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Achtsam zu einer „neuen Normalität“

27.05.2020 Seite 18
RAE Ausgabe 6/2020

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 6/2020

Seite 18

In Nordrhein wird die reguläre Versorgung der Patienten schrittweise und mit allen notwendigen Schutzmaßnahmen in Praxen und Kliniken wieder aufgenommen, auch um Gesundheitsrisiken durch Unterversorgung  und Fehlinformationen zu vermeiden.

von Sabine Schindler-Marlow

Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft haben Mitte März ein gemeinsames Frühwarnsystem aufgebaut, um Veränderungen in der onkologischen Versorgung während der COVID-19-Pandemie zu beobachten. Mitte April zogen die Institutionen folgendes Fazit: „Bislang mussten Krebspatienten im Regelfall keine bedrohlichen Versorgungsengpässe befürchten, doch Einschränkungen durch die Krisensituation sind spürbar.“ Besonders besorgt ist die „Task Force“ der drei Institutionen über ausgesetzte Abklärungs- und Früherkennungsuntersuchungen. So könne sich eine Bugwelle an zu spät diagnostizierten Krebsfällen aufbauen.

Auch in anderen europäischen Ländern wächst die Sorge, dass der Rückgang an Krebsvorsorgeuntersuchungen  zu  Verzögerungen bei frühen und damit aussichtsreicheren Behandlungen führt. So hat das Epic Health Research Network in  Großbritannien einen Rückgang bei Krebsvorsorgeuntersuchungen um 86 bis 94 Prozent beobachtet. Die Daten stammen aus wichtigen Krebszentren des Landes. Die Auswertung ergab auch, dass sich die Zahl der Dringlichkeitsüberweisungen mit Verdacht auf Krebs durch einen Hausarzt um 76 Prozent reduzierte. Auch die Zahl der Chemotherapie-Termine sank verglichen mit dem Niveau vor dem Lockdown um ganze 60 Prozent. Rund 31.000 Menschen mit neu diagnostiziertem Krebs starben vor der Pandemie innerhalb eines Jahres in Großbritannien, wie die Analyse zeigt. Befürchtet wird, dass aufgrund des Rückgangs bei Diagnostik und Behandlung nun gut 6.000 Menschen mehr als im Durchschnittsjahr zeitversetzt an Krebs sterben könnten.

Eine Sonderanalyse der DAK-Gesundheit von Ende April belegt bei Herzinfarkten einen Rückgang von stationären Aufnahmen um 25 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren 2018 und 2019. Nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK beherbergten Krankenhäuser im April 2020 sogar bis zu 30 Prozent weniger Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten als im April 2019. Für Ärztinnen und Ärzte ist das ein sicheres Indiz dafür, dass Patienten mit Herzinfarktsymptomen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht direkt den Notruf wählen, obwohl sie es sollten.

COVID-19- und Normalversorgung in Einklang bringen

 

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann und die Vertreter der nordrhein-westfälischen Ärzteschaft appellierten daher Mitte Mai gemeinsam an die Bevölkerung, notwendige Praxisbesuche und Voruntersuchungen wieder wahrzunehmen. „Wir müssen unseren Patienten unsere Schutzvorkehrungen in Kliniken und Praxen transparent machen, um ihnen die Angst vor Ansteckung zu nehmen. Wir müssen zeigen, dass wir nicht zum ‚Normalbetrieb‘ der Vor-Corona-Zeit zurückkehren, sondern behutsam und unter Achtung aller Hygienestandards in Praxen und Kliniken einen angepassten Regelbetrieb gestalten, der die Erfordernisse der COVID-19-Versorgung und der Normalversorgung in Einklang bringt. Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte, aber auch die Kliniken treffen weitreichende Vorkehrungen, um ihre Patientinnen und Patienten vor einer Ansteckung durch potenziell am Coronavirus Erkrankte zu schützen“, sagte der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke.

„Wir planen den Rückgang zum Normalbetrieb behutsam und mit den entsprechenden Sicherheits- und Hygienekonzepten zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen und unserer Patienten“, berichtet beispielsweise der Landesvorsitzende des Berufsverbands der Frauenärzte in Nordrhein, Bernd Bankamp aus Krefeld. „Meine Kolleginnen und Kollegen haben ihre Praxisabläufe den Erfordernissen der Pandemie angepasst. Selbstverständlich bedeutet dies auch, derzeit die offenen Sprechstunden einzustellen, denn hier können wir unseren Patientenzulauf nicht steuern, und wir wollen keine Schlangen vor den Praxen.“ Daher hätten alle Kolleginnen und Kollegen auf Terminsprechstunde umgestellt und Praxisbesuche erfolgten nur nach telefonischer Terminvereinbarung. Notfälle seien davon natürlich ausgenommen. „Wir vergrößern auch die Abstände zwischen den Terminen, damit sich Patientinnen im Wartezimmer möglichst gar nicht treffen. Und viele von uns bieten jetzt vermehrt auch Telefon- und Videosprechstunde an. Dabei nehmen wir wahr, dass alle Maßnahmen bei unseren Patientinnen gut ankommen und großes Verständnis für die Umstellungen herrscht. Wir beginnen jetzt damit, die abgesagten Vorsorgen wieder einzubestellen und unsere Patientinnen kommen ohne Angst“, erklärt Bankamp.

