Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Ärztekammer Nordrhein

Chance für eine neue Gesundheitskultur

Bericht zur Lage bei der Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein, gehalten am 14. November 2009 in Düsseldorf

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

die erste Arbeits-Sitzung unserer Kammerversammlung in der Wahlperiode 2009/2014 findet statt in einer Zeit, in der wir Ärztinnen und Ärzte Anlass zu sehr vorsichtigem Optimismus haben.

Wir dürfen nun keine gesundheitspolitischen Wunderdinge erwarten. Doch enthält der Koalitionsvertrag der neuen Regierungsmehrheit in Berlin viele Passagen, die wir gut finden.

Da ist die Rede von einer Kultur des Vertrauens anstelle überzogener bürokratischer Vorschriften. Genau das wollen wir auch, das begrüßen wir!

Respekt und Anerkennung für die in den Gesundheits- und Pflegeberufen Tätigen verspricht der Koalitionsvertrag. Darauf werden wir uns berufen, wenn wir für würdigere Arbeitsbedingungen in Klinik und Praxis eintreten!

Hoch erfreut haben wir festgestellt, dass die Freiberuflichkeit der ärztlichen Tätigkeit als „tragendes Prinzip“ bezeichnet und in einem Atemzug mit der Therapiefreiheit genannt wird. In einer Kernfrage unseres beruflichen Selbstverständnisses greift die Koalition unsere Position auf. Dieser neue Ton klingt gut!

„Freiberuflichkeit als Programm“ − so haben unser Vizepräsident Bernd Zimmer und ich nach unserer konstituierenden Kammerversammlung im Juni unser erstes gemeinsames Editorial im Ärzteblatt überschrieben. Wir haben ganz bewusst zu Beginn unserer gemeinsamen Arbeit noch einmal die wesentliche Aufgabe unserer Kammer hervorgehoben, nämlich das Prinzip der Freiberuflichkeit mit einer starken Selbstverwaltung durchzusetzen.

Dazu gibt es nur die Alternative, dass die Ärztinnen und Ärzte mehr und mehr in einen Erfüllungsgehilfenstatus abgedrängt werden. Das wollen und dürfen wir nicht zulassen!

Der Koalitionsvertrag lässt hoffen, dass wir mit diesem Anliegen auf offene Ohren stoßen. Es muss Schluss sein mit der Rechtsverordnungsmedizin!

Denn diese schränkt übermäßig die Freiheit der Ärztinnen und Ärzte und ihrer Patienten ein, in Diagnose und Therapie in partnerschaftlichem Dialog Entscheidungen ohne Einmischung Dritter treffen zu können.

Wir wollen, dass Versicherte wieder zu Patienten werden und der Träger einer Diagnose wieder zum kranken Menschen, der ganz persönlich unserer ärztlichen Zuwendung bedarf!

Da ist es ein gutes Zeichen, dass die neue politische Mehrheit die Medizinischen Versorgungszentren in der Hand der Ärztinnen und Ärzte sehen will − und eben nicht in der Hand von Investoren und Institutionen. In der Regel soll die Mehrheit der Geschäftsanteile und Stimmrechte uns Ärztinnen und Ärzten zustehen, und die MVZ sollen von uns geführt werden. Das ist ein deutliches Signal für die Freiberuflichkeit und gegen die immer weitere Kommerzialisierung unseres Gesundheitswesens!

Es ist auch ein Signal gegen die Deprofessionalisierung, gegen die Degeneration des Arztes zum Vollstrecker von Vorgaben. Wenn ich den Koalitionsvertrag richtig verstehe, soll dieser Trend endlich gestoppt werden, und das begrüße ich sehr!

Die Selbstverwaltung sehen die Koalitionäre als „tragendes Ordnungsprinzip“ an, und ein hoch interessanter Satz zu diesem Thema lautet:

Zitat

„Transparenz und gelebte Demokratie sind eine unerlässliche Voraussetzung für eine funktionierende Körperschaft.“

Zitat Ende

Dem können wir nur zustimmen. Und ich glaube, hier in unserer Ärztekammer werden wir diesen Maßstäben gerecht, weil wir es so wollen und weil der gesetzliche Rahmen es möglich macht.

