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Wenn der Impfarzt zum Feindbild wird

18.03.2022 Seite 18
RAE Ausgabe 4/2022

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 4/2022

Seite 18

Drohungen und Beleidigungen per E-Mail, Brief oder in sozialen Netzwerken und Online-Foren, verbale und körperliche Angriffe, all das gehört für immer mehr Ärztinnen und Ärzte zum Berufsalltag. Gerade Ärzte, die in die Impfkampagnen gegen SARS-CoV-2 eingebunden sind, sind für Coronaleugner und Impfgegner ein rotes Tuch. Begünstigt die Coronapandemie offen feindseliges und gewaltbereites Verhalten? Wie können Ärztinnen und Ärzte mit solchen Erfahrungen umgehen? Und wie können sie sich vor solchen Angriffen schützen?  

von Jocelyne Naujoks

Es ist der Spätsommer 2021. Der zweite Sommer in der Coronapandemie. Dr. Michael Wefelnberg befindet sich gerade mit seiner Familie im Urlaub. Wohlverdient, denn seit Monaten impft der Hausarzt aus Hünxe wie seine Kolleginnen und Kollegen gefühlt nonstop in den Praxen und Impfzentren des Landes gegen das Coronavirus. Wefelnberg ist überzeugt von dem, was er tut und ruft immer wieder auch in sozialen Netzwerken auf, sich impfen zu lassen. Doch als er an diesem Tag die Kommentare zu seinem Appell liest, verschlägt es ihm die Sprache. Er sei ein „Kindermörder“, „schlimmer als SS-Arzt Mengele“, schreiben Impfgegner. Dabei bleibt es nicht. „Es gab auch Menschen, die sind vor meiner Praxis auf und ab marschiert und haben ,Mörder‘ gerufen.“ Eine Frau stürmte in seine Praxis und schrie: „Impfen to mord“, erzählt Wefelnberg, der dort „Impfen to go“ anbietet.

Der Hausarzt ist nicht alleine mit solchen Erlebnissen. Viele Kolleginnen und Kollegen berichteten im Zusammenhang mit Corona von Verbalattacken und Drohungen in der Praxis, sagt Dr. Oliver Funken, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Nordrhein. „Die letzten zwei Jahre waren für viele Hausarztpraxen auch deshalb nervenaufreibend, weil die Patienten vielfach verunsichert und ungeduldig am Telefon oder in den Praxen Antworten auf ihre Fragen verlangten. Nicht selten war die Tonart sehr scharf und kompromisslos“, so Funken. Auch Medien berichten immer wieder von Ärztinnen und Ärzten, die bedroht, beleidigt oder verbal und körperlich angegriffen werden. Das Bundeskriminalamt (BKA) schätzt sogenannte Impfgegner und Coronaleugner als „relevantes Risiko“ unter anderem für Arztpraxen und Impfzentren ein. Für das medizinische Personal bestehe die Gefahr, „zumindest verbalen Anfeindungen bis hin zu Straftaten wie Körperverletzung ausgesetzt zu sein“, heißt es aus dem BKA. Das Landeskriminalamt (LKA NRW) hat auf Basis des Kriminalpolizeilichen Meldedienstes in Fällen politisch motivierter Kriminalität in Nordrein-Westfalen im Jahr 2021 insgesamt 681 Straftaten im Zusammenhang mit Corona gezählt, davon richteten sich 271 gegen Personen, darunter auch Polizeibeamte und Mitarbeiter der Ordnungsämter. In 13 Fällen stellten Ärztinnen und Ärzte Strafanzeige bei der Polizei, in den meisten Fällen wegen Beleidigung und Sachbeschädigung.     

Die Dunkelziffer dürfte jedoch um einiges höher sein. Das lässt eine Umfrage der Universität Erfurt von Februar dieses Jahres in Zusammenarbeit mit Pia Lamberty, Geschäftsführerin des Centers für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) in Berlin, vermuten. Die gemeinnützige Organisation bündelt interdisziplinäre Expertise zu Verschwörungsideologien, Antisemitismus und Rechtsextremismus. Die Befragung zeigt, dass jeder Zweite, der in seinem Beruf auf geltende Coronaregeln hinweisen muss, bereits selbst Beleidigungen und Bedrohungen oder sogar physische Gewalt erlebt hat. 

