Der 130. Deutsche Ärztetag (DÄT), das „Parlament der Ärzteschaft“, kam vom
12. bis 15. Mai 2026 zusammen, um gesundheitspolitische Impulse zu setzen und wichtige berufspolitische Entscheidungen zu treffen. Im Fokus des berufspolitischen Interesses standen die Ausführungen von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, die rückblickend von den Abgeordneten als wenig visionär bewertet wurden. Jeweils einen ganzen Tag beschäftigte sich das Parlament mit den Themen „Suchtmedizin im Wandel“ und der „Weiterentwicklung der Weiterbildungsordnung“. Die berufspolitische Debatte wurde am letzten Sitzungstag überschattet von Berichten über herabwürdigende Äußerungen und Grenzüberschreitungen gegenüber weiblichen Medizinstudierenden während des Ärztetags (siehe Seite 7). Wie die nordrheinischen Abgeordneten den Ärztetag in Hannover ganz persönlich erlebt haben und welche Anträge und Debatten ihnen am wichtigsten waren, schilderten sie im Nachgang dem Rheinischen Ärzteblatt.

Als Delegierte habe ich den diesjährigen Deutschen Ärztetag mit großen Erwartungen, aber auch mit einer großen Verantwortung für die Zukunft unseres Berufsstandes besucht. Rückblickend hinterlässt diese Woche in mir ein zutiefst zwiespältiges Gefühl: Auf der einen Seite steht der lang ersehnte meilensteinartige Fortschritt in der ärztlichen Weiterbildung – auf der anderen Seite ein erschreckendes zwischenmenschliches und kulturpolitisches Armutszeugnis im Umgang mit unserem eigenen Nachwuchs.
Ein Meilenstein für die Zukunft: Die neue (Muster-)Weiterbildungsordnung und die Einführung der CanMEDS-Rollen im allgemeinen Teil der Weiterbildung, mit denen wir den Anforderungen einer modernen, flexiblen und qualitativ hochwertigen Ausbildung gerecht werden. Ärztinnen und Ärzte werden explizit nicht mehr nur als medizinische Experten definiert, sondern auch in ihren Rollen als Kommunikatoren, Teamworker, Führungskräfte und gesellschaftliche Interessenvertreter. Diese Reform war überfällig, um die Weiterbildung an die Realität des 21. Jahrhunderts anzupassen und den Beruf für nachfolgende Generationen attraktiv zu gestalten.
Leider hat mich der geschilderte Umgang mit weiblichen Medizinstudierenden am letzten Sitzungstag fassungslos und wütend gemacht. Wir haben junge, engagierte Medizinstudierende – die Zukunft unserer Versorgung – explizit auf diesen Ärztetag eingeladen, um ihnen eine Stimme zu geben und sie für die Standespolitik zu begeistern. Doch anstatt sie mit Offenheit und Mentoring zu empfangen, wurden sie patriarchalen Verhaltensmustern ausgesetzt, die in einer modernen Medizin absolut keinen Platz mehr haben dürfen. Fazit und Forderung: Wir können nicht auf dem Podium mühsam ein fortschrittliches Kompetenzmodell wie CanMEDS beschließen – das Werte wie Teamarbeit, professionelles Handeln und Kommunikation einfordert – während im Plenarsaal und am Rande der Debatten genau diese Werte mit Füßen getreten werden.

Das Missbrauchs-Thema als Paukenschlag am letzten Tag des DÄT war laut und nachhallend. Es ist ausgesprochen wichtig, ebenso wie das Thema „Respekt und Grenz-Wahrung, Austarieren von Nähe und Distanz“ in der Arzt-Arzt-, Arzt-Team- ebenso wie in der Arzt-Patientenbeziehung, womit wir uns in der ÄkNo seit langer Zeit beschäftigen.
Bundesärztekammerpräsident Dr. Reinhardt hat die brandgefährliche politische Situation der Medizin in seiner hervorragenden Eröffnungsrede auf den Punkt gebracht. Das GKV-Spargesetz lässt ein patientenorientiertes Gesundheitssystem nicht mehr möglich erscheinen, das geplante Digitalgesetz (GeDIG) untergräbt die ärztliche Schweigepflicht und das Vertrauen in die Arzt-Patienten-Beziehung ebenso wie die von verschiedenen Bundesländern in die Diskussion gebrachte Veränderung der Gesetzgebung zum Thema „Gefahr der Gewalt von psychisch Kranken“, die u. a. Meldepflicht und Melderecht im PsychKG regelt.
Hervorragend der geänderte Vorstands-Antrag Ic-8, der bei diesen Patienten die Behandlung vor Stigmatisierung sieht – und zwar unter ärztlicher Leitung und Verantwortung! Sucht als wichtiges Thema wurde von den Referenten beleuchtet, insbesondere das „Neudenken“ des Cannabis-Themas.
Sicherlich war nicht nur ich enttäuscht, dass weit über 100 Anträge aus zwei TOPs, in die viel Herzblut und geistige Anstrengung investiert worden waren, aus Zeitmangel im Konvolut an den Vorstand überwiesen werden mussten. Wie in den letzten Jahren waren darunter leider auch wieder die Anträge zum TOP Ic-Unterthema „Psychotherapie, Versorgung psychisch kranker Menschen“, von denen lediglich der erwähnte Vorstandsantrag abgestimmt wurde.
Die freundliche, wertschätzende und konstruktive Diskussion unter uns Delegierten der Ärztekammer Nordrhein, aber auch mit Kolleginnen und Kollegen anderer Kammern war ausgesprochen wohltuend und fruchtbar.

