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Ich messe, also bin ich – Euskirchener Gespräche über eine Gesellschaft im Zahlenrausch

16.07.2019 Seite 22
RAE Ausgabe 8/2019

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 8/2019

Seite 22

Entwickeln wir uns zu einer „vermessenen Gesellschaft“? Chancen und Risiken des „Quantified Self“ beleuchteten die 20. „Euskirchener Gespräche“ in einem medizinischsoziologischen Diskurs. © mmphoto/stock.adobe.com
Selbstvermessung liegt im Trend: Fitness-Tracker und Wearables liefern Informationen zu den Vitalfunktionen des eigenen Körpers, der immer mehr zur Datenquelle wird, Sensortechnologien werden immer ausgefeilter. Gehört Self Tracking zur Medizin von morgen? Sind wir gar auf dem Weg zu einer „vermessenen Gesellschaft“? Die Ärztekammer Nordrhein in Euskirchen eröffnete zu diesen aktuellen Fragen einen medizinisch-soziologischen Diskurs. 

von Ulrike Schaeben

Immer mehr Menschen messen die eigenen Körper- und Verhaltensaktivitäten mit dem Ziel, diese zu optimieren. Die Bewegung des „Quantified Self“ und neue Formen des sozialen Wettbewerbs beleuchtete das 20. „Euskirchener Gespräch“, zu dem der Euskirchener Neurologe und Psychiater Dr. Hubertus Rüber im Namen der Ärztekammer Nordrhein fast 200 interessierte Zuhörer begrüßte.
Was hat normal mit gesund oder krank zu tun und inwieweit ist die Psychiatrie der „Wächter der Normalität“? Diese und weitere Fragen, wie die nach einem zeitgemäßen Krankheitsbegriff angesichts moderner medizinischer Klassifikationssysteme, beleuchtete Professor Dr. Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité Berlin, in seinem Vortrag zu den „Risiken der Normierung des Psychischen“.
Professor Dr. Steffen Mau, Makrosoziologe an der Humboldt-Universität Berlin und Autor des Buches „Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen“, beschrieb in seinem Vortrag eindringlich, wie immer mehr Felder unseres Lebens auf Zahlen reduziert werden und sich allmählich eine Gesellschaft der Scores, Rankings, Likes und Sternchen herauszubilden scheint. Als Beispiel nannte der Soziologe Couchsurfing-Portale, in denen die gegenseitige Bewertung der Nutzer eine soziale Kontrolle per Mausklick ermöglicht. Die Reputation wird gewissermaßen zur sozialen Währung, wenn in der Online-Welt Unbekannte interagieren.
Darf Anerkennung oder Vorteile bald nur noch derjenige erwarten, der die Norm erfüllt? Mau richtete den Blick auf China: Ein vom Staat implementiertes Social Credit System ermöglicht eine totalitäre Überwachung sozialen Verhaltens und dessen Belohnung oder Sanktionierung. In kapitalistisch organisierten Gesellschaften erlauben gesammelte Daten Leistungs- und Konsumvergleiche, die ebenfalls Verhalten regulieren.
„Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung ist die Digitalisierung, weil die Möglichkeiten der Erhebung und Speicherung von Daten exponentiell zugenommen haben“, führte Mau aus. Auch die Ökonomisierung verstärke diese Entwicklung: Im Wettbewerb um die Gunst der Verbraucher würden Performancedaten erhoben und Indikatoren zur Verfügung gestellt. In vielen Bereichen wie beispielsweise dem Gesundheitswesen sei dabei nicht allein der Preis das Signal: Bei Krankenhäusern sollen Qualitätsindikatoren Leistungsfähigkeit und Verlässlichkeit spiegeln. 
Der Reichtum an Vitaldaten als Abfallprodukte des Normalbetriebs biete ungeahnte Möglichkeiten für die medizinische Forschung, sagte Mau in Euskirchen. Jedoch sei die Frage des wissenschaftlichen Werts durchaus kritisch zu sehen, da Lifestyle-Apps keiner Qualitätsprüfung unterlägen, die Modelle der Auswertung intransparent seien und sie dem Konsumenten oft mehr versprächen als sie leisteten, wie Studien belegten.Die Motivation zur Selbstvermessung kann aus Sicht des Soziologen durchaus gute Effekte für die Gesundheit haben, wie ein gesünderer Lebensstil oder ein größeres Sportpensum. Sie verändere aber auch das Selbstverhältnis und die Definition von Gesundheit: Diese rücke immer weiter weg von Krankheit und körperlichen Gebrechen hin zu einem positiven, auf Attraktivität und Fitness ausgerichteten Körperbild.
Als weiteres Problem nannte Mau Fehlmessungen oder falsche Diagnosen, die insbesondere bei sensiblen Personen das Befinden negativ beeinflussen und zu verstärkten Sorgen oder sogar „Hypochondrismus“ führen können: „Das Vertrauen in die Signale des eigenen Körpers schwindet und man vertraut nur noch der objektivierten Gesundheitsberichterstattung des Geräts.“
Auch das Thema Datenschutz rückte Mau in den Fokus: Neben einem breiten Voluntarismus der Nutzung sei auch die Bereitschaft zur Weitergabe der Daten zu beobachten, die damit für andere verfügbar werden, zum Beispiel für Krankenkassen oder Banken. Dies könne auf der einen Seite zu Vergünstigungen wie „Gesundheits-Boni“ führen, berge allerdings auch Risiken wie den Ausschluss von Versicherungen oder Krediten, wenn die Entwicklung von Kollektivformen hin zur Berücksichtigung individueller Krankheitsrisiken gehe. Insofern sei, bei aller Begeisterung für das Datensammeln, Vorsicht vor den möglichen Folgen geboten. 

Dr. Ulrike Schaeben ist Referentin für die Koordination der Kreis- und Bezirksstellen der Ärztekammer Nordrhein.