Wir teilen auch die Einschätzung der Regierungsparteien, dass eine Bestandsaufnahme des Vorhabens der sogenannten Telematik-Infrastruktur notwendig ist. Es müssen endlich die Belange der Anwender, die Praktikabilität und die Verbesserung der Patientenversorgung im Vordergrund stehen, sonst macht das Ganze keinen Sinn.

Die Erkenntnis, dass das Projekt ohne breite Akzeptanz der Ärzteschaft zum Scheitern verurteilt ist, hat unser Kammervorstand in den vergangenen Monaten nach Kräften gefördert, und das mit gutem Ergebnis. Die Landesregierung hat einen ärztlichen Beirat vorgeschlagen, der die anstehenden Tests begleiten und konkrete Empfehlungen zu den jeweiligen Teststufen aussprechen soll. Diese Empfehlungen, so hat das Land zugesagt, werden in die Planungen der Ministerien, der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte und der Testregion Bochum-Essen einfließen.

Der Kammervorstand hat diese Anregung positiv aufgenommen, weil hier eine einmalige Chance besteht, den praktischen Sachverstand der Kolleginnen und Kollegen ganz unmittelbar in die Gestaltung des Vorhabens einzubringen, und das mit ganz erheblicher Ausstrahlung auf die Bundesebene.

Ein weiterer Satz des Koalitionsvertrages lässt aufhorchen: Die GOÄ soll an den aktuellen Stand der Wissenschaft angepasst werden. Das haben wir entschieden gefordert. Die Bundesärztekammer hat − mit tatkräftiger Unterstützung hier aus Nordrhein – einen umfassenden Vorschlag ausgearbeitet. Nun steht die Novelle auf der politischen Tagesordnung. Das begrüßen wir sehr, auch wenn ausdrücklich hinzugefügt ist, dass Kostenentwicklungen zu berücksichtigen sind.

Das schreckt uns nicht, schließlich steht der gesamte Koalitionsvertrag unter Finanzierungsvorbehalt. Und schließlich wissen wir, dass Politik kein Wunschkonzert ist, sondern vielmehr − nach einer wie ich finde sehr treffenden Definition − das starke langsame Durchbohren harter Bretter. Das ändert sich auch dadurch nicht, dass der neue Bundesminister Dr. Philipp Rösler ein Kollege ist.

Selbstverständlich freuen wir uns, dass nun ein Arzt das Gesundheitsministerium führt, zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Wir kennen aber auch die prekäre Lage der öffentlichen Haushalte. Die volle Wucht der Krisenfolgen wird uns erst noch treffen, und bekanntlich mischen die Länder bei jeder GOÄ-Novelle mit.

Dennoch bin ich zuversichtlich, dass es Fortschritte geben wird. Wir werden noch einmal ganz klar machen, welche Funktion die Amtliche Gebührentaxe in unserem Gemeinwesen hat: Sie regelt die Vergütung zwischen Arzt und Patient. Und wenn sie diese Funktion erfüllen soll, muss sie ein eigenständiges Bewertungs- und Preissystem für ärztliche Leistungen sein.

Sie hat nicht − wie die Gebührenregelungen im GKV-Bereich − die Funktion, innerhalb eines vorgegebenen Finanzrahmens das Honorar zu verteilen. Die Gebührenregeln in der gesetzlichen Krankenversicherung berücksichtigen auch soziale Aspekte, sie sind durch Sozialrabatte künstlich verbilligt.

Dagegen ist der Staat im privatärztlichen Bereich verpflichtet, eine Gebührenordnung mit leistungsgerechten Bewertungen zu erlassen. Dieser Verpflichtung muss der Staat in Zukunft gewissenhafter nachkommen als bisher!

Denn eine moderne GOÄ ist ein tragender Pfeiler eines Gesundheitswesens auf hohem Qualitätsniveau. Sie ist unverzichtbares Charakteristikum eines freien und zugleich dem Gemeinwohl verpflichteten Arztberufes, und deshalb werden wir mit aller Kraft für eine gelungene Novelle arbeiten!

