Bundespräsident Steinmeier und Elke Büdenbender besuchen Pilotprojekt „Eine Chance für Geflüchtete“

Essener Initiative ermöglicht Geflüchteten den Einstieg in den Ausbildungsberuf Medizinische Fachangestellte / Medizinischer Fachangestellter

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Besuch in der KAUSA in Essen Foto: Jochen Rolfes

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (3. von rechts) und seine Frau Elke Büdenbender (2. von rechts) zu Besuch bei dem Projekt „Eine Chance für Geflüchtete“ in der KAUSA Servicestelle Essen. Steinmeiers Besuch in Essen begleiteten unter anderem NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (1. von links), Wolfram Kuschke, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (2. von links), Professor Dr. Haci Halil Uslucan, Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien (3. von links), Professor Dr. Susanne Schwalen, Geschäftsführende Ärztin der Ärztekammer Nordrhein (4. von links), Professor Dr. Wolfgang Ewer, Präsident des Bundesverbands Freier Berufe (5. von links) und Thomas Kufen, Oberbürgermeister der Stadt Essen (1. von rechts). Foto: Jochen Rolfes

Essen, Düsseldorf, 20.4.2018. Geflüchtete Menschen ins deutsche Ausbildungssystem einzubinden, bietet eine große Chance, dem aktuellen Fachkräftemangel im Gesundheitswesen entgegenzuwirken. Das Pilotprojekt „Eine Chance für Geflüchtete“ eröffnet gleichzeitig jungen Menschen eine dauerhafte Berufsperspektive und damit einen Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe. Die Essener Initiative der Ärztekammer Nordrhein und ihrer Kreisstelle Essen, der KAUSA Servicestelle Essen (KSE) in Trägerschaft des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung, des JobCenters Essen und der Agentur für Arbeit Essen ist ein Beispiel dafür, wie durch lokale Kooperation unterschiedlichster Akteure jungen Geflüchteten der Einstieg in den Ausbildungsberuf „Medizinische Fachangestellte / Medizinischer Fachangestellter“ ermöglicht werden kann.

Im Rahmen ihrer Schirmherrschaft über die Woche der beruflichen Bildung besuchten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender die Projektinitiatoren in Essen und informierten sich in Gesprächen mit den Geflüchteten, den ärztlichen Ausbildern und den Organisatoren über den Ablauf und die Ergebnisse des Projektes.

„Wir haben hier in Essen ein wunderbares Beispiel gesehen, wo KAUSA mithilfe von Ärzten junge Geflüchtete für eine Ausbildung als Medizinische Fachangestellte interessieren und wo mögliche Arbeitgeber mit Auszubildenden zusammengebracht werden. Und das offensichtlich sehr erfolgreich“, sagte Steinmeier.

„Die Eingliederung Geflüchteter in unsere Arbeitswelt setzt Kooperationswillen, Flexibilität und Mut aller Beteiligten voraus, neue Wege zu gehen. Im September 2017 haben sich im Rahmen unserer Initiative 60 junge Geflüchtete bei 26 Essener Ärztinnen und Ärzten vorgestellt“, berichtete Dr. Ludger Wollring, Vorsitzender der Kreisstelle Essen der Ärztekammer Nordrhein. Die Vorstellung fand in Form eines „Speed-Datings“ in der KAUSA Servicestelle Essen statt. „Wir sind stolz darauf, dass nach diesen Gesprächen schon im ersten Projektjahr 19 Einstiegsqualifizierungs-Verträge und drei Ausbildungsverträge mit den hochmotivierten jungen Geflüchteten für unsere Praxen abgeschlossen werden konnten.“

Dr. Ludger Wollring, Frank-Walter Steinmeier, Elke Büdenbender, KAUSA Essen Foto: Ute Gembler

Dr. Ludger Wollring, Vorsitzender der Kreisstelle Essen der Ärztekammer Nordrhein zusammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seiner Gattin Elke Büdenbender beim Besuch der KAUSA in Essen. Foto: Ute Gembler

Für das „Speed-Dating“ hat die KAUSA Servicestelle Essen eine Vorauswahl der Kandidaten vorgenommen. Dazu wurden die Bewerberdatenbanken der KAUSA Servicestelle Essen und des Jobcenters genutzt. Außerdem wurden Netzwerkpartner der KSE angeschrieben und gebeten, geeignete Kandidaten zu melden.

