf ausrichtet. Die Versorgung von Kranken, für die lediglich defizitäre Fallpauschalen zur Verfügung stehen, wird günstigstenfalls durch Verlegungen in Schwerpunktkrankenhäuser, nicht selten aber überhaupt nicht adäquat stattfinden. Außerdem ist es unvermeidlich, dass die Qualität der Versorgung mancher Patienten aus Kostengründen unterhalb des bestmöglichen Niveaus liegen muss.

Das tradiert freiheitliche Leistungsgeschehen wird auch im ambulanten Sektor zunehmend planwirtschaftlich organisiert im Sinne von "Therapieprogrammen statt Therapiefreiheit". Die in der internationalen Ärzteschaft entwickelten Leitlinien für die Behandlung von Kranken mit definierten Diagnosen und die sich daraus ableitende evidence-based-medicine-Methodik als Entscheidungshilfe für die Betreuung im Einzelfall werden benutzt, um Disease-Management-Programme - übersetzt heißt das ja "Krankheitshandhabungsvorschriften" - für die Betreuung von Menschen mit bestimmten chronischen Krankheiten einzurichten. Zunächst zwar auf freiwilliger Basis, wobei aber diverse finanzielle Anreize diese Freiwilligkeit sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten und vor allem bei den Krankenkassen erheblich fördern.

Schon an den bisher aufgelegten Disease-Management-Programmen ist deutlich abzulesen, dass die Frage der allgemeinen Finanzierbarkeit keine unerhebliche Rolle spielt. Konsequenz dieser Programmgestaltung kann auch hier nur eine Versorgung unterhalb des bestmöglichen state of the art sein.

Gleichzeitig explodiert die Bürokratie. Der GKV-Schätzerkreis geht für das Jahr 2005 von sage und schreibe 340 Millionen Euro Verwaltungskosten allein für die Verwaltung des DMP Diabetes aus - Geld wohlgemerkt, das für Verwaltung und Datenerfassung verbraucht wird und nicht für die Patienten zur Verfügung steht.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

all das zeigt: Angesichts der fortschreitenden Ökonomisierung des Gesundheitswesens wird es für uns Ärztinnen und Ärzte immer schwieriger, nach den ethischen Grundüberzeugungen unseres Berufes zu handeln. Auf Bundes- und Landesebene müssen wir mit unseren ärztlichen Körperschaften dafür kämpfen, dass eine unabhängige ärztliche Entscheidung möglich bleibt. Wir dürfen nicht abrutschen in einen Erfüllungsgehilfenstatus, in dem unser tradiertes Berufsbild in kürzester Zeit bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wird.

Dazu gehört auch, dass das Arztgeheimnis nicht angetastet wird. So nachvollziehbar auch der Wunsch nach mehr Transparenz und effizienter Informationsweitergabe ist: Die elektronische Gesundheitskarte, die das Bundesgesundheitsministerium mit großem Druck so schnell wie möglich einführen will, darf die Vertraulichkeit der Patient-Arzt-Beziehung nicht gefährden.

Zu diesem Thema hat der Vorstand der Ärztekammer Nordrhein einen Antrag erarbeitet, der Ihnen heute zur Abstimmung vorliegt.

Auf unserer Tagesordnung steht heute wie immer im Herbst der Tätigkeitsbericht der Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler. Die Anträge auf Begutachtung sind auf den neuen Höchststand von 1.808 angewachsen. Dass die Zahl der erledigten Fälle mit 1.843 noch größer ist, zeigt erneut die Leistungsfähigkeit unserer Gutachterkommission.

Ihre Vertrauen schaffende Arbeit, die in der Ärzteschaft ebenso große Akzeptanz findet wie bei Patienten und Haftpflichtversicherern, hat die Kommission in jüngerer Zeit um eine zukunftsweisenden Aufgabe ergänzt - nämlich die Vorbeugung von Behandlungsfehlern. Seit rund fünf Jahren wird der in langjähriger Begutachtungspraxis gewonnene Erfahrungsschatz systematisch für Fortbildungsveranstaltungen aufbereitet.

Ich freue mich sehr darüber, dass mittlerweile auch andere Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen in Deutschland ihre Datenbestände in vergleichbarer Weise nutzen, denn das schafft eine noch breitere Datenbasis für Auswertungen mit dem Ziel der Behandlungsfehler-Prophylaxe. Das ist ein Beispiel dafür, wie die erfolgreiche Arbeit in Nordrhein, und das gilt nicht nur für die Gutachterkommission, bundesweite Ausstrahlung besitzt.

Bei den Kolleginnen und Kollegen sind die auf den Daten unserer Kommission basierten Fortbildungen, organisiert in Zusammenarbeit mit dem Institut für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein (IQN), auf breites Interesse gestoßen.

Das gilt auch für die Reihe "Aus der Arbeit der Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler", die in der Mai-Ausgabe 2000 des Rheinischen Ärzteblattes erstmals erschien. Seither veröffentlicht unser Ärzteblatt die Beiträge zur Behandlungsfehlerprophylaxe im zweimonatlichen Rhythmus.

Die gesamte Reihe ist stets aktuell auf der Internetseite der Ärztekammer Nordrhein www.aekno.de verfügbar. Die bis Jahresende 2004 erschienenen Beiträge stehen nun auch in Form einer Broschüre zur Verfügung, die Sie auf Ihren Plätzen finden.