Auf der Agenda der neuen Koalition stehen auch erweiterte Delegationsmöglichkeiten zur Entlastung von Ärztinnen und Ärzten. Das befürworten wir, und mit den Beschlüssen des Deutschen Ärztetages vom vorigen Jahr sind wir auch in dieser Frage gut gerüstet. Unsere Position lässt sich so auf den Punkt bringen:

  • Delegation statt Substitution ärztlicher Leistung
  • keine Teilbarkeit der therapeutischen Gesamtverantwortung
  • keine neue, nicht ärztliche Versorgungsebene

Auf der Habenseite der Koalitionsvereinbarung lässt sich also einiges verbuchen. Jedoch müssen wir beim schwierigsten Punkt der kommenden Reformen weiter gespannt warten, was nun konkret passieren soll: Zur Vorbereitung der Finanzierungsreform soll zunächst eine Regierungskommission eingesetzt werden. Das wird keine einfache Arbeit sein, zumal eine gemeinsame Linie der drei Regierungsparteien kaum erkennbar ist.

Die von der Bundeskanzlerin in der Regierungserklärung verkündete und vom neuen Bundesgesundheitsminister offensiv vertretene stärkere Entkoppelung der Gesundheitskosten von den Arbeitskosten betrachte ich als einen richtigen Schritt. Denn sonst wird gegen eine ausreichende finanzielle Ausstattung des Gesundheitssystems regelmäßig der Einwand laut, dass die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft und die Arbeitsplätze darunter leiden.

Kritische Anmerkungen haben wir zu dem Vorhaben, die Patientenrechte in einem − dieses Wort steht im Koalitionsvertrag − „Patientenschutzgesetz“ zu bündeln. Dieses Vorhaben sollten die Koalitionäre noch einmal überdenken. Denn schließlich ist Deutschland nach Auffassung führender Rechtsexperten bei den Patientenrechten EU-weit Spitze.

Dafür sorgen

  • die Behandlungsgrundsätze und Verhaltensregeln unserer ärztlichen Berufsordnung,
  • die allgemeinen Vorschriften des Vertragsrechts und des Haftungsrechts sowie nicht zuletzt
  • eine Rechtsprechung, die den Patientenrechten in den vergangenen Jahrzehnten besonderes Gewicht beigemessen hat.

Nach meiner Überzeugung ist dem sogenannten Patientenschutz vorrangig gedient mit den Sicherungen der Freiheit ärztlicher Berufsausübung, wie unsere Berufsordnung sie gewährleistet. Ärztinnen und Ärzten muss Freiraum zu einer gewissenhaften Entscheidung im Einzelfall bleiben. Ein Zuviel an Reglementierung zerstört Tatkraft und Initiative!

Wenn es lediglich darum geht, den Bürgerinnen und Bürgern und Patientinnen und Patienten ihre bestehenden Rechte transparenter zu machen, so lässt sich dies auch durch Zusammenfassung in einer Publikation erreichen. Dazu brauchen wir kein Gesetz, von denen haben wir nun wirklich schon viel zu viele!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

einen unschätzbaren Beitrag zum Patientenschutz leistet auch unsere Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler, die uns unter Tagesordnungspunkt 2 ihren Bericht erstatten wird.

Wir sollten einmal darüber nachdenken, ob wir sie nicht umbenennen in Gutachterkommission gegen ärztliche Behandlungsfehler. Denn neben der klassischen Aufgabe der außergerichtlichen Streitschlichtung durch medizinischen und juristischen Sachverstand widmet sich die Kommission seit vielen Jahren der Vorbeugung von Behandlungsfehlern − sei es in Fortbildungsveranstaltungen in Zusammenarbeit mit unserem Institut für Qualität unter dem Motto „Aus Fehlern lernen“, sei es durch Veröffentlichung von begutachteten Fällen.

Gerade in diesem Jahr ist die Broschüre mit ausgewählten gutachtlichen Entscheidungen, die seit dem Jahr 2000 im Rheinischen Ärzteblatt erschienen sind und die von den Kolleginnen und Kollegen stark nachgefragt wird, in aktualisierter Neuauflage erschienen.