Praxistaugliches Modell

„Durch das Projekt haben wir als Projektbündnis nicht nur das Schicksal von 22 Menschen positiv verändert und motivierte Nachwuchskräfte an zahlreiche Betriebe vermittelt, sondern auch ein praxistaugliches Modell entwickelt, das für weitere Branchen und benachteiligte Jugendliche genutzt werden kann“, sagte Wolfram Kuschke, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI).

Einstiegsqualifizierung als Tor zur Ausbildung

„Ziel von Einstiegsqualifizierungen ist es, die Bewerber an eine betriebliche Ausbildung heranzuführen. Dank dieser Maßnahme kann der Betrieb den Jugendlichen über einen längeren Zeitraum kennenlernen, während der Bewerber seine Kenntnisse in dieser Zeit verbessern und vertiefen kann“, erklärte Dietmar Gutschmidt, Fachbereichsleiter des JobCenters Essen.

„Das Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, Bewerberinnen und Bewerbern eine Chance zu geben, die nicht auf den ersten Blick durch sehr gute Zeugnisse überzeugen, aber die viel Talent, Engagement und Motivation für den Beruf mitbringen. Die Einstiegsqualifizierung bietet den Raum, diese Talente zu entdecken und damit eine abgesicherte Entscheidung für die Aufnahme in eine Ausbildung zu treffen“, sagte Andrea Demler, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Essen.

Halas Daood aus Syrien hatte sich vor der Teil nahme am Projekt „Eine Chance für Geflüchtete“ in Eigeninitiative um eine Ausbildungsstelle beworben, allerdings erfolglos. Jetzt befindet sie sich in einer Einstiegsqualifizierung (EQ). Für sie sei das Programm auch eine Möglichkeit, ihre Sprachkenntnisse weiter zu verbessern. Inzwischen habe sie gute Fortschritte gemacht und die B2-Prüfung bestanden. Das Projekt habe ihr einen Einblick in das Berufsleben verschafft, so Daood. „Ich möchte die Chance, die sich mir bietet, gerne nutzen. Ich würde gerne noch besser Deutsch lernen, um hier studieren zu können. Ich wollte schon immer gerne Architektur studieren und Deutschland etwas zurückzugeben“, sagte die Syrerin.

Ihr Landsmann Amer Eibash hat in Syrien Französisch studiert und wollte in Deutschland eigentlich als Lehrer arbeiten. Dann habe er erfahren, dass hierzulande Lehrer immer zwei Fächer unterrichten. Da ihm Sicherheit wichtig sei, habe er sich für eine Ausbildung statt eines weiteren Studiums entschieden, so Eibash, der zunächst zwei Monate als Praktikant arbeitete und jetzt Auszubildender in einer Fachklinik ist. Um in Deutschland richtig anzukommen, gehöre für ihn auch dazu, die deutsche Sprache und Mentalität kennenzulernen sowie „einen Beruf zu erlernen, der mir Spaß macht und mir eine langfristige Perspektive bietet“.

Dr. Heiko Löser von der Gemeinschaftspraxis Praxis Central in Essen hat ebenfalls eine junge Frau für den MFA-Beruf begeistern können. „Uns als Frauenärztinnen und Frauenärzte war es wichtig, die Integration von motivierten jungen Geflüchteten zu unterstützen. Gleichzeitig konnten wir die Möglichkeit nutzen, im aktuell sehr angespannten Arbeitsmarkt eine gute neue Mitarbeiterin zu gewinnen. Der Anfang war schwierig aus sprachlichen Gründen, deswegen haben wir das mit der Einstiegsqualifizierunggern in Anspruch genommen.“ Sofort mit einer Ausbildung zu starten, wäre hingegen schwieriger gewesen, sagte der Gynäkologe. Nun habe man die ursprünglich für ein Jahr vorgesehene EQ so verkürzt, dass die junge Praktikantin im Juni als vierte Auszubildende beginnen könne. Einer der eigentlich fünf Ausbildungsplätze werde 2018/19 jedoch freibleiben, so Löser.