> Zur Rubrik "Rheinisches Ärzteblatt / Reihen im Rheinischen Ärzteblatt"

Wie die Fortbildungsveranstaltungen basiert auch die Reihe im Rheinischen Ärzteblatt auf der von der Gutachterkommission zusammengetragenen Entscheidungssammlung, die mehr als 20.000 gutachtliche Bescheide beinhaltet.

Für diese Arbeit hat die Gutachterkommission mit dem früheren Vorsitzenden, Präsident des Oberlandesgerichts Köln a. D. Herbert Weltrich, und dem früheren stellvertretenden Geschäftsführenden Kommissionsmitglied, Dr. Herwarth Lent, zwei besonders kompetente Autoren gewinnen können, die über langjährige praktische Erfahrungen verfügen. Nach dem Tod von Dr. Lent übernahm ab Juli 2003 das langjährige frühere Geschäftsführende Kommissionsmitglied, Professor Dr. Wilfried Fitting, die Co-Autorenschaft.

Ich unterstütze den vorbeugenden Ansatz, dem sich die Kommission verschrieben hat, nachhaltig. Denn meines Erachtens sind ein Wandel in der Wahrnehmung von Fehlern und die Schaffung einer neuen Kultur des Umgangs mit Behandlungsfehlern notwendig. Fehler dürfen nicht zuerst als persönliches Versagen, sondern sollten auch als Möglichkeit des Lernens für die Zukunft angesehen werden.

Gerade im medizinischen Bereich werden Fehler oft mit persönlichem Versagen und persönlicher Schuld assoziiert. Auch die Angst vor Haftungsprozessen und höheren Versicherungssummen mag dazu beitragen, dass kein offener Umgang mit Fehlern möglich scheint. Noch herrscht die Meinung vor, Ärztinnen und Ärzte, die Fehler eingestehen, seien inkompetent, deshalb werden Fehler oft verschwiegen.

Die Einsicht, der Fehler sei ein "Schatz", den man heben sollte, setzt sich aber zunehmend durch. Das Verschweigen von Fehlern bewirkt, dass diese immer wieder auftreten können und das Bewusstsein für mögliche Fehlerquellen nicht geschärft wird. Deshalb sollten Fehler in der Behandlung zeitnah und unkompliziert offen gelegt werden, im Interesse aller Beteiligten. Es gilt, eine Kultur des Lernens aus Fehlern zu schaffen.

Ich danke der Gutachterkommission für ihre Beiträge dazu. Für die Kommissionsarbeit im zurückliegenden Jahr darf ich - stellvertretend für alle Beteiligten - dem Kommissionsvorsitzenden Dr. Heinz-Dieter Laum und dem Geschäftsführenden Kommissionsmitglied Professor Dr. Lutwin Beck ebenso danken wie dem Leiter der Geschäftsstelle, Herrn Ulrich Smentkowski.

Herr Laum wird ihnen die wichtigsten Ergebnisse der Kommissionsarbeit des zurückliegenden Jahres unter TOP 2 vorstellen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

unter TOP 3 und 4 werden wir uns mit den Finanzangelegenheiten der Nordrheinischen Ärzteversorgung befassen. Darüber hinaus geht es um Satzungsänderungen, die als Anpassungen an neue gesetzliche Bestimmungen beziehungsweise das Europarecht erforderlich sind. Ich darf Ihnen jetzt schon sagen, dass sich auch unser Versorgungswerk gut entwickelt.

Unter Tagesordnungspunkt 6 steht die Änderung unserer Berufsordnung an. Das neue Berufsrecht soll dafür sorgen, dass auch unter Wettbewerbsbedingungen - unabhängig von der Kooperationsform - Vertrauen, Individualität und persönliche Leistungserbringung im Patient-Arzt-Verhältnis geschützt bleiben. Die Berufsordnung, die im Wesentlichen den Beschlüssen des 107. Deutschen Ärztetages folgt, wird auch dazu beitragen, die Chancen von niedergelassenen Ärzten gegenüber institutionalisierten Formen der Versorgung zu verbessern.

Das ist deshalb ganz besonders wichtig, weil die ambulante Facharztebene ebenso wie die wohnortnahe hausärztliche Versorgung eines der Qualitätsmerkmale des deutschen Gesundheitswesens ist. Für die Vorbereitung dieses Tagesordnungspunktes darf ich unserem Vizepräsidenten Arnold Schüller und dem Berufsordnungsausschuss ganz herzlich danken.

Unter TOP 7 geht es um die Satzungsänderung unserer Ethikkommission an. Das Verfahren dieser Kommission wird durch die Umsetzung einer europäischen Richtlinie wesentlich geändert. Damit soll ein europaweiter Standard der Patientenrechte bei der Durchführung klinischer Prüfungen von Arzneimitteln erreicht werden. Kernbereich der Prüfung ist die ärztlich-ethische Vertretbarkeit einer Versuchsanordnung und die Überprüfung der Qualifikation der Prüfärztinnen und Prüfärzte.

Indem die Ethikkommission dem verantwortlichen Arzt eine Hilfestellung gewährt, wird er davor bewahrt, an unethischer Forschung teilzunehmen. Zukünftig darf mit der klinischen Prüfung eines Arzneimittels bei Menschen nur begonnen werden, wenn die Ethikkommission ihre zustimmende Bewertung abgegeben hat und die Bundesoberbehörde diese genehmigt hat.

