Qualitätszirkel, Peer Reviews, Konsile, Tumor-, Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen oder Fehlerberichtssysteme wie CIRSmedical.de – Ärztinnen und Ärzte setzen sich in vielfältiger Weise für mehr Patientensicherheit ein. Eine sichere medizinische Versorgung kann aber aus Sicht der Bundesärztekammer (BÄK) nur gelingen, wenn auch die strukturellen Rahmenbedingungen stimmen.
von Heike Korzilius
Die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern entscheiden pro Jahr bundesweit über 8.000 bis 10.000 Fälle, in denen Patientinnen und Patienten einen ärztlichen Behandlungsfehler vermuten. In 20 bis 25 Prozent der Fälle bestätigt sich dieser Verdacht. „Dieser Wert ist über die Jahre relativ konstant geblieben, sowohl was die Zahl der Verdachtsfälle als auch die der anerkannten Behandlungsfehler betrifft“, sagte Dr. Rainer Kluge Ende Oktober in Berlin. Der Vorsitzende der Gutachterstelle für Arzthaftungsfragen der Sächsischen Landesärztekammer sprach Ende Oktober bei der Tagung „BÄK im Dialog“, die sich diesmal mit dem Thema „Patientensicherheit als gemeinsame Kernaufgabe“ beschäftigte.
Die Zahl der jährlich vermuteten Behandlungsfehler wirke groß, so Kluge. Doch gemessen an der Gesamtzahl der Behandlungsfälle, bewege sie sich im Promillebereich. „Ärztliche Behandlungsfehler sind die große Ausnahme“, betonte er. Entscheidend sei, dass man aus ihnen lerne, um künftige Schadensereignisse zu verhindern. Dazu lieferten die Fallbewertungen der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen wichtige Ansätze (siehe auch Seite 22).
Aber nur wenn auch die Rahmenbedingungen stimmen, kann nach Ansicht des Präsidenten der Bundesärztekammer eine sichere Patientenversorgung gelingen. „Patientensicherheit setzt Strukturen voraus, die Raum für Zuwendung, kollegialen Austausch und fachliche Reflexion bieten und dadurch Fehlern vorbeugen“, sagte Dr. Klaus Reinhardt. Politik und Kostenträger müssten dafür sorgen, dass Ärztinnen und Ärzte die notwendige Zeit und Unterstützung für verantwortungsvolle Entscheidungen erhielten. Angesichts zunehmender Arbeitsverdichtung, Bürokratie und Wettbewerbsdruck fehle diese Zeit in Kliniken und Praxen jedoch häufig.
Risiko: starre Hierarchien
Neben wirtschaftlichem Druck bergen auch die nach wie vor starren Hierarchien in vielen medizinischen Einrichtungen Risiken für die Patientensicherheit. Nur etwa 30 Prozent der Ärzte und Pflegekräfte wagten es, Kollegen oder Vorgesetzte auf drohende Gefahren oder Fehler hinzuweisen zitierte die Vizepräsidentin der Bundesärztekammer, Dr. Susanne Johna, aus einer Umfrage. Um offene Gespräche zu ermöglichen, müssten sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicher sein können, dass sie dadurch keine Nachteile erleiden. Hinweise auf mögliche Patientengefährdungen müssten vielmehr positiv aufgenommen werden. Das sei eine zentrale Aufgabe ärztlicher Führung, so Johna.
ePA – „ein echter Durchbruch“
In Sachen Patientensicherheit hält Professorin Dr. Petra Thürmann eine gute Kommunikation der Heilberufe untereinander sowie mit Patienten und Angehörigen für entscheidend. Das gelte insbesondere für den komplexen Prozess der Medikation. Fast jeder dritte Patient über 65 Jahre nehme fünf und mehr Medikamente gleichzeitig ein, ab dem 80. Lebensjahr sei es fast jeder Zweite, sagte die Vorsitzende der Koordinierungsgruppe Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). Nach einer Analyse der Weltgesundheitsorganisation von 2023 gehörten Lücken bei der Weitergabe relevanter Informationen weltweit zu den häufigsten Gründen für Medikationsfehler. Etwa acht Prozent der Krankenhausaufnahmen gingen auf Nebenwirkungen von Arzneimitteln zurück, von denen die Hälfte vermeidbar sei, erklärte die Pharmakologin. Vor diesem Hintergrund seien auf Initiative des BMG im Jahr 2008 die AMTS-Aktionspläne gestartet. Das Ziel: die Zahl der Medikationsfehler und unerwünschten Arzneimittelwirkungen zu verringern. „Einen echten Durchbruch“ für die Patientensicherheit im Medikationsprozess verspricht sich Thürmann von der elektronischen Patientenakte. Ab dem 1. Oktober 2026 sollen darin digitale Medikationspläne integriert sein, zusammen mit für die Medikation relevanten Informationen. Mit Einlesen der Versichertenkarte könnten Ärzte in Kliniken und Praxen dann auf Informationen zugreifen, was die Kollegen verordnet und welche Diagnosen sie gestellt hätten. „Das eröffnet der Arzneimitteltherapiesicherheit viele Chancen“, sagte Thürmann. Bisher müssten sich Ärztinnen und Ärzte häufig auf die Angaben von Patienten und Angehörigen verlassen. „Das ist riskant“, so die Pharmakologin. Sie begrüßte zudem, dass über die ePA künftig auch die Apotheker Informationen zu Medikamenten und zum Beispiel Stoffwechselproblemen der Patienten erhielten. Die Digitalisierung biete hier die Chance auf mehr interprofessionellen Austausch – ganz im Sinne der Patientensicherheit.


