Vorlesen

Blick zurück nach vorn

21.12.2018 Seite 3
Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein © Jochen Rolfes

Vor wenigen Tagen hatten wir den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, unseren internistischen ärztlichen Kollegen, Dr. Josef Schuster, zu einer Vorlesung über das Thema „Jüdische Ärztinnen und Ärzte in der NSZeit – Erinnerungen an Schicksale und Lehren aus der Vergangenheit“ im Rahmen der Jörg-Dietrich-Hoppe-Vorlesung in der Ärztekammer Nordrhein zu Gast.

Seine Ausführungen und sein Blick in einen der dunkelsten Teile unserer Geschichte haben alle Veranstaltungsbesucher spürbar bewegt (siehe Berichterstattung in der Februarausgabe des RÄ). Doch nicht nur seine Ausführungen zu dem was „war“, sondern vor allem seine Schilderungen der Gegenwart haben uns an diesem Abend zu denken gegeben. Wie leicht lässt es sich doch im Alltag sagen: „Wir haben aus der Geschichte gelernt. Das ist vorbei.“ Aber ist es das wirklich?

Schuster schildert gegenläufige Erfahrungen. Er berichtet von antisemitischen Übergriffen auf Schüler, von Angriffen auf Synagogen, Moscheen und Flüchtlingsunterkünfte und beschreibt Demonstrationen Rechtsradikaler, auf denen Parolen gegen Andersgläubige gang und gäbe sind.

Schuster setzt diese Vorkommnisse nicht mit der Geschichte von damals gleich. Aber er warnt zu Recht vor rechtsextremistischen Politikern, die heute wieder Ängste schüren und mit ihren sprachlichen Tabubrüchen und dem Leugnen der Vergangenheit den Weg zu einem neuen Antisemitismus ebnen.

Unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeier hat in seiner Rede zur Gedenkstunde zum 100. Jahrestag der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 im Bundestag folgende mahnende Worte gesprochen: „Wir müssen widersprechen, wenn Gruppen zu Sündenböcken erklärt werden, wenn Menschen einer bestimmten Religion oder Hautfarbe unter Generalverdacht gestellt werden, und wir lassen nicht nach in unserem Kampf gegen den Antisemitismus! Wir müssen verhindern, dass sich die Gruppen immer mehr voreinander verschanzen! (…) Wir müssen dafür sorgen, dass diese Gesellschaft mit sich im Gespräch bleibt!“

„Im Gespräch zu bleiben“ ist in meinen Augen auch der Dienst, den wir im Eingedenken unserer eigenen geschichtlichen Verantwortung unserer Gesellschaft und unserer Demokratie erweisen sollten. In unserem  ärztlichen Gelöbnis legen wir dar, dass die gleichen Werte, für die Frank Walter Steinmeier in seiner Rede geworben hat, auch die Werte sind, die unser ärztliches Handeln bestimmen. Grundwerte wie der  Respekt vor der Würde des Menschen, die Toleranz gegenüber Andersdenkenden und die Achtung demokratischer Spielregeln, das erleben wir derzeit hautnah, sind keine Selbstverständlichkeit.

Wir als Ärztinnen und Ärzte haben in unseren täglichen beruflichen Kontakten, aber auch in unserer ärztlichen Selbstverwaltung, die ein wichtiger demokratischer Baustein ist, vielfach die Chance, diese Werte mit Leben zu füllen und damit einen Beitrag zum Erhalt unserer Demokratie zu leisten. Die Vergangenheit kann von uns nicht geändert werden. Was wir aber beeinflussen können, das ist die Zukunft.

In diesem Sinne wünsche ich allen Kolleginnen und Kollegen frohe Weihnachten und ein zufriedenstellendes und gesundes neues Jahr 2019.

Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein