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Über Kammer und Zukunft

13.12.2019 Seite 24
RAE Ausgabe 1/2020

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 1/2020

Seite 24

Ende November lud die Ärztekammer Nordrhein zum dritten Mal junge Ärztinnen und Ärzte aus dem Kammergebiet zum Beratungstag ein. Rund 120 Mitglieder nutzten die Gelegenheit, alle Beratungsangebote und Serviceleistungen der Ärztekammer Nordrhein gebündelt kennenzulernen und mit hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den ehrenamtlich tätigen Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch zu kommen. 

von Vassiliki Latrovali

Jungen Ärztinnen und Ärzten ist es heutzutage nicht nur wichtig, sich beruflich zu verwirklichen, sondern auch, eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden. Der dritte Beratungstag der Ärztekammer Nordrhein bot ihnen auch in diesem Jahr die Chance, neue Berufskonzepte zu entdecken, sich über die Nordrheinische Ärzteversorgung zu informieren oder Einblicke in die Möglichkeiten der Niederlassung zu gewinnen. Hierzu hatte die Ärztekammer eine Reihe von Workshops und Vorträgen sowie eine Informationsbörse organisiert. Zudem waren die Fraktionen der Kammerversammlung und diverse ärztliche Berufsverbände mit Ständen vertreten. Auch die berufspolitischen Akteure der ärztlichen Selbstverwaltung stellten sich im Düsseldorfer Haus der Ärzteschaft vor.
So auch Dr. Anja Mitrenga-Theusinger, M. Sc., Leitende Oberärztin am Klinikum Leverkusen und Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein. Sie begrüßte den ärztlichen Nachwuchs im großen Veranstaltungssaal. „Das zahlreiche Erscheinen beim nunmehr dritten Beratungstag zeigt uns, dass immer noch Beratungsbedarf bei der jungen Ärztegeneration besteht.“ Die Fachärztin für Anästhesiologie, Intensiv- und Notfallmedizin bat die Teilnehmer, die Kammer als Partnerin in allen Angelegenheiten und als vermittelnde Instanz bei aufkommenden Schwierigkeiten im Berufsleben wahrzunehmen. Sie betonte, dass ärztliche Selbstverwaltung vom Engagement der Ärztinnen und Ärzte getragen werde. „Die Kammer braucht ein junges Gesicht, und das geht nur mit Ihnen. Sie können Kammerarbeit lebendig werden lassen, indem Sie sich engagieren und mitwirken“, so Mitrenga-Theusinger. Rund 2.000 Ärztinnen und Ärzte engagieren sich in der Ärztekammer Nordrhein in unterschiedlichen Gremien oder als Prüfer. Der Einstieg in das Ehrenamt könne dabei auch in der eigenen Kreisstelle gelingen: „Fangen Sie auf regionaler Ebene an, sprechen Sie mit den Vorsitzenden und informieren Sie sich über weitere Schritte“, riet die Ärztin ihren jungen Kolleginnen und Kollegen.

Zwischen Ausbildung und Berufsstart

Karl-Dieter Menzel, Leiter der Weiterbildungsabteilung der Ärztekammer Nordrhein, sorgte im Haus der Ärzteschaft für schmunzelnde Gesichter, als er verriet, dass er Düsseldorf möge, obwohl er Kölner sei. In lockerer rheinischer Manier erläuterte Menzel den Weg zum Facharzt. Der Arztberuf genieße in Deutschland ein hohes Ansehen, bringe aber auch viel Verantwortung mit sich. „Es ist Ihr Weg: Sie müssen sich von Anfang an um die Vollständigkeit aller Dokumente bemühen. Das nimmt Ihnen keiner ab“, so der Leiter der Weiterbildungsabteilung. Nicht selten müsse man Anträge zurückstellen, weil Unterschriften fehlten oder Formulare nicht richtig ausgefüllt worden seien. „Die Facharztprüfungen finden alle zwei Monate statt. Es ist durchaus ärgerlich, wenn Sie wegen eines solchen Fehlers nicht teilnehmen können“, betonte Menzel. 
Die Ärztekammer Nordrhein hat auf ihrer Kammerversammlung am 16. November 2019 eine neue Weiterbildungsordnung (WBO) für Ärztinnen und Ärzte in Nordrhein beschlossen. Grundlage hierfür ist die vom 121. Deutschen Ärztetag in Erfurt 2018 verabschiedete Gesamtnovelle der (Muster-)Weiterbildungsordnung (MWBO) und eine entsprechende Beschlussfassung des Vorstandes der Bundesärztekammer vom November 2018. „In der Bundesrepublik klären wir unsere Angelegenheiten bekanntlich föderalistisch. Es gibt ein Grundgerüst der Weiterbildungsordnung, aber die 17 Kammern haben das Recht, viele Punkte selbst zu entscheiden“, sagte Menzel. Die novellierte Weiterbildungsordnung wird voraussichtlich am 1. Juli 2020 in Kraft treten. Dann müssen sich alle in Weiterbildung befindlichen Kammermitglieder über das Portal „Meine ÄkNo“ in ihr persönliches, digitales Logbuch einloggen.

