Homo politicus

25.06.2019 Seite 11
RAE Ausgabe 7/2019

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 7/2019

Seite 11

Rudolf Henke wurde im Juni 65. © Jochen Rolfes

Ein zentraler ärztlicher Vorwurf gegen die Gesundheitspolitik der vergangenen Jahrzehnte war der übermäßige Einfluss ökonomischen Denkens. Da tat sich ein Spannungsfeld auf, entspricht doch das traditionelle Muster ärztlichen Handelns weniger dem Konzept des homo oeconomicus, der vorrangig zwecks eigener Nutzenmaximierung agiert, als dem des homo politicus, der seine Erfüllung darin findet, dass er etwas für die Gemeinschaft tut. Für den guten Arzt, die gute Ärztin steht entsprechend dem ärztlichen Gelöbnis das Patientenwohl an erster Stelle. Schließlich sind kranke Menschen angewiesen auf Ärztinnen und Ärzte, die über ein gesundes Maß an Empathie und Altruismus verfügen.

Das Konstrukt des homo politicus hat eine lange Tradition, die bis auf Aristoteles zurückgeht, und auch in der ärztlichen Berufspolitik finden sich Menschen, auf die dieses Muster ganz gut passt. Zum Beispiel auf Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, der am 5. Juni sein 65. Lebensjahr vollendete. Ob als Arzt, Standespolitiker oder Gesundheitspolitiker – ihn treibt die Überzeugung an, dass sich jeder Einsatz für das Gemeinwohl früher oder später auszahlt.

Nach Henkes eigenen Worten ist Rudolf Virchow für ihn ein Vorbild, der 40 Jahre lang dem Preußischen Abgeordnetenhaus angehörte. Den Gründer der modernen Pathologie und Vertreter einer ebenso naturwissenschaftlich wie sozial orientierten Medizin zitiert der rheinische Kammerpräsident gerne mit dem Satz: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist nichts weiter als Medizin im Großen.“

Henke, der Facharzt für Innere Medizin ist, bezeichnet sich als „politisch interessierten Arzt“. Am 19. November 2011 wählte ihn die Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein, das Parlament der Ärztinnen und Ärzte, zum Nachfolger des verstorbenen Jörg-Dietrich Hoppe an die Spitze der rheinischen Ärzteschaft. „Oberste Priorität für unsere Ärztekammer ist eine gute Versorgung der Patientinnen und Patienten. Deshalb ist es für uns von größter Bedeutung, die Freiberuflichkeit zu stärken in dem Sinne, dass Ärztinnen und Ärzte ihre fachlich-medizinischen Entscheidungen ohne wirtschaftlichen Druck und im partnerschaftlichen Dialog mit dem Patienten treffen können. Das hat höchste Priorität“, sagt Henke.

In ethischen Debatten setzt der rheinische Kammerpräsident regelmäßig Akzente im Sinne des klassischen Arztbildes, so zum Beispiel in der Diskussion um die nicht-invasive Pränataldiagnostik („Jeder Mensch hat einen Anspruch, gewollt zu sein“). Er stellt sich gegen den ärztlich assistierten Suizid („Wir Ärzte sind dazu da, beim Sterben zu helfen, aber nicht zum Sterben zu helfen“).  Als bedeutendes Thema, auch für die ärztliche Ausbildung, Weiterbildung und Fortbildung, identifizierte er die Patient-Arzt-Kommunikation: „Eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient beeinflusst entscheidend die Therapietreue des Patienten und damit den medizinischen Behandlungserfolg.“ Nach Henkes Auffassung hängt Behandlungsqualität weniger von Messungen und Kontrollen ab, vielmehr wird sie von der Zahl und der Qualifikation der Ärztinnen und Ärzte maßgeblich bestimmt.
Der Kammerpräsident setzt sich auch dafür ein, die Prävention beim Arzt gesetzlich besser zu verankern und die ärztliche Psychotherapie als wichtige Säule des Arztberufes zu verstehen. Der Einsatz für würdige Arbeitsbedingungen in Krankenhaus und Praxis einschließlich der Kritik an Arbeitsverdichtung,  Zeit- und Budgetdruck sowie eine überbordende Bürokratie in Krankenhaus und Praxis zieht sich durch sein berufspolitisches Engagement. Er fordert mehr Medizinstudienplätze, um die ärztliche Versorgung von morgen zu sichern, und will junge Menschen für den Arztberuf begeistern, den er als „einen der schönsten aller Berufe“ ansieht.

Rudolf Henke wurde 1988 am St. Antonius-Hospital Eschweiler Oberarzt in der Hämatologie und Onkologie. Seit dem Jahr 1995, in dem er erstmals ein Mandat im nordrhein-westfälischen Landtag errang, widmet er sich der Parlamentsarbeit und ist seit fast zehn Jahren Mitglied des Deutschen Bundestages. Im Jahr 2009 gewann er erstmals als Direktkandidat der CDU im Wahlkreis Aachen gegen die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), zwei weitere Erfolge gegen dieselbe Konkurrentin gelangen ihm bei den Bundestagswahlen 2013 und 2017.

Seit über drei Jahrzehnten engagiert sich Rudolf Henke ehrenamtlich in gesundheits- und sozialpolitischen Fragen. Mit 27 Jahren wurde er 1981 Mitglied der Kammerversammlung Nordrhein. Seit 1988 gehört er dem rheinischen Kammervorstand an, seit 1995 ist er Vorstandmitglied der Bundesärztekammer. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er zunächst bekannt durch seine Arbeit im Marburger Bund (MB), zu dessen 1. Vorsitzendem er im Jahr 2007 gewählt wurde. Gemeinsam mit seinem Vorgänger in diesem Amt, Frank Ulrich Montgomery, hatte Henke den MB als 2. Vorsitzender bereits seit 1989 geführt und die Streiks des Jahres 2006 mit verantwortet, nach denen sich die Klinikärztegewerkschaft als eigenständiger Tarifpartner etablierte.

Die FAZ charakterisierte Rudolf Henke im Jahr 2007 als „nachdenklichen Redner, der Gedanken und Worte wägt“. Bis heute legt er Wert auf eine differenzierte und sorgfältige Argumentation. Das schließt die gelegentliche Lust an der pointierten  Formulierung und der kontroversen Debatte nicht aus. Letztlich ist Rudolf Henke jedoch, in diesem Punkt seinem Vorgänger Hoppe ähnlich, auf den innerärztlichen Ausgleich bedacht. Denn von der Einigkeit im Auftreten nach außen und dem Nimbus als ethisch fundierter Berufsstand hängt nach Henkes Überzeugung die gesundheitspolitische Gestaltungskraft der Ärzteschaft ab.

Horst Schumacher