Seit Jahrzehnten nimmt weltweit die Zahl der medizinisch-wissenschaftlichen Publikationen zu; täglich erscheinen tausende neuer Beiträge, nicht zuletzt Folge eines zunehmenden Drucks auf Wissenschaftler und Mediziner, Forschungsergebnisse zu publizieren, um Karrieren zu sichern oder Fördermittel zu erhalten. Dies schafft auch einen Markt, auf dem gefälschte oder minderwertige Texte im Angebot sind. Kritiker fordern einen Systemwechsel.
von Thomas Gerst
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ausgerechnet die AfD-Bundestagsfraktion, die im Zuge der Coronapandemie oftmals gegen Entscheidungen auf der Grundlage medizinisch-wissenschaftlicher Forschungsergebnisse Stellung bezogen hat, beantragt im Deutschen Bundestag, die Bundesregierung solle eine unabhängige Prüfstelle errichten, um die Qualität von wissenschaftlichen Publikationen zu sichern. Als Grund dafür wird auf einen „besorgniserregenden Trend“ verwiesen: Sogenannte „Predatory Journals“ und „Paper Mills“ würden gegen Bezahlung Texte, bei denen Peer Review und wissenschaftliche Qualitätsstandards nicht eingehalten werden, zur Veröffentlichung anbieten. Diese Praxis führe dazu, dass wertlose oder sogar gefälschte Studien in den wissenschaftlichen Diskurs gelangten und von Politik und Verwaltung als Grundlage für Entscheidungen herangezogen würden, heißt es in dem Antrag, über den am 25. Juni 2026 im Bundestag abschließend debattiert wurde.
Global agierende Agenturen
Der Antrag stieß auf breite Ablehnung durch die anderen Parteien im Bundestag. Ein real existierendes Problem werde als Hebel genutzt, um Kontrollmechanismen einzufordern, die im Kern die Wissenschaftsfreiheit massiv gefährdeten, hieß es etwa aus den Reihen der SPD-Fraktion. Qualitätssicherung müsse durch die Wissenschaft selbst erfolgen. Andere warfen der AfD vor, über die Prüfstelle steuernd Einfluss auf die Wissenschaft nehmen zu wollen. Erkennbar sei hier das klassische Drehbuch des Autoritarismus. Es sei Angelegenheit der Wissenschaft selbst, der Herausforderung durch die „Paper Mills“ entgegenzutreten.
Gegen das von der AfD geforderte Kontrollgremium wurde deutlich Stellung bezogen. Dass grundsätzlich ein Problem beim wissenschaftlichen Publizieren besteht, von dem nicht zuletzt die Medizin betroffen ist, stand nicht zur Debatte und wurde auch von Vertretern der anderen Fraktionen nicht bestritten. Die Zahl der Veröffentlichungen, die sich mit „Paper Mills“ und „Predatory Journals“ befassen, dazu auch Forschungsergebnisse vorlegen und auf dringenden Handlungsbedarf hinweisen, ist in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen. Als „Paper Mills“ werden global agierende kommerzielle Agenturen bezeichnet, die zumeist mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) auf der Grundlage öffentlich zugänglicher oder gefälschter Daten Manuskripte im Kundenauftrag erstellen oder zum Verkauf anbieten. Sie kümmern sich auf Wunsch um die Veröffentlichung in mehr oder minder zweifelhaften Journalen unter Umgehung eines regulären Peer-Review-Verfahrens. Im Angebot ist oft auch der Verkauf von Autorenschaften an einem zur Publikation eingereichten oder bereits angenommenen Manuskript. Unter „Predatory Journals“ versteht man unseriöse Pseudo-Fachzeitschriften, deren Geschäftsmodell darin besteht, von Autorinnen und Autoren in der Regel unter Vorspiegelung falscher Tatsachen hohe Publikationsgebühren für eine schnelle Open-Access-Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse zu verlangen. Oft werden Websites, Namen oder Merkmale renommierter Zeitschriften imitiert, um Interessenten anzulocken. Ein regelgerechtes Review-Verfahren findet nicht statt. Häufig wird auch nur das Geld von Autoren kassiert, ohne dass es irgendeine Gegenleistung gibt.
