Leitfaden: Kommunikation im medizinischen Alltag

Vorworte

Rudolf Henke Foto: Jochen Rolfes

Rudolf Henke Foto: Jochen Rolfes

Vorwort

Eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient beeinflusst entscheidend die Therapietreue des Patienten und damit den medizinischen Behandlungserfolg. In einer Befragung junger Kolleginnen und Kollegen in Deutschland eineinhalb Jahre nach Studienabschluss schätzten diese ihre Kenntnisse und Fähigkeiten der ärztlichen Gesprächsführung jedoch niedriger ein als im Beruf gefordert.

Aus Sicht der Ärztekammer Nordrhein ist die gute Kommunikationsfähigkeit im Patientenkontakt eine ärztliche Kernkompetenz. Diagnose- und Therapiefreiheit bedeutet heute, die Entscheidungen während einer Behandlung ganz individuell im Dialog mit dem Patienten in einem ausbalancierten Verhältnis von empathischer Nähe und professioneller Distanz zu treffen. Nur wenn diese Kommunikation gelingt, wird der Patient Vertrauen in den Arzt haben. Und genau dieses Vertrauensverhältnis ist es, das die Patient-Arzt-Beziehung über einen reinen Kunden-Dienstleister-Vertrag hinaushebt.

Mit dem Wandel der Gesellschaft stellen sich neue Anforderungen an die Patient-Arzt-Kommunikation. Salus aegroti suprema lex galt gestern, heute gilt Voluntas aegroti suprema lex. Das Selbstbestimmungsrecht des Patienten nimmt in unserer Rechtsordnung einen so hohen Rang ein, dass Ärztinnen und Ärzte einsame Entscheidungen in der Behandlung nicht mehr treffen können.

Mag der mündige Patient ein unerfüllter Traum bleiben, weil sich das fachliche Kompetenzgefälle nicht beseitigen lässt – der informierte, vielleicht auch angesichts medialer Möglichkeiten gründlicher als früher informierte, kritischer gewordene Patient stellt neue Anforderungen an die ärztliche Kommunikationsfähigkeit.

Das Patientengespräch will vorbereitet, strukturiert und gerade auch in kritischen Entscheidungssituationen professionell geführt sein. Dem können viele Kolleginnen und Kollegen aufgrund einer natürlichen Gabe und ihrer ärztlichen Grundhaltung gerecht werden. Doch für die meisten von uns gilt es, die Regeln der guten Kommunikation schlicht und einfach zu erlernen – und das muss systematisch in Ausbildung, Weiterbildung und Fortbildung geschehen.

Daher hatte der Vorstand unserer Ärztekammer Nordrhein den Wunsch, diesen in der Schweiz entwickelten Praxisleitfaden in Deutschland zu verbreiten. Der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften danken wir herzlich für die großzügige Erlaubnis, den Text an den deutschen Sprachgebrauch und insbesondere die deutsche Rechtslage anzupassen.

Rudolf Henke,Präsident der Ärztekammer Nordrhein


Vorwort der Schweizer Ausgabe

Das Gespräch zwischen Arzt und Patient ist das Fundament einer guten Behandlung. Patienten wollen gehört werden, wenn es darum geht, ihre Beschwerden diagnostisch einzuordnen und allenfalls zu behandeln. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber sie ist noch immer aktuell. In den frühen 70er-Jahren untersuchten Experten erstmals die Gespräche zwischen Ärzten und Patienten und entdeckten dabei, dass diese häufig Defizite aufwiesen. Die Ärzte unterbrachen den Redefluss des Patienten meist nach weniger als einer halben Minute und verpassten dadurch manchmal wichtige Informationen über den Zustand des Patienten. Manche Patienten wiederum verstanden nicht, was Ärzte ihnen mitteilten. Wenn sie die Arztpraxis verließen, wussten sie nicht genau, was der Arzt ihnen eben erklärt hatte und was sie nun tun sollten.

