Vorlesen

Impfen nicht nur zum Selbstzweck

21.12.2018 Seite 28

Die gegenwärtigen Herausforderungen in der Impfmedizin waren die Themen des 8. Kammersymposiums „Aktuelle Infektionserkrankungen“ der Ärztekammer Nordrhein Mitte November in Köln. Knapp 200 Ärztinnen und Ärzte diskutierten Strategien, um die Impfbereitschaft zu steigern.

von Michael Ganter

„Impfen ist nach wie vor ein schwieriges und emotionales Thema. Umso wichtiger ist es, dass wir darüber sprechen und Wege finden, die Spaltung zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern zu überwinden“, sagte Professorin Dr. Maria Vehreschild, Leiterin des Schwerpunkts Infektiologie am Universitätsklinikum Frankfurt und ehemaliges Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein zur Eröffnung der Veranstaltung. Für Professor Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut (RKI), ist das Impfen, in einer Kosten-Nutzen-Relation, die effektivste medizinische Maßnahme um gesund zu bleiben. Er warb daher für ein gezieltes Impfmanagement in den Arztpraxen. Geschultes Personal müsse hierbei den aktuellen Impfstatus auf Basis der Impfpasseinträge erfassen, Impflücken identifizieren und bei Bedarf einen Impfplan erstellen. Im Gespräch mit den zu impfenden Personen, könne über ausstehende Impfungen informiert, Informationsmaterial zur entsprechenden Impfung ausgehändigt und die Motivation zum Impfen gesteigert werden.

Die Dringlichkeit zum Impfen verdeutlichte auch Dr. Anne Bunte, Mitglied des Vorstands der Ärztekammer Nordrhein und Leiterin des Gesundheitsamtes Köln, die auf die diesjährige Masernsituation in Köln aufmerksam machte. „72 Prozent der an Masern erkrankten Kölnerinnen und Kölner waren zuvor nicht geimpft und bei 14 Prozent konnte der Masernimpfstatus nicht ermittelt werden“, sagte Bunte. Nur durch die enge Kooperation von Praxen, Kliniken, Laboren und der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein mit dem Gesundheitsamt in Köln, sei eine noch stärkere Ausbreitung verhindert worden. Dr. Martin Terhardt, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Mitglied der STIKO am RKI, kritisierte in seinem Vortrag, dass in Deutschland bisher keine systematischen Erhebungen von Influenza-Impfraten bei Indikationspatienten im Kindes- und Jugendalter und so gut wie keine repräsentativen Daten zu Kindern mit und ohne Impfindikation vorliegen. Hier sieht er Handlungsbedarf und verweist auf England, das solche Quoten jährlich erhebt und für Deutschland als Vorbild dienen könne.

Einer für alle – alle für einen?

„In sehr vielen Aufklärungskampagnen wird meist nur der individuelle Nutzen von Impfungen betont. Der gleichzeitig einsetzende Nutzen und Schutz für die Gemeinschaft wird dabei oft nicht ausreichend verdeutlicht“, sagte Professor Dr. phil. Robert Böhm von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen zu Beginn seines Vortrages. Böhm und sein Forschungsteam nahmen dies zum Anlass für ein Experiment, in dem untersucht werden sollte, ob die Impfquote ansteigt, wenn der Gemeinschaftsnutzen von Impfungen zuvor erklärt wird. Hierfür wurde der Hälfte der fast 2.000 Studienteilnehmer das Prinzip des Gemeinschaftsschutzes erklärt. Dies geschah entweder verbal oder in Form einer interaktiven Simulation, in welcher die Probanden selbstständig „erleben“ konnten, wie sich eine Infektionskrankheit bei niedrigen oder hohen Impfraten verbreitet. Ganz im Sinne des geläufigen Musketierprinzips „einer für alle – alle für einen“, stellte sich in der anschließenden Befragung heraus, dass die Teilnehmer, die in der Simulation zuvor ausprobieren konnten, wie der Gemeinschaftsnutzen funktioniert, eine höhere Impfbereitschaft zeigten. Böhm und sein Forschungsteam leiteten aus den Ergebnissen ab, dass die Kommunikation des Gemeinschaftsnutzens ein Mittel sein kann, die Impfbereitschaft in der Bevölkerung zu steigern. Allerdings betonte Böhm, dass die Kommunikation des Gemeinschaftsschutzes nur eine von vielen Interventionen sei um die Impfmotivation zu erhöhen. Unter www.musketierprinzip.de kann eine ähnliche Simulation selbstständig ausprobiert werden.

STIKO@rki – Die erste Impf-App für Ärzte

Die Impfempfehlungen der STIKO gibt es seit September 2016 auch in Form einer kostenlosen App für das Smartphone. Mit wenigen Klicks bekommt der Arzt die für die Beratung des einzelnen Patienten relevanten Informationen. Schwerpunkt der App ist der interaktive Impfcheck: Nach Eingabe von Alter, Geschlecht und Impfhistorie des Patienten wird dessen Impfstatus überprüft, ausstehende Impfungen identifiziert und Empfehlungen zum Schließen bestehender Impflücken gegeben. Weitere Informationen zur App lassen sich unter www.rki.de finden.