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Praxis

Beratung geht auch virtuell

11.12.2020 Seite 23
RAE Ausgabe 1/2021

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 1/2021

Seite 23

Der 4. Beratungstag der Ärztekammer Nordrhein fand aufgrund der Corona-Pandemie virtuell statt. Interessierte konnten von zu Hause aus an den Workshops teilnehmen. © ijeab/stock.adobe.com
Der vierte Beratungstag für junge Ärztinnen und Ärzte der Ärztekammer Nordrhein fand coronakonform auf einer virtuellen Messeplattform statt. Interessierte konnten sich über einen Link vorab registrieren. Am 21. November 2020 öffneten dann die digitalen Pforten.

von Vassiliki Latrovali

Der Login erfolgte mit E-Mail-Adresse und selbst generiertem Passwort – schon gelangte man in die helle Veranstaltungs-Lobby. Von dort aus ließ es sich bequem durch die verschiedenen Bereiche navigieren. So konnten sich Interessierte zum Beispiel im Rahmen einer Ausstellung an speziell konzipierten Ständen über Abteilungen der Ärztekammer Nordrhein informieren. Jeder virtuelle Raum bot mehrere Rubriken zum Anklicken. Unter anderem waren die Weiterbildungsabteilung, die Ärztliche Akademie für medizinische Fort- und Weiterbildung, die Rechtsabteilung und die Pressestelle vertreten. Zudem konnten Interessierte über die Plattform an acht parallel laufenden Workshops zu verschiedenen Themen rund um die ärztliche Tätigkeit teilnehmen.

Kammer und Ehrenamt

Rudolf Henke, Präsident der Ärztekammer Nordrhein, begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Auftakt mit einer Videobotschaft. „Die Erfahrung der vergangenen Jahre hat uns gezeigt, dass die jungen Kolleginnen und Kollegen sowie die Medizinstudierenden einen großen Informationsbedarf zu einer Vielzahl von Themen rund um den Arztberuf haben. Das lässt sich auch am Interesse für den heutigen Tag erkennen“, sagte der Präsident. Die Kammer sei dazu da, diese Informationslücken zu schließen sowie beratend und unterstützend zu agieren. „Sie finden bei der Kammer kompetente Ansprechpartner für all ihre Fragen“, betonte Henke. Einer dieser Ansprechpartner ist Karl-Dieter Menzel, Leiter der Weiterbildungsabteilung der Ärztekammer Nordrhein. Er beleuchtete zum Auftakt die Rahmenbedingungen der ärztlichen Weiterbildung und klärte die Teilnehmer über die organisatorischen Hintergründe auf. „Wir führen in der Ärztekammer jährlich über 3.000 Facharztprüfungen durch, das ist eine große Verantwortung“, so Menzel (Weitere Informationen auf www.aekno.de/aerzte/weiterbildung).
„Ich muss leider zugeben, dass mein erster Kontakt mit der Ärztekammer erst zu dem Zeitpunkt stattfand, an dem ich mich nach der Approbation anmelden musste. Beratungstage und Begrüßungsveranstaltungen sind an mir vorbeigegangen. Man fragt sich nun mal anfangs: Was macht denn die Kammer eigentlich?“, sagte Steffen Veen, Facharzt für Anästhesie. Er wisse, dass viele junge Ärztinnen und Ärzte ähnlich denken und das gelte es zu ändern. Anders sah es bei Melissa Camara Romero aus: „Ich hatte bereits im Studium Kontakt mit der Kammer, weil ich mich in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD) engagierte. Da gab und gibt es natürlich stets Bemühungen, junge Ärztinnen und Ärzte für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen. Aber alle konnten wir auch auf diese Weise nicht erreichen. Deshalb finde ich das Konzept des Beratungstages sehr gut“, so die Fachärztin für Innere Medizin. Die beiden Vorsitzenden des Ausschusses Junge Ärztinnen und Ärzte sprachen sich beim Auftakt für das Ehrenamt in der Ärztekammer Nordrhein aus. „Ohne ehrenamtlichen Einsatz kann die Kammer nicht funktionieren. Wenn man sich über berufspolitische Gegebenheiten ärgert, sollte man sich definitiv hier engagieren“, erklärt Camara Romero. Ergänzend dazu stellte Veen, der auch Vorstandmitglied ist, die Struktur und Organisation der Ärztekammer vor.

