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Weiterführende Informationen und Differentialdiagnostik zur Zertifizierten Kasuistik: Rezidivierende Infekte, zunehmende Müdigkeit und Knochenschmerzen bei einer 65-jährigen Patientin


Folge 88 der Reihe Zertifizierte Kasuistik

von Tim Richardson und Christoph Scheid

 

Erläuterung - Fallauflösung

Bei der vorgestellten Patientin handelt es sich um ein Smoldering Myelom vom Typ IgGκappa.

Die Diagnose wurde auf Basis des Nachweises eines monoklonalen Immunglobulins in der Serumelektrophorese, einer pathologischen freien Leichtketten-Ratio sowie eines Plasmazellanteils von 14 Prozent im Knochenmark gestellt. Kriterien eines therapiepflichtigen multiplen Myeloms im Sinne eines Endorganschadens lagen nicht vor. Insbesondere fanden sich weder osteolytische Läsionen in der bildgebenden Diagnostik noch eine relevante Nierenfunktionsstörung oder Hyperkalzämie. Die Anämie war mild ausgeprägt und in der Gesamtschau nicht eindeutig myelombedingt.

Einordnung: MGUS, Smoldering Myelom und therapiepflichtiges Multiples Myelom

Monoklonale Plasmazellerkrankungen umfassen ein Spektrum von asymptomatischen Vorstufen bis hin zum klinisch manifesten Myelom. Für die hausärztliche Versorgung ist die Unterscheidung dieser Entitäten von zentraler Bedeutung. Eine monoklonale Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS) liegt bei Nachweis eines monoklonalen Proteins in niedriger Konzentration (< 3 g/dl), einem Plasmazellanteil im Knochenmark unter 10 Prozent sowie fehlenden myelombedingten Organschäden vor (1). Das Progressionsrisiko ist gering, jedoch nicht null. Das Individuelle Risiko kann durch Prognosemodelle ermittelt werden und Sicherheit geben (2).

Das Smoldering Myelom ist definiert durch ein höheres Tumorvolumen (M-Protein ≥ 3 g/dl und / oder ≥ 10 % klonale Plasmazellen), jedoch weiterhin ohne Endorganschaden (3). Das Progressionsrisiko ist deutlich erhöht und individuell sehr unterschiedlich. Ein therapiepflichtiges multiples Myelom liegt erst bei Nachweis eines Endorganschadens (CRAB-Kriterien) oder definierter Biomarker (SLiM-Kriterien) vor. 

Diagnostik und Befundinterpretation

Die initialen Hinweise ergaben sich in diesem Fall aus unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit, Infektanfälligkeit und Knochenschmerzen in Kombination mit laborchemischen Auffälligkeiten. Eine Hyperproteinämie sollte immer Anlass zur weiteren Abklärung geben. Die Serumelektrophorese ist ein einfach verfügbares und aussagekräftiges Screening-Verfahren.

Der Nachweis eines schmalbasigen M-Gradienten spricht für eine monoklonale Gammopathie und erfordert zwingend eine weiterführende Diagnostik mittels Immunfixation und Bestimmung der freien Leichtketten. Letztere erlaubt nicht nur die Charakterisierung der Erkrankung, sondern trägt auch zur Risikoeinschätzung bei. In diesem Fall war die κ/λ-Ratio deutlich pathologisch, lag jedoch unterhalb der für SLiM-Kriterien relevanten Schwelle von über 100.

Die Knochenmarkuntersuchung bestätigte die klonale Plasmazellvermehrung. Ergänzend ist eine moderne bildgebende Diagnostik bevorzugt mittels Low-dose-CT erforderlich, um osteolytische Läsionen sicher auszuschließen. Ein ergänzendes Ganzkörper-MRT kann bei klinischem Verdacht helfen, Weichteilläsionen auszuschließen.

Symptome beim Smoldering Myelom

Obwohl das Smoldering Myelom definitionsgemäß keinen Endorganschaden verursacht, können unspezifische Symptome auftreten. Die erhöhte Infektanfälligkeit erklärt sich häufig durch eine funktionelle Antikörperdefizienz infolge der Verdrängung polyklonaler Immunglobuline. Die Blutungsneigung kann multifaktoriell bedingt sein, unter anderem durch eine milde Thrombozytopenie oder paraproteinassoziierte Störungen der Gerinnung. Diese Symptome allein begründen jedoch nur sehr selten eine Therapieindikation. Knochenschmerzen ohne strukturelle Läsionen sind ebenfalls möglich, erfordern aber eine sorgfältige bildgebende Abklärung. Hier lässt sich eine radiologische Korrelation nicht zwingend finden.

Weitere mögliche Begleitsymptome sind eine Thromboseneigung oder eine Fatigue.

Therapieentscheidung beim Smoldering Myelom

Grundsätzlich ist das Smoldering Myelom keine automatisch therapiepflichtige Erkrankung. Standard ist nach wie vor eine engmaschige Verlaufskontrolle etwa alle drei Monate für die ersten zwei Jahre, anschließend halbjährlich.

Bei Patientinnen und Patienten mit einem erhöhten Progressionsrisiko oder Smoldering Myelom-assoziierten Symptomen kann jedoch heute eine frühe Therapie erwogen werden. Ziel ist es, den Übergang in ein therapiepflichtiges Myelom zu verzögern, Organschäden zu verhindern oder Symptome abzumildern. Diese Entscheidung erfolgt individuell und sollte fachärztlich getroffen werden.