Mein Dank für die geleistete Arbeit gilt dem Vorsitzenden der Gutachterkommission, Herrn Präsidenten des OLG a. D. Dr. jur. Heinz-Dieter Laum, der uns später berichten wird, und dem Geschäftsführenden Kommissionsmitglied Professor Dr. med. Lutwin Beck − beiden stellvertretend für die ehrenamtlich tätigen Juristen und Ärzte − sowie dem hauptamtlichen Geschäftsführer der Kommission, Herrn Ulrich Smentkowski.

Das zweite traditionell feststehende Thema unserer Herbstversammlung sind die Finanzen unserer Kammer. Die sind nach wie vor gesund. Dafür sorgen neben unserem Verwaltungsdirektor, Herrn Klaus Schumacher, die von Ihnen gewählten Mitglieder des Finanzausschusses. Dessen Vorsitzender, Herr Kollege Fritz Stagge, wird Ihnen unter Tagesordnungspunkt 4 berichten, ebenso Herr Kollege Dr. Rainer Holzborn als Verbindungsmann des Vorstandes zum Finanzausschuss.

Über das Geschäftsjahr 2008 der Nordrheinischen Ärzteversorgung wird ihnen Herr Professor Dr. Dirk Lepelmeier Auskunft geben, der als Geschäftsführer gemeinsam mit Herrn Dr. Gerhard Rosler die Geschäfte der Versorgung führt.

Natürlich hat die weltweite Finanzkrise unser Versorgungswerk auch im zurückliegenden Jahr beschäftigt. Dennoch ist es im Geschäftsjahr 2008 gelungen, durch vorausschauende Reservenbildung Verlusten vorzubeugen und auch in diesem Krisenjahr eine Rendite von 4 Prozent darzustellen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

auf Ihren Plätzen finden Sie eine Einladung. Das ist eine ganz besondere Einladung. Am 30. Januar findet hier in diesem Raum ein Kammersymposium statt. Es geht um das Thema Prävention, sicherlich eine Zukunftsaufgabe für uns Ärztinnen und Ärzte. Bei der Priorisierungsdebatte wird die Prävention sicher eine wichtige Rolle spielen.

Gleichzeitig geht es darum, einen Mann zu ehren, der 16 Jahre lang als Vizepräsident diese Kammer wesentlich mitgeprägt und bei den Wahlen in diesem Jahr nicht erneut kandidiert hat, nämlich unseren Kollegen Dr. Arnold Schüller. Ich freue mich sehr, dass unser neuer Vizepräsident Bernd Zimmer die Moderation dieser Veranstaltung übernommen hat und hoffe, dass möglichst viele von Ihnen Arnold Schüller an diesem Tag die Ehre erweisen werden.

Bevor ich zu einigen Themen aus unserer Kammerarbeit in Nordrhein komme, darf ich Sie bitten, einem hochaktuellen Thema besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Ich meine die neue Influenza A (H1N1). Die Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis müssen in diesen Wochen enorme Herausforderungen stemmen. Sie beraten täglich zehntausende Bürgerinnen und Bürger und tun ihr Möglichstes, damit die Impfaktion erfolgreich verläuft.

Wir Ärztinnen und Ärzte tragen besondere Verantwortung dafür, dass sich das Virus nicht ungebremst ausbreitet. Wir sollten deshalb mit gutem Beispiel vorangehen und die in vielen Bundesländern bestehenden Angebote für Schutzimpfungen für das Personal in Krankenhäusern und Arztpraxen wahrnehmen.

Denn je mehr Menschen sich impfen lassen, desto eher kann auch die Zahl der Neuinfektionen mit H1N1 begrenzt werden. Wir schützen damit nicht nur uns selbst und unser Personal, wir schützen auch die uns anvertrauten Patientinnen und Patienten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

seit dem Jahr 2008 sind wir als Ärztekammer Nordrhein unmittelbar an der Krankenhausplanung des Landes Nordrhein-Westfalen beteiligt. Unsere Möglichkeiten, den ärztlichen Sachverstand zur Geltung zu bringen, haben sich damit deutlich verbessert.

