Der neue Notdienst ist flexibel und planbar. Mit der Fahrdienstreform der KV Nordrhein haben Kooperationsärztinnen und -ärzte diese Aufgaben übernommen. Allgemeinmediziner Duc Phu Dinh ist in Nordrhein im Einsatz.
von Simona Meier
Schnellen Schritts eilt Duc Phu Dinh ins Dienstzimmer am Johanna-Etienne-Krankenhaus in Neuss. „Hausbesuche sind mein Ding. Menschen, die mich brauchen – da bin ich da“, sagt der Internist und Allgemeinmediziner. Er greift zu Tasche, Tablet und den notwendigen Unterlagen für seinen heutigen Einsatz. Als Kooperationsarzt im Notdienst der KV Nordrhein kann er seine Dienste vorab frei in den Dienstplänen auswählen. Um 13 Uhr startet er, seine erste Schicht dauert bis 22 Uhr. „Danach übernimmt eigentlich die nächste Schicht bis morgens um sieben Uhr“, sagt er. Heute macht er aber eine Doppelschicht und ist auch in der Nacht weiter zuständig.
Erste Einsätze und Entscheidungen
Das Fahrzeug steht schon vor dem Krankenhaus bereit und auch Fahrerin Alexandra Bindels ist da. „Wir fahren die, die helfen. Die Herausforderung ist, Fahrzeug und Arzt sicher von A nach B zu bringen“, sagt sie. Ein Blick aufs Tablet zeigt Duc Phu Dinh die ersten Einsätze an, die jetzt, da viele Praxen schon geschlossen haben, auf ihn warten. „Ich entscheide dann zum Beispiel, ob ich zunächst telefonisch etwas mit dem Patienten kläre oder ob ein Hausbesuch notwendig ist“, sagt er. Die Beschwerden einer 86-jährigen Patientin erfordern einen solchen Hausbesuch. Schon auf der Fahrt kann er sich mit dem ersten Fall an diesem Nachmittag vertraut machen. Während die Fahrerin das Ziel ins Navigationssystem eingibt, liest Duc Phu Dinh die Einsatzinformationen, die er mit einem Klick im System abgerufen hat.
Sicher unterwegs mit Fahrdienst
Unterwegs mit einer Fahrerin oder einem Fahrer, genau das schätzt Duc Phu Dinh besonders. „Sie fahren mich direkt vor die Haustür des Patienten. Ich muss das Haus nicht suchen, ich muss keinen Parkplatz suchen und es fühlt sich viel sicherer an“, sagt er. In Einzelfällen begleite ihn ein Fahrer auch ins Haus, das komme jedoch eher selten vor. Rund 25 Minuten dauert die Fahrt zur ersten Patientin an diesem Freitagnachmittag: Ein kurzes Stück Autobahn, dann geht es in ein Wohngebiet.
Wenn der Eindruck vor Ort entscheidet.
Schnell ist die Klingel an dem Mehrfamilienhaus gefunden. Hier wartet eine alte Dame mit Bauchbeschwerden schon auf den Arzt. Vor einigen Tagen war sie auch gestürzt. Es sind die ersten Angaben des Teams der 116 117, die an den Notdienstarzt übermittelt wurden. Dort erfolgte auch die Ersteinschätzung und anschließend die Zuteilung zum Fahrdienst der KV Nordrhein. Die genaue Situation kann Duc Phu Dinh dann natürlich erst beim Eintreffen feststellen. „Es ist wie bei einer Schachtel Pralinen, man weiß nie, was drin ist“, sagt er lächelnd. Genau das mag er an seiner Tätigkeit. 2006 begann er im Westkreis Viersen im ärztlichen Notdienst. „Von Anfang an war ich dort immer sehr aktiv. In den letzten Jahren habe ich diese Tätigkeit mehr oder weniger auf Krefeld, Düsseldorf, Düren, ganz vereinzelt auch Essen und Neuss ausgeweitet“, sagt er. Seit Beginn des Pilotprojekts ist er im Team der Kooperationsärztinnen und -ärzte in Düsseldorf und Neuss im Einsatz.
Erfahrung aus vielen Jahren Notdienst
Auch Astrid Pilz-Höcher ist seit 34 Jahren erfahrene Notdienstärztin: „Gedacht ist diese Hilfe vor allem für ältere Menschen – etwa über 70 Jahre, mit eingeschränkter Mobilität oder Bettlägerigkeit, die nicht mehr aus dem Haus kommen“, sagt sie. Dass sich immer häufiger auch junge Patientinnen und Patienten wegen leichter Beschwerden melden, kann sie nicht nachvollziehen. Solche Bagatellfälle ärgern sie. „Wenn man mich dann wegen seit zwei Stunden bestehendem Husten ruft, ist das schwierig“, sagt sie, bevor sie in den Wagen einsteigt und zum nächsten Einsatz fährt. Was sie hingegen motiviert, sind echte Dankesbekundungen: „Wenn eine ältere Patientin, die ich ins Krankenhaus eingewiesen habe, später anruft und sagt: ,Ich hatte keinen Herzinfarkt, danke‘, dann weiß ich, warum ich das mache.“ Auch sie ist an diesem Freitag wieder unterwegs zu Menschen, die ihre Hilfe benötigen, denn das Wochenende naht und die Praxen sind jetzt geschlossen.
Medizinische Einschätzung vor Ort
Währenddessen steigt Duc Phu Dinh bereits die Treppe zur Patientin hinauf. Sie liegt auf ihrer Couch im Wohnzimmer. Den Treppenlift und Rollator bemerkt er sofort, sie sind meist Hinweise auf eine länger bestehende Mobilitätseinschränkung. Auch Angehörige sind anwesend. Bei der Untersuchung fällt dem Arzt schnell etwas auf, das in den ersten Informationen nicht erwähnt wurde: „Sie hatte Luftnot. Das Abhören der Lunge bestätigte das“, berichtet er. Genau hier zeigt