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Unter dem Radar: „Legal Highs“

27.04.2020 Seite 14
RAE Ausgabe 5/2020

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 5/2020

Seite 14

Im Dezember 2019 warnte die Polizei Aachen in einer Pressemitteilung vor der Einnahme von Legal Highs. Die Aachener Polizei hielt die Einnahme der psychoaktiven Substanzen für die Ursache in drei Todesfällen. Für jeden, der Legal Highs konsumiert habe, bestehe ein erhebliches Gesundheitsrisiko.  

von Thomas Marlow

Unter dem Sammelbegriff „Neue psychoaktive Substanzen“, kurz NPS, verstecken sich verschiedene Gruppen synthetisch hergestellter Designerdrogen. Die sogenannten Legal Highs werden in der Regel unter verschiedenen Fantasienamen über das Internet vertrieben. Fast immer werden sie irreführend nicht als Rauschdrogen, sondern als Badesalze, Kräutermischungen oder Partypillen angeboten. Die bunten Verpackungen mit Comicbildern, der einfache Zugang über das Internet und die beworbene Legalität können bei potenziellen Konsumenten dazu führen, die Wirkung der Legal Highs zu unterschätzen. 

In Deutschland starben im Jahr 2018 laut „Bundeslagebild Rauschgift“ des Bundeskriminalamts (BKA) 25 Menschen infolge des Konsums von Legal Highs.Aufgrund der schwierigen Erkennbarkeit sei bei diesen Todesursachen grundsätzlich von einem größeren Dunkelfeld auszugehen, so das BKA. Im Jahr 2017 berichtete das BKA noch von 75 Todesfällen, 2016 von 98 Todesfällen in Verbindung mit NPS. Besonders gefährliche NPS seien zwischenzeitlich verboten worden beziehungsweise würden nicht mehr im Internet angeboten. Die hohen Todeszahlen hätten zudem eine abschreckende Wirkung gehabt, erklärt das BKA den Rückgang der Todesfälle. Aus anderen europäischen Ländern sind weitaus höhere Opferzahlen bekannt. In England und Wales starben im Jahr 2018 125 Menschen am Konsum von Legal Highs.  

Hohe Dunkelziffer bei Konsumenten

Wie viele Jugendliche und Erwachsene genau Legal Highs konsumieren, ist nicht bekannt. „Aufgrund der verborgenen Vertriebswege im Internet gehen wir von einer hohen Dunkelziffer von Konsumenten aus“, sagte Andreas Müller, Pressesprecher der Polizei Aachen. Auch lassen sich die enthaltenen Stoffe nur schwer nachweisen. Bislang durchgeführte Befragungen können demnach nur Anhaltspunkte geben. Laut Epidemiologischen Suchtsurvey aus dem Jahr 2015 hatten 2,8 Prozent der deutschen Erwachsenen schon Kontakt mit NPS. Dem Bericht der europäischen Beobachtungstelle für Drogen und Drogensucht zufolge wurden allein 2017 über vier Tonnen NPS in Europa sichergestellt.
 

„Delikte in Verbindung mit Legal Highs sind im Raum Aachen eher die Ausnahme“, sagte Müller. Herkömmliche Drogen machen immer noch den größten Teil der Rauschgiftkriminalität aus, wie die Statistiken zeigen. Die Polizei könne nicht präventiv gegen jeden Online-Shop vorgehen, der Badesalze, Kräutermischungen oder Ähnliches verkaufe, so Müller. Nur Laboranalysen könnten im Einzelfall Aufschluss über den Inhalt der Mischungen geben. Schwierig ist laut Müller auch, dass die Anbieter in der Regel nicht in Deutschland sitzen. 

Information und Prävention ausbauen

„Die Neuen psychoaktiven Substanzen sind trotz ihres vermeintlich legalen Gewands weder legal noch harmlos“, sagte Dr. Oliver Funken, Vorsitzender des Ausschusses Prävention und Gesundheitsförderung der Ärztekammer Nordrhein. Er sieht gerade in der leichten Beschaffung über das Internet und der Verharmlosung der Produkte auf den Werbeseiten der Händler eine Gefahr für Konsumenten. Auch der Pseudowarnhinweis, dass die Produkte „nicht zum menschlichen Konsum bestimmt“ seien, verschleiere die Beweggründe der Onlinehändler, sagte Funken, der auch Mitglied im Vorstand der Ärztekammer ist.
 