Ärzte werden als „Durchführende der Verschwörung“ gesehen 

Lamberty forscht seit Jahren zu Verschwörungsideologien. Ärztinnen und Ärzte repräsentierten in der Pandemie das Feindbild, sagt sie. Für Impfgegner und Coronaleugner seien sie Teil der Mächtigen und würden damit zu „Durchführenden der Verschwörung“. „Und gegen die, die man als vermeintliche Verschwörer ausmacht, wird man im schlimmsten Fall gewalttätig“, erläutert die Sozialpsychologin. „Wer hinter allem eine Verschwörung wittert, erschafft sich eine Welt, in der es das absolut Böse gibt.“ Die Betroffenen sähen sich als die Guten, die gegen das Böse kämpfen. Das mache sie so gefährlich, warnt Lamberty. 

Schon vor der Pandemie seien Gesundheitsthemen und Impfungen Projektionsfläche für Verschwörungserzählungen gewesen, sagt die Sozialpsychologin. Mit Corona erlebten nun viele Menschen einen Kontrollverlust. Dieser verstärke den Verschwörungsglauben. „In einer Situation, in der man objektiv nicht in der Lage ist, Kontrolle herzustellen, versucht man es psychologisch, indem man Muster sieht, wo keine sind“, erklärt Lamberty. Plötzlich hänge alles mit allem zusammen, der Zufall spiele keine Rolle mehr. „Verschwörungserzählungen erklären scheinbar die Welt. Sie reduzieren komplexe Mechanismen auf einzelne Personen, die man als Schuldige ausmacht.“ Menschen, die an Verschwörungen glauben, werten sich Lamberty zufolge zudem selbst auf: „Man kann sich einzigartig fühlen, weil man meint, mehr zu wissen als alle anderen.“

Bevorzugtes Medium vieler Anhänger von Verschwörungstheorien sind die sozialen Netzwerke. So wie der Allgemeinmediziner Wefelnberg werden Ärztinnen und Ärzte häufig über diese Kanäle attackiert. Das bestätigt auch das BKA. Bei Straftaten im Zusammenhang mit Covid-19 handele es sich in den meisten Fällen um Beleidigungen und Bedrohungen, die vornehmlich über das Internet verbreitet würden. Laut LKA NRW verstärken und verstetigen soziale Netzwerke durch bestimmte Algorithmen Emotionalisierungsprozesse weiter. Das führe dazu, dass sich Nutzer von sozialen Netzwerken, Onlineforen und einschlägigen Telegram-Chats in ihrer Haltung und ihrem kommunikativen Verhalten bestärkt und bestätigt fühlten, so das LKA. Es erscheine ihnen deshalb zunehmend konform, „sich abwertend, diffamierend und beleidigend zu verhalten“. Bedrohungen erschienen in einer solchen Dynamik „normal“ und gegenseitige Aufforderungen, zum Beispiel Personen aus dem Gesundheitswesen zu konfrontieren, als legitim.

Pandemie ist Futter für Ängste

Die Impfung gegen COVID-19 habe bei vielen Menschen heftige diffuse Ängste hervorgerufen, sagt Dr. Birgit Annen, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und lange in Freiburg niedergelassen. Viele Menschen litten außerdem unter einer sehr konkreten Spritzenphobie. Gleichzeitig seien in der Coronapandemie viele, bis dahin subklinische, leichte Formen paranoider Störungen sichtbar geworden. „Fast immer suchen diese Menschen in solchen Fällen nach halbwegs plausiblen Gründen, um sich selbst und anderen gegenüber ihr Zurückschrecken vor der Impfung zu erklären.“ So würden zum Beispiel eventuelle Impfnebenwirkungen oder Langzeitfolgen des mRNA-Impfstoffes als Grund herangezogen, um sich nicht impfen zu lassen.

Annen gab ihre Praxis in Freiburg vor drei Jahren aus Altersgründen ab. Wie viele ihrer nicht mehr berufstätigen Kolleginnen und Kollegen unterstützte aber auch sie die Impfzentren vor Ort. In einem Interview mit einer lokalen Zeitung sprach sie sich für die Kinderimpfung aus, noch bevor die Ständige Impfkommission diese für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren empfahl. Wie Wefelnberg erhielt auch sie daraufhin Zuschriften von Impfgegnern, unter ihnen sogar ein ärztlicher Kollege. Sie mache sich eines Verbrechens schuldig und werde persönlich in Haftung genommen, hieß es in den Briefen und E-Mails. „Ich habe nicht befürchtet, dass plötzlich jemand mit einem Messer vor meiner Tür steht, aber die Heftigkeit der gegen mich persönlich gerichteten verbalen Attacken und Drohungen hat mich wirklich erschüttert“, sagt Annen, die über zwanzig Jahre lang in der Landesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg berufspolitisch aktiv war. Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen, die Ähnliches erlebten, ignorierte sie die Drohungen schlichtweg.