Das Land hat wiederholt angekündigt, den seit 2001 gültigen Krankenhausplan durch einen neuen Plan zu ersetzen. Dabei soll die Tiefe der staatlichen Krankenhausplanung weiter verringert werden, um den Verhandlungspartnern vor Ort − also den Trägern und den Kassen − größere Spielräume bei der regionalen Versorgungsplanung einzuräumen.

Konkret bedeutet das einen Verzicht auf die bisher übliche Planung von Schwerpunkten und Teilgebieten, beispielsweise der Inneren Medizin und der Chirurgie. Gleichzeitig sollen Qualitätsaspekte stärker als bisher bei der Planung berücksichtigt werden.

Die weiteren Beratungen werden vermutlich erst nach der Landtagswahl im Mai kommenden Jahres Fahrt aufnehmen. Wir werden uns einsetzen für eine flächendeckende und qualitativ hoch stehende Versorgung auch in den Zeiten des Wettbewerbs.

Das entscheidende Qualitätsmerkmal für die Krankenhausbehandlung ist und bleibt die Zahl und die Qualifikation der im Krankenhaus tätigen Ärztinnen und Ärzte. Das werden wir bei den Verhandlungen mit Nachdruck vertreten.

Große Aufmerksamkeit in den Medien, und das nicht nur in Nordrhein, erfuhr vor wenigen Wochen die Diskussion um die sogenannten Fangprämien. Es ging dabei um nicht statthafte schriftliche oder mündliche Verträge bzw. Absprachen zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern über die Zuweisung von Patienten.

In der öffentlichen Diskussion wurde leider Verbotenes mit Legalem oder sogar Erwünschtem vielfach vermengt. Meist wurde übersehen, dass die kritisierten Vorfälle letztlich auch Resultat einer politisch gewollten Forcierung von Markt und Wettbewerb sind.

Pauschalen öffentlichen Diffamierungen des ärztlichen Berufsstandes sind wir entschieden entgegengetreten.

Genauso konsequent muss aber unsere Haltung gegenüber einzelnen Ärztinnen und Ärzten sein, die gegen das berufsrechtliche Verbot der Zuweisung gegen Entgelt verstoßen. Dabei setzt die Ärztekammer Nordrhein seit jeher und mit Erfolg vor allem auf eine vorbeugende Beratung.

In diesem Sinne ist auch die jetzt geplante Einrichtung einer gemeinsamen Clearingstelle der Selbstverwaltungsorganisationen in NRW zu verstehen. Daran werden sich neben den beiden Ärztekammern auch die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenhausgesellschaft beteiligen. Ärzte und Krankenhäuser haben damit die Möglichkeit, geplante Verträge sachkompetent prüfen zu lassen und sich damit vor unberechtigten Vorwürfen zu schützen.

Das Land will unabhängig davon das Verbot der Zuweisung gegen Entgelt ins Landeskrankenhausgesetz aufnehmen. Damit werden die für Ärzte geltenden berufsrechtlichen Beschränkungen auch für Krankenhäuser verbindlich gemacht.

Die Aufsicht über die Einhaltung des ärztlichen Berufsrechts bleibt aber Sache der Selbstverwaltung und nicht des Staates. Das unterstreichen wir durch die Einrichtung der gemeinsamen Clearingstelle der Selbstverwaltung.

Fortschritte macht auch das von uns angestoßene Modellprojekt zur Integrierten Versorgung in Düren. Dort haben sich bekanntlich über 240 Ärztinnen und Ärzte aus Praxis und Klinik zusammengeschlossen, um in einem bundesweit einmaligen Projekt die Patientenversorgung ihrer gesamten Region sektorübergreifend neu zu organisieren. Dabei sollen die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten und der Sachverstand von Ärztinnen und Ärzten an erster Stelle stehen.