Unseriöse Anbieter in Form von „Paper Mills“ und „Predatory Journals“ bedienen weltweit die Nachfrage auf einem Markt, der insbesondere dadurch gekennzeichnet ist, dass die Bewertung eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin vor allem auf Grundlage des Umfangs der Publikationsliste erfolgt. Gerade auch in der Medizin hängt die wissenschaftliche Karriere oft von der Zahl der Publikationen in Peer-Review-Zeitschriften ab – „publish or perish“ lautet eine im Medizinbetrieb gängige Redewendung. Da mag derjenige, der wenige qualitativ hochwertige Veröffentlichungen vorlegen kann, ins Hintertreffen geraten gegenüber demjenigen, der als „Paper Mill“-Kunde für pseudowissenschaftlichen Ausstoß gesorgt hat.
In welchem Ausmaß die unterschiedlichen Formen betrügerischen Handelns bei Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Journalen zum Tragen kommen, ist allerdings unbestimmt, was wenig überraschend ist, da es in der Natur der Sache liegt, möglichst unentdeckt zu bleiben. Zudem gibt es unter dem Einsatz von KI eine große Grauzone, bei der die Zuordnung schwerfällt – beispielsweise, wenn Forschungsergebnisse auf der Grundlage von frei zugänglichen Datenbanken wie dem US National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) oder der UK Biobank präsentiert werden. Hier gibt es mithilfe von KI immer neue Möglichkeiten, quasi automatisiert unter minimal veränderter Fragestellung neue Ergebnisse zu produzieren und in ein wissenschaftliches Format zu bringen.
Schätzungen zufolge wurden von den Manuskripten, die in den Jahren von 2019 bis 2021 bei wissenschaftlichen Journalen zur Veröffentlichung eingereicht wurden, rund zwei Prozent von „Paper Mills“ produziert. Eine in den Niederlanden durchgeführte Befragung unter den Angehörigen verschiedener akademischer Fachrichtungen ergab, dass rund vier Prozent der Befragten angaben, Forschungsergebnisse komplett erfunden oder in ihrem Sinne verfälscht zu haben. Vorliegende seriöse Studien zeigen, dass im Bereich der Medizin insbesondere die biomedizinische Grundlagenforschung von den betrügerischen Aktionen der „Paper Mills“ betroffen ist. So fiel beispielsweise in onkologischen Fachzeitschriften in den untersuchten Veröffentlichungen eine zunehmend hohe Fehlerrate bei der Zuordnung von Nukleotidsequenzen auf, was den Verdacht nahelegte, dass es sich hierbei um Produkte aus „Paper Mills“ handelte. Großes Aufsehen erregte im Jahr 2023 der Fall des zwei Jahre zuvor vom Wiley-Verlag übernommenen Open-Access-Verlags Hindawi mit Hauptsitz in London. Mehr als 8.000 der dort im Laufe der Jahre veröffentlichten Paper wurden zurückgezogen, weil sie mit „Paper Mills“ in Verbindung gebracht werden konnten.
Bei aller Sorge über die Zunahme wertloser oder gefälschter Studien und das Agieren von „Predatory Journals“ in der Medizin sollten die Auswirkungen auf die Versorgung realistisch eingeschätzt werden, meint Professor Dr. Christopher Baethge, Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes. Selbstverständlich sei es wichtig, betrügerisches Handeln in der Medizinpublizistik ausfindig zu machen und zu sanktionieren; darüber hinaus müsse aber konkret der Frage nachgegangen werden, welche Konsequenzen sich daraus für die medizinische Versorgung ergeben. „Wie oft landen gefälschte Ergebnisse in klinischen Leitlinien?“, wäre für ihn beispielsweise ein Forschungsansatz, der darüber Aufschluss geben könnte. Baethge, als Mitglied im International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) mit den weltweiten Herausforderungen der Medizinpublizistik vertraut, sieht zumindest für die von ihm verantwortete Wissenschaft im Deutschen Ärzteblatt die Gefahr gegenwärtig als gering an, dass gefälschte Manuskripte aus „Paper Mills“ zur Veröffentlichung angenommen werden. Soweit er dies beurteilen könne, gelte dies auch für die großen Klinischen Zeitschriften in Deutschland und Westeuropa, die neue Studienergebnisse oder Therapierichtlinien veröffentlichen. Beim Deutschen Ärzteblatt gebe es beispielsweise im Zuge des Peer-Review-Prozesses eine intensive Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren, durch die ein Betrug durch Manuskripte aus „Paper Mills“ sehr erschwert werde.