Als Psychotherapeutin weiß Annen jedoch, dass solche Belastungssituationen durchaus körperliche und psychische Stressreaktionen hervorrufen können. „Das Gefühl, ausgeliefert und ohnmächtig zu sein, löst bei jedem Stress aus.“ Entscheidend sei, dass man es schaffe, eine individuell passende Bewältigungsstrategie zu entwickeln. Generell hält Annen es für wichtig, sich aktiv mit dem Erlebten auseinanderzusetzen. „Fragen wie: Was will und kann ich tun? Wie gehen andere mit solchen Erfahrungen um und wo bekomme ich Unterstützung? sind wichtige Überlegungen.“ Zentral sei zudem eine Risikoabschätzung: „Bin ich in Gefahr oder nicht? Was habe ich zu befürchten? Und welche Maßnahmen kann ich treffen, um mich und meine Mitarbeiter zu schützen?“ Wer eine solche Belastungssituation gut bewältige, werde auch zukünftig in vergleichbaren Situationen schneller und besser reagieren können.
 

Gefahr vorbeugen und frühzeitig reagieren

  • Das „Aachener Modell zur ­Reduzierung von Bedrohungen und Übergriffen am Arbeitsplatz“ der ­Unfallkasse NRW in Zusammen­arbeit mit der ­Polizei hilft dabei, eine Gefährdungssituation richtig einzuschätzen und bietet der Gefährdungsstufe entsprechende Handlungsempfehlungen. Der Leitfaden informiert unter ­anderem über geeignete Kommunika­tions­mittel und ­Präventionsmaßnahmen. 
  • Der „Präventionsleitfaden für mehr Schutz und Sicherheit von Beschäftigten im öffentlichen Dienst“ beinhaltet unter anderem Handlungsempfehlungen für „Dienstleistende“ und Menschen in ­„Funktionen im Innendienst mit Publikumsverkehr“, die sich auch auf den Alltag in Praxen und ­Kliniken übertragen lassen. www.sicherimdienst.nrw 
  • Die Polizei berät kostenlos und ­unabhängig über mechanische und technische Sicherungen am ­Wohnort oder Arbeitsplatz und ­informiert auch über Hersteller von geprüften und zertifizierten einbruchhemmenden Produkten und Unternehmen. https://polizei.nrw/wohnungseinbruch

Je persönlicher der Angriff, desto schlimmer

Wie Menschen auf verbale oder gar körperliche Bedrohungen reagieren, hänge auch davon ab, ob jemand als Person oder in seiner Funktion als Ärztin, Arzt oder Medizinische Fachangestellte angegriffen werde, sagt Diplompsychologin Julia Leithäuser, stellvertretende Landesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung. Je persönlicher das Opfer angesprochen werde, desto stärker falle in der Regel die Angstreaktion aus. Viele Ärzte, die solche Angriffe erlebten, hätten sich in den vergangenen zwei Jahren der Pandemie sehr engagiert und verausgabt, bemerkt die Bonner Psychotherapeutin: „Dies könnte auch die psychische Widerstandskraft geschwächt haben.“ Schlafstörungen, Ängste und verstärktes Grübeln sowie sozialer Rückzug können laut Leithäuser die Folge sein. 

Die Psychologische Psychotherapeutin rät Betroffenen, möglichst viel Sicherheit herzustellen. Das könne bedeuten, die Polizei zu informieren, Schutzmaßnahmen zu treffen und sich der Unterstützung und Solidarität anderer zu versichern. „Alles ist hilfreich, was das eigene Erleben von Kontrolle unterstützt“, sagt Leithäuser und ergänzt: „Das wird für viele auch die Arbeit in der Praxis sein.“ Ihr zufolge können auch ganz grundlegende Dinge wie Sport, gesundes Essen und ausreichend Schlaf helfen, die psychische Stabilität wiederherzustellen. Sie rät Ärztinnen und Ärzten, sich regelmäßig mit anderen – vor allem auch mit Kolleginnen und Kollegen – über das Erlebte auszutauschen. Es sei gut, sich klar zu machen: „Ich mache hier wichtige Arbeit und erfülle eine wichtige Funktion. Deswegen bin ich ins Visier geraten.“
 