Benachteiligte Kinder ansehen

Auch Christiane Thiele, Vorsitzende des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Nordrhein, berichtet, dass die meisten Kinder- und Jugendarztpraxen den Rückstau der verschobenen Vorsorgeuntersuchungen bis Ende Mai abgearbeitet haben werden und dass nötige Impfungen auch während des eingeschränkten Praxisbetriebs durchgeführt worden seien. Auch zeige ihre Erfahrung, dass sich die meisten Eltern an die neuen Hygiene- und Praxisregeln zum Schutz ihrer Kinder halten. „Dieses Verständnis haben unsere Praxismitarbeiterinnen und meine Kolleginnen und Kollegen durch eine Vielzahl von Gesprächen erreicht, die übrigens von uns allen ohne jede Form der Honorierung erbracht wurden“.

 „Arztbesuche sind auch in Corona-Zeiten wichtig.“

Vielmehr mache ihr und ihren Kollegen Sorge, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwierigen Haushalten in den vergangenen Monaten kaum von Erziehern, Lehrkräften und Kinder- und Jugendärzten gesehen wurden, sich nicht an diese wenden konnten und Verstöße gegen das Kindeswohl daher nicht gemeldet wurden. Die Statistik zeige noch keinen deutlichen Anstieg der Inobhutnahmen durch die Jugendämter, aber ihr Verband befürchtet eine hohe Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt während des Lockdowns.

Ein weiteres Problem sieht sie darin, dass Eltern chronisch kranker Kinder extrem verunsichert seien, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken. „Vor uns liegt sehr viel Aufklärungsarbeit, die darin besteht, Eltern Ängste zu nehmen und andererseits ihnen klar zu machen, dass diese Pandemie nur in den Griff zu bekommen ist, wenn sich alle an die Regeln halten. Außerdem müssen wir kontern, wenn im Netz haarsträubende Falschinformationen zur Behandlung gegen Corona geäußert werden“, sagt Thiele.

Umgang mit der „Infodemie“

Denn zur neuen Normalität, so berichten Ärztinnen und Ärzte, scheinen zunehmend auch haarsträubende und höchstgefährliche Falschinformationen sowie wilde Verschwörungstheorien zum Virus zu gehören. In den sozialen Medien wird beispielsweise das Trinken von Knoblauchwasser, hochprozentigem Alkohol oder Bleichmittel als Heilmittel gegen Corona empfohlen. Und ein neuer Trend: Verleugnen von Abstandsregeln und keine Masken tragen. Längst warnt die Weltgesundheitsorganisation vor der „Infodemie“, einer Flut von Fehlinformationen, die die Pandemie begleitet und die in einigen Ländern schon zu Toten geführt hat. Laut iranischen Medienberichten sind beispielsweise fast 300 Menschen durch die Einnahme von Methanol ums Leben gekommen und mehr als 1.000 weitere daran erkrankt, nachdem in den sozialen Medien ventiliert wurde, dass hochprozentiger Alkohol gegen das Virus helfe.
Eine Untersuchung des Kampagnen-Netzwerks Avaaz, das 100 Corona-Falschmeldungen auf Facebook zwischen Mitte Januar und April analysierte, ergab, dass die Beiträge über 117 Millionen mal gesehen wurden. Fakenews, so scheint es, verbreiten sich schneller als das Virus selber.

 „Zu unserer neuen Normalität gehört auch die sachliche Aufklärung über gesundheitsgefährdende Falschinformationen.“

In einem Offenen Brief, der Anfang Mai auf der Kampagnenseite Avaaz veröffentlicht wurde, fordern mehr als 100 Ärztinnen und Ärzte, Krankenpflegerinnen und –pfleger sowie Gesundheitsexpertinnen und -experten aus der ganzen Welt Firmen wie Facebook, Twitter und Google dazu auf, „die Lügen, Verdrehungen und Fantasien, die uns alle bedrohen“ nicht „weiter anzufachen“. Der Kurznachrichtendienst Twitter kündigte am 12. Mai an, härter gegen die Verbreitung falscher Informationen über das Coronavirus vorzugehen. Tweets, durch die Menschen zu Schaden kommen könnten, werden gelöscht, weniger gefährliche Angaben mit einem Verweis auf vertrauenswürdige Quellen versehen, kündigte Twitter an.

„Wichtig ist, dass wir das Vertrauensverhältnis zu unseren Patienten nutzen, um sie über den Stand des aktuellen Wissens zu COVID-19 aufzuklären. Ich bin mir sicher, dass sich der Großteil unserer Patientinnen und Patienten von uns gut informiert fühlt“, sagt Bernd Zimmer, Vizepräsident der Ärztekammer Nordrhein und Allgemeinmediziner in Wuppertal. „Zu unserer neuen Normalität gehört eben auch, die gesundheitsgefährdenden Falschinformationen ruhig und sachlich zu entkräften. Meist steht dahinter nur die Angst vor einer Situation, die mit vielen Unsicherheiten behaftet ist.“