Quantität anstelle von Qualität
Mit dem Thema „Predatory Journals“ war Baethge insbesondere über seine Mitgliedschaft im ICMJE befasst. Hierzu gab es im vergangenen Jahr zeitgleich ein von den ICMJE-Mitgliedern verfasstes Editorial in den von ihnen repräsentierten internationalen Medizinzeitschriften, in dem sie das missbräuchliche Agieren von „Predatory Journals“ anprangerten und darüber informierten, wie Autorinnen und Autoren sich am besten davor schützen. Denn – so Baethge im Gespräch mit dem Rheinischen Ärzteblatt – eine wichtige Entstehungsbedingung für „Predatory Journals“ sei die mangelnde Informiertheit junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die eine erste oder zweite Publikation für ihren Lebenslauf anstrebten. „Dass ein Seniorwissenschaftler, der viel Erfahrung im Publizieren hat, auf ,Predatory Journals‘ hereinfällt, halte ich für unwahrscheinlich.“ Nicht ausgeschlossen sei allerdings, dass Autoren oder Autorinnen unter Veröffentlichungsdruck bewusst diesen Weg einschlagen, um zum Erreichen ihrer akademischen Ziele eine lange Publikationsliste vorlegen zu können. Dramatische Auswirkungen der in „Predatory Journals“ veröffentlichten Beiträge auf das Wissenschaftssystem insgesamt sieht Baethge aber nicht. „Diese Journals tauchen ja zumeist in den Datenbanken nicht auf und haben keinen Impact-Faktor. Zumindest gibt es bisher wenig Hinweise, dass es Inhalte aus Predatory Journals in relevanter Form in den medizinischen Mainstream geschafft hätten.“
Kritiker des heutigen Wissenschaftssystems sehen in den „Paper Mills“ und „Predatory Journals“ nur die Auswüchse der „publish or perish“-Kultur, die anstelle von Qualität auf Quantität setze. Weil auch in der Medizin die Wissenschaftskarriere von der Anzahl der Publikationen abhänge, komme es zur massenweisen Veröffentlichung minderwertiger Studienergebnisse. Das System setze Anreize zum Fälschen oder gar Erfinden von Daten. Auch das Geschäftsmodell der wenigen großen Wissenschaftsverlage, die diesen Markt bedienen, wird kritisiert. Sie würden exorbitante Gewinne realisieren, indem sie Autoren für Open-Access-Publikationen teuer bezahlen ließen und die Inhalte ihrer anderen Journale ebenso teuer verkauften. Insgesamt – so lautet die Kritik – habe das bestehende Publikationssystem seine Kontrollmechanismen verloren. In der sogenannten Stockholmer Erklärung, einem Forderungskatalog auf der Grundlage eines im Juni 2025 an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften veranstalteten Workshops, wird eine grundsätzliche Neuorientierung gefordert. Die akademische Gemeinschaft – so eine der zentralen Forderungen – müsse die Kontrolle über das wissenschaftliche Publizieren zurückgewinnen, an die Stelle profitorientierter Wissenschaftsverlage müsse ein von der akademischen Gemeinschaft selbstverantwortetes Publikationswesen treten. Stärker als bisher solle das Peer-Review-Verfahren als zentrale wissenschaftliche Leistung anerkannt und vergütet werden. Weiter sollen Anreize zum massenhaften Publizieren dadurch unterbunden werden, dass man die Qualität eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin nicht mehr vorrangig nach Zitationsmetriken bemisst; nicht die Anzahl von Publikationen in Zeitschriften mit möglichst hohem Impact Faktor und deren Zitierung wiederum in anderen Zeitschriften dürften den Ausschlag für Karriere und Vergabe von Forschungsgeldern geben, sondern die qualitative Bewertung müsse im Vordergrund stehen. Für den Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion des Deutschen Ärzteblattes klingt dies vordergründig zunächst einmal gut. Doch Metriken wie der Impact Faktor seien nicht ohne Grund als Bemessungsgrundlage in die Wissenschaft eingeführt worden; es sei darum gegangen, die subjektive Bewertung wissenschaftlicher Leistung zurückzudrängen. „Man kehrt dann zurück zu einem System, das man einmal aus guten Gründen verlassen hat, als nämlich einige wenige Medizinprofessoren quasi nach Augenmaß darüber entschieden haben, was gute Wissenschaft ist“, warnt Baethge. Auch in der medizinischen Wissenschaft werde es weiterhin darum gehen, in einem kompetitiven Rahmen begrenzte Ressourcen für Personal und Forschungsförderung zuzuweisen. Hierbei sieht er vorerst noch so recht keine Alternative zu den bestehenden Bewertungsmetriken mit den bekannten Schwächen.



