Rheinische Ärzte für Haiti

Am 12. Januar erschüttert ein schweres Erdbeben den Inselstaat Haiti. Über 230.000 Menschen kommen um, Hunderttausende werden obdachlos. Hilfe für die Opfer kommt auch aus dem Rheinland.

von Bülent Erdogan-Griese

Als das Erdbeben mit seiner schier endlosen, zerstörerischen Kraft an der Millionenstadt Port-au-Prince zerrt, liegt Dr. Barbara Höfler auf dem Bett in ihrer Wohnung im Stadtteil Delmas. Es ist kurz vor 17 Uhr an diesem Mittwoch, dem 12. Januar im ersten Jahr des neuen Jahrzehnts. In den nächsten Sekunden werden zigtausende Einwohner der haitianischen Hauptstadt von herabfallenden Decken oder umstürzenden Wänden und Möbeln erschlagen oder verletzt. Viele, die das Beben überleben, werden in den folgenden Tagen an ihren Verletzungen sterben, Amputationen erleiden, Angehörige, Hab und Gut verlieren.

Betonstaub vernebelt die Luft
Haiti Arztszene

Der Oberhausener Arzt Michael Etges versorgt eine verletzte Frau im
Lazarett der belgischen Hilfsorganisation B-FAST. Fotos: Sabine
Poluzyn und Lespwa

„Ich war gerade aus dem Slum Cité Soleil zurückgekommen, war sehr erschöpft und müde und hatte mich auf mein Bett gelegt“, sagt Höfler. Die pensionierte Allgemeinärztin ist für einige Tage in ihre alte Heimat Köln zurückgekehrt, um über die Situation in der Hauptstadt des Karibikstaates zu berichten und Geld für ihre Arbeit zu sammeln. „Auf einmal hörte ich ein fürchterliches, dumpfes Grollen, das immer lauter wurde, das Bett fing an zu zittern, ich war plötzlich hellwach“, schildert Höfler dem Rheinischen Ärzteblatt, wie sie den Moment des Bebens erlebt hat. „Ich bin dann rausgerannt, die Wände wackelten, die Schränke in der Küche fielen um. Die Luft war voller Betonstaub, ein einziger weißer Nebel.“ Zum Glück ist ihr Haus auf felsigem Boden gebaut und hat den Erschütterungen deswegen unversehrt standgehalten - ebenso wie die hohe Mauer, die vor Dieben schützen soll.

Seit 1998 lebt die ehemalige Medizinaldirektorin des Medizinischen Dienstes in Port-au-Prince und bietet Straßenkindern kostenlos medizinische Hilfe an. Unterstützt wird sie dabei vom Kölner Verein Lespwa, den sie mit begründet hat. Lespwa heißt auf Haitianisch Hoffnung. Mit einem umgebauten Toyota Pickup fährt sie bis  zum Beben zweimal pro Woche zu den Orten in der Hauptstadt, an denen sich die Kinder aufhalten. Auf der Ladefläche ihres Wagens hat sie eine kleine Ambulanz eingerichtet. Darin versorgt sie gemeinsam mit ihren haitianischen Mitarbeiterinnen Judette und Emma die Straßenkinder. An der Tagesordnung sind chronische Wunden, Infekte oder die Behandlung von Kleinkindern der Straßenmädchen. Manch eine hat mit 18 Jahren schon drei Kinder. Einem Jungen, so erzählt Höfler, operierte sie einmal in einer dunklen Garage eine Kugel aus dem Arm, einer Frau eine Nadel aus der Armbeuge. Die war von der Hand bis dorthin hochgewandert.

verarztete Frau

Nur eine Amputation rettete das Leben dieser Haitianerin.
Den seelischen Schmerz können die Ärzte nicht nehmen.

Bis zum verheerenden Beben versorgt Höfler zudem Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen des Salesianer-Ordens Don Bosco in den Hauptstadt-Slums Cité Soleil und La Saline. Der Orden unterhielt fünf große Schulzentren, eine Vorschule sowie 182 kleinen Schulen, in denen mehr als 20.000 Kinder und Jugendliche unterrichtet wurden. Vieles davon ist nun zerstört, wie eine Vorschule für über 1.200 Kinder oder der erst kürzlich für 500.000 US-Dollar fertig gestellte Kindergarten für 650 Kinder, berichtet Höfler, die bis 1984 als Hausärztin im Kölner Süden praktizierte. Die Kosten für den erdbebensicheren Wiederaufbau der Einrichtungen beziffert der Orden auf etwa 140 Millionen US-Dollar.

