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Weiterführende Informationen und Differentialdiagnostik zur Zertifizierten Kasuistik: Unklare Raumforderung zwischen Vagina und Urethra bei einer 62-jährigen Patientin


Folge 87 der Reihe Zertifizierte Kasuistik

von Mara Bardac, Damian Ralser, Eva Egger, Pia Lodde, Lucia Otten, Laura Tascón Padrón, Carolin Schröder, Glen Kristiansen, Markus Essler, Manuel Ritter und Alexander Mustea

 

Erläuterung

In der vorliegenden Kasuistik handelt es sich um ein Adenokarzinom der Skene’schen Drüsen. Die Patientin wurde operativ duch eine vordere Exenteration mit Anlage eines Ileumkonduits behandelt.

Die abschließende histopathologische Aufarbeitung des Resektats ergab ein mäßig differenziertes Adenokarzinom, das sich in Lokalisation und Ausdehnung keinem typischen Entstehungsort zuordnen ließ. Aufgrund der Nähe zur Urethra und zur vorderen Vaginalwand sowie des Fehlens anderer Primärherde in weiterführenden Staging-Untersuchungen wurde im interdisziplinären Tumorboard die Ausschlussdiagnose Adenokarzinom der Skene’schen Drüsen gestellt.

Für die Nachsorge wurde ein PET-CT in 3 Monaten empfohlen, um ein Rezidiv oder eine Lymphknotenmetastasierung frühzeitig zu erkennen. Ein operatives Staging der inguinalen Lymphknoten wurde ebenfalls diskutiert, aber von der Patientin abgelehnt.

Anatomie und Physiologie der Skene’schen Drüsen

Die Skene’schen Drüsen oder paraurethrale Drüsen sind akzessorische Drüsen des weiblichen Genitaltrakts. Sie befinden sich im Plexus submucosus des Vestibulum vaginae und besitzen Ausführungsgänge, die in den Endabschnitt der Urethra sowie im Bereich der Schleimhaut des Meatus urethrae externus münden.

Die Größe, Anatomie und Funktionalität der Skene ’schen Drüsen können individuell stark variieren. Sie entwickeln sich aus dem Endoderm des Sinus urogenitalis und sind homolog zur Prostata des Mannes (1). Sie werden in der Literatur entsprechend auch als "weibliche Prostata" bezeichnet. Diese Homologie zeigt sich unter anderem in der Expression prostataspezifischer Marker wie PSA (prostate-specific antigen) und PSAP (prostatic specific acid phosphatase) (2) (3). Laut einigen Autoren könnten sie zudem eine Rolle bei der weiblichen Ejakulation spielen (4).

Die klinische Bedeutung der Skene’schen Drüsen ist gering. In der Literatur sind entzündliche Veränderungen (Skene-Drüsen-Zysten oder -Abszesse), Hyperplasien und, wie im vorliegenden Fall, maligne Transformationen beschrieben.

Epidemiologie primärer Urethrakarzinome

Primäre Urethrakarzinome zählen zu den extrem seltenen malignen Erkrankungen bei Frauen. Laut der SEER-Datenbank (Surveillance, Epidemiology, and End Results Program) liegt ihre Inzidenz in den USA bei lediglich 1,5 pro 1.000.000 Frauen pro Jahr (5). Sie machen etwa 0,02 Prozent aller malignen Neoplasien bei Frauen sowie 0,003 Prozent der malignen Tumoren des weiblichen Urogenitaltrakts aus. Histologisch lassen sich Urethrakarzinome in verschiedene Subtypen unterteilen, darunter Plattenepithelkar-zinome, Urothelkarzinome und Adenokarzinome. Letztere machen etwa 10 Prozent der primären Urethrakarzinome bei Frauen aus. Es wird angenommen, dass Adenokarzinome der weiblichen Urethra ihren Ursprung in den Skene-Drüsen haben (6).

Histopathologische Befunde im der vorliegenden Kasuistik

Im vorliegenden Fall war der Tumor etwa 3 cm groß und wuchs teils exophytisch papillär, teils infiltrativ zwischen der Urethra und Vagina. Die Drüsenformationen zeigten ein kubisches bis zylindrisches Epithel mit eosinophilem bis basophilem Zytoplasma, auffälligen Nukleolen und hoher mitotischer Aktivität. Es fanden sich keine Lymphgefäßeinbrüche. Die umliegenden Organe, inklusive der Zervix, Blase und Ureteren waren tumorfrei. Alle Absetzungsränder waren ebenfalls tumorfrei.