Im Workshop „Ärzte in Sozialen Medien“ sprach TV-Arzt Heinz-Wilhelm Esser, besser bekannt als Doc Esser, über die Schwierigkeiten und Chancen, die sich in den digitalen Medien für Ärztinnen und Ärzte ergeben (siehe Kasten „Empfehlung für Soziale Medien“). Seine persönliche Erfahrung mit der Medienlandschaft begann vor knapp sieben Jahren beim WDR: „Das Format #gesund suchte nach einem etwas anderen Fernseharzt, der sich von Brinkmann und Co. unterschied. Die Verantwortlichen beim Sender waren aber schon ziemlich aufgeregt vor meiner ersten Sendung. Ich war tätowiert – keiner war sich sicher, wie ich auftreten würde.“ Esser will mit der Arbeit fürs Fernsehen und seinen Auftritten in den Sozialen Medien vor allem den Patientinnen und Patienten ein besseres Verständnis von Medizin und Gesundheit vermitteln.

Empfehlung für Soziale Medien

Bei der Nutzung sozialer Medien im gesundheitsbezogenenKontext sind aufgrund des vertrauensvollen Arzt-Patient-Verhältnisses und der Anforderungen des Datenschutzes an die in höchstem
Maße schützenswerten gesundheitsbezogenen Informationen bestimmten Aspekten besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Ärzteschaft hat sich anlässlich des 115. Deutschen Ärztetags mittels eines Beschlusses für die Erarbeitung von Empfehlungen für Ärzte in sozialen Medien
ausgesprochen. Basierend auf dieser Empfehlung und einer weiteren Empfehlung des Weltärztebundes zu diesem Thema wurde von der Bundesärztekammer
eine Handreichung für Ärzte und Medizinstudierende
zur Verfügung gestellt. https://www.bundesaerztekammer.de/ fileadmin/user_upload/downloads/pdfOrdner/Telemedizin_Telematik/Neue_Medien/sozialeMedien.pdf

BÄK

Die Krux mit der Öffentlichkeit

„Es gab selten ein Jahr wie 2020, in dem Ärzte entweder hochgelobt oder übelst beschimpft wurden“, so Esser. Ärztinnen und Ärzte, die in der Öffentlichkeit stehen, erfüllten aktuell eine sehr spannende, aber auch schwierige Aufgabe. Er selbst versuche, die Pandemie so gut es geht für die Allgemeinheit verständlich herunterzubrechen. Auch er habe seine Ansichten dazu variieren müssen, weil die Wissenschaft ständig neue Erkenntnisse liefere. Zur Medienarbeit und Positionierung der Ärzteschaft in der Öffentlichkeit sagt der TV-Doc: „Meine Meinung kann Zuschauer und Follower auf eine gewisse Weise steuern. Dieser Verantwortung muss ich mir bewusst sein. Ich bin auch nicht immer mit der Politik einer Meinung, aber gerade bei Corona waren wir in eine Art Müdigkeit geraten, da musste gehandelt werden“. Als Arzt in der Öffentlichkeit müsse man in der Lage sein, auch mit Gegenreaktionen klarzukommen, so Esser. Diese seien nicht selten beleidigend, vulgär und unter der Gürtellinie. Viele Menschen urteilten einfach zu schnell und ohne sich wirklich mit der Materie auseinanderzusetzen. Das mache ihn oft unheimlich wütend. „Ein guter Freund sagte zu mir: ,Wir hatten 80 Millionen Bundestrainer, jetzt haben wir 80 Millionen Virologen in Deutschland.‘ Es ist wirklich verrückt. Ich fahre ja auch nicht mit meinem Auto zum Mechaniker und gebe noch eben mein vermeintliches Wissen zu den anderen Autos ab, die da stehen. Man sollte die Arbeit schon den Experten überlassen. Natürlich darf und sollte man Dinge immer kritisch hinterfragen, aber das geht auch in einem höflichen Ton.“ Auf die Frage, wie Ärztinnen und Ärzte mit „Bashing“ umgehen sollten, antwortete er: „Wenn ich als Arzt eine Situation einordne, ist das erstmal gar kein Problem. Sobald ich aber meine Meinung äußere, die ja nun mal nicht immer auf Fakten basiert beziehungsweise anfechtbar ist, muss ich mir der Konsequenzen bewusst sein“. Er versuche neutral aufzuklären, sehe dies auch als Pflicht den Patienten gegenüber. Bewertungen über Bereiche abzugeben, in denen er sich nicht auskenne, empfinde er als anmaßend. Hasskommentare und Beleidigungen lösche er sofort von seinen Profilen in den Sozialen Medien. „Ich möchte diesen Leuten keine Plattform bieten“, sagte Esser.


