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Weiterführende Informationen und Differentialdiagnostik zur Zertifizierten Kasuistik: Sehverlust, Kribbeln und Erschöpfung bei einer 28-jährigen Patientin


Folge 90 der Reihe Zertifizierte Kasuistik

von Dirk Sander

 

Erläuterung - Fallauflösung

Bei der vorgestellten Patientin liegt eine schubförmig-remittierende Multiple Sklerose (RRMS) gemäß den revidierten McDonald-Kriterien 2024 vor. Die räumliche Dissemination (DIS) war durch Läsionen in mindestens drei der vier charakteristischen Kompartimente (periventrikulär, juxtakortikal, infratentoriell) sowie durch den Nachweis einer Optikusneuritis erfüllt [1]. Die zeitliche Dissemination (DIT) ergibt sich aus dem gleichzeitigen Vorhandensein gadoliniumaufnehmender und nichtaufnehmender Läsionen oder – wie in diesem Fall – durch den zeitlich versetzten Verlauf zweier klinischer Ereignisse (Optikusneuritis, dann Sensibilitätsstörung) [1].

Der Nachweis liquorspezifischer oligoklonaler IgG-Banden erlaubt nach den McDonald-Kriterien darüber hinaus bereits anhand eines einzigen klinischen Ereignisses die Diagnose RRMS, sofern DIS nachgewiesen ist [1].

Nach der Diagnosestellung wurde eine fünftägige intravenöse Hochdosis-steroidtherapie mit Methylprednisolon 1.000 mg/Tag eingeleitet. Innerhalb von drei Wochen zeigte sich eine deutliche Besserung des linken Visus auf 0,7. Die Sensibilitätsstörung im linken Bein war rückläufig. Bereits während des stationären Aufenthaltes wurde die Patientin über verlaufsmodifizierende Therapieoptionen informiert. Nach ausführlicher Aufklärung und Abschluss der Ausgangsdiagnostik (Hepatitis B/C, Varizellen-Serologie, Blutbild mit Differenzialblutbild) wurde die Therapie mit Dimethylfumarat begonnen. Ein MRT-Verlauf nach sechs Monaten zeigte keine neuen oder gadoliniumaufnehmenden Läsionen.

Diagnostik und Therapie der Multiplen Sklerose

Epidemiologie

Die Multiple Sklerose ist die häufigste entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems im jungen Erwachsenenalter. In Deutschland leben schätzungsweise 280. 000 Betroffene, was einer Prävalenz von ca. 350 pro 100.000 Einwohnern entspricht [2]. Nordrhein-Westfalen, als bevölkerungsreichstes Bundesland, weist mit über 60.000 MS-Erkrankten die höchste Fallzahl auf. Die Erkrankung manifestiert sich typischerweise zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr; Frauen sind etwa 2 – 3-mal so häufig betroffen wie Männer [2]. Die Optikusneuritis, wie in diesem Fall präsentiert, ist bei circa 20 – 25 Prozent der Patientinnen und Patienten das klinisch erste Symptom der MS und zugleich Anlass für die Erstvorstellung beim Augenarzt oder Allgemein-mediziner [3]. Das Risiko, nach einer isolierten Optikusneuritis im 5-Jahresverlauf eine definitive MS zu entwickeln liegt bei 15 – 50 Prozent.

Pathophysiologie

Der Multiplen Sklerose liegt eine autoimmun vermittelte Entzündungsreaktion gegen Myelinstrukturen des ZNS zugrunde. Autoreaktive T-Lymphozyten, insbesondere CD4- und CD8-positive T-Zellen, passieren die Blut-Hirn-Schranke und aktivieren Makrophagen sowie Mikroglia, was zur fokalen Demyelinisierung und zur axonalen Schädigung führt. Oligodendrozyten, die für die Myelinproduktion im ZNS verantwortlich sind, werden dabei direkt geschädigt. Die resultierende Remyelinisierung ist zunächst möglich, nimmt jedoch mit der Dauer der Erkrankung ab [4]. Parallel zur entzündlichen Komponente besteht eine neurodegenerative Komponente, die sich in Hirnatrophie und axonalem Verlust äußert und maßgeblich die progrediente Entwicklung der Behinderung bedingt [4].

Die Ursachen der molekularen Mimikry und des Toleranzverlustes sind multifaktoriell: genetische Prädisposition (HLA-DRB1*1501 als wichtigster Risikofaktor), Umweltfaktoren (Vitamin-D-Mangel, Epstein-Barr-Virus-Infektion, Rauchen) und geographische Faktoren (Nord-Süd-Gradient der Prävalenz) spielen zusammen [5].

