Frauen(-gesundheit): Hohe Erwartungen und mangelnde Anerkennung belasten die Psyche

Düsseldorf, 20.4.2016. Wissenschaftliche Studien zeigen: Jede fünfte Frau leidet in Deutschland unter Angststörungen. Bei Männern kommen Angststörungen dagegen nur halb so oft vor. Frauen seien häufiger als Männer depressiv, litten an Burn-out oder fühlten sich seelisch belastet, sagte Dr. Heidrun Thaiss, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), vor Teilnehmern des zweiten Frauengesundheitskongresses, der am 19. April in Köln stattfand. „Viele Frauen befinden sich in belastenden Lebenssituationen, beispielsweise als alleinerziehende Mutter, Tochter pflegebedürftiger Eltern oder in der Doppelrolle beruflicher und familiärer Herausforderung. Vielen von ihnen fehlt die dringend benötigte Entlastung und die Anerkennung ihrer Leistung“, so Thaiss.

Frauen erlebten häufiger als Männer Lebenssituationen, die eine depressive Störung auslösen können, sagte Professorin Dr. Anke Rohde von der Gynäkologischen Psychosomatik des Universitätsklinikums Bonn. So hätten etwa zehn Prozent aller Frauen während der Schwangerschaft sowie 13,5 Prozent  nach einer Schwangerschaft eine Depression. Das niedrigschwellige Behandlungsangebot müsse ausgebaut werden, forderte sie. Ärztinnen und Ärzte müssten sich besser mit Frauenberatungsstellen, Krankenhäusern, Hebammen und anderen Hilfseinrichtungen vernetzen, sagte Dr. Annegret Gutzmann, Frauenärztin und Psychotherapeutin aus Köln.

Mädchen und junge Frauen definieren sich häufig darüber, wie andere über sie denken, sagte Susan Bagdach vom Kölner Verein Holla, einem interkulturellen Zentrum für die Gesundheit von Mädchen und Frauen, bei der Veranstaltung im Kölner Mediapark. Diese Fremddefiniertheit habe auch Auswirkungen darauf, wie viele Mädchen ihre eigene körperliche und seelische Situation wahrnehmen, so Bagdach. „Ich bin gesund, wenn ich ‚richtig‘ bin“, heiße es leider bei vielen Teenagern.

Eine besonders negative Rolle in der Eigenwahrnehmung junger Frauen, insbesondere von „Migrantinnen“, spiele dabei der „Mythos vom Jungfernhäutchen“: Medizinisch sei schon lange klar, dass es ein Hymen gar nicht gebe. Dennoch führe die Macht des Mythos dazu, dass Frauen sich passiv verhielten, Ohnmacht und Machtlosigkeit verspürten und Angst vor Sex hätten. Der Mythos stärke traditionelle Machtstrukturen und sei so wirksam, dass selbst Mütter, die von der Nicht-Existenz des Hymens wüssten, im gleichen Gespräch mit voller Überzeugung sagten, dass das Blut, das beim ersten Geschlechtsverkehr einer Frau der Legende zufolge fließt (womit die Jungfräulichkeit "bewiesen" werden soll), violett sei.

Bagdach forderte die Gesellschaft dazu auf, junge Mädchen darin zu unterstützen, ihre Potenziale auszuschöpfen – und ihnen so eine positive, selbstbestimmte Positionierung in ihrem Umfeld zu ermöglichen. Die Beratung junger Mädchen und Frauen zeige, dass „Mädchen mit Rassismuserfahrung“, so übersetzt Bagdach das Wort „Migrationserfahrung“, es noch einmal schwerer hätten.

jf/ble


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