Mit Struktur und Teamwork 

In ihrem ausgebuchten Workshop „Wie überlebe ich das erste Jahr als Assistenzärztin/Assistenzarzt“ beleuchteten Alexander Eissner, Assistenzarzt an der Klinik für Spezielle Endokrinologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, und Alexandra Scherg, Ärztin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin der Uniklinik Düsseldorf, den Alltag von Ärztinnen und Ärzten, die ihre Weiterbildung absolvieren. „Meine erste Stelle war ganz schrecklich. Ich fragte mich tatsächlich, ob ich eventuell das Falsche studiert hatte“, so Scherg. Auf diese Aussage folgte kollektives Kopfnicken. Nach einem Brainstorming in drei Arbeitsgruppen wurde deutlich: Fehlende Einarbeitung, sprachliche Barrieren, Überforderung, Erwartungsdruck und nicht dokumentierte Überstunden sind nur einige der Punkte, die den ärztlichen Nachwuchs beschäftigen. „Man weiß nicht, wer der Ansprechpartner ist, oft fühlt man sich allein gelassen“, so eine junge Ärztin. „Man wird eigentlich ins kalte Wasser geschmissen. Niemand fühlt sich wirklich zuständig“, ergänzte eine Kollegin. Besonders die jungen Mediziner, die die deutsche Sprache gerade erlernen, tun sich schwer. Fachbegriffe erkläre man ihnen meist nicht richtig, Englisch beherrschten die wenigsten auf den Stationen. 
Um in diesem Dschungel aus Neuland, Verantwortung, Stress und Vorfreude zurechtzukommen, sei es wichtig, mit den anderen angehenden Fachärzten der Klinik ein Team zu bilden. „Eine gute Möglichkeit, eure Belange, Wünsche und Probleme an die Chefetage weiterzuleiten, ist die Wahl einer Sprecherin oder eines Sprechers“, erklärte Scherg. Zudem sollte man lernen, seine eigenen Fertigkeiten und Fähigkeiten zum jeweiligen Zeitpunkt korrekt einzuschätzen und die Kollegen darüber aufklären, wo man fachlich und praktisch steht. „Es ist hilfreich, mit der  Chefärztin oder dem Chefarzt gewisse Meilensteine zu setzen, was man zu welchem Zeitpunkt beherrschen möchte“, so die Referenten. Auf diese Weise setze man sich gemeinsam erreichbare Ziele und baue eine gewisse Struktur für die Weiterbildung auf. Derart vorbereitet könne ein solches Setting dann auch bei schwierigen Situationen von Nutzen sein, ein Beispiel: „Eure Oberärztin oder euer Oberarzt wissen, dass Ihr euch während eures ersten Dienstes telefonisch melden werdet, weil das ganz normal ist. Wichtig ist, wie Ihr das macht. Durchatmen, kurz innehalten und sich überlegen, was akut getan werden muss. Wenn Ihr euch dann bei den Oberärzten meldet, weil Ihr bei einem Patienten einfach nicht weiterkommt, habt Ihr ausreichende Informationen und man kann euch helfen“, so Eissner. 

Tipps für die Weiterbildung

•    Sprechen Sie mit Ihrer Weiterbilderin oder Ihrem Weiterbilder über mögliche Meilensteine und Ziele, die Sie erreichen möchten.
•    Schaffen Sie sich überschaubare Strukturen für den Notfall. Wie reagiere ich? Was mache ich zuerst? Wann hole ich mir Hilfe?
•    Wählen Sie untereinander eine Sprecherin oder einen Sprecher, der alle Anliegen an die Vorgesetzten weiterträgt.
•    Reflektieren Sie Ihr eigenes Verhalten: Bin ich wirklich bereit dafür? Kann mir diese Aufgabe anvertraut werden?
•    Kommunizieren Sie Unsicherheiten und Ängste, aber schrecken Sie nicht vor neuen Erfahrungen zurück.
•    Fragen Sie bereits beim Vorstellungsgespräch nach einem konkreten Ansprechpartner.

Aus dem Vortrag von Alexandra Scherg und Alexander Eissner.
 