Die Ärztekammer Nordrhein hat dieses Modellprojekt gemeinsam mit der KV angeregt und unterstützt es seit seinen Anfängen im Jahr 2007. Nun ist das Durchhaltevermögen der Ärztinnen und Ärzte in Düren, die einige Widerstände zu überwinden hatten, belohnt worden: Ein Integrationsvertrag mit der AOK wurde vor wenigen Monaten unterzeichnet. Bereits zuvor hatte ein Teil des Projektes, der Aufbau einer elektronischen Patientenakte, eine Förderzusage über den Landeswettbewerb „Med in.NRW“ erhalten.

Die sektorübergreifende Kooperation − auch die drei Dürener Krankenhäuser sind beteiligt − kann nun in die konkrete Umsetzung gehen. Unser Kammervorstand hat beschlossen, das Projekt auch weiterhin zu begleiten.

Begleiten werden wir auch das Vorhaben der Landesregierung, die den Gesundheitsstandort Nordrhein-Westfalen durch den Aufbau eines sogenannten Gesundheitscampus NRW stärken will. In Bochum werden mehrere bereits bestehende Institutionen zusammengeführt, außerdem sollen Forschungseinrichtungen und Unternehmen aus dem Bereich der sogenannten Gesundheitswirtschaft angesiedelt werden.

Der inzwischen ernannte Leiter des Strategiezentrums zum Aufbau des Gesundheitscampus, Herr Priv.-Doz. Dr. Andreas Meyer-Falcke, ist von Hause aus Facharzt für Arbeitsmedizin. Wir haben einige Gespräche mit ihm geführt und dabei deutlich gemacht, dass die sozialen und mildtätigen Aspekte des Gesundheitswesens nicht gegenüber wirtschaftlichen Aspekten ins Hintertreffen geraten dürfen.

Das „Herzstück“ des Gesundheitscampus ist eine neue Fachhochschule für Gesundheitsberufe. Die Bemühungen zur Akademisierung der Gesundheitsfachberufe sehen wir kritisch, weil dadurch die Einheitlichkeit des Behandlungsprozesses gefährdet werden kann und es Ärztinnen und Ärzten erschwert wird, ihre Letztverantwortung für die ihnen anvertrauten Patientinnen und Patienten wahrzunehmen.

Mit der Rolle der Ärzteschaft unter veränderten, immer stärker marktwirtschaftlich geprägten Bedingungen im Gesundheitswesen und mit der Kooperation zwischen Ärzten und nicht-ärztlichen Heilberufen wird sich unser Kammervorstand in seiner Klausursitzung Anfang Dezember intensiv befassen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

eine gute ärztliche Versorgung kann es nur geben unter vernünftigen Rahmenbedingungen. Es kann sie aber auch nur geben, wenn wir unsere Hausaufgaben machen, und damit bin ich beim Thema Weiterbildung.

Hier stehen wir vor neuen Herausforderungen angesichts der Strukturveränderungen, ich nenne hier nur die Tendenz zur Zentralisierung; zur Zentrenbildung. Es bedarf stetiger Anstrengungen, die Weiterbildungssituation zu verbessern.

Vor diesem Hintergrund haben die Kammern im Juni erstmals bundesweit eine Evaluation der Weiterbildung gestartet. Fast 30.000 Ärztinnen und Ärzte gaben bei einer Online-Umfrage Auskunft über die Situation der Weiterbildung in Deutschland.

An der Befragung haben sich bundesweit mehr als 60 Prozent der Weiterbildungsbefugten beteiligt. In Nordrhein lag die Beteiligung der Weiterbilder bei knapp 62 Prozent und damit sogar leicht über dem Durchschnitt. Von den Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung hat sich rund ein Drittel beteiligt. Die Gründe für diese relativ zurückhaltende Beteiligung werden wir im weiteren Projektverlauf untersuchen.

Die im Januar 2010 vorliegenden Auswertungen sollen erstmals objektive Vergleichsmöglichkeiten schaffen und Transparenz über die Weiterbildungssituation herstellen. Auf Grundlage der Befragungsergebnisse werden wir eine Strategie zur systematischen Verbesserung der Weiterbildung entwickeln.