Der Sponsor wird nach dem Arzneimittelgesetz Antragsteller und damit Verfahrensbeteiligter vor der Ethikkommission. Das hierdurch bedingte Haftungsrisiko - und die Tatsache, dass die Kammer diese Aufgabe "im Auftrage" des Landes übernehmen soll -, verpflichtet nach meiner Auffassung das Land zur Haftungsübernahme. Nur unter dieser Voraussetzung ist es möglich, auf ehrenamtlicher Basis genügend Kommissionsmitglieder zu finden, die auch zukünftig bereit sein werden, diese schwierige Aufgabe zu erfüllen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

auch beim Thema Fortbildung hat der Gesetzgeber sein chronisches Misstrauen bewiesen und im GKV-Modernisierungsgesetz zum 1. Juli 2005 eine bürokratische Fortbildungs-Nachweispflicht eingeführt. Dabei wissen wir doch alle:

Auch Fortbildung ist nichts Mechanistisches, programmmäßig Abzuarbeitendes. Fortbildung geschieht durch Lektüre, Kollegialgespräche, Konsultationen, Online-Fortbildung und vieles mehr. Gut fortgebildet ist ein Arzt ja nur dann, wenn sich seine Fortbildung nach den Bedürfnissen seiner Patienten richtet.

Immerhin aber, das konnten wir erreichen, hat der Gesetzgeber die Art und Weise der Nachweisgestaltung der Selbstverwaltung überlassen. Deshalb werden wir uns heute unter TOP 8 mit der ersten Fortbildungsordnung für die nordrheinischen Ärztinnen und Ärzte befassen.

Sie stützt sich auf die vom diesjährigen Deutschen Ärztetag beschlossene (Muster-)Fortbildungsordnung. Der Vorstand der Ärztekammer Nordrhein ist für eine Geltungsdauer des Fortbildungszertifikates von einheitlich 5 Jahren, um eine weitgehend unbürokratische Lösung zu ermöglichen. Es wird nach der Beschlussfassung heute die Aufgabe der vom Kammervorstand zu beschließenden Richtlinien sein, dem Grundsatz verlässlicher und unbürokratischer Regelungen weiter Geltung zu verschaffen.

Nach der neuen gesetzlichen Regelung ist die Kassenärztliche Vereinigung für den Fortbildungsnachweis der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte zuständig, und sie hat sich auf das Fortbildungszertifikat der Ärztekammern als von ihr bevorzugter Nachweismöglichkeit festgelegt.

Demgegenüber ist der gemeinsame Bundesausschuss, der übrigens vorige Woche hier in diesem Raum getagt hat, für die Festlegung von Umfang und Inhalt der Fortbildung von Fachärztinnen und Fachärzten im Krankenhaus zuständig. Hierzu ist bisher nichts öffentlich bekannt gegeben worden. Es erscheint allerdings kaum sinnvoll und vorstellbar, dass nicht auch für Fachärztinnen und Fachärzte im Krankenhaus das Fortbildungszertifikat der Ärztekammern als nach Umfang und Inhalt vollständig ausreichende Nachweismöglichkeit gelten sollte.

Im Kammergebiet selbst ist auch in diesem Jahr die Zahl zertifizierter Fortbildungsveranstaltungen weiter angestiegen und erreicht einschließlich der Qualitätszirkel der Kassenärztlichen Vereinigungen eine Zahl von rund 12.000. Aus dem Kreis der mit uns kooperierenden Anbieter von Fortbildung in Printmedien wird ebenfalls eine weiterhin steigende Teilnehmerzahl berichtet. Wir werten dies als Ausdruck einer intensiven Fortbildungsaktivität, die insbesondere in Zeiten allgemeiner Kostendämpfung und Arbeitsverdichtung ihren angemessenen Platz während der Arbeitszeit bekommen muss. Es kann nicht sein, dass Fortbildung überwiegend in der Freizeit stattfindet!

Unser Fortbildungsbeauftragter Professor Griebenow und unser Geschäftsführender Arzt Robert Schäfer werden Ihnen die neue Fortbildungsordnung erläutern.

Die von der Kammerversammlung im März beschlossene Weiterbildungsordnung liegt dem zuständigen Aufsichtsministerium in NRW zur Genehmigung vor. Mit einem Inkrafttreten kann nicht vor Mitte 2005 gerechnet werden. Die heute unter Tagesordnungspunkt 9 vorgelegten ergänzenden Änderungen resultieren aus den Beschlüssen des 107. Deutschen Ärztetages in Bremen und den Abstimmungsgesprächen mit der Ärztekammer-Westfalen Lippe. Vielen Dank an Dieter Mitrenga, der das Thema mit der üblichen Präzision betreut.