„Wir kennen weder die Wirkungsweise noch die Langzeitfolgen der meisten Produkte“, so der Allgemeinmediziner. Für Ärztinnen und Ärzte sei es wichtig, bei jüngeren Patienten mit unklaren kardiovaskulären beziehungsweise neurologischen oder psychiatrischen Symptomen sowie negativem Drogenscreening auch daran zu denken, dass eine Intoxikation mit neuartigen psychoaktiven Substanzen vorliegen könne. „Da wir nur wenig über Konsumentengruppen und Langzeitfolgen wissen, laufen die Legal Highs unter unserem Aufmerksamkeitsradar“, so Funken. „Wir brauchen daher noch genauere Informationen zu Konsumenten, deren Suchtgeschichte und Konsummuster, damit wir auch gezielte Präventionsmaßnahmen ableiten können.“

Jährlich 80 neue Substanzen gemeldet

Legal Highs gibt es als Ersatz für fast jede Droge, und anders als der Name suggeriert, sind die wenigsten davon legal. Die bekanntesten Stoffgruppen sind synthetische Cannabinoide sowie synthetische Cathinone, Phenethylamine und Opioide. Viele NPS haben ihren Ursprung in der legalen pharmazeutischen Forschung. In Europa sind laut der europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht mehr als 730 verschiedene NPS bekannt. 

Die hohe Zahl verschiedener Stoffe ist mit einem langjährigen Schlagabtausch zwischen Gesetzgeber und Herstellern zu erklären. Sobald der Gesetzgeber eine Substanz verbot, veränderten die Hersteller minimal deren chemische Struktur, um damit das Verbot zu umgehen. Zwischen 2009 und 2015 wurden so jedes Jahr circa 80 neue Substanzen gemeldet. Das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG) untersagte im Jahr 2016 erstmals Stoffgruppen. Dies führte zu einem Rückgang der jährlich neu gemeldeten Substanzen. Da ein Teil der Stoffe auch zu medizinischen Zwecken verwendet werden könnte, ist ein grundsätzliches Verbot aller Stoffe nicht möglich. 

Laut Bericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht werden die Chemikalien, die für die Legal Highs verwendet werden, größtenteils im ostasiatischen Raum hergestellt, nach Europa geliefert und dort weiterverarbeitet. In Asien produzierte synthetische Cannabinoide werden beispielsweise in Europa als flüssige Chemikalien auf Pflanzenmaterial gesprüht und als sogenannte Kräutermischung angeboten. 

Gefahr durch Fehldosierung

Die Hersteller machen auf den Produkten keine Angaben zu Menge und Art der verwendeten Stoffe. Eine Dosierung wird für den Konsumenten damit schwer möglich. „Klar ist, dass synthetische Opioide bis zu 1.000-mal aktiver als herkömmliches Heroin sein können“, sagte Professor Dr. Rainer Spanagel, Leiter des Instituts für Psychopharmakologie an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Von den synthetischen Cannabinoiden und Amphetaminen gehe eine große Gefahr aus. Neben einer hohen Sterblichkeitsrate seien auch Psychosen keine seltene Folge des Konsums, so Spanagel. Ferner gehe er von einem großen Suchtpotenzial dieser Stoffe aus.

Gesicherte Erkenntnisse über akute oder langfristige gesundheitliche Beeinträchtigungen gibt es bislang nicht. Zu den häufig genannten Nebenwirkungen der NPS gehören Schweißausbrüche, Kreislaufstörungen, Herz-Rhythmusstörungen, Halluzinationen, Panikattacken, Bewusstlosigkeit, Nierenversagen und Psychosen. Nebenwirkungen und Folgeschäden lassen sich dabei nur mit einzelnen Stoffen in Verbindung bringen. Zusätzlich kann es durch unbekannte Inhaltsstoffe oder zu hohe Beimengungen in Kräutermischungen leicht zu Überdosierungen kommen.

Wie bei Cannabis oder Kokain kommt es zu Toleranzentwicklungen sowie Entzugserscheinungen. Als Entzugssymptome werden am häufigsten Konzentrationsschwierigkeiten, Angstzustände, Antriebslosigkeit, Erschöpfung und depressive Verstimmung beobachtet, so die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen.