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Mein Beruf

„Der absolute Klassiker ist Spülmittel“

23.06.2026 Seite 47
RAE Ausgabe 7/2026

Rheinisches Ärzteblatt

Heft 7/2026

Seite 47

Antonia Gehrckens wurde 1998 in Düsseldorf geboren. Sie studierte Humanmedizin an der Universität zu Köln. Ihr Praktisches Jahr absolvierte sie unter anderem in der Gynäkologie im St. Elisabeth Krankenhaus in Köln. Seit ihrem Abschluss im Sommer 2025 arbeitet sie promotionsbegleitend als Assistenzärztin in der Giftinformationszentrale am Universitätsklinikum Bonn. © privat
Job, Beruf, Berufung? – An dieser Stelle berichten junge Ärztinnen und Ärzte über ihren Weg in den Beruf, darüber, was sie antreibt und warum sie – trotz mancher Widrigkeiten – gerne Ärztinnen und Ärzte sind.

RÄ: Was hat Sie dazu bewogen, in die Giftinformationszentrale in Bonn zu gehen?
Gehrckens: Mir bietet die Arbeit in der Giftinformationszentrale die tolle Möglichkeit, neben meiner Promotion ärztlich zu arbeiten. Es ist mir wichtig, mich nicht nur fachlich weiterzuentwickeln, sondern gleichzeitig auch einen relevanten Beitrag im Gesundheitssystem zu leisten. Durch meine Arbeit kann ich Kolleginnen und Kollegen in Praxen und Kliniken entlasten, kritische Verläufe früh erkennen und beratend zur Seite stehen. Eine gute Vorabeinschätzung und Beratung unsererseits vermeidet vor allem auch unnötige Notfalleinsätze.

RÄ: Mit welchen Notfällen und Anfragen haben Sie besonders häufig zu tun?
Gehrckens: Meistens rufen uns Eltern von Kleinkindern an. Oft geht es dabei um die Einnahme von Medikamenten und Haushaltsprodukten oder den Verzehr von Zimmerpflanzen, eventuell giftigen Beeren oder Pilzen. Der absolute Klassiker ist Spülmittel, das ist ja auch meist schön bunt. Wir beraten aber auch regelmäßig Kliniken, Praxen und den Rettungsdienst, in seltenen Fällen auch Unternehmen beispielsweise bei chemischen Expositionen. In einer Schicht ist von harmlos bis lebensbedrohlich oder intensivpflichtig meist alles dabei. 

 „Die KI sagt besorgten Eltern gerne: Rufen Sie vorsichtshalber bei der Giftinformationszentrale an.“

RÄ: Wie sieht ihr Arbeitsalltag zwischen telefonischer Beratung und medizinischer Einschätzung aus? Erfahren Sie, was aus den Ratsuchenden geworden ist?
Gehrckens: Die Anamnese steht klar im Mittelpunkt, die ist natürlich übers Telefon ein wenig schwieriger zu erstellen, aber man gewöhnt sich an diese andere Art des Arztseins. Dann folgt die medizinische Einschätzung. Dafür greifen wir auf Datenbanken zurück – wir haben unsere eigene Datenbank und zusätzlich Zugriff auf viele andere. Dann gibt es immer wissenschaftliche Literatur vor Ort und auch unsere eigenen Falldokumentationen, um ähnliche Fälle abgleichen zu können. 
Die Recherche kann unter Umständen auch schon einmal sehr umfangreich werden, sehr komplizierte Fälle sind zeitintensiv. Rückmeldungen haben wir tatsächlich sehr wenige. Meist fragen wir selbst bei den Kliniken oder auch bei den Anrufern nach, um unsere Datenbank mit den Ergebnissen zu füttern. Was unseren Arbeitsalltag enorm verändert hat, ist, dass immer mehr Menschen Künstliche Intelligenz nutzen. Die sagt besorgten Eltern gerne mal: Rufen Sie vorsichtshalber bei der Giftinformationszentrale an. Auch Falschinformationen in den Sozialen Medien bringen mehr besorgte Patienten zu uns. 

RÄ: Welche Gespräche oder Situationen sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Gehrckens: Am meisten beschäftigen mich die Gesprächssituationen mit suizidalen Anrufern, die entweder schon Medikamente in einer signifikanten Menge eingenommen haben, ankündigen, dies tun zu wollen oder nach tödlichen Dosierungen fragen. Dann ist man sofort in einem medizinischen oder psychiatrischen Notfall – häufig nachts – aber eben leider auch nur telefonisch. Dann sitzt man alleine am Schreibtisch, führt sehr lange Telefonate, muss im schlimmsten Fall ­parallel die Polizei einschalten. Das beschäftigt mich natürlich immer auch über das Telefonat hinaus. Und sobald ich das Telefonat beendet habe, muss ich den nächsten Anruf annehmen und weiterberaten. 
Generell kann man sagen, wir haben schon alles gehört. Die Scham, die viele Leute verspüren, wenn sie hier anrufen, ist aber unbegründet. Wir müssen einfach neutral bleiben, nicht werten. Man kann auf jeden Fall sagen, es sind nicht nur Kinder, auch Erwachsene kommen auf interessante Ideen.

RÄ: Wo sehen Sie die aktuellen Herausforderungen für Ihre Arbeit?
Gehrckens: Wir haben ein sehr hohes Anrufaufkommen. Im Schnitt 230 Anrufe pro Tag. Davon können wir in einer Schicht nur ungefähr 145 annehmen. Das macht eine durchschnittliche Wartezeit von 4 Minuten und 40 Sekunden. Das bekommen wir auch zurückgemeldet, nicht nur von den Patienten, sondern auch vom Rettungsdienst und den Kolleginnen und Kollegen in der Klinik. Aber leider sind unsere personellen Ressourcen dem hohen Bedarf in Nordrhein-Westfalen nur bedingt gewachsen. Es wäre schön, wenn uns mehr Ärztinnen und Ärzte unterstützen könnten.

Das Interview führte Vassiliki Temme.