Wie Sie den Unterlagen für TOP 5 entnehmen konnten, sind auch unsere Kammerfinanzen in Ordnung. Seit 15 Jahren kommen wir ohne Beitragsanpassungen aus. Auch die Kosten für den Neubau "Haus der Ärzteschaft" sind im geplanten Rahmen geblieben, was ja nicht selbstverständlich ist bei einem Projekt dieser Größenordnung. Vielen Dank an den Finanzausschuss und besonders die Kollegen Fritz Stagge und Leonhard Hansen, die sich als Vorsitzender des Finanzausschusses beziehungsweise Verbindungsmann des Vorstandes zum Finanzausschuss um die Kammerfinanzen kümmern.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

schon nach einem Jahr lässt sich sagen, dass unser Neubau zu einem Forum der Begegnung und des Dialogs geworden ist, so wie wir es uns gewünscht haben. Dies gilt innerärztlich, aber auch nach außen. Zum Beispiel kamen zu unserem erstmals und gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung veranstalteten Sommer-Empfang rund 500 Gäste aus der Ärzteschaft und dem Gesundheitswesen, aber auch aus der Politik. Weitere wichtige Veranstaltungen wie zum Beispiel in der kommenden Woche der "European Health Care Congress" finden nun unter dem Dach unseres Hauses statt.

Nicht zuletzt angesichts der neuen Möglichkeiten in diesem Haus hat der Kammervorstand beschlossen, neben den Mitgliedern der Kammerversammlung alle Kolleginnen und Kollegen in Nordrhein für den 14. und 15. Februar 2005 zum ersten Rheinischen Ärztetag hier ins Haus einzuladen. Dieser Tag soll dem innerärztlichen Dialog gewidmet sein.

Eine besonders wichtige Veranstaltung hier in diesem Saal war die Ergebniskonferenz zur Qualitätssicherung Nordrhein-Westfalen, zu der im September über 350 Teilnehmer kamen. Es hat sich gezeigt, dass die Qualitätssicherung nach der Überwindung zahlreicher Anfangsschwierigkeiten des Bundeskonzeptes nun immer besser läuft. Die Verfahren in den nordrhein-westfälischen Krankenhäusern beginnen, unseren Kolleginnen und Kollegen ganz konkret Nutzen zu bringen.

Wie Sie wissen, hat die bei der Ärztekammer Nordrhein angesiedelte Geschäftsstelle Qualitätssicherung zum Jahresbeginn die Verantwortung für das Qualitätssicherungs-Verfahren in ganz Nordrhein-Westfalen übernommen. Das laufende Jahr ist besonders wichtig, weil jetzt die Vorbereitung auf die ab dem kommenden Jahr zu erstellenden "strukturierten Qualitätsberichte" läuft. Diese Berichte müssen die Krankenhäuser erstmals bis zum 31. August 2005 veröffentlichen. Sie sollen als Informations- und Entscheidungshilfe für Patienten dienen und als Orientierungshilfe für niedergelassene Ärzte bei der Einweisung und Weiterbehandlung.

Die medizinische Qualitätssicherung ist seit fast 30 Jahren ein wichtiges Anliegen der ärztlichen Selbstverwaltung. Die Ärztekammer Nordrhein hat auch auf diesem Gebiet wichtige Pionierarbeit geleistet, ich erinnere hier nur an die Einführung der Rheinischen Perinatalerhebung im Jahre 1982. Die langjährigen Erfahrungen in Nordrhein, später auch mit zahlreichen anderen Projekten, haben gezeigt: Qualitätssicherung kann nur erfolgreich sein, wenn ärztlicher Sachverstand ausreichend - am besten paritätisch - in den Qualitätssicherungsgremien vertreten ist. Wir verstehen die Qualitätssicherung als eine immer wichtiger werdende Aufgabe zumal allein die Ärztekammern - im ambulanten Bereich auch die Kassenärztlichen Vereinigungen - die medizinische Sachkompetenz fachgruppen- und Sektoren übergreifend einbringen können.

Der viel beschworene Wettbewerb übt - insbesondere unter den Bedingungen der Krankenhausfinanzierung über diagnosebezogene Fallpauschalen - einen stärkeren ökonomischen Druck auf die Krankenhäuser aus. Das darf nicht dazu führen, dass die Qualität der Patientenbehandlung leidet. Dazu soll die Qualitätssicherung einen wichtigen Beitrag leisten!

Nicht ohne Grund trug der diesjährige Kongress unseres gemeinsam mit der KV betriebenen Instituts für Qualität im Gesundheitswesen den Titel: "Qualitätssicherung in ärztlicher Hand - zum Wohle der Patienten". Bei dem Kongress wurde überdeutlich, dass dem ökonomischen Wettbewerb im Gesundheitswesen klare Grenzen gesetzt werden müssen. Der große Erfolg des 2. Kongresses ermutigt uns dazu, für das Jahr 2006 erneut einen IQN-Kongress zu planen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im September gab es eine Veranstaltung der Landesregierung zum Thema Gesundheitswirtschaft, zu der ich auch Ministerpräsident Steinbrück hier im Hause begrüßen konnte. Wir haben uns natürlich sehr gefreut, dass der Ministerpräsident hierher gekommen ist. Das bedeutet aber noch nicht, dass wir politisch immer einer Meinung sind. Den Begriff der Gesundheitswirtschaft, den die Landesregierung nun in einem so genannten Masterplan propagiert, sehen wir durchaus mit gemischten Gefühlen.