Ich bin in diesem Jahr mit sehr gemischten Gefühlen vom Ärztetag in Hannover heimgekehrt. Sehr gut hat mir auf der Eröffnungsveranstaltung die Rede des Präsidenten der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, gefallen, in der er die Auswirkungen des GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz für Kliniken und Praxen klar benannt hat. Ebenfalls habe ich mich sehr gefreut, dass bei der Eröffnungsveranstaltung Dr. Christiane Groß, Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes und langjähriges ehemaliges Vorstandsmitglied der Ärztekammer Nordrhein, mit der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft ausgezeichnet wurde. Wir haben Christiane Groß als Kollegin kennengelernt, die sich mit großem und geduldigem Engagement für die Gleichstellung von Ärztinnen in der Medizin eingesetzt hat. Dass ihre Arbeit noch lange nicht abgeschlossen ist, zeigen viele Umfragen. Einen ganzen Tag hat sich der Ärztetag mit dem Thema einer moderneren und schlankeren Weiterbildung beschäftigt. Eine wichtige Anpassung ist die Neustrukturierung der allgemeinen Inhalte der Weiterbildung an verschiedene ärztliche Rollen (CanMEDS-Modell). Beschlossen wurde zudem, dass Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung künftig strukturiert lernen sollen, mit Todes- und Suizidwünschen ihrer Patientinnen und Patienten umzugehen und Grundlagen der Suizidprävention zu kennen. Neben diesen vielen guten Beschlüssen haben mich die Schilderungen von Medizinstudentinnen über Grenzverletzungen und Übergriffe von Teilnehmenden des 130. Deutschen Ärztetages, die ich aufgrund anderer Verpflichtungen nur medial verfolgt habe, erschüttert. Ich begrüße daher den Beschluss, das Thema auf dem nächsten Deutschen Ärztetag intensiv zu besprechen. Dass es sich hier nicht um Einzelfälle handelt, belegt ja die Erhebung des Marburger Bundes aus diesem Frühjahr.

Besonders bemerkenswert und ärgerlich finde ich es, dass nun erneut wichtige Tagesordnungspunkte, inklusive der dazugehörigen Debatten zu vielen Anträgen, der Zeit zum Opfer fielen und gebündelt an den Vorstand überwiesen wurden. Dazu gehört unter anderem der Unterpunkt IVc zum Schwerpunkt-Thema Weiterbildung sowie auch einige Anträge unter Ic. Ich verstehe nicht, warum man aus den Erfahrungen der letzten Jahre nicht gelernt hat, um die Abläufe zu optimieren. Müssen es wirklich zwei Schwerpunktthemen sein? Suchtmedizin und Weiterbildung sind immens wichtig, aber vielleicht hätte man die Themen auf zwei Ärztetage verteilen können. Und ich stelle mir auch die Frage, ob alle Berichte in epischer Breite gehalten werden müssen? Hier könnte man über neuere Formate nachdenken, wie zum Beispiel eine dem Ärztetag vorgeschaltete Videokonferenz. Auf dieser könnten den Delegierten die Berichte zur Kenntnis gebracht und die Unterlagen zur Verfügung gestellt werden. So könnte die Zeit auf dem Ärztetag selbst effektiv für gezielte inhaltliche Rückfragen an die Referenten genutzt werden. Mit so einem Verfahren bliebe dann auch die Zeit für die Anträge und Diskussionen, die nicht zu den Schwerpunktthemen gestellt werden, aber dennoch wichtig für unsere Berufsausübung sind.

Ein Deutscher Ärztetag hat im Vorfeld eine Tagesordnung, bei der man denken muss, es wäre schnell abgehandelt und alles sei klar. Nein, so war es dieses Jahr wieder einmal nicht. Viel besser gestaltet als in den letzten Jahren war die Antragsannahme mit Zeitvorgaben, die es einem gestattete, sich mit den Anträgen ausreichend vorher zu beschäftigen und dann zum Teil auch nochmals in Gespräche mit den Antragstellern zu gehen. Auch wurden mögliche Unklarheiten von dem Team der Bundesärztekammer frühzeitig erkannt und mit den Antragstellern im konstruktiven und wertschätzenden Austausch geklärt. Dafür bedanke ich mich bei den Mitarbeitern im „Hintergrund“ sehr herzlich. Mein Dank gilt auch der eigenen Kammerbegleitung. Enttäuscht war ich nur von der Gesundheitsministerin, die sich als Politikerin präsentierte, die eher verwaltet als gestaltet. Es fehlte leider die Vision einer Weiterentwicklung unseres Gesundheitswesens. Auch frage ich mich, warum eine abgestimmte GOÄ-Vorlage nochmals unabhängig geprüft werden muss? In der Befassung mit unserer Weiterbildung wurde ein Kapitel abgeschlossen, so dass ich mir erhoffe, dass durch die Eingaben der „jungen Ärztinnen und Ärzte“ eine Weiterbildungsordnung entwickelt werden kann, die sich den modernen Lehr- und Lernmethoden öffnet. Stichwort: Neu-Denken.