Dass es besonderer Anstrengungen zur der Förderung der allgemeinmedizinischen Weiterbildung bedarf, ist inzwischen auf breiter Front erkannt worden. Unser Kammervorstand sieht eine Lösung in Verbundweiterbildungen. Unsere Weiterbildungsabteilung hat hierzu ein Handlungskonzept entwickelt und regionale Projekte angestoßen. Erste Urkunden und Befugnisse für diese Form der Weiterbildung sind im Oktober für Kliniken und niedergelassene Ärzte im Oberbergischen Kreis ausgestellt worden. Weitere Projekte stehen vor der Umsetzung.

Bei der Verbundweiterbildung entfällt für unsere Kolleginnen und Kollegen die oft mühsame Suche nach Weiterbildern für einzelne Weiterbildungsabschnitte, begleitet von  Wohnungswechsel und anderen administrativen Aufwendungen. Gleichzeitig entwickelt sich im Rahmen von Verbundbefugnissen eine engere Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten vor Ort.

Unser Weiterbildungsausschuss hat sich in den vergangenen Monaten durch einen Berg von fast 1.500 Seiten Papier mit Vorschlägen zu einer Anpassung der aktuellen Weiterbildungsordnung befasst. Geplant ist keine Novelle, sondern lediglich eine Überarbeitung. Die gewünschten Änderungen werden im kommenden Mai beim Deutschen Ärztetag in Dresden beraten. Daher wird das Thema uns bei unserer Frühjahrs-Kammerversammlung am 20. März 2010 in einem eigenen Tagesordnungspunkt beschäftigen.

Ich habe bereits hingewiesen auf den Beitrag zur Patientensicherheit, die unsere Fortbildungsreihe „Aus Fehlern lernen“ unseres gemeinsam mit der KV Nordrhein geführten Instituts für Qualität, kurz IQN, in Zusammenarbeit mit der Gutachterkommission leistet. Umso erfreulicher ist es, dass am vorigen Mittwoch die 45. Veranstaltung dieser Art stattgefunden hat.

Auch die Kongresse des IQN unter dem Motto  Qualitätssicherung in ärztlicher Hand − zum Wohle der Patienten stoßen in der Kollegenschaft regelmäßig auf sehr gute Resonanz. Am 17. April 2010 − bitte schon jetzt vormerken − wird der nächste IQN-Kongress stattfinden.

Unsere Kammer nimmt aufgrund ihrer Fachkompetenz beim Thema Qualitätssicherung auch weiterhin eine wichtige Rolle ein. So ist die Geschäftsstelle Qualitätssicherung NRW bei den Ärztekammern angesiedelt. Über 380 Kolleginnen und Kollegen nahmen im September hier in diesem Saal an der Ergebniskonferenz Qualitätssicherung NRW teil.

Sie wurden über die aktuellen Pläne des neuen nationalen Qualitätsinstituts informiert, das der Gemeinsame Bundesausschuss mit der bisherigen Krankenhaus-Qualitätssicherung und der künftigen sektorenübergreifenden Qualitätssicherung beauftragt hat. Dazu war der Geschäftsführer dieses in Göttingen angesiedelten Instituts, Professor Dr. Joachim Szecsenyi, zu uns nach Düsseldorf gekommen.

Zeigen konnten wir bei dieser Gelegenheit auch unsere Kompetenz für die zukünftige sektorübergreifende Qualitätssicherung. Als Ärztekammer Nordrhein initiierten wir hierzu ein deutschlandweit erstes Pilotprojekt, und zwar in der Invasiven Kardiologie mit 20 niedergelassenen Kardiologen und den kardiologischen Kollegen aus 20 Krankenhäusern in NRW. Sie stellten die Daten zu rund 40.000 kardiologischen Interventionen zur sektorübergreifenden Betrachtung zur Verfügung. Herr Kollege Professor Dr. Reinhard Griebenow hat dies für uns fachlich begleitet.

Die ärztliche Selbstverwaltung wird ihre langjährige Erfahrung in der Qualitätssicherung − die Ärztekammer Nordrhein gehört hier seit den 70er Jahren zu den Vorreitern − auch weiterhin einbringen, so hat es auch unser Vizepräsident Bernd Zimmer bei der Ergebniskonferenz gesagt. Denn: Dieses wichtige Feld dürfen wir nicht allein den Kostenträgern und den Klinikträgern überlassen.