Bestattung im Massengrab

Sofort nachdem die Erde gebebt hat, fährt Höfler mit ihrem Pickup zu den Salesianern. Auf einem Fußballplatz leistet sie Verletzten erste Hilfe. „Da waren sehr viele Brüche und Platzwunden dabei“, sagt sie mit belegter Stimme. Am nächsten Tag macht sich die 71-Jährige mit 16 erstversorgten Verletzten auf, um in einer befreundeten Klinik Röntgenaufnahmen zu machen. Doch die Klinik ist nur noch ein Schutthaufen. Vor einer anderen Klinik liegen 20 Leichen auf der Straße. Nach stundenlanger erfolgloser Fahrt durch die Stadt bleibt Höfler nur übrig, die Patienten nach Hause zurückzubringen.

Auf einem anderen Fußballplatz liegen 30 Leichen. Bei Temperaturen von über 35 Grad Celsius setzt schnell die Verwesung ein. Höfler: „Es hat fürchterlich gestunken.“ Als nach vier Tagen unter brütend heißer Sonne noch immer 17 Tote nicht von ihren Angehörigen abgeholt worden sind, beschließt sie, die Leichen begraben zu lassen. „Wenn wir wissen, wen wir begraben haben, werden wir ein Denkmal mit den Namen der Toten aufstellen“, sagt die gebürtige Wuppertalerin.

Plünderungen nach dem Beben

Was Höfler noch mehr zu schaffen macht als das Beben, sind die Horden von Plünderern, die bereits kurz nach den Erdstößen über die Trümmer herfallen: „Nach einigen Tagen brachen die Plünderer auch das Depot unseres Schulzentrums auf. Nahrung für ein halbes Jahr für unsere 20.000 Kinder ist weg. Die Leute kamen aus der Nachbarschaft. Dabei hat der Orden die Schulen doch für deren Kinder errichtet.“

Mindestens 230.000 Menschen, so die Angaben der haitianischen Regierung, sind bei dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar umgekommen. Hunderttausende Einwohner der knapp drei Millionen Köpfe zählenden Hauptstadt sind obdachlos geworden, viele campieren im Freien, weil sie sich nicht mehr in ihre Häuser oder Hütten trauen.

Dr. Barbara Höfler Szene mit Kindern

Die Kölner Ärztin Dr. Barbara Höfler im Gespräch mit Kindern der
Vorschule des Salesianer-Ordens Don Bosco.

Höfler hat sich vorgenommen, ihre Straßenkinder, die sie Dr. Barbara nennen, und die Salesianer in Cité Soleil, der „Sonnenstadt“, nicht im Stich zu lassen. Von dem Geld, das die Hilfsorganisation Lespwa gesammelt hat, will sie einen Teil direkt an die Menschen verteilen, damit diese sich etwas zu essen kaufen oder mit dem Sammeltaxi fahren können.

Für den Oberhausener Anästhesisten und Allgemeinmediziner Michael Etges ist es der erste Einsatz in einem Katastrophengebiet. Gemeinsam mit dem Xantener Oberarzt Dr. Ralf Wibbeling und weiteren ehrenamtlichen Kräften der Duisburger Hilfsorganisation I.S.A.R. (International Search and Rescue) sowie sieben Tonnen Hilfsmaterial der Action Medeor erreicht er am Morgen des 16. Januar den Flughafen der haitianischen Hauptstadt. Über 750 Kilometer Landstrecke von Punta Cana in der Dominikanischen Republik haben sie da schon hinter sich. Am Flughafen in Port-au-Prince hat die UNO ein Lager für die Hilfsorganisationen eingerichtet. Eine Schießerei in der Nähe eines polnischen Suchteams verzögert den Einsatz von Etges um zwei Tage.