Hilfe und Unterstützung für Opfer

Ärztinnen und Ärzte, die Opfer von verbaler und tätlicher Gewalt werden, können lokal, kostenfrei und auf Wunsch anonym Hilfe bekommen. Manche Beratungsstellen unter­stützen zum Beispiel auch bei der Anzeigenerstattung oder beglei­ten zu Terminen bei der Polizei, Staats­anwaltschaft oder vor Gericht.  

  • Der polizeiliche Opferschutz ist Teil polizeilicher Arbeit und ­beinhaltet sowohl zielgerichtete Informationen über den Ablauf eines Ermittlungsverfahrens, über Opferrechte und -entschädigung. Wird weitere Hilfe oder Unterstützung benötigt, vermittelt die Polizei entsprechende Hilfsangebote. Opfer von Gewalttaten erhalten zudem das „Merkblatt für Opfer einer Straftat“, auf dem auch auf die psychosoziale Prozessbegleitung hingewiesen wird.
  • Die Trauma-Ambulanzen der LVR-Kliniken bieten Gewalt­opfern schnelle psychotherapeutische Unterstützung. www.lvr.de/traumaambulanzen
  • Das Opferschutzportal der Landesregierung NRW weist auf ­lokale Hilfsangebote hin. www.opferschutzportal.nrw
  • ODABS, die Online Datenbank für Betroffene von Straftaten gibt Opfern von Straftaten einen Überblick über Hilfs- und Unterstützungsangebote.
  • Der Weiße Ring hilft Opfern von Kriminalität persönlich, ­telefonisch und in einer Online-­Beratung auch anonym per E-Mail. 
  • Der Verband der Beratungs­stellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemi­tischer Gewalt (VBRG) bietet eine Übersicht über lokale Hilfsangebote wie die Opferberatung Rheinland.

Bauchgefühl hilft, vor Gefahr zu warnen

Neben objektiven Daten und Fakten auch „das Bauchgefühl“ zu berücksichtigen, um eine Gefährdung rechtzeitig und richtig einschätzen zu können, dazu rät das LKA Ärztinnen und Ärzten sowie deren Mitarbeitern. Das sei nicht immer einfach, da Konflikt- und Gefahrensituationen oft komplex und schwer zu überblicken seien. Auch wiege man sich in der vertrauten Arbeitsumgebung oftmals in trügerischer Sicherheit. Umso wichtiger sei das „persönliche Gefahrenradar“, das in jeder auch noch so harmlosen Situation aktiviert sein sollte. „Wird ein Übergriff zu spät erkannt oder werden gefährliche Details einer Gewalthandlung übersehen, steigt das Risiko, Opfer zu werden“, so das LKA. 

Die Polizei NRW rät, Distanz zu aggressiven und feindseligen Personen zu halten und verbale und nonverbale Provokation zu vermeiden. „Sollten Sie körperlich angegriffen werden, erstatten Sie in jedem Fall Strafanzeige bei der Polizei“, rät das LKA. Auch bei Drohbotschaften sollten sich Ärztinnen und Ärzte umgehend an die Polizei wenden. Das LKA empfiehlt, Drohbriefe sicher aufzubewahren und möglichst nicht weiter anzufassen. Drohungen per E-Mail oder Instant-Messenger sollten nicht weitergeleitet werden. Drohungen oder Beleidigungen im Internet sollten mit einem Screenshot gesichert und Drohanrufe möglichst aufgezeichnet werden.
 

Rechtsberatung bei der ÄkNo

Die Ärztekammer Nordrhein bietet Ärztinnen und Ärzten, die Drohbriefe, -mails und -anrufe erhalten oder Opfer anderer Straftaten im Zusammenhang mit der Impfkampagne wurden, eine Beratung über die Rechtsabteilung an.

Ansprechpartner in der Rechtsabteilung ist Claus-H. Buschkamp LL.M.
0211 4302-2320
claus.buschkamp(at)aekno.de

Betroffene können sich auch an die Mobbingberatungsstelle der Ärztekammer Nordrhein, Stefanie Esper M.A. wenden:
0211 4302-2204
stefanie.esper(at)aekno.de