Interview

„Mehr Aufmerksamkeit und Kompetenz für den Kinderschutz“

16.07.2019 Seite 25
RAE Ausgabe 8/2019

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 8/2019

Seite 25

PD Dr. Sibylle Banaschak leitet das KKG: „Wenn Sie die Erwachsenenmedizin, und zwar die Chefärzte, dazu bringen, sich mit an den Tisch zu setzen, dann haben Sie einen ganz großen, wichtigen Schritt gemacht.“ © Michael Wodak/Uniklinik Köln
Mit rund zwei Millionen Euro will die Landesregierung in den nächsten drei Jahren den Aufbau eines NRW-weiten Kompetenzzentrums Kinderschutz im Gesundheitswesen (KKG NRW) vorantreiben. Das Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln ist ein Standort. Kooperationspartner ist die Kinderschutzambulanz der Vestischen Kinder-und Jugendklinik Datteln. Das RÄ sprach mit PD Dr. Sibylle Banaschak, Leitende Oberärztin des Instituts für Rechtsmedizin, über das Konzept, die Kooperation mit Ärztinnen und Ärzten in NRW und die Ziele des Zentrums.

RhÄ: Frau Banaschak, darf man Sie zur neuen Aufgabe beglückwünschen oder werden Sie als NRW-weite Anlaufstelle künftig in Arbeit untergehen?
Banaschak: Ich hoffe, dass wir nicht in Arbeit untergehen werden, aber mit dem KKG sind wir natürlich ab sofort landesweit der rechtsmedizinische Ansprechpartner. Klar, das wird schon eine Menge Arbeit mit sich bringen.

RhÄ:Wie haben Sie Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann überzeugen können, Ihr Institut zum Standort für das KKG zu machen?
Banaschak: Es gab eine Ausschreibung im November 2018, man möge sich bewerben, ohne dass zu konkrete Anforderungen beschrieben worden wären. Gewünscht war die Beteiligung einer Rechtsmedizin. Wir haben uns dann mit der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln als pädiatrischer Partner beworben. Inhalte unserer Bewerbung waren neben den rechtsmedizinischen und den pädiatrischen Konsilen bei einem Verdacht ein Fortbildungskonzept zu diesem Thema, die Entwicklung von Curricula für die verschiedenen Berufsgruppen im Gesundheitswesen und die Einbindung des Rettungswesens, des Öffentlichen Gesundheitswesens, der niedergelassenen Ärzte und der Zahnärzte.

RhÄ:Also war der NRW-Proporz, eine Einrichtung möge bitte aus Nordrhein und eine aus Westfalen kommen, nicht Vater des Gedankens?
Banaschak: Nein, das ist inhaltlich begründet: Datteln hat einfach eine unheimlich große klinische Erfahrung im Medizinischen Kinderschutz. In NRW ist derzeit von der klinischen Warte aus wahrscheinlich niemand erfahrener als die Kolleginnen und Kollegen in Westfalen, die seit 2011 eine medizinische Kinderschutzambulanz mit mittlerweile 1.000 Fällen jährlich betreiben und sich einen exzellenten Ruf erarbeitet haben. Unser Institut hier in Köln leistet jährlich zwischen 80 und 100 sogenannte rechtsmedizinische Beratungen bei Verdachtsfällen für kinderärztliche Kolleginnen und Kollegen im Rheinland. Diese Expertise haben wir in den vergangenen zehn Jahren aufgebaut.

RhÄ: Welche zusätzlichen Kapazitäten werden sich mit dem KKG für Ihr Institut ergeben?
Banaschak: Wir werden unser Personal um zweieinhalb Arztstellen aufstocken können aufgrund der Förderung, für eine telefonische Beratung rund um die Uhr, für die Fortbildungen, für die Curricula. 

RhÄ: NRW-weit sollen sich Ärzte, die eine Vermutung haben, ein Kind könnte misshandelt oder missbraucht worden sein, an das KKG wenden können. Wie wird das vonstattengehen: Per Videoschalte, telefonisch, per Befundbericht auf dem Postweg?
Banaschak: Wir haben uns für eine Kombination aus telefonischem und Online-Konsil entschieden. In Kürze können sich Ärzte mit ihren Befunden über eine passwortgeschützte Verbindung an uns wenden, und wir treten dann telefonisch in Kontakt mit dem Anfragenden. Anfang Juli haben wir für die Ärztinnen und Ärzte zudem eine Hotline eingerichtet. Die Nummer lautet: 0221 478-40800.

RhÄ:In welchen Fällen sollen die westfälischen Kollegen in Datteln zum Einsatz kommen?
Banaschak: Das soll immer dann der Fall sein, wenn es aus unserer Kölner Sicht nicht um eine körperliche Misshandlung geht, also wenn chronische Verläufe im Raum stehen, eine Vernachlässigung oder Gedeihstörung.

RhÄ:Für welche Fälle soll Köln denn Anlaufstelle werden und ist die Konzentration auf eine solche ‚zentrale Struktur‘, zumindest im Wort Kompetenzzentrum, in einem Flächenland wie NRW die richtige Methode?
Banaschak: Für die alltägliche Versorgung ist das KKG nicht vorgesehen, natürlich stehen wir in der zweiten Reihe. Wir wollen mehr Aufmerksamkeit schaffen für das Thema und die Kompetenz vor Ort über Fortbildungen steigern helfen.

RhÄ:Worauf freuen Sie sich als Ärztin in der neuen Struktur?
Banaschak: Ich freue mich, dass ich nun dieses Thema in den Mittelpunkt meiner Tätigkeit rücken kann. Und darauf, die unterschiedlichen Strukturen und Herangehensweisen der Kollegen in NRW kennenzulernen. Ich bin schon bisher relativ viel unterwegs gewesen: in einer Klinik saß zum Beispiel der Leiter der Zentralen Notaufnahme im Team der ärztlichen Beratungsstelle. Und in der Unfallchirurgie ist die dortige Kinderchirurgin für dieses Thema zuständig. Wenn Sie die Erwachsenenmedizin, und zwar die Chefärzte, dazu bringen, sich mit an den Tisch zu setzen, dann haben Sie einen ganz großen, wichtigen Schritt gemacht. 

Die Fragen stellte Bülent Erdogan.