In den vergangenen Jahren habe man jeweils gut ein Dutzend Bewerbungen auf die freien Azubi-Plätze erhalten. In der vergangenen Bewerbungsphase seien nur noch vier Bewerbungen auf zwei offene Ausbildungsstellen eingegangen, so Löser, der allerdings ergänzte, dass man die Stellen dieses Mal nicht öffentlich beworben habe.

Ärztliche Initiatoren des Projektes in der Ruhrmetropole sind die Essener Mediziner Dr. Patricia Aden und Dr. Matthias Benn (wir berichteten). „Junge Geflüchtete sind in der Regel hoch motiviert“, sagte Aden, die in Essen an einer Berufsschule MFA unterrichtet. „Außerdem sprechen sie die Sprachen, die auch andere geflüchtete Menschen sprechen, die irgendwann als Patienten in die Praxen kommen.“ Wie Aden hofft auch ihr Kreisstellenkollege Dr. Matthias Benn, dass sich der inzwischen zu beobachtende Nachwuchsmangel an Medizinischen Fachangestellten mit den Neubürgern zumindest mildern lässt.

Dr. Ludger Wollring zieht am Ende des Besuchs des Bundespräsidenten in der Kausa Servicestelle Essen folgendes Fazit: „Nicht nurdie hier anwesenden Ärztinnen und Ärzte, sondern die gesamte Essener Ärzteschaft will die Herausforderung annehmen und die aktuellen Herausforderungen des Arbeitsmarktes auch über die Nutzung der Potentiale von Migranten und Geflüchteten bewältigen – denn wir vertrauen auf den langfristigen Erfolg unseres Projektes zur Förderung der Integration und hoffen, dass es als Modell auch für andere Ausbildungsberufe dient.“


Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte in seiner Rede in Düsseldorf zum Abschluss seines Besuchs zur Woche der beruflichen Bildung: „Alle profitieren, wenn wir das Potential aller Menschen in diesem Land nutzen. Denn das beste Mittel zur Integration ist und bleibt die Integration durch Arbeit. Und Arbeit setzt Ausbildung voraus! Für Ihren Einsatz danken wir Ihnen sehr herzlich!“

Informationen zum Projekt

Die Projektpartner (Ärztekammer Nordrhein und ihre Kreisstelle Essen, KAUSA Servicestelle Essen, JobCenter Essen, Agentur für Arbeit Essen) stellten im September 2017 rund 60 ausgewählte junge Geflüchtete bei 26 Arztpraxen beziehungsweise Krankenhäusern vor. Die Vorstellung fand in Form eines „Speed-Datings“ mit terminierten und nicht-terminierten Gesprächen statt. Ergebnis dieser Gespräche waren 19 Einstiegsqualifizierungs-Verträge sowie drei Ausbildungsverträge. Das 2017 erfolgreich angelaufene Projekt wird im Herbst dieses Jahres weitergeführt.

Ihre Ansprechpartner:

Ärztekammer Nordrhein

Sabine Schindler-Marlow, kommissarische Leiterin
Stabsstelle Kommunikation / Pressestelle der Ärztekammer Nordrhein,
Telefonnummer 0211 / 4302 - 2030, E-Mail sabine.schindler-marlow@aekno.de

KAUSA Servicestelle Essen

Cem Sentürk, Leiter der KAUSA Servicestelle Essen
Telefonnummer 0201 / 3198 - 106, E-Mail sentuerk@kausa-essen.de 

ÄkNo


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letzte Änderung am: 23.05.2018



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