Auf der einen Seite sind wir froh über die Aussage, dass unsere Landesregierung die Bedeutung und die Leistungskraft unseres Gesundheitswesens in Nordrhein-Westfalen sehr hoch einschätzt. Das war ja nicht immer so. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass auch in NRW die zeitweilige Fixierung der Diskussion auf das Gesundheitswesen als Kostenfaktor vorherrschte. Und auch hier bei uns im Lande wurde die Negativ-Darstellung unserer Leistungen einschließlich der Propaganda von der angeblich weit verbreiteten Über-, Unter- und Fehlversorgung durchaus gepflegt - so zum Beispiel als es vor zwei Jahren darum ging, Praxen und Kliniken per so genanntem Vorschaltgesetz eine Nullrunde zu verpassen. Negative Folgen des Vorschaltgesetzes für Versorgungsqualität und auch für die Beschäftigung hat unsere Regierung damals noch heftig bestritten und ihren Kritikern Panikmache vorgeworfen.

Ich würde mich also sehr freuen, wenn der Beitrag unseres leistungsfähigen Gesundheitswesens zum sozialen Frieden auch von unserer Landesregierung tatsächlich neu bewertet wird. Bei unseren Aktivitäten in der Landesgesundheitspolitik haben wir uns jedenfalls immer wieder für diese Neubewertung eingesetzt. Wir haben deutlich gemacht, dass das Gesundheitswesen eine Jobmaschine ist, dass die Arbeitsplätze "globalisierungsfest" und auch nicht durch Technik zu ersetzen sind. Insoweit können wir auch hier von Erfolgen berichten.

Dennoch bin ich der Auffassung, dass der Begriff der Gesundheitswirtschaft problematisch ist und dass besser weiter von Gesundheitswesen gesprochen werden soll. Denn "Gesundheitswirtschaft" klingt doch so, als sei das Gesundheitswesen eine Branche wie jede andere auch, als herrsche hier das ökonomische Kalkül. Wir Ärztinnen und Ärzte aber treten entschieden für den Schutz des individuellen Patient-Arzt-Verhältnisses vor betriebswirtschaftlichem Gewinnstreben ein.

Eine bundesweite Vorreiter-Rolle hat unsere Landesregierung beim Thema der Mindestmengen gespielt. Sie kennen die Pläne zur Einrichtung von Brustzentren. Deshalb müssen wir auch hier in Nordrhein-Westfalen aus ärztlicher Sicht immer wieder deutlich machen, dass Mindestmengen kein Wundermittel sind, das stets bessere Qualität bewirkt.

Wir haben beim diesjährigen Deutschen Ärztetag ausführlich besprochen, dass niedrige Leistungsfrequenzen nicht automatisch zu schlechten Versorgungsergebnissen führen, sowenig wie höhere Leistungsfrequenzen zwangsläufig die besseren Resultate nach sich ziehen. Die Mindestmenge ist wissenschaftlich unzureichend abgesichert und kann nur ein Hilfsmittel sein, bis bessere Maßstäbe für Versorgungsqualität entwickelt worden sind. Das Instrument darf daher keinesfalls dogmatisch gehandhabt werden. Entscheidend müssen bleiben die individuelle Kompetenz des Arztes und die Erfordernisse der Versorgungsrealität.

Deshalb werden wir auch hier im Lande für eine vorsichtige und differenzierte Politik in diesem Punkt eintreten. Zu berichten ist auch von den Plänen zur Einrichtung eines flächendeckenden bevölkerungsbezogenen Krebsregisters in NRW ab 2005 per Gesetz. Vorgesehen ist eine flächendeckende epidemiologische Registrierung von Krebsfällen. Das Register soll regionale Besonderheiten und besondere Häufungen von Erkrankungsfällen im Vergleich zu anderen Regionen feststellen und einer gezielten Forschung zuleiten. Parallel dazu soll ein Onkologisches Qualitätsmanagement unter Beteiligung der Ärztekammer Nordrhein eingeführt werden. Wir werden die ärztlichen Belange wie auch unsere Erfahrung bei Konzeption und Aufbau des Onkologischen Qualitätsmanagements zum Wohle der Patientinnen und Patienten einbringen.

Die Krankenhausplanung in Nordrhein-Westfalen läuft ihrem Zeitplan deutlich hinterher. Als Planungszeitraum war ursprünglich das Jahr 2003 vorgesehen. Tatsächlich liegen im November 2004 noch nicht alle regionalen Planungskonzepte für den Regierungsbezirk Köln vor.

Anders ist es im Regierungsbezirk Düsseldorf. Hier werden insgesamt 2.156 Betten in den somatischen Fachgebieten abgebaut. Nach den Vorstellungen der Landesregierung sollten zunächst 2.800 Krankenhausbetten abgebaut werden. Der Bettenabbau fällt also offenbar moderater aus als von der Landesregierung ursprünglich vorgesehen.

Bemerkenswert ist, dass viele Krankenhäuser die Verhandlungen zwischen den Krankenkassen und den Krankenhausträgern einen einvernehmlichen Abschluss gefunden haben. Die Ärztekammer Nordrhein hat die Landes-Krankenhausplanung intensiv mit der Kommission für Krankenhausplanung unter Vorsitz des Kollegen Rudolf Henke begleitet. Vielen Dank für diese Arbeit.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Abschaffung des Arztes im Praktikum ist in Nordrhein offenbar ohne nennenswerte Probleme verlaufen. Mehr als 93 Prozent der bisherigen AiPs, die an einer Umfrage der Ärztekammer Nordrhein teilgenommen haben, erhielten einen Assistenzarzt-Anschlussvertrag. Noch vor wenigen Monaten waren Probleme zu befürchten, zeigten sich doch Krankenkassen und Krankenhausgesellschaft zögerlich bei der konsequenten Umsetzung der neuen gesetzlichen Möglichkeiten.

