Job, Beruf, Berufung? – An dieser Stelle berichten junge Ärztinnen und Ärzte über ihren Weg in den Beruf, darüber, was sie antreibt und warum sie – trotz mancher Widrigkeiten – gerne Ärztinnen und Ärzte sind.
RÄ: Was hat Sie dazu bewogen, in den Medizinischen Dienst zu wechseln?
Grundmann: Als Fachärztin für Visceralchirurgie habe ich mir während meiner Tätigkeit in der Klinik oft die Frage nach der späteren Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestellt. Außerdem wollte ich mich in der Medizin weiterentwickeln und bin dann im Deutschen Ärzteblatt auf eine Stellenanzeige des Medizinischen Dienstes gestoßen.
Medizin anders zu denken, fand ich spannend, und die Fortbildungsmöglichkeiten haben mich angesprochen.
RÄ: Welche Fälle und Fragestellungen begegnen Ihnen besonders häufig?
Grundmann: Begonnen habe ich meine Tätigkeit im Bereich der Krankenhausbegutachtung. Dort wurden vorranging Kodierungen und Abrechnungen geprüft. Mein aktueller Arbeitsschwerpunkt ist die Begutachtung von orthopädischen Hilfsmitteln, also beispielsweise orthopädische Schuhe, Rollstühle, Hilfsmittel zur Kompressionstherapie oder auch Orthesen und Prothesen. Grundsätzlich ist die Hilfsmittelversorgung sehr individuell auf die Patientinnen und Patienten zugeschnitten und daher auch vielseitig. Außerdem kommen ja regelmäßig neue Produkte oder Anpassungen auf den Markt.
„Die Sozialmedizin ist eher unscheinbar, aber ohne sie könnten wir den Patienten nicht gerecht werden.“
RÄ: Welche Rolle spielen sozialmedizinische Aspekte, also auch die Berücksichtigung der Lebensumstände der Patienten, in Ihrer täglichen Arbeit?
Grundmann: Die Sozialmedizin ist das zentrale Element meiner täglichen Arbeit. Bei der Erstellung der sozialmedizinischen Gutachten ist es wichtig, eine Krankheit nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in den Zusammenhang mit den individuellen Lebensbedingungen und persönlichen Bedürfnissen der Betroffenen zu setzen. Ein gutes Beispiel dafür sind Beinprothesen: Ein sehr junger Mensch, der beispielsweise durch einen Unfall eine Extremität verliert, aber ansonsten vollkommen gesund ist, vorher Sport getrieben hat, keine weiteren Erkrankungen vorweist, hat völlig andere Ansprüche an eine Prothesenversorgung als eine ältere, vorerkrankte Person, bei der auch das verbliebene Bein nicht gesund ist. Der eine braucht Flexibilität, der andere Stabilität. Besonders an den persönlichen Untersuchungstagen, also bei den Hausbesuchen, die der Medizinische Dienst auch macht, kommt man den Menschen und ihren Schicksalen sehr nah. Wir betrachten jeden Betroffenen in seiner Individualität und aktuellen Lebenssituation. Das alles muss in einem Gutachten berücksichtigt werden. Die Sozialmedizin ist eher unscheinbar, aber ohne sie könnten wir den Patienten nicht gerecht werden.
RÄ: Was überrascht Ihre Kolleginnen und Kollegen, wenn Sie von Ihrer Tätigkeit erzählen?
Grundmann: Es ist tatsächlich leider oft so, dass man in meinem Berufsfeld mit Vorurteilen konfrontiert wird. Zum einen, weil man eben vom klassischen Arbeitsmodell als Ärztin oder Arzt abweicht. Aber die Medizin wird immer weiblicher und da braucht es einfach neue Arbeitszeitmodelle, die es auch Müttern ermöglichen, ihren Beruf weiter auszuüben. Beim Medizinischen Dienst ist man auf eine ganz andere Art und Weise medizinisch tätig als in den klassischen Berufsfeldern – aber es ist keine schlechtere Art und Weise. Viele hegen auch die Vorstellung, dass wir beim Medizinischen Dienst nur für die Einsparung von Kosten zuständig sind. Das ist aber nicht so. Gerade für diese Kollegen ist es besonders überraschend, wenn ich erzähle, wie viele Faktoren in die sozialmedizinische Begutachtung einfließen. In unserer Arbeit geht es um die sozialmedizinische Indikation, nicht um Kostenersparnis.
RÄ: Welche Rahmenbedingungen erleben Sie bei Ihrer Arbeit als herausfordernd?
Grundmann: Die größte Herausforderung ist im Medizinischen Dienst immer inhaltlicher Natur. Man muss immer dranbleiben, denn es gibt laufend geänderte Studienlagen, Gesetzesänderungen oder aktualisierte Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses, die wir beachten müssen. Es ist ein sehr schnelllebiges und hoch interessantes Arbeitsgebiet.
Das Interview führte Vassiliki Temme.


