Die Weiterbildung ist eines der großen Themen auf dem 130. Deutschen Ärztetag (DÄT) gewesen. Mit großer Mehrheit haben die Abgeordneten in Hannover umfassende Änderungen der (Muster-)Weiter-bildungsordnung (MWBO) beschlossen. So werden nach Initiative der Ärztekammer Nordrhein die allgemeinen Weiterbildungsinhalte zukünftig auf Basis des international etablierten CanMEDS-Rollen-modells strukturiert. Ergänzend zu Methoden- und Handlungskompetenzen stellt das neue Modell ärztliche Haltungen und Rollen in den Mittelpunkt und wird damit auch das Arztbild der Zukunft prägen.
Das CanMEDS-Rollenmodell beschäftigt sich zum Beispiel mit der Frage, was einen guten ärztlichen Weiterbildenden ausmacht und welche Kompetenzen neben reinem Fachwissen an WBA (Weiterbildungsärztinnen- und -ärzte) weitergegeben werden sollen. Weiterbildende werden nach dem Modell nicht allein als medizinische Expertinnen und Experten gesehen, die bloßes Fachwissen weitergeben. Ihnen kommt laut Definition noch deutlich stärker die Aufgabe von Lehrerinnen und Lehrern zu, die sich an pädagogischen Konzepten orientieren. Weiterbildenden werden Rollen zugeschrieben, die nicht zuletzt den geänderten Wertmaßstäben in unserer Gesellschaft Rechnung tragen. Neben der Kernrolle als „Experten“ (Medical Expert) verstehen sich Weiterbildende danach zusätzlich auch als „Kommunikatoren“ (Communicator), „Teamarbeiter“ (Collaborator), „Manager“ (Leader), „Gesundheitsfürsprecher“ (Health Advocate), „Lebenslang Lernende“ (Scholar) und als „Professionelle Ärzte“ (Professional). Diese zentralen ärztliche Haltungen und Rollen sollen sich langfristig zu einem festen Bestandteil unseres ärztlichen Selbstverständnisses entwickeln.
Das klare „Ja“ der DÄT-Abgeordneten zur Aufnahme der CanMEDS-Rollen in die MWBO bedeutet somit gleichzeitig auch ein „Ja“ zu einer modernen, verantwortungsbewussten und qualitativ hochwertigen Weiterbildung. Dies kann man meiner Meinung nach gar nicht hoch genug wertschätzen. Hinzu kommt noch ein weiterer wichtiger Aspekt: Vor allem der ärztliche Nachwuchs selbst fordert Werte wie Teamarbeit, professionelles Handeln sowie eine transparente und respektvolle Kommunikation aktiv ein, wie es Teilnehmende des Dialogforums mit jungen Ärztinnen und Ärzten auf dem DÄT in Hannover eindrucksvoll formuliert haben. Deswegen ist das Wertegerüst, das durch die beschriebenen Rollen vermittelt werden soll, meiner Meinung nach unerlässlich für die Attraktivität unseres Berufsstandes. Mit dem Beschluss zu den CanMEDS-Rollen zeigen wir, dass wir als Ärzteschaft die Zeichen der Zeit erkannt haben. Entscheidend wird es nun sein, die eigentliche Bedeutung dieses DÄT-Beschlusses zu vermitteln und die auf der Hand liegenden Vorteile des Modells so herauszuarbeiten, dass sie in den Köpfen von Weiterbildenden und Weiterzubildenden auch ankommen.
Dies wird auch deswegen wichtig sein, weil wir Antworten auf die Frage brauchen, wie wir zukünftig Machtmissbrauch im ärztlichen Alltag verhindern können. Laut einer bundesweiten Mitgliederbefragung des Marburger Bundes ist Machtmissbrauch ein drängendes Problem im Klinikalltag. Knapp die Hälfte der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte spricht von Machtmissbrauch durch ärztliche Beschäftigte in den vergangenen zwölf Monaten. Ich hoffe sehr, dass die durch das CanMEDS-Modell definierten Haltungen und Rollen zu einem deutlich bewussteren und sensibleren Umgang mit diesem Thema führen werden. Alleine die Rolle „Professional“ meint ja, Verantwortung zu übernehmen, ethisch zu handeln und das eigene Verhalten zu reflektieren.
Dr. Sven Dreyer, Präsident der Ärztekammer Nordrhein