Ambulante Versorgung 2.0

Hohe Mauern, spitzer Stacheldraht, verurteilte Insassen: die Tätigkeit als Anstaltsärztin oder Anstaltsarzt einer Justizvollzugsanstalt (JVA) gilt wohl als Exot unter den beruflichen Perspektiven junger Mediziner. Dr. Brigitte Odenkirchen, ehemalige  Anstaltsärztin der JVA Düsseldorf und Fachärztin für Allgemeinmedizin und Medizinalreferentin, und Dr. Heike Schütt, Anstaltsärztin in der JVA Essen und Fachärztin für Allgemeinmedizin und Suchtmedizinerin, räumten in einem weiteren Workshop mit Vorurteilen auf und sprachen über die Vorteile, die der Beruf biete. „Man kann hauptamtlich oder nur stundenweise tätig sein. In jedem Fall hat man familienverträgliche Arbeitszeiten, keine Wochenend- und Nachtdienste und ein gutes Gehalt“, so Schütt. Die Arbeit sei wie in jeder anderen allgemeinmedizinischen Praxis – und das ohne Budgetierung oder drohende Regresse.
In der Praxis auf dem JVA-Gelände seien immer examinierte Krankenschwestern oder Krankenpfleger mit dabei, so Odenkirchen. Einige Anstalten beschäftigten auch Medizinische Fachangestellte oder Rettungssanitäter. Für die entsprechende Sicherheit sorgten Beamte des Vollzugsdiensts. „Jede JVA hat einen Notfallplan und meist auch entsprechende Knöpfe. Das ist alles durchstrukturiert und geübt“, so Schütt. „Man weiß vor allem, wer einem dort gegenüber sitzt. Das Vorurteil der Gewalt ist daher irrelevant, denn die kann überall stattfinden. In der JVA ist man darauf aber viel besser vorbereitet“, ergänzte Odenkirchen.
90 Prozent der Gefangenen sind Männer. Etwas weniger als die Hälfte von ihnen kämpft mit Suchterkrankungen. Infektionskrankheiten wie Hepatitis C, HIV oder Lues seien daher keine Seltenheit. „Die Patienten sind durchaus jünger als in einer gewöhnlichen, hausärztlichen Praxis, aber der allgemeine Gesundheitszustand ist besonders durch den hohen Drogenkonsum meist viel schlechter“, so die Referentinnen. Auch häuften sich die psychischen Erkrankungen. Einer der wohl berühmtesten Anstaltsärzte der Bundesrepublik ist Joe Bausch. Der ehemalige Pathologe des Kölner „Tatortes“ war im wahren Leben Anstaltsarzt der JVA Werl.
Alexander Konrad, Niederlassungsberater der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO), zeigte in seinem Workshop, dass es für eine Zukunft in der ambulanten Versorgung nicht nur einen Weg gibt. „Die am häufigsten gewählte Form der Niederlassung ist immer noch die der Einzelpraxis. Für viele jüngere Mediziner ist dieses Modell aber eher unattraktiv, weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ihnen wichtiger ist“, so Konrad. Ein bewährtes Modell, das heutzutage immer noch Zuspruch finde und eine Work-Life-Balance ermögliche, seien die Gemeinschaftspraxen. Durch das Teilen der Ressourcen würden Investitions- und Betriebskosten gesenkt. Zudem stehe der kollegiale Austausch im Vordergrund, man arbeite aber dennoch eigenverantwortlich. „Sie vergrößern als Team Ihr Leistungsspektrum und sind in der Regel zeitlich flexibler, da die Patienten bei Abwesenheit eines Partners trotzdem versorgt werden“, sagte Konrad.
Immer mehr Ärztinnen und Ärzte lassen sich nach den Worten des Niederlassungsberaters in einer Vertragsarztpraxis anstellen. So habe man die Möglichkeit, im Team zu arbeiten, spare sich aber die Investitionskosten und trage kein wirtschaftliches Risiko. Zudem profitiere man von allen Vorteilen einer Festanstellung. Das neuere Konzept des Jobsharings könne von Vorteil sein, wenn ein Planungsbereich durch Überversorgung gesperrt sei. Konrad: „Sie teilen sich den bisherigen Leistungsumfang einer Praxis mit einer Kollegin oder einem Kollegen der gleichen Fachrichtung.“ Dies könne der Entlastung der niedergelassenen Kollegin oder des niedergelassenen Kollegen dienen, sei aber auch eine gute Möglichkeit, eine spätere Praxisübernahme vorzubereiten. Ob man sich dabei anstellen lässt oder selbstständig tätig wird, entscheide man mit seinem Jobsharing-Kooperationspartner. In beiden Fällen bleibe es bei der bereits vorhandenen Zulassung des Kooperationspartners, auf der man im Jobsharing mitarbeiten könne. Hier seien Arbeitszeitmodelle in Teilzeit möglich. „Der Trend hin zur weiblichen Medizin ist auch innerhalb der KVNO erkennbar. Bis 2024 wird die Geschlechterparität nach Köpfen in der ambulanten Versorgung erreicht sein“, sagte Konrad.