Dass die Umwandlung der AiP-Stellen in eine gleich große Zahl von Stellen für approbierte Ärzte so reibungslos verlaufen ist, haben wir auch Mitgliedern dieses Hauses zu verdanken. Die Vereinbarungen des Marburger Bundes mit Kassen und Trägern auf Bundes- und Landesebene haben den jungen Ärztinnen und Ärzten den Rücken gestärkt. Wir sind froh darüber, dass eine langjährige Forderung der Ärzteschaft nun endlich erfüllt worden ist.

Die Abschaffung der Arzt-im-Praktikum-Phase kann allerdings nur ein erster Schritt sein, wenn wir den derzeitigen Abwärtstrend beim ärztlichen Nachwuchs stoppen wollen. Die Arbeits- und Vergütungsbedingungen für Klinikärztinnen und Klinikärzte - und das gilt nicht für den ärztlichen Nachwuchs - sind bei uns in Deutschland, vorsichtig ausgedrückt, insuffizient.

Der Arztberuf zählt zu den akademischen Berufen mit der längsten Studiendauer und den höchsten Studienkosten. Ärztinnen und Ärzte übernehmen eine hohe Verantwortung. Wer wird dazu in Zukunft noch bereit sein, wenn es weiter bei den unzumutbaren Arbeitsbedingungen in unseren Krankenhäusern bleibt. Immer noch haben wir Arbeitszeiten von teilweise über 30 Stunden am Stück, außerdem frisst die Bürokratie immer mehr Zeit für die Patientenbehandlung. Zu allem Überfluss verschlechtert sich auch noch die Einkommenssituation zusehends.

Wie wollen wir qualifizierte Ärzte beispielsweise an die Universitätskliniken holen oder sie dort halten, wenn ihnen Arbeitszeitverlängerungen und Kürzungen beim Weihnachts- und Urlaubsgeld drohen? Wie will man junge Mediziner für die Arbeit am Krankenbett gewinnen, wenn die in Deutschland erreichten ersten Schritte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von der Europäischen Kommission unterlaufen werden, die Bereitschaftsdienste nicht mehr automatisch als Arbeitszeit anerkennen will?

Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus verbringen heute bis zu 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation, Arztbriefe nicht eingerechnet. Das kann nicht so bleiben, wenn wir den Arztberuf wieder attraktiver machen und junge Ärztinnen und Ärzte für die Patientenversorgung begeistern wollen!

Zumal es ja auch in der niedergelassenen Praxis nicht besser aussieht, wo sich der Vertragsarzt - einmal ganz abgesehen vom der Disease-Management-Bürokratie - mit mindestens 60 verschiedenen Formularen herumschlagen muss. 94 Prozent der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen vergällt die wachsende Bürokratie ihre Freude an der Arbeit, wie wir aus einer repräsentativen Umfrage wissen. Erst danach kommt die Tatsache, dass es für immer mehr Leistung immer weniger Honorar gibt. Auch das ist allerdings schlimm genug. Fast der erschreckendste Befund ist, dass an eine Besserung der Situation kaum mehr jemand glaubt.

Dennoch gibt es keine Alternative zum KV-System, weil sonst die Vertragsärzte den Spaltungsversuchen von Krankenkassen und Politik schutzlos ausgeliefert wären. Die Ärztekammer Nordrhein wird deshalb auch künftig die Kassenärztliche Vereinigung als ihre natürliche Verbündete betrachten. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass die KV durch das GKV-Modernisierungsgesetz noch stärker als bisher in das System der GKV verwoben worden ist. Dadurch ändert sich auch die bisherige Aufgabenteilung zwischen Ärztekammer und KV. Das muss nicht negativ sein, es hat aber auch bereits zu notwendigen Diskussionen geführt, die sicher auch noch eine Weile fortgeführt werden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

bei der Kammerversammlung im März haben wir ein Positionspapier zur integrierten Patientenversorgung verabschiedet. Die Vereinbarung einer Position war notwendig, um in der von unterschiedlichen Vorstellungen und Interessen geprägten öffentlichen Diskussion eine ärztliche Position zu bestimmen und auf dieser Grundlage den innerärztlichen Dialog, aber auch den Dialog mit der Politik zu führen. Mit den Herren Rüttgers und Ahrens sowie weiteren Mitgliedern der CDU-Landtagsfraktion hat im Juli 2004 ein Gespräch über die integrierte Versorgung und weitere gesundheitspolitische Fragestellungen stattgefunden. Gespräche mit der SPD-Landtagsfraktion und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen werden in diesem Monat und im Dezember folgen.

Einem weiteren wichtigen Themenkomplex hat sich der Ständige Ausschuss "Ambulante ärztliche Versorgung" unter dem Vorsitz von Frau Haus zugewandt. Der Ausschuss befasst sich mit der Frage, ob der Wechsel vom Sachleistungsprinzip zum Kostenerstattungsprinzip sinnvoll und machbar ist. Wie Sie wissen, wurde den Versicherten wieder ein entsprechendes Wahlrecht eingeräumt.