Wie man mit Stress richtig umgeht, zeigte Dr. Dieter Olbrich, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie, Neurologie und Psychiatrie. Er sprach mit den jungen Kolleginnen und Kollegen über die richtige Herangehensweise bei psychischen Belastungen im ärztlichen Alltag und effektive Burn-Out-Prophylaxe. „Stress ist eine ganz natürliche Reaktion auf eine Herausforderung. Er ist wichtig, aber zu viel ist schädlich. Das merkt man in erster Linie an Schlafstörungen und der Unfähigkeit, sich regenerieren zu können. Es geht darum, ein gutes Maß für sich zu finden“, sagte Olbrich. Wenn das nicht gelinge, sei der Burn-Out nicht weit. Verhindern könne man dies, indem man seine Distanzierungsfähigkeit fördere: „Sie sollten sich fragen, gelingt es mir, nach Klinik und Praxis umzuschalten und mich anderen Dingen zu widmen, oder bin ich in Gedanken noch bei der Arbeit?“ Dieses Umschalten könne mithilfe des sogenannten Zürcher Ressourcenmodells selbst erlernt werden.

Für die Zukunft

Beim Workshop „Digitalisierung in der ärztlichen Praxis“ sprachen Professor Dr. vet. Jan Ehlers, Lehrstuhlinhaber für Didaktik und Bildungsforschung im Gesundheitswesen, und sein Team über die Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung im Gesundheitssystem. „Viele Mediziner befürchten, durch die Digitalisierung ersetzt zu werden. Da muss man ganz klar sagen, dem ist nicht so“, sagte Ehlers, der seit 2017 Vizepräsident der Universität Witten/Herdecke ist. Es gehe vielmehr um eine gute Ergänzung, die zukünftig dafür sorgen solle, dass Mediziner neben einer Work-Life-Balance auch mehr Zeit für Patientinnen und Patienten haben. Auf das Thema der elektronischen Patientenakte (ePA) ging Theresa Busse M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl, ein. Das Projekt ist in der Ärzteschaft durchaus umstritten. Busse beleuchtete diejenigen Prozesse, die sie als vorteilhaft beurteilt: „Man kann optimiert untereinander kommunizieren, die Koordination ist orts- und zeitunabhängig und man erhält dadurch enorme Unterstützung bei der Abrechnung.“

Man könne, so Busse, vollständig abbilden, welche Prozesse Patientinnen und Patienten zum Beispiel bei einem Krankenhausaufenthalt durchlaufen, um so Doppeluntersuchungen und Behandlungsfehler besser zu vermeiden. Ein Pilotprojekt der Universität Witten/Herdecke zeige, so Busse, dass der Informationsaustausch das Vertrauen der Patienten in ihre Ärzte stärke. „Nach dem neuen Patientendaten-Schutz-Gesetz haben alle Patientinnen und Patienten ein Anrecht auf die elektronische Akte.“ Dort könnten ärztliche Briefe und Röntgenbilder gespeichert werden. Ab 2022 werde eine erweiterte Version zugänglich sein, die es Patienten ermögliche, Impfausweis, Mutter-Pass, U-Heft und auch das Zahn-Bonusheft zu inkludieren. Bei einem Wechsel der Krankenkasse könne dann auch eine Datenübertragung stattfinden.

Ehrenamtliches Engagement

Ansprechpartner für junge Ärztinnen und Ärzte bei der Ärztekammer Nordrhein:

melissa.camara(at)rwth-aachen.de
steffen.veen(at)uk-essen.de