Vorlesen
Spezial

Durchs Netz gefallen

18.01.2022 Seite 16
RAE Ausgabe 2/2022

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 2/2022

Seite 16

Laut Statistischem Bundesamt leben in Deutschland etwa 61.000 Menschen ohne Krankenversicherung. Die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher liegen, denn die amtliche Statistik erfasst nur die Personen, die sich legal im Land aufhalten. Für Menschen ohne gültige Papiere ist der Zugang zur medizinischen Versorgung zusätzlich erschwert.

von Vassiliki Temme

Krank und nicht krankenversichert: Patientinnen und Patienten, die hierzulande durch das Raster fallen, sind in der Regel auf ehrenamtliche medizinische Hilfe angewiesen. In Nordrhein betreiben die Malteser drei Anlaufstellen für Betroffene in Duisburg, Euskirchen und Köln, letztere seit 2005. Hier sind Allgemeinmediziner, Internisten, Chirurgen, Haut- und Kinder-ärzte sowie Zahnärzte ehrenamtlich tätig. „Der größte Teil der Menschen in Deutschland, die keine Krankenversicherung haben, sind diejenigen ohne gültigen Aufenthaltsstatus, Schätzungen gehen von mehr als einer halben Million Betroffener aus“, erläutert Dr. Imke Kreuzer. Doch auch der Anteil von ausländischen Studierenden, die ihre Regelstudienzeit überschritten hätten, oder von EU-Bürgern und deutschen Patienten, beispielsweise Selbstständigen, die ihre private Krankenversicherung nicht mehr bezahlen könnten, sei in den vergangenen Jahren gestiegen, so die Internistin, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Heinrich Flammang in Köln die Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung (MMM) leitet. 

Jeder Mensch hat seine besondere Geschichte 

Die Praxisräume der Malteser befinden sich im Haus Rita auf dem Gelände des St. Hildegardis Krankenhauses unweit der Universität. Kreuzer und Flammang wurden durch Zeitungs- und Fernsehberichte auf die Einrichtung aufmerksam und entschieden sich für die Mitarbeit. „Üblicherweise findet der Einstieg über eine Hospitation in der MMM-Praxis statt, bei der man über die Einrichtung informiert wird, Kolleginnen und Kollegen kennenlernt und auch direkt eigene Erfahrungen mit Patienten machen kann“, erklärt Chirurg Flammang. Man erkenne ziemlich schnell, dass man auch mit einfachen Mitteln Positives bewirken könne. Das Team in Köln umfasst aktuell 38 Personen.

Jede Woche finden mehrere unterschiedliche Sprechstunden statt. Unter anderem gibt es zwei stark frequentierte zahnärztliche Sprechstunden sowie eine Kindersprechstunde, in der auch alle notwendigen Impfungen verabreicht werden. „Wir beide sind in der sogenannten Erwachsenensprechstunde tätig. Termine gibt es nicht. Wer kommt, wird behandelt“, erläutert Kreuzer. Die einzige Ausnahme stellt die augenärztliche Sprechstunde dar, die einmal im Monat stattfindet. Hierfür werden feste Termine vergeben. „Wir behandeln Menschen aus nahezu allen Erdteilen, was bedeutet, dass bei der Überwindung sprachlicher Barrieren viel Einfühlungsver-mögen und Flexibilität gefordert ist“, sagt Flammang. „Die Einrichtung ist mit Sonografie- und EKG-Gerät medizin-technisch ausgerüstet und die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen können auf grundlegende Labor- und auch Röntgendiagnostik zurückgreifen. Außerdem ist die Vernetzung mit umliegenden Praxen und Krankenhäusern gut“, so der Chirurg. Ziel sei es immer, sofort eine Therapie einzuleiten. „Notwendige Medikamente können wir größtenteils kostenlos mitgeben. Neben akut erkrankten Menschen wird unsere Einrichtung nämlich auch von chronisch kranken Patienten aufgesucht, die an COPD, rheumatoider Arthritis und vor allem an Diabetes mellitus leiden“, ergänzt Internistin Kreuzer. Es gehe bei diesen Patientengruppen vor allem darum, sie auch zur Selbstkontrolle zu motivieren.