 

Klinisches Bild und Verlaufsformen

Das klinische Spektrum der MS ist breit. Leitsymptome sind Sehstörungen (Optikusneuritis, Doppelbilder durch internukleäre Ophthalmoplegie), Sensibilitätsstörungen, motorische Defizite (Spastik, Ataxie), Blasenfunktionsstörungen sowie die für die MS pathognomonische Fatigue [2]. Das Uthoff-Phänomen beschreibt die vorübergehende Verschlechterung von MS-Symptomen bei Wärmeexposition oder körperlicher Belastung.

Verlaufsformen: Die RRMS (ca. 80 % bei Erstdiagnose) ist durch klar abgrenzbare Schübe mit vollständiger oder inkompletter Remission gekennzeichnet. Die sekundär progrediente MS (SPMS, ca. 15%) entwickelt sich bei einem Teil der Patientinnen und Patienten nach Jahren aus einer RRMS. Die primär progrediente MS (PPMS, ca. 5 %) verläuft von Beginn an ohne Schübe und mit kontinuierlicher Progression [1].

Diagnostik: McDonald-Kriterien 2024 und Zusatzdiagnostik

Die Diagnose basiert auf den McDonald-Kriterien 2024, die eine klinische Diagnose unter Einbeziehung von MRT-Befunden und Liquoranalytik erlauben [1]. Kernelemente sind der Nachweis einer Dissemination im Raum (DIS) und einer Dissemination in der Zeit (DIT).

Die MAGNIMS/CMSC-Kriterien definieren die MRT-Kompartimente für die DIS: periventrikulär (≥ 3 Läsionen), juxtakortikal/kortikal, infratentoriell und spinal sowie der N. opticus [1]. Das MRT ist hierbei das sensitivste Werkzeug; T2/FLAIR-hyperintense Läsionen in Dawson-Finger-Konfiguration, senkrecht zum Corpus callosum ausgerichtet, gelten als charakteristisch. Gadolinium-aufnehmende Läsionen zeigen eine aktive Entzündung und belegen eine DIT [1].

Der Liquor liefert mit dem Nachweis liquorspezifischer oligoklonaler Banden (OKB) in der isoelektrischen Fokussierung einen wichtigen Zusatzbefund: circa 95 Prozent der MS-Patientinnen und -Patienten weisen OKB auf. Seit 2017 erlaubt der OKB-Nachweis in Kombination mit DIS allein bereits die Diagnosestellung, auch ohne ein klinisches zweites Ereignis [1].  Der Nachweis intrathekal produzierter freier Kappa-Leichtketten soll als Alternative zu den OKBs bei der Diagnose Verwendung finden [1].

Weitere Zusatzdiagnostik umfasst visuell evozierte Potenziale (VEP), die bei Optikusneuritis eine verzögerte P100-Latenz zeigen, sowie die Ausschlussdiagnostik für Differentialdiagnosen (Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD), MOG-IG assozierte Erkrankungen (MOGAD), zerebrale Vaskulitis) [6].

 

Schubtherapie

Bei klinisch relevantem Schub (neue oder verschlechterte funktionelle Ausfälle) ist die intravenöse Hochdosis-Steroidtherapie mit Methylprednisolon 1.000 mg/Tag über 3 – 5 Tage die Therapie der ersten Wahl [7]. Sie verkürzt die Schubdauer und beschleunigt die Erholung, beeinflusst jedoch die langfristige Progression der Behinderung nicht. Bei unvollständiger Erholung nach zwei Wochen kann ein orales Ausschleichen oder eine zweite Steroidkur erfolgen. Bei steroidrefraktären schweren Schüben ist eine Plasmapherese (5–7 Zyklen) Therapie zweiter Wahl [7].

Verlaufsmodifizierende Therapie (DMT)

Das Spektrum der zugelassenen DMT umfasst Wirkstoffe aus verschiedenen Wirkungsklassen und Wirksamkeitsstufen: Wirksamkeitskategorie 1 (Beta-Interferone, Fumarate, Glatirameroide, Teriflunomid); Wirksamkeitskategorie 2 (Cladribin, S1P-Rezeptor Modulatoren); Wirksamkeitskategorie 3 (Alemtuzumab, CD20-Antikörper Ocrelizumab, Rituximab (off-label), Ofatumumab, Ublituximab und Natalizumab). Zusätzlich besteht in Ausnahmefällen die Möglichkeit zur autologen hämatopoetischen Stammzelltransplantation (aHSCT) [8, 9].