Der Ausschuss hat bisher viele Argumente zusammengetragen, die aus Sicht der Patienten sowie aus ärztlicher Sicht für einen Wechsel sprechen. Derzeit wird die Frage der politischen Umsetzbarkeit des Wechsels im Ausschuss bearbeitet. Wir hoffen, im nächsten Jahr - nach intensiver Diskussion mit der Kassenärztlichen Vereinigung - der Kammerversammlung hierzu ein Positionspapier vorlegen zu können.

Aus Sicht der Kammer ist es sehr wünschenswert, mit der KV in allen Fragen gemeinsamer Zuständigkeit möglichst nach außen hin abgestimmt aufzutreten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

zur künftigen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung lesen wir jeden Tag etwas Neues. Zur Diskussion über Gesundheitsprämie oder Bürgerversicherung ist in dieser Woche die Bürgerpauschale hinzugekommen. Sie haben das in den Zeitungen verfolgt, und wir können das hier nicht im Einzelnen besprechen. Das ist meines Erachtens auch nicht vorrangig die Aufgabe der Ärzteschaft, sondern die der Politiker und ihrer Berater.

Was für uns als Ärztinnen und Ärzte wichtig ist: Jede neue Art der Finanzierung muss sich daran messen lassen, was sie zur der Sicherung einer im Zugang chancengleichen und qualitativ hoch stehenden Patientenversorgung leisten kann - und das bei steigender Leistungsinanspruchnahme aufgrund des medizinischen Fortschritts und der Altersentwicklung der Bevölkerung.

Auch in der Finanzierungsdebatte gilt: Das Gesundheitswesen darf nicht vorrangig unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen werden. Letztlich geht es um den Patienten und darum, dass in Deutschland auch morgen noch eine gute Medizin gemacht werden kann.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wer den Arztberuf ergreift verpflichtet sich, dem Einzelnen und dem ganzen Volk zu dienen, sein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen, den Beruf mit Gewissenhaftigkeit und Würde auszuüben, und die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit der Patientinnen und Patienten als oberstes Gebot des Handelns einzuhalten.

Diese Verpflichtung ist uns allen gemeinsam. Kommen wir dieser Verpflichtung gewissenhaft nach, so brauchen wir uns um unser Ansehen in der Gesellschaft keine Sorgen zu machen. Doch ist das in den Wirren des Alltags nicht immer einfach, und deshalb brauchen wir unsere Ärztekammer als die Selbstverwaltungs-Einrichtung, welche die Grundsätze unserer beruflichen Ethik auf die unterschiedlichsten Feldern ärztlichen Handelns herunterzubrechen hilft.

Lassen Sie mich das zum Schluss an drei völlig unterschiedlichen Beispielen verdeutlichen:

Eine zunehmende Zahl von Kolleginnen und Kollegen erbringt für ihre Kassenpatienten ärztlich empfehlenswerte Leistungen, die nicht zum Leistungsumfang der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gehören. Damit wir hierbei nicht in den Verdacht geraten, pekuniäre Interessen vor Patienteninteressen zu stellen, sind dabei einige Regeln zu beachten. Diese hat die Ärztekammer - in Zusammenarbeit mit der KV - in Empfehlungen für die Kollegenschaft und die Patienten formuliert.

Grundsätzlich gilt, dass wir unsere Patienten auch im Zusammenhang mit den IGEL-Leistungen keinesfalls als Kunden sehen dürfen. Es darf nie der Eindruck entstehen, dass finanzielle Erwägungen vor patientenorientierten Motiven stehen. Stimmt diese Voraussetzung, ist gegen Leistungen auf Wunsch der Patienten nichts einzuwenden, wenn sie ärztlich vertretbar sind.

Dies gilt besonders vor dem Hintergrund der zunehmenden Rationierung in der GKV. Wir kommen nicht mehr um die Tatsache herum, dass die moderne Medizin mehr umfasst als die Kassenmedizin. Das können wir unseren Patienten nicht verschweigen, allerdings muss jedem gesetzlich Versicherten völlig freigestellt bleiben, ob er von den zusätzlichen Möglichkeiten Gebrauch macht.

Hier kommt es auf Fingerspitzengefühl im Umgang an, sachliche und unaufdringliche Information sind angebracht. Es muss auch die formale Seite stimmen - etwa hinsichtlich der Einverständniserklärung des Patienten oder der Rechnungsstellung nach der amtlichen Gebührenordnung. Auch hier nimmt die Ärztekammer eine wichtige Aufgabe wahr, nämlich die der Beratung.

Das zweite Beispiel sind die so genannten Schönheitsoperationen. Wir können als Ärzteschaft nicht tatenlos zusehen, wenn insbesondere Jugendliche und Heranwachsende in der Fernsehunterhaltung gnadenlos dem Diktat eines um sich greifenden Schönheitswahns ausgesetzt werden. Die Risiken von Eingriffen werden klein geredet und es wird der Eindruck vermittelt, dass eine Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes weitgehend komplikationslos möglich ist.

Da heißt es dann zum Beispiel auf der Homepage von RTL, das die Serie "Alles ist möglich" ausstrahlt:

Zitat
Die Schönheitsoperation ist mittlerweile für viele fast so selbstverständlich wie ein ganz normaler Frisörbesuch.
Zitat Ende

Eine solche Aussage ist doch skandalös!