Aus der aktuellen Kammerarbeit will ich noch erwähnen die Initiative zu einer noch engeren Zusammenarbeit zwischen Hauptstelle und Untergliederungen, die neuen Veranstaltungen für junge − auch angehende − Kolleginnen und Kollegen, die wir näher an die Kammer heranführen wollen, und unsere Anstrengungen für einen besseren Service für das einzelne Kammermitglied.

Mit Blick auf die Zeit will ich es mit diesen Schlaglichtern bewenden lassen. Einen Überblick über das gesamte Aufgabenspektrum, das wir − ob in Ehrenamt oder Hauptamt − gemeinsam wahrzunehmen haben, gibt der Jahresbericht 2009, den sie auf ihren Plätzen bestimmt schon gefunden haben. Gerade den neuen Mitgliedern dieses Hauses empfehle ich, einen Blick hineinzuwerfen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir haben allen Grund, mit Zuversicht an die vielfältigen Aufgaben heranzugehen, die uns in der neuen Wahlperiode beschäftigen werden.

Unsere Kammer ist gut aufgestellt.

Wir dürfen zurzeit von einem Stimmungswandel in der Bundesgesundheitspolitik ausgehen, der die Chance eröffnet, eine neue Gesundheitskultur zu entwickeln.

Sicherlich wird die keineswegs überwundene Wirtschafts- und Finanzkrise auch in der Krankenversicherung ihre Spuren hinterlassen. Doch der Koalitionsvertrag verspricht, die medizinischen Versorgungsstrukturen auf eine Gesellschaft des langen Lebens hin auszurichten, und das ist auch hoch vernünftig.

Dies lässt hoffen, dass Gesundheitspolitik nicht länger vor allem als Einsparpolitik medizinischer Leistungen betrachtet wird, sondern dass medizinischer Fortschritt und demographische Entwicklung als Realitäten anerkannt werden.

Das Gesundheitssystem soll freiheitlicher gestaltet werden, Patienten sollen mehr Wahlmöglichkeiten erhalten und die Freiberuflichkeit von uns Ärztinnen und Ärzten soll endlich wieder gefestigt werden.

Daran werden wir nach besten Kräften mitwirken.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

lokaler Link Entschließungen der Kammerversammlung am 14.11.2009 zu TOP 1 im Wortlaut

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letzte Änderung am: 01.12.2009



Rheinisches Ärzteblatt

Heft 2/2018

Titel 2/2018 Titelillustration nach einem Entwurf von Alexandra Wilhelm, Titelkonzept Eberhard Wolf

Titelthema

Gute Medizin sieht Vielfalt

aktuelle Ausgabe

Dokumentation: Cannabis auf Rezept?
Cannabis als Medikament Foto: Africa Studio - Fotolia.com

Foto: Africa Studio - Fotolia.com

Am Freitag 8. Dezember 2017 veranstaltete die Ärztekammer Nordrhein das Kammersymposium "Cannabis auf Rezept? Cannabinoide in der Medizin im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft. Einige der gehaltenen Referate stehen zur Verfügung.

interner Link Dokumentation

Ärztekammer begrüßte neue Mitglieder

Begrüßungsveranstaltung für neue Mitglieder November 2017 Foto: Jochen Rolfes 

Am Samstag, 25. November 2017 begrüßte Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, zum 15. Mal neue Kammermitglieder im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft.

interner Link Festvortrag und Bildergalerie

Materialbestellung

Die Ärztekammer Nordrhein hält zahlreiche Informationsbroschüre und Flyer für Ärztinnen und Ärzte, Bürgerinnen und Bürger oder auch zur Auslage im Wartezimmer bereit. Die Materialien können einfach ein bereitgestelltes Online-Formular bestellt werden.

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Jobbörse für MFA
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Critical Incident Reporting System NRW. Melde- und Lernsystem für medizinische Beinahe-Fehler für NRW.

 Internetlink www.cirs-nrw.de

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