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Bundesärztekammer

"Digitale Medizin braucht ethisch-moralischen Rahmen"

Dr. Klaus Reinhardt
Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer: Digitalisierung aktiv mitgestalten. © Bundesärztekammer

Düsseldorf, 23. Oktober 2019 (ÄkNo). „Die Vertrauensfrage in der digitalen Medizin“ lautete das Thema einer Dialogveranstaltung der Bundesärztekammer kürzlich in Berlin mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

„Ich glaube, dass die Rolle des Arztes sich nicht wesentlich ändern wird – im Gegensatz zu dem, was mancher befürchtet, der sich mit künstlicher Intelligenz und digitalen Techniken befasst“, sagte der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Dr. Klaus Reinhardt, kürzlich in Berlin. Bei der Veranstaltung der BÄK, zu der auch zahlreiche Vertreter ärztlicher Berufsverbände gekommen waren, warb Bundesgesundheitsminister Jens Spahn um die Mitarbeit der Ärzteschaft bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. 

Reinhardt glaubt, dass Ärztinnen und Ärzte durch künstliche Intelligenz Tools an die Hand bekommen, mit deren Hilfe sie ihre Patientinnen und Patienten „noch sicherer, noch qualifizierter und vielleicht sogar zeitökonomischer“ werden behandeln können. Nach seinen Worten soll die Ärzteschaft die Digitalisierung des Gesundheitswesens „nicht erleiden, sondern aktiv mitgestalten“. Ein Großteil der Patienten, zum Beispiel in einer Hausarztpraxis, gehöre nicht zu den „Digital Natives“. Mit Unterstützung ihrer Ärztinnen und Ärzte sollen auch solche Patienten mit geringen Kenntnissen über digitale Techniken in die Lage versetzt werden, von neuen Möglichkeiten zu profitieren.

Rasante Veränderungen

Die Politik muss nach den Worten des BÄK-Präsidenten eine Gesamtstrategie für die Digitalisierung des Gesundheitswesens entwickeln und einen Ordnungsrahmen schaffen, der auch ethische Aspekte berücksichtigt. Die Digitalisierung müsse sich an den Bedürf­nissen ärztlichen Handelns und der Patientenversorgung orientieren,  sie dürfe sich nicht nach Marktinteressen ausrichten.

Die Medizin verändere sich durch den digitalen Wandel so schnell wie noch nie zuvor in den vergangenen Jahrzehnten, sagte Dr. Peter Bobbert, Vorstandsmitglied und Co-Vorsitzender des Ausschusses „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“ der BÄK. Dabei sind die bisherigen Veränderungen seiner Meinung nach „nur ein kleiner Schritt“ gemessen an dem, was folgen wird. Der Vorwurf, dass die Ärzteschaft den digitalen Wandel in der Medizin nicht aktiv gestaltet, sondern eher gehemmt habe, sei ein „Vorwurf der Vergangenheit“.

Spätestens beim Deutschen Ärztetag 2017 in Freiburg sei der „berufspolitische Wendepunkt“ erreicht gewesen, glaubt Bobbert. Seither sei anerkannt, dass die digitale Medizin von morgen mehr Chancen als Risiken bietet. „Da der digitale Wandel kommt – ob mit uns oder ohne uns – ist es unsere Verantwortung und unsere Aufgabe, diesen zu gestalten“, sagte Bobbert. Er formulierte als Ziel, „dass die digitale Medizin von morgen nicht nur eine andere ist, sondern eine bessere“.

Ärztliche Kernpunkte

Es gelte nun, ärztliche „Kernpunkte“ festzulegen, wobei – so der Leitgedanke bei „Werkstattgesprächen“ der Bundesärztekammer − die Grundelemente der ärztlichen Tätigkeit auch in der digitalen Medizin von morgen prägend sein sollen. Einer der wesentlichen Punkte ist nach den Worten von Bobbert die Menschlichkeit. Nach der Genfer Deklaration stehe die Ärzteschaft im Dienst der Menschlichkeit. Das müsse so bleiben, „eingebettet in zwei Eigenarten: nämlich die Verantwortung und das Vertrauen“. Diese „Kernelemente der Arzt-Patient-Beziehung von heute“ müssen in der digitalen Medizin von morgen fest verankert werden, meint Bobbert.

Nach seinen Worten wird die künstliche Intelligenz (KI) einen wesentlichen Teil des digitalen Wandels ausmachen. Daher sei die Frage zu beantworten, wo die Unterstützung der ärztlichen Tätigkeit durch KI aufhört und wo die Substitution beginnt. Schon heute müssen nach Bobberts Überzeugung „klare Linien“ gezogen werden, „was KI in der digitalen Medizin von morgen machen darf und was sie eben nicht machen darf“. Außerdem müsse die Medizin in Europa einen eigenen Weg entwickeln, der sich von dem primär ökonomieorientieren US-amerikanischen System und dem politikorientieren chinesischen System unterscheidet durch „klare ethische und moralische Rahmenbedingungen“. Auch warnte Bobbert davor, den  ärztlichen Grundsatz primum non nocere dem Tempo der digitalen Entwicklung zu opfern.

Apps auf Kassenkosten

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn warb bei der BÄK-Veranstaltung in Berlin für eine positive Einstellung der Ärzteschaft zur Digitalisierung des Gesundheitswesens. „Wir werden das erste Land der Welt sein, in dem das gesetzliche System Apps auf Rezept möglich macht und eine entsprechende Vergütung regelhaft vorsieht“, sagte er. Der Anspruch an den Nutzen und dessen Nachweis gelte wie in anderen Bereichen auch, betonte der Gesundheitsminister. Doch darf die Latte nach Spahns Auffassung auch nicht zu hoch gelegt werden: „Wenn wir das nicht ein Stück sich entwickeln lassen, dann wird es wieder von anderen kommen“, warnte der Minister, „schauen Sie sich einmal an, welche Apps schon von überall unterwegs sind, völlig unreguliert. Dann will ich hier in Deutschland lieber einen entsprechenden Rahmen entwickeln.“

(uma)


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