Dass die ungenügende Kommunikation problematisch sein kann, ist in der wissenschaftlichen Literatur mittlerweile recht gut belegt. Dazu gehören zum Beispiel eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Fehldiagnose, ein gestörtes Vertrauensverhältnis, das Anfordern unnötiger Tests und eine mangelhafte Compliance. Am Ende kann es zum Bruch zwischen Arzt und Patient kommen und zu einem Arztwechsel. In den USA werden viele Klagen gegen Ärzte unter anderem auch damit begründet, dass der Arzt nicht zugehört habe und dass er den Patienten nicht respektvoll behandelt habe. Und: Die häufigsten Defizite, die Patienten während eines Krankenhausaufenthaltes beklagen, liegen im Bereich Kommunikation und Aufklärung.

Wenn hingegen eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient besteht, dann kann das dazu führen, dass beim Patienten weniger Komplikationen auftreten. Der Arzt kann Fortschritte beim Patienten besser erkennen oder den richtigen Zeitpunkt, um ein Medikament abzusetzen. Das gilt insbesondere für chronisch kranke Patienten, von denen es in Zukunft immer mehr geben wird. Die Patientenzufriedenheit und -treue steigen.

Die Beziehung zwischen Arzt und Patient hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Früher war der paternalistische Ansatz verbreitet, bei dem der Arzt zum Wohle des Patienten entscheidet: Der Arzt weiß, was im besten Interesse des Patienten ist, und dementsprechend entscheidet er darüber, welche Informationen er mitteilt und welche Behandlung er empfiehlt.

Der Patient hat dabei kaum eine Möglichkeit, seine eigene Position einzubringen.

Mittlerweile ist diese Asymmetrie kleiner geworden, das Gewicht hat sich in den letzten Jahren in Richtung Patient verschoben. Noch immer ist das Verhältnis zwischen Arzt und Patient zwar in den meisten Fällen asymmetrisch, denn der Patient kommt zum Arzt, um gesund zu werden, und viele Patienten sind froh, wenn der Arzt ihnen sagt, was zu tun ist. Aber immer mehr wird der Patient angehört und seine Wünsche werden respektiert. Sein Wille wird oft als wichtiger eingeschätzt als sein Wohl. Er wird vermehrt zum Kunden und der Arzt zum Dienstleister. Das ideale Gespräch sieht daher heute so aus: Arzt und Patient haben die Möglichkeit, Inhalt und Verlauf des Gespräches zu kontrollieren. Die Gesprächsführung wechselt ab.

Eine wichtige Entwicklung der letzten Jahre ist die vereinfachte Zugänglichkeit von medizinischen Informationen via Internet. Immer mehr Patienten informieren sich vor dem Arztbesuch über mögliche Spezialisten, Krankenhäuser, Diagnosemöglichkeiten, Therapien usw. Erfahrungen über Nebenwirkungen von Medikamenten werden unter Patienten via Blogs ausgetauscht. Nicht selten haben sie auch ihren Arzt via Google ausgewählt und per E-Mail kontaktiert. Die Qualität der Information im Internet ist aber häufig unzureichend und kann das Gespräch mit dem Arzt nicht ersetzen, denn nur im direkten Gespräch können Informationen richtig eingeordnet und gute Entscheidungen gefällt werden.

Im Vergleich zu den 70er-Jahren hat sich mittlerweile einiges verändert, zum Beispiel wird in der medizinischen Grundausbildung heute mehr Wert auf die Kommunikation gelegt. Dennoch zeigen Studien, dass die damals eruierten Defizite nicht einfach verschwunden sind. Und das Gesundheitswesen ist in den kommenden Jahren tendenziell eher weniger darauf ausgelegt, diese Defizite auszugleichen. Rationalisierung steht im Vordergrund, die Behandlungsdauer nimmt ab.

Dieser Leitfaden soll Ärzten helfen, das Gespräch zwischen Arzt und Patient zu analysieren und zu verbessern. Er orientiert sich an aktuellen Herausforderungen im Gesundheitswesen und versucht, anhand von Beispielen aufzuzeigen, wie Defizite behoben werden können.

Professor Wolf Langewitz, Basel, Präsident der Redaktionskommission

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letzte Änderung am: 19.03.2018

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