Ich komme nach diesem Ärztetag mit vielen verschiedenen Eindrücken und Emotionen zurück. Neben all den Diskussionen und Kontroversen sowie teils knappen Abstimmungsergebnissen ist mir sehr positiv aufgefallen, wieviel Zuspruch die Einführung der CanMEDS-Rollen in die (Muster-)Weiterbildungsordnung hatte. Mehr Haltung beziehen – Weiterbildung nicht nur als rein fachliche Aufgabe betrachten! Wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen, auch unser Miteinander zu definieren, hat sich dann noch ganz anders gezeigt: Medizinstudierende haben zum Thema Machtmissbrauch von sexuellen Übergriffen während des Ärztetages berichtet! Sie haben Mut und Stärke gezeigt und eine längst überfällige Debatte angestoßen: Im Anschluss äußerten so viele unterschiedliche Menschen spontan ihre Erschütterung und Solidarität, aber auch ihre eigene Betroffenheit. Es wurde über Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe und Diskriminierung am klinischen Arbeitsplatz, in der Berufspolitik, in Fort- und Weiterbildung gesprochen. Am Ende wurde nicht nur versichert, dass die aktuellen Vorfälle aufgearbeitet werden sollen, es wurde auch beschlossen, dass der nächste Ärztetag sich mit diesem Thema befassen wird. Das hat mich zusätzlich sehr motiviert, genau an dieser Stelle in der Ärztekammer weiterzuarbeiten. Ich bin schon gespannt auf den 131. Deutschen Ärztetag!

Auch der 130. Ärztetag in Hannover war wie immer sehr gut organisiert und bildet aus meiner Sicht das geeignete Forum für innerärztliche Diskussionen und für das Entwickeln von Positionen für eine nachhaltige Patientenversorgung. Auch wenn wir mit der Flut der wohlüberlegten Anträge manchmal auch an unsere Grenzen kommen.
Rückblickend hat mir bei der Eröffnungsveranstaltung die Rede des Bundesärztekammerpräsidenten sehr gut gefallen. Sie war pointiert, auf den Punkt und richtig in der Kritik. Im Gegensatz dazu war die Rede der Bundesgesundheitsministerin eher schwach und von der im letzten Jahr in Leipzig versprochenen Kompromissbereitschaft und dem Willen zur Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft bei wichtigen Reformen war nichts mehr übrig. Man merkte ihr die Notwendigkeit an, diese Reform mit der Brechstange auch gegen die berechtigten Sorgen der Ärzteschaft durchsetzen zu müssen. Deshalb begrüße ich die vielen gut begründeten Anträge auf dem Ärztetag, die zeigen, dass da nachgebessert werden muss und dass man das so mit uns nicht machen kann.
Für mich war es richtig, dass wir uns einen Tag Zeit genommen haben, um über die Zukunft der ärztlichen Weiterbildung zu sprechen. Denn Weiterbildung ist eine Kernfrage, wie wir mit jungen Kolleginnen und Kollegen arbeiten, wie wir sie in ihrem ärztlichen Wirken unterstützen und aufbauen können. Wichtig ist mir grundsätzlich dabei, dass die Inhalte der Weiterbildung in den einzelnen Bereichen auch schaffbar bleiben.
In dieser Form nicht zu erwarten waren die Ereignisse am letzten Tag, die schlussendlich die Sicht auf den Ärztetag und sicher darüber hinaus geprägt haben.
Das mutige Statement der Studentinnen über ihre Erfahrungen mit sexualisierter Grenzüberschreitung hat die anschließende Diskussion und Sicht auf das Thema deutlich verändert. Aus dem faktischen Tabu und der bloßen Theorie der bereits anstehenden Anträge und Diskussion zu Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt ist ein spürbares Ereignis geworden. Das Thema stand bereits vorher auf der Agenda und musste auch erst dort klar positioniert werden. Ich bin froh, dass sich die Ärztekammer Nordrhein als federführend in der Thematik darstellt und wir gemeinsam mit der Bundesärztekammer Veränderungen anstoßen und wir uns gegen Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung im Alltag und im Gesundheitssystem stellen. Ich bin gespannt, welche Lösungen die Ärzteschaft dazu finden wird.