Aktuelle Therapieoptionen beim Hochrisiko-Smoldering Myelom

In den letzten Jahren hat sich die therapeutische Einordnung des Smoldering Myeloms weiterentwickelt. Während für Patientinnen und Patienten mit niedrigem Progressionsrisiko weiterhin die engmaschige Beobachtung empfohlen wird, existieren für Hochrisiko-Konstellationen inzwischen evidenzbasierte Therapieoptionen.

In der randomisierten Phase-III-Studie AQUILA konnte gezeigt werden, dass eine zeitlich begrenzte Behandlung mit dem Anti-CD38-Antikörper Daratumumab über einen Zeitraum von drei Jahren bei Patientinnen und Patienten mit Hochrisiko-Smoldering Myelom das Risiko für eine Progression in ein therapiepflichtiges multiples Myelom signifikant senkt (4). Zudem zeigte sich ein Vorteil im progressionsfreien Überleben bei gleichzeitig guter Verträglichkeit der Therapie. Auf Grundlage dieser Studiendaten ist Daratumumab in Deutschland für die Behandlung des Hochrisiko-Smoldering Myeloms zugelassen. Ziel der frühen Therapie ist es, das Auftreten myelombedingter Organschäden zu verhindern und den Übergang in ein symptomatisches multiples Myelom zu verzögern.

Die Entscheidung zur Einleitung einer Therapie beim Smoldering Myelom sollte individuell erfolgen und neben krankheitsspezifischen Risikofaktoren auch Komorbiditäten, Patientenpräferenz, potenzielle Nebenwirkungen und mögliche SM-assoziierte Symptome berücksichtigen. Eine solche Therapieentscheidung gehört in die Hand spezialisierter hämatologischer Zentren.

Für die hausärztliche Versorgung ist relevant, dass Patientinnen und Patienten mit Smoldering Myelom heute nicht mehr grundsätzlich als rein beobachtungsbedürftig gelten, sondern dass bei definierten Hochrisikokonstellationen oder Symptomen, die nicht anderweitigerklärbar sind, eine frühzeitige Überweisung zur spezialärztlichen Mitbeurteilung sinnvoll ist.

Prognose und Nachsorge

Das Progressionsrisiko beim Smoldering Myelom ist heterogen. In den ersten fünf Jahren nach Diagnosestellung ist das Risiko am höchsten.

Die Nachsorge umfasst

  • regelmäßige klinische Kontrollen ,
  • Verlaufskontrollen von Blutbild, Nierenfunktion, Calcium und Paraprotein (etwa alle drei Monate) und
  • erneute Bildgebung bei neu auftretenden Beschwerden .

Neben der zugelassenen frühzeitigen Therapie werden aktuell in klinischen Studien weitere Behandlungsstrategien beim Smoldering Myelom untersucht. Diese zielen darauf ab, durch eine frühe Intervention die klonale Plasmazellpopulation nachhaltig zu reduzieren oder möglicherweise vollständig zu eradizieren und damit eine langfristige Krankheitskontrolle zu erreichen (5,6). Patientinnen und Patienten mit Smoldering Myelom sollten daher insbesondere bei erhöhtem Progressionsrisiko über die Möglichkeit einer Studienteilnahme in spezialisierten Zentren informiert werden.

Eine enge Zusammenarbeit zwischen Hausärztinnen, Hausärzten und spezialisierten Zentren ist essenziell.


Literatur

  1. Derman B, Castillo JJ, Sarosiek S, Beksac M. When a Monoclonal Gammopathy Is Not Multiple Myeloma. American Society of Clinical Oncology Educational Book [Internet]. 2022 Jul [cited 2025 Dec 27];(42):655–64. Available from: https://ascopubs.org/doi/10.1200/EDBK_349643
  2. Risk model - iStopMM [Internet]. [cited 2025 Dec 27]. Available from: https://istopmm.com/riskmodel/
  3. Visram A, Cook J, Warsame R. Smoldering multiple myeloma: evolving diagnostic criteria and treatment strategies. Hematology [Internet]. 2021 Dec 10 [cited 2025 Dec 27];2021(1):673–81. Available from: https://dx.doi.org/10.1182/hematology.2021000304
  4. Dimopoulos MA, Voorhees PM, Schjesvold F, Cohen YC, Hungria V, Sandhu I, et al. Daratumumab or Active Monitoring for High-Risk Smoldering Multiple Myeloma. New England Journal of Medicine [Internet]. 2025 May 8 [cited 2025 Dec 27];392(18):1777–88. Available from: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2409029
  5. Mateos MV, Martínez-López J, Rodriguez Otero P, González-Calle V, Gonzalez MS, Oriol A, et al. Curative Strategy for High-Risk Smoldering Myeloma: Carfilzomib, Lenalidomide, and Dexamethasone (KRd) Followed by Transplant, KRd Consolidation, and Rd Maintenance. Journal of Clinical Oncology [Internet]. 2024 Sep 20 [cited 2025 Dec 27];42(27):3247–56. Available from: https://ascopubs.org/doi/10.1200/JCO.23.02771
  6. Kakkilaya A, Trando A, Scheffer Cliff ER, Mian H, Hadidi S Al, Aziz M, et al. Evaluating early intervention in smoldering myeloma clinical trials: a systematic review. Oncologist [Internet]. 2025 Feb 6 [cited 2025 Dec 27];30(2). Available from: https://dx.doi.org/10.1093/oncolo/oyae219