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Meinung

Die zweite Chance

24.04.2020 Seite 3
RAE Ausgabe 5/2020

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 5/2020

Seite 3

© Jochen Rolfes
Es ist nicht gut, wenn die Forderung nach unkontrollierter „Lockerung“ sich schneller ausbreitet als SARS-CoV-2 selbst.

Am 21. März haben wir unsere abgesagte  Kammerversammlung der Ärztekammer Nordrhein durch ein elektronisches Format mit Videobotschaft und schriftlichem Austausch der Vorlagen und Voten ersetzen müssen (siehe auch Seiten 18 ff.). In der Woche zuvor hatten wir ein tägliches Wachstum der Covid-19-Infektionen um 30 Prozent. Bei einer Fortsetzung dieser Dynamik − so habe ich es in meinem Bericht an die Mitglieder der Kammerversammlung dargelegt − hätten wir bereits zu Ostern die völlige Überforderung aller gesundheitlichen Versorgungsstrukturen in Deutschland erlebt, mit 10 Millionen Infizierten und einem gänzlich unerfüllbaren Bedarf an Intensivbetten bei 140.000.

Dass es dazu nicht gekommen ist, ist eine riesengroße gemeinsame Leistung aller Bürgerinnen und Bürger, der politisch Verantwortlichen, von uns Ärztinnen und Ärzten und den in allen anderen Gesundheitsberufen Aktiven, der Wissenschaft und ganz besonders auch der in kürzester Zeit maximal herausgeforderten Gesundheitsämter in unseren Kommunen. 

Jeder und jede von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, hat daran vorbildlich mitgewirkt. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Opfer sind groß, aber sie haben sich gelohnt, denn die Basisreproduktionsrate ist auf bis zu 0,7 gesunken! Ich danke Ihnen allen für Ihren Beitrag dazu. Wir alle gemeinsam haben in weniger als einem Monat mindestens 100.000 Menschenleben gerettet.

Jetzt sprechen viele vom Exit. In meinen Ohren klingt das schief. Covid-19 wird lange bleiben, der Erfolg beim „flatten the curve“ heißt ja nicht, dass es keine Kurve mehr gibt. Der Erfolg heißt, dass wir uns in unglaublicher Disziplin aller eine zweite Chance geschaffen haben zum Containment. Jetzt ist es die Aufgabe, die Kurve flach zu halten, Ausbrüche zu erkennen (erneut eine anspruchsvolle Aufgabe der Gesundheitsämter, die App dazu gibt es frühestens in einigen Wochen), nachzuverfolgen und einzudämmen, aber doch nicht, die Ausbreitung plötzlich wieder ungehindert laufen zu lassen. Es ist nicht gut, wenn die Forderung nach unkontrollierter „Lockerung“ sich schneller ausbreitet als das Virus.

In den letzten Wochen sind große Anstrengungen unternommen worden, um die Intensiv- und Beatmungskapazitäten einerseits auszubauen und andererseits durch die verantwortbare Verschiebung planbarer Behandlungen zu entlasten. Auch international wird wahrgenommen, dass Deutschland sich damit vergleichsweise gut gerüstet hat, um jetzt auch aufgeschobene Behandlungen wieder aufnehmen zu können. Im Rahmen der Pandemieplanung sind in Zukunft Bevorratungsaufgaben und Fragen der Lagerhaltung und -verwaltung eindeutig zu klären. 

Was wir jetzt nicht brauchen ist eine Rückkehr in den Modus „vor der Krise“. Das gilt für Hygiene- und Abstandsregeln, das gilt aber auch für den Stellenwert, den wir Prävention und Versorgung beimessen. Wir hätten die zweite Chance, die wir bekommen haben, nicht verdient, wenn wir sie jetzt nicht nutzen.

Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein