Die dritte Säule darf nicht bröckeln

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) wird häufig als dritte Säule im Gesundheitssystem neben der ambulanten und stationären Versorgung definiert. Seine Pflichtaufgaben, vor allem den Schwachen und Hilfebedürftigen in der Gesellschaft den notwendigen Zugang zur gesundheitlichen Versorgung zu ermöglichen, kann er aufgrund von Personalmangel in vielen Städten kaum noch erfüllen. Der 117. Deutsche Ärztetag wird sich daher mit der Situation des Öffentlichen Gesundheitsdienstes beschäftigen. Da trifft es sich gut, dass der Ehrenpräsident des diesjährigen Ärztetages der ehemalige Leiter des Gesundheitsamtes Köln ist: Dr. Jan Leidel.

von Sabine Schindler-Marlow

Fakten zur Entwicklung des Öffent­lichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) gibt es wenig. Die meisten Bundesländer geben nicht bekannt, wie viele Stellen im ÖGD in den vergangenen Jahren abgebaut wurden. Eine Statistik der Bundesärztekammer (BÄK) erfasst erst seit 2012 die in Gesundheitsämtern tätigen Ärztinnen und Ärzte. Laut BÄK-Ärztestatistik aus dem Jahr 2013 arbeiteten 2.432 Ärztinnen und Ärzte in Gesundheitsämtern. In den bundesweit 378 Gesundheitsämtern ist mehr als jede siebte Facharztstelle länger als sechs Monate unbesetzt. Dies lässt sich aus einer Umfrage ableiten, die der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) in Zusammenarbeit mit dem Marburger Bund in den deutschen Gesundheitsämtern 2013 durchgeführt hat und an der sich ­Ärztinnen und Ärzte aus 186 Gesundheitsämtern (49,2 Prozent) beteiligten. In diesen Ämtern, in denen insgesamt 1.389 Ärzte mit Facharztqualifikation tätig waren, blieben 222 Stellen über einen Zeitraum von mehr als ­einem halben Jahr hinweg vakant.

Hauptursache für den Ärztemangel in den Gesundheitsämtern ist die deutlich niedrigere Bezahlung der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst gegenüber ­ ihren Kollegen in den Krankenhäusern. Das ­Gehaltsniveau liegt zwischen zehn und 20 Prozent unter dem tarifüblichen Niveau angestellter Ärzte in kommunalen Kliniken.

Die 378 Gesundheitsämter in der öffentlichen Wahrnehmung

Die unzureichende personelle Ausstattung der Gesundheitsämter steht im krassen Widerspruch zu den ständig wachsenden und sich wandelnden Aufgaben, denen sich der Öffentliche Gesundheitsdienst gegenübersieht. Deutlich wird die Sinnhaftigkeit der Gesundheitsämter für die Öffentlichkeit erst dann, so haben es die vergangenen Jahre gezeigt, wenn es um die Abwehr von Infektionsquellen wie bei EHEC oder bei der Bekämpfung von Grippewellen geht. Dann stehen die Gesundheitsämter unter medialer und öffentlicher Beobachtung und keiner zweifelt ihre Berechtigung an. Ist die Ge­fahr aber vorübergehend abgewendet, verschwindet das öffentliche Interesse. Dabei ist das Aufgabenspektrum des Öffentlichen Gesundheitsdienstes weit umfangreicher als es der Öffentlichkeit bewusst ist.
Die Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes wurden durch die Entwicklung von Wissenschaft, Medizin und Technik, die wachsende Bedeutung des Umwelt- und Verbraucherschutzes sowie die fortschreitende Gesundheits- und Sozialgesetzgebung immer wieder neu festgelegt und geprägt. Dementsprechend ­erfuhr der ÖGD zunehmend eine inhaltliche Neu-Orientierung und Modernisierung zu einem ‚aufsuchenden Gesundheits-Service‘, um alle Zielgruppen – insbesondere auch soziale Randgruppen – zu erreichen. Neben der ambulanten und stationären Versorgung kommt somit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst mit seinen vorrangigen Aufgaben im Bereich der Bevölkerungsmedizin, der Prävention ­und der Gesundheitsförderung ein besonderer Stellenwert zu. Die aufsuchenden Leistungsangebote (zum Beispiel Impfungen und Schuleingangsuntersuchungen) der Gesundheitsämter, von denen vor ­allem die Schwachen der Gesellschaft profitieren, ergänzen den ambulanten und stationären Bereich zu ­einem in allen Zweigen zusammenwirkenden Gesundheitswesen.

Der 117. Deutsche Ärztetag widmet dem ÖGD unter dem Tagesordnungspunkt „Herausforderungen im Öffentlichen Gesundheitsdienst“ einen Schwerpunkt seiner Arbeit. „Dass sich der Deutsche Ärztetag angesichts der Fülle wichtiger Themen auch mit den gegenwärtigen Problemen des doch recht kleinen Bereichs ‚Öffentlicher Gesundheitsdienst‘ befasst, halte ich für ein ermutigendes Zeichen und für ein klares Bekenntnis zur Einheitlichkeit des Arztberufs“, sagt der diesjährige Ehrenpräsident Dr. Jan Leidel im Gespräch ­mit dem Rheinischen Ärzte­blatt. „Allerdings sind meine Erwartungen begrenzt, schließlich sind hier vor allem Kommunen und Bundesländer gefordert. Ich wäre bereits zufrieden, wenn der Ärztetag gegenüber Fachöffentlichkeit und Politik deutlich machen könnte, dass der Öffentliche Gesundheitsdienst sich derzeit konkret in der Gefahr befindet, seine Aufgaben beim Gesundheitsschutz der Bevölkerung sowie seine subsidiären und sozialkompensatorischen Versorgungsaufgaben nicht mehr ausreichend erfüllen zu können.“ 

Dr. Jan Leidel, Ehrenpräsident des 117. Deutschen Ärztetags

Dr. Jan Leidel

Foto: privat

Der ehemalige Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, Dr. Jan Leidel, wird Ehrenpräsident des 117. Deutschen Ärztetages in Düsseldorf sein. Jan Leidel wurde am 14. Juli 1944 in Gießen geboren. Nach dem Studium der Medizin durchlief er Weiterbildungen zum Arzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie sowie zum Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen in Gießen, Köln und Düsseldorf. 1977 begann er seine Arbeit im Gesundheitsamt der Stadt Köln als Leiter des Sachgebiets „Seuchenbekämpfung und Hygiene“ und übernahm von 1985 bis Juli 2009 die Leitung des Amtes. Während seiner Amtszeit wurde das Kölner Gesundheitsamt eine der ersten
Einrichtungen, die sozialkompensatorische Arbeitsansätze entwickelte, so zum Beispiel die hausärztliche Versorgung von in Köln lebenden Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben, chronisch psychisch krank sind, oder aus anderen Gründen nicht in der Lage sind, an der gesundheitlichen Regelversorgung teil zu haben. Seit Juni 1993 ist Dr. Jan Leidel Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI), seit Februar 2011 deren Vorsitzender.

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letzte Änderung am: 29.04.2014



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