Wenn sich Ärzte an so etwas beteiligen, müssen wir als Ärztekammer unverzüglich überprüfen, ob ein solches Verhalten mit dem ethischen Selbstverständnis der Ärzteschaft vereinbar ist. Darüber hinaus müssen wir in der Öffentlichkeit und vor allem bei den Jugendlichen selbst ein kritisches Bewusstsein schaffen. Deshalb hat die Bundesärztekammer eine Koalition aus politischen und gesellschaftlichen Kräften angestoßen, die den Verführungen des Zeitgeistes entgegenwirkt.

An unserer Seite haben wir dabei die Kolleginnen und Kollegen aus den seriösen plastisch-ästhetischen Berufsverbänden und Fachgesellschaften. Diese warnen wie wir vor falschen Operationsbegründungen bei falsch informierten oder schlecht beratenen Patienten. Mit Hilfe solcher Kolleginnen und Kollegen hat die Ärztekammer Nordrhein bereits ein "Register plastisch-ästhetische Chirurgie" erarbeitet und ins Internet gestellt, das Hilfestellung bei der Suche nach einem seriösen Operateur bietet.

Auch das ist eine bundesweit einmalige und wegweisende Initiative unserer Kammer. Im Sinne der Patienteninformation ist es darüber hinaus geboten, die Bezeichnung "Plastische Chirurgie" in der Weiterbildungsordnung um den Begriff der "Ästhetischen Chirurgie" zu erweitern, wie wir es Ihnen heute unter TOP 9 vorschlagen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in kaum einer anderen Situation sind wir in unserem Arzt-Sein so gefordert wie beim Beistand für Sterbende. Jeder Patient muss sich zu jeder Zeit sicher sein können, dass Ärztinnen und Ärzte konsequent für das Leben eintreten und weder wegen wirtschaftlicher, politischer noch anderer Gründe das Recht auf Leben zur Disposition stellen.

Ich begrüße, dass Bundesjustizministerin Brigitte Zypries am eindeutigen gesetzlichen Verbot der aktiven Sterbehilfe in Deutschland nicht rüttelt. Dennoch hat der kürzlich vorgelegte Gesetzentwurf der Ministerin eine kontroverse Debatte ausgelöst. Es wurde sogar der Vorwurf erhoben, dass eine Umsetzung der Pläne faktisch der aktiven Sterbehilfe Tür und Tor öffnen könnten. Diese Kritik zielt vor allem auf den Verzicht auf besondere Formvorschriften und die Begrenzung der Reichweite von Patientenverfügungen auf die Phase eines irreversibel tödlichen Verlaufs. Meines Erachtens geht der Vorwurf gegen den Gesetzentwurf zu weit, zumal auch die Bundesärztekammer die Bedeutung und Verbindlichkeit von Patientenverfügungen in ihren kürzlich überarbeiteten Grundsätzen zur ärztlichen Sterbebegleitung deutlicher als zuvor herausgestellt hat.

Offenbar sind auch einige der geplanten Vorschriften, welche die bindende Wirkung von Patientenverfügungen begrenzen sollen, bisher von der veröffentlichten Meinung nicht ausreichend wahrgenommen worden. Zum Beispiel ist vorgesehen, dass der in einer Patientenverfügung geäußerte Wille nicht beachtet werden darf, wenn dieser Gesetzen oder dem ärztlichen Berufsethos widerspricht. Damit sind zum Beispiel aktive Sterbehilfe und aus ärztlicher Sicht nicht indizierte Maßnahmen ausgeschlossen.

Der Gesetzgeber setzt damit Vertrauen in unsere ärztliche Berufsordnung. Danach dürfen wir das Leben Sterbender nicht aktiv verkürzen. Aktive Sterbehilfe ist Tötung eines Menschen, und die lehnen wir kategorisch ab.

Wir sehen die ärztliche Aufgabe vielmehr in der Betreuung todkranker Patienten, das heißt in der Sterbebegleitung. Leiden zu lindern mit den Mitteln der modernen Palliativmedizin, Angst zu nehmen, um damit ein selbstbestimmtes, würdevolles Lebensende zu ermöglichen - das ist der ärztliche Auftrag.

Ich danke sehr für Ihre Geduld und Ihre Aufmerksamkeit.

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letzte Änderung am: 04.02.2013

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Heft 7/2018

Titel 7/2018 Titelgestaltung: Eberhard Wolf

Titelthema

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Osteoporose - Prävention und Behandlung

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Die Prävention und Behandlung von Osteoporose stehen im Mittelpunkt der aktuellen Fortbildung des Instituts für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein (IQN). Die Veranstaltung findet am Mittwoch, 1. August 2018 von 15.30 Uhr bis 19.00 Uhr im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft.

Interner Link Programm

Dokumentation: PsychKG-Forum

Dokumentation der Vorträge auf dem PsychKG-Forum - Erwartungen und Erfahrungen nach der Gesetzesnovelle, das die Bezirksregierung Düsseldorf am 13. April 2018 veranstaltet hatte.

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Materialbestellung

Die Ärztekammer Nordrhein hält zahlreiche Informationsbroschüre und Flyer für Ärztinnen und Ärzte, Bürgerinnen und Bürger oder auch zur Auslage im Wartezimmer bereit. Die Materialien können einfach ein bereitgestelltes Online-Formular bestellt werden.

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Jobbörse für MFA
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