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Mein Engagement

„Uns fehlt noch der Schlüssel zur jungen Ärztegeneration“

20.09.2019 Seite 59
RAE Ausgabe 10/2019

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 10/2019

Seite 59

Dr. Thomas Scheck engagiert sich seit 2001 im Vorstand der Kreisstelle Bonn. © Pedro Citoler/GFO Kliniken Bonn Betriebsstätte St. Marien

RhÄ: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Straßenbahn und möchten Ihrem Sitznachbarn erklären, was die Ärztekammer ist. Was würden Sie sagen?
Scheck: Einem Laien kann man die komplexen Strukturen der Ärztekammer schwer erklären. Vermitteln kann man, dass es sich bei der Kammer um ein Selbstverwaltungsorgan der Ärzteschaft handelt. In ihrem Hauptgremium, der Kammerversammlung, wählen alle zugehörigen Mitglieder den Vorstand. Dieser wiederum vertritt und unterstützt die gesamte Ärzteschaft des Kammergebietes, in unserem Fall Nordrhein, auf politischer Ebene und nimmt Stellung zu berufspolitischen und medizinischen Themen. 

RhÄ: Welche Eigenschaften sollte ein Kreisstellenvorsitzender Ihrer Meinung nach mitbringen?
Scheck: Man muss in jedem Fall viel Freizeit haben (lacht) und Einsatz zeigen – das geht alles nicht mal eben nebenbei. Man muss zwischen den Kolleginnen und Kollegen vermitteln können und braucht ein fundiertes Wissen der internen Kammerprozesse. Für mich liegt die wichtigste Eigenschaft eines Kreisstellenvorsitzenden darin, grundlegende Entscheidungen zu treffen und für diese auch Verantwortung zu übernehmen. In der Kreisstelle geht es ja in erster Linie um regionale Angelegenheiten, wir sind aber keine Verwaltungsbehörde. Diesen Anschein sollte man als Vorsitzender nicht vermitteln.

„Man muss in jedem Fall viel Freizeit haben.“

 

RhÄ: Was möchten Sie als Kreisstellenvorsitzender in Bonn bewirken?
Scheck: Ich vertrete in Bonn seit 18 Jahren die regionale Ärzteschaft im Vorstand der Kreisstelle. Das zeigt sich beispielsweise in Gesprächen mit der Kassenärztlichen Vereinigung oder dem Gesundheitsamt. Die Herausforderung hier ist durch die neun Krankenhäuser und die Universitätsklinik im Kreis gegeben. Es gibt viele Krankenhausärzte in unserem Einzugsgebiet. Trotzdem finden wir eine gute Balance zwischen ihnen und den niedergelassenen Kollegen. Im Vorstand kennen wir uns seit sehr vielen Jahren und verfolgen glücklicherweise gemeinsame Ziele. Wir versorgen unsere Ärztinnen und Ärzte mit wichtigen Informationen in Form von Veranstaltungen. Ich möchte weiterhin alle Ärzte aus dem Kreis zusammenbringen und mich mit ihnen über berufspolitische Themen austauschen. 

RhÄ: Welchen Rat würden Sie Ärztinnen und Ärzten geben, die heute in den Beruf starten?
Scheck: Drei meiner vier Kinder sind Ärzte geworden, ich weiß also, wovon ich spreche. Überlegt euch am Anfang gut, welche Weiterbildung ihr machen wollt. Dann solltet ihr eine solide Weiterbildungsstelle auswählen, aber durchaus einen Wechsel wagen und Neues erleben. Lernt viel und nehmt alles an Erfahrungen mit, was man euch anbietet. Innerhalb der ersten Jahre geht es auch darum, auszuloten, ob ein Niederlassungswunsch vorhanden ist. Für viele junge Menschen stellt sie zurzeit kein attraktives Arbeitsmodell für den Berufseinstieg dar. Ich glaube, daran kann auch die Landarztquote nichts ändern. Wenn diese Idee überhaupt wirkt, dann frühestens in elf Jahren. Um die landärztliche Versorgung schon heute zu gewährleisten, ist dies meiner Meinung nach der falsche Ansatz. Hier müssen wir kreativ sein und vielleicht muss auch die Bevölkerung verstehen, dass nicht jedes kleine Dörfchen in Deutschland einen eigenen Arzt braucht.

RhÄ: Wie würden Sie die junge Ärztegeneration davon überzeugen, sich ehrenamtlich in der Ärztekammer zu engagieren?
Scheck: Das Problem besteht nicht nur darin, Leute zu finden, die ehrenamtlich tätig sein möchten, sondern diese auch zu halten. Die jungen Ärztinnen und Ärzte wollen sich ja engagieren, aber halten nur eine Wahlperiode oder weniger aus. Die traditionellen, teilweise altbackenen Strukturen, die in der Kammer hier und da noch zu finden sind, wirken auf die neue Ärztegeneration abschreckend. Wir müssen als Kammer moderner werden und junges Engagement fördern. Die Jugend ist besser vernetzt, tauscht sich überregional und international aus und setzt auf offene Kommunikation. Diese Haltung erwarten sie auch von unseren Gremien. Zurzeit fehlt uns noch der Schlüssel zur jungen Ärztegeneration. 

Das Interview führte Vassiliki Latrovali
 

Dr. Thomas Scheck ist in Detmold geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen. Er studierte Medizin in Bochum, Heidelberg und Essen und machte seinen Facharzt für Anästhesie, Intensivmedizin, Schmerztherapie und Notfallmedizin in Gelsenkirchen. Im Jahr 2000 kam er als Chefarzt und Ärztlicher Direktor der Anästhesie an das St. Marien-Hospital Bonn (heute: GFO Kliniken Bonn). Scheck ist verwitwet und hat vier Kinder.