Die Wahl der Therapie orientiert sich an der Krankheitsaktivität, dem Behinderungsgrad, dem individuellen Risikoprofil, dem Kinderwunsch sowie den Komorbiditäten. Nach den DGN-Leitlinien 2025 wird bei hochaktiver RRMS ein frühzeitiger Einsatz hochwirksamer Therapien empfohlen (Treat-to-target-Strategie) [7].

 

Serum-Neurofilament-Leichtkette (sNfL) als Biomarker

Serum-Neurofilament-Leichtketten (sNfL) werden bei axonalem Schaden ins Blut freigesetzt und sind bei aktiver MS, v.a. in der Schubphase, erhöht. sNfL korreliert mit Läsionslast, Hirnatrophie und klinischer Aktivität und gewinnt zunehmend an Bedeutung als Monitoring-Biomarker für das Therapieansprechen und die Prognose [9]. Altersnormierte Referenzwerte ermöglichen eine individualisierte Verlaufs-beurteilung [9].

Nachsorge und Prognose

Leitliniengemäß sollen jährliche MRT-Kontrollen (Schädel und ggf. Rückenmark), halbjährliche bis jährliche neurologische Verlaufsuntersuchungen mit Bestimmung der "Expanded Disability Status Scale" (EDSS), Fatigue-Assessment sowie psychosozialer Begleitung erfolgen. Augenärztliche Kontrollen (inkl. optischer Kohärenztomographie (OCT) des N. opticus) sind insbesondere bei Patientinnen und Patienten unter Anti-VLA-4- oder Anti-CD20-Therapie sinnvoll [7].

Mit konsequenter verlaufsmodifizierender Therapie bleibt bei einem erheblichen Anteil der RRMS-Patientinnen und -Patienten die Krankheitsaktivität kontrollierbar; NEDA-4 (No Evidence of Disease Activity: kein Schub, kein EDSS-Progress, keine neuen MRT-Läsionen, kein Hirnvolumenverlust) ist ein realistisches Therapieziel. Die Prognose ist individuell variabel und hängt von Geschlecht, Alter bei der Erstmanifestation, Läsionslast, OCT-Befund und Biomarkerprofil ab [8].

 

Literatur

  1. Montalban X, Lebrun-Frénay C, Oh J, et al. Diagnosis of multiple sclerosis: 2024 revisions of the McDonald criteria. Lancet Neurol. 2025;24(10):850-865. doi:10.1016/s1474-4422(25)00270-4
  2. Multiple Sklerose Gesellschaft Deutschland (DMSG). MS in Zahlen – Epidemiologie [Internet]. Berlin: DMSG Bundesverband e.V.; 2023 [zitiert 2024 Nov 12]. Verfügbar unter: www.dmsg.de/multiple-sklerose-infos/ms-epidemiologie/
  3. Pirko I, Noseworthy JH. Demyelinating disorders of the central nervous system. In: Bradley WG, Daroff RB, Fenichel GM, Jankovic J, editors. Neurology in Clinical Practice. 6th ed. Philadelphia: Butterworth-Heinemann; 2012. p. 1283–342.
  4. Amigo M, Sen MK, Dunn JS, Mahns DA. Multiple sclerosis and autoimmunity: a reappraisal of the evidence. Front Immunol. 2026;17:1726369. doi:10.3389/fimmu.2026.1726369
  5. Soldan SS, Messick TE, Lieberman PM. Targeting Epstein-Barr virus (EBV) for treatment of multiple sclerosis. Mult Scler Relat Disord. 2026;109:107066. doi:10.1016/j.msard.2026.107066
  6. Jarius S, Paul F, Aktas O, Asgari N, Dale RC, de Seze J, et al. MOG encephalomyelitis: international recommendations on diagnosis and antibody testing. J Neuroinflammation. 2018;15(1):134. https://doi.org/10.1186/s12974-018-1144-2
  7. Hemmer B., Gehring K. et al. Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen, S2k-Leitlinie, 2024, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 24.4.2026)
  8. Kappos L, De Stefano N, Freedman MS, Cree BAC, Radue EW, Sprenger T, et al. Inclusion of brain volume loss in a revised measure of 'no evidence of disease activity' (NEDA-4) in relapsing-remitting multiple sclerosis. Mult Scler. 2016;22(10):1297–305. https://doi.org/10.1177/1352458515616701
  9. Khalil M, Teunissen CE, Otto M, Piehl F, Sormani MP, Gattringer T, et al. Neurofilaments as biomarkers in neurological disorders. Nat Rev Neurol. 2018;14(10):577–89. https://doi.org/10.1038/s41582-018-0058-z