Humanitäre Hilfe

Mülheimer Ärztinnen und Ärzte für Menschen in größter Not

Gruppenfoto 11. Forum Gesundheit der Ärztekammer Nordrhein, Kreisstelle Mülheim
Beim 11. Forum Gesundheit am 12. März in Mülheim (v.l.n.r.): Dr. Tankred Stöbe, langjähriger Präsident der Deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen e.V.; Margarete Wietelmann, Bürgermeisterin der Stadt Mülheim; Uwe Brock, Vorsitzender der Kreisstelle Mülheim der Ärztekammer Nordrhein; Professor Dr. Richard Goebel, der für sein ehrenamtliches humanitäres Engagement in Afrika die Johannes-Weyer-Medaille der nordrheinischen Ärzteschaft erhielt, mit seiner Frau Johanna Jesse-Goebel; Prof. Dr. Heinz-Jochen Gassel, Chefarzt und Ärztlicher Direktor Evangelischen Krankenhaus Mülheim; Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein; Heiko Rottmann-Großner, Leiter der Unterabteilung „Übertragbare und nicht übertragbare Krankheiten, Gesundheitssicherheit“ des Bundesministeriums für Gesundheit; Ulrich Langenberg, Geschäftsführender Arzt der Ärztekammer Nordrhein und Moderator des Abends; Nils B. Krog, Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Mülheim. © Andreas Köhring

Mülheim/Ruhr. "Humanitäre Hilfe durch Ärztinnen und Ärzte – gemeinsam Zeichen der Menschlichkeit setzen“ lautete das Thema des 11. Forums Gesundheit der Ärztekammer Nordrhein Mitte März in Mülheim an der Ruhr. Uwe Brock, Initiator des Forums und Vorsitzender der Kammer-Kreisstelle, begrüßte rund 150 Besucher, darunter zahlreiche humanitär engagierte Kolleginnen und Kollegen, im voll besetzten Kasino des Evangelischen Krankenhauses an der Wertgasse. Margarete Wietelmann, Bürgermeisterin der Stadt Mülheim, zollte den der Ärztinnen und Ärzten, „die in den Krisengebieten der Welt bis zur Erschöpfung arbeiten“, hohe Anerkennung. Für seine ehrenamtliche Arbeit in zahlreichen medizinischen Hilfsprojekten in Afrika, insbesondere in Kamerun, erhielt der Mülheimer Frauenarzt Professor Dr. Richard Goebel die Johannes-Weyer-Medaille der nordrheinischen Ärzteschaft.

Ehrenamtliches Engagement wie das von Professor Goebel spiele eine bedeutende Rolle bei der gesundheitlichen Versorgung zum Beispiel in Regionen Zentral- und Ostafrikas, sagte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke, der die Johannes-Weyer-Medaille im Namen von Ärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung überreichte. Gleichzeitig gehe es solchen medizinisch unterversorgten Gebieten auch um eine „Verstetigung der Hilfen und der gesundheitlichen Versorgung“, was ohne „professionelle Verlässlichkeit“ kaum zu stemmen sei.

In seinem Impulsreferat berichtete der Internist und Notfallmediziner Dr. Tankred Stöbe, langjähriger Präsident der deutschen Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“ („Médecins sans frontières), von seinen Einsätzen in jüngerer Zeit. Er hat an Hilfseinsätzen im Jemen, in Gaza und in Libyen teilgenommen. Nach seinen Worten sind 20 Millionen Jemeniten, das sind 70 Prozent der Bevölkerung, nach drei Jahren Krieg und totaler Isolation von humanitärer Hilfe abhängig. Über 10.000 Menschen sind in dem dortigen Konflikt bereits gestorben und mehr als 40.000 verletzt worden. „Ärzte ohne Grenzen“ leiste „bedingungslose Hilfe für Menschen in größter Not, unabhängig von ihrer religiösen, kulturellen oder politischen Zugehörigkeit“. So haben laut Stöbe im Jemen, in dem es über eine Million Cholera-Patienten gibt, über 1.000 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen bisher rund 550.000 Notfallpatienten versorgt. Sieben Millionen Jemeniten seien vom Hungertod bedroht.

Auch im „Failed State“ Libyen hat sich die Lage der Menschen nach Stöbes Erfahrungen in den vergangenen Jahren nicht gebessert, sehr viele Menschen seien „existenziell bedroht und brauchen Hilfe“. Das sei heute weniger offen sichtbar als zum Beispiel im Jahre 2015, weil sich Europa inzwischen gegenüber fllüchtenden Menschen „abgeschottet“ habe.

Im sehr dicht besiedelten Gazastreifen, den Stöbe als „größtes Freiluftgefängnis“ bezeichnete, nehmen in jüngerer Zeit Suizide und Drogenabhängkeit zu. Junge, gut ausgebildete Menschen sehen für sich oft keine Perspektive mehr. Menschen erhängen sich, springen von Dächern oder vergiften sich. Hunderte Menschen, die bei Demonstrationen verletzt wurden, benötigen Rekonstruktive Chirurgie. „Ärzte ohne Grenzen“ betreibt acht Kliniken in allen Teilen des Gazastreifens und nach Stöbes Worten in dieser Region auch „das größte Rehabilitationsprogramm weltweit“ mit 44 Physiotherapeuten und wöchentlich rund 1.600 Behandlungen. Häufig fragen die Patienten, ob sie jemals wieder laufen können.

Bei der Ebola-Pandemie in Westafrika starben zwischen 2014 und 2016 mehr als 11.000 Menschen, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) reagierte zu spät. Seither habe die Bundesregierung ihre Anstrengungen deutlich verstärkt, um die internationale Staatengemeinschaft in „multilateraler Koordination“ besser auf Gesundheitskrisen wie diese vorzubereiten, so Heiko Rottmann-Großner. Der Leiter der Unterabteilung „Übertragbare und nicht übertragbare Krankheiten, Gesundheitssicherheit“ des Bundesministeriums für Gesundheit sagte in Mülheim: „Politisch hat sich seither viel getan.“

So haben sich nach seinen Worten während der deutschen G20-Präsidentschaft die Gesundheitsminister der 19 führenden Industrie- und Schwellenländer sowie der EU erstmals getroffen. Dabei erprobten sie den Ernstfall eines grenzüberschreitenden Krankheitsausbruchs gemeinsam mit Vertretern der WHO und der Weltbank, wie Rottmann-Großner berichtete. Das Thema „globale Gesundheit“ einschließlich regelmäßiger Übungen für den Fall von Gesundheitskrisen stehe nicht zuletzt aufgrund deutscher Initiative dauerhaft auf der Agenda der G20.

Der Bericht über das 11. Forum Gesundheit in Mülheim wird in der Mai-Ausgabe des Rheinischen Ärzteblattes erscheinen. 

uma

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