Immunhistochemische Charakteristika

Der Tumor zeigte eine starke diffuse Reaktivität für PAX8 sowie P504S (AMACR) und MNF116, was auf ein epithelial differenziertes Adenokarzinom hindeutet. Die tumoralen Zellen waren negativ für PSA, CDX2, TTF-1, GATA-3, Östrogen- und Progesteronrezeptoren sowie für Urothelmarker wie p63. Die Reaktivität für p53 entsprach einem Wildtypmuster. Die fehlende PSA-Expression, die in einigen Fällen von Skene-Drüsen-Adenokarzinomen nachgewiesen wurde, spricht nicht grundsätzlich gegen die Diagnose, da PSA-Positivität zwar typisch, aber nicht obligat ist (7) (8).

Therapie

Nach ausführlicher interdisziplinärer Diskussion wurde bei der Patientin eine vordere Exenteration mit Anlage eines Ileumkonduits durchgeführt. Diese radikale Operation wurde gewählt, da der Tumor in enger Nachbarschaft zu urethralen und vaginalen Strukturen lag und eine lokale Tumorkontrolle ohne Resektion dieser Organe nicht sicher möglich war.

Da es sich um eine äußerst seltene Tumorentität handelt, existieren bis heute keine standardisierten Therapieempfehlungen oder Leitlinien. Die in der Literatur beschriebenen Einzelfälle wurden heterogen behandelt – unter anderem mittels lokaler Exzision, Radiotherapie, Chemotherapie oder Androgendeprivation (9).

Diskussion

Das Adenokarzinom der Skene-Drüsen stellt eine extrem seltene Tumorentität dar. In der aktuellen Literatur sind nur sehr wenige Fälle beschrieben, sodass weder standardisierte diagnostische Algorithmen noch etablierte Therapieregime existieren. Die Seltenheit der Erkrankung erfordert eine besonders sorgfältige Differenzialdiagnostik und den Ausschluss anderer primärer Tumoren – idealerweise im Rahmen einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Gynäkologie, Urologie, Pathologie, Radiologie und Onkologie.

Nur durch einen solchen koordinierten Ansatz ist es möglich, die Diagnose sicher zu stellen und eine individuell angepasste Therapieentscheidung zu treffen. Langfristig wäre eine systematische Erfassung und Auswertung weiterer Fälle wünschenswert, um ein besseres Verständnis dieser seltenen Tumorform zu gewinnen und klinische Empfehlungen ableiten zu können.


Literatur

  1. Biancardi MF, Dos Santos FCA, de Carvalho HF, Sanches BDA, Taboga SR. Female prostate: historical, developmental, and morphological perspectives. Cell Biol Int. November 2017;41(11): 1174–83.
  2. Zaviacic M, Ablin RJ. The female prostate and prostate-specific antigen. Immunohistochemical localization, implications of this prostate marker in women and reasons for using the term „prostate“ in the human female. Histol Histopathol. Januar 2000;15(1): 131–42.
  3. Zaviacic M, Sidlo J, Borovský M. Prostate specific antigen and prostate specific acid phosphatase in adenocarcinoma of Skene’s paraurethral glands and ducts. Virchows Arch A Pathol Anat Histopathol. 1993;423(6): 503–5.
  4. Tomalty D, Giovannetti O, Hannan J, Komisaruk B, Goldstein S, Goldstein I, u. a. Should We Call It a Prostate? A Review of the Female Periurethral Glandular Tissue Morphology, Histochemistry, Nomenclature, and Role in Iatrogenic Sexual Dysfunction. Sex Med Rev. April 2022;10(2): 183–94.
  5. Swartz MA, Porter MP, Lin DW, Weiss NS. Incidence of primary urethral carcinoma in the United States. Urology. Dezember 2006;68(6): 1164–8.
  6. Dell’Atti L, Galosi AB. Female Urethra Adenocarcinoma. Clin Genitourin Cancer. 1. April 2018;16(2):e263–7.
  7. Muto M, Inamura K, Ozawa N, Endo T, Masuda H, Yonese J, u. a. Skene’s gland adenocarcinoma with intestinal differentiation: A case report and literature review. Pathol Int. November 2017;67(11): 575–9.
  8. Reis LO, Billis A, Ferreira FT, Ikari LY, Stellini RF, Ferreira U. Female urethral carcinoma: Evidences to origin from Skene’s glands. Urol Oncol Semin Orig Investig. März 2011;29(2): 218–23.
  9. Li XH, Zhang YT. Skene gland adenocarcinoma of the urethra: A systematic review. Asian J Surg. März 2024;47(3): 1587–8.