Dann endlich können die Ärzte ihre Arbeit in einem Feldlazarett der staatlichen belgischen Organisation B-FAST aufnehmen. Aufgrund der prekären Sicherheitslage und des fehlenden Stroms können Etges und Wibbeling nur tagsüber Patienten versorgen. Erst um sieben dürfen sie das Helferlager verlassen, um 16 Uhr müssen sie wieder am Flughafen sein. Ihre Kollegen aus Belgien übernachten im Lazarett, beschützt von Elitesoldaten ihres Landes.

Haiti

Schon vor dem Erdbeben galt die Republik Haiti auf der Insel Hispaniola als ärmster Staat der westlichen Hemisphäre. Auf 27.750 Quadratkilometern leben circa 9,5 Millionen Haitianer. Mit etwa drei Millionen Menschen leben die meisten Menschen in der Hauptstadt Port-au-Prince. Über die Hälfte der Bevölkerung hat keine Arbeit. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 59 Jahren für Männer und 63 Jahren für Frauen. Auf 10.000 Einwohner kommen etwa zwei Ärzte.

Auch am siebten Tag nach dem Erdbeben kommen noch Patienten mit teils offenen Frakturen zur Erstversorgung. Wie rudimentär die medizinische Versorgung in diesen ersten Tagen ist, schildert Etges am Beispiel einer jungen Frau: „Wir waren eigentlich schon bereit zum Aufbruch in unser Nachtlager am Flughafen und sollten bei einer Patientin nur noch schnell einen Gips wechseln. Als wir den Oberarm freilegten, sahen wir, dass der in Watte gepackte Arm nur noch am Bizeps hing, der Knochen war schon schwärzlich. Uns blieb leider nur die Amputation.“ Zum Glück entwickelt die Frau in den nächsten beiden Tagen kein Fieber. Den Schock und den seelischen Schmerz kann Etges ihr indes nicht nehmen. „Andere Patienten“, sagt der Mediziner, „haben wir trotz erfolgreich verlaufener Operationen noch verloren.“

Seinen ersten Einsatz in einem Katastrophengebiet, sagt Etges, habe er emotional gut überstanden. „Medizinisch habe ich ja schon in Deutschland so einiges gesehen“, sagt der Vater eines Sohnes. Die Berichterstattung der ersten Tage über die Sicherheitslage in Haiti, sagt der 46-Jährige, habe bei den Angehörigen jedoch für Verunsicherung gesorgt.

Kölner Student im Hilfseinsatz

Auch für den Kölner Medizinstudenten Simon Oeckenpöhler ist Haiti der erste Katastropheneinsatz. Der 24-Jährige ist im zehnten Semester, steht unmittelbar vor seinem Praktischen Jahr und ist mit der Kaufbeurener Hilfsorganisation Humedica auf die Karibikinsel geflogen. Vom Tübinger Katastrophenmediziner und Chirurgen Professor Dr. Bernd Domres lernt Oeckenpöhler im Schnelldurchgang, wie man gipst, Streck- und Zugverbände nach Oberschenkelfrakturen anlegt oder Wunden begutachtet und versorgt. Jeder der Kollegen macht, was er kann oder gezeigt bekommt. „So viel habe ich in kürzester Zeit noch nicht gelernt.“

Als Ort für seinen Hilfseinsatz sucht das Humedica-Team das verlassene Hospital Espoir aus. In den ersten sechs Tagen behandeln die sechs Mediziner dort 313 Patienten ambulant, 121 werden stationär aufgenommen. 111 Patienten befinden sich in akuter Lebensgefahr, 106 können gerettet werden. Ein Patient kommt nach einem Blasenriss unters Messer.

„Was mich am meisten beeindruckt hat“, sagt Oeckenpöhler, „war die Dankbarkeit unserer Patienten und ihre Freude darüber, wenn wir morgens wieder für sie da waren.“ Überhaupt beobachtet der angehende Mediziner in der Bevölkerung einen unbändigen Lebenswillen. Wenn alles klappt, will Oeckenpöhler 2011 nach seinem PJ erneut nach Port-au-Prince fliegen, um sich vor Ort ein Bild über die Lage zu machen.

Weitere Informationen unter:
www.lespwa.de
www.isar-germany.de
www.humedica.org

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letzte Änderung am: 23.02.2010



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