Handlungsleitend für beide Ärzte ist, dass sich hinter jedem ihrer Patienten eine besondere Geschichte verbirgt und jeder, der die Hilfe der MMM in Anspruch nimmt, sich in einer problematischen Lebenssituation befindet, die den Ärztinnen und Ärzten im Detail oft verborgen bleibt. „Dieser Gedanke schwingt immer in Gesprächen mit. Natürlich gibt es auch besonders schwere Fälle, die im Gedächtnis bleiben: zum Beispiel eine das Augenlicht bedrohende Herpes-Zoster-Infektion, die lebensgefährliche Entzündung einer Herzklappe oder die Diagnostik eines riesigen intraabdominellen Tumors“, sagt Kreuzer. Das Malteser-Team ist stolz darauf, dass es in all diesen Fällen gelungen ist, Kolleginnen und Kollegen in den Kliniken mit ins Boot zu holen und damit aufwendige Therapien erfolgreich durchführen zu können. „Wenn sich Patienten mit einer akuten Symptomatik vorstellen, die einen Klinikaufenthalt erfordert, sprechen wir eine Notfalleinweisung aus. Hierbei sind oft persönliche Kontakte sehr hilfreich“, erklärt die Internistin. Insgesamt bestehe im Fall von Krankenhausbehandlungen jedoch Verbesserungsbedarf. „Wünschenswert wäre die flächendeckende Einführung des anonymen Krankenscheins, um den Zugang zur weiterführenden medizinischen Versorgung zu erleichtern“, so Flammang.

Pro Jahr werden in den Praxisräumen in Köln 1.800 bis 2.000 Behandlungen durchgeführt. Der Umgang mit den zum Teil tragischen Patientenschicksalen, ist für Kreuzer und Flammang eine sehr private Angelegenheit: „Die Kolleginnen und Kollegen der MMM schätzen den Austausch untereinander. Das hilft dabei, diese ehrenamtliche Aufgabe verantwortungsvoll ausüben“, so Kreuzer. Die Kooperation mit der Clearingstelle Migration und Gesundheit ist nach den Worten der beiden Mediziner sehr gut. Dort hilft man dabei, Menschen wieder in eine reguläre Krankenversicherung zu vermitteln. Vielfach scheitert dies  jedoch am Aufenthaltsstaus. In Köln ist es im Jahr 2020 in 234 Fällen gelungen.

Corona-Schutzimpfung der MMM in Köln

Grundsätzlich haben in Deutschland alle Menschen ab einem gewissen Alter das Anrecht auf eine kostenfreie Corona-Schutzimpfung. Die Zielgruppe der MMM ist eine besonders vulnerable Gruppe, die in der Regel nicht darüber informiert ist, dass sie eigentlich zu jeder öffentlichen Impfstelle gehen kann. Viele können oder möchten auch keine Angaben zu persönlichen Daten machen, nicht wenige schämten sich für ihre Situation.
 
Daher hatte die Ärztliche Leitung der MMM schon früh die Idee, selbst – im geschützten Raum der Praxis – Impfungen anzubieten. Dies wurde mit dem Gesundheitsamt, dem Impfzentrum sowie dem Amt für Integration und Vielfalt der Stadt Köln abgestimmt. Dann wurden zahlreiche Anlauf- und Beratungsstellen für Menschen ohne Krankenversicherung und/oder ohne Papiere in Köln darüber informiert. Auch über die klassische Mundpropaganda hätten viele Menschen den Weg zur Praxis und somit zur Impfung gefunden. Es sei eben eine besondere Herausforderung, diese Menschen zu erreichen.

Am 27. Mai 2021 fand die erste Impfung in der MMM statt. Seit Ende November vergangenen Jahres werden auch Booster-Impfungen durchgeführt. Den Impfstoff bezieht die Praxis inzwischen über eine Kooperationsapotheke. Bis Dezember 2021 hat das Impfteam der MMM an zehn zusätzlichen Nachmittagsterminen insgesamt 258 Impfungen durchgeführt, davon 34 Booster-Impfungen. Die Impfungen erfolgen grundsätzlich mit Terminvereinbarung und werden auch in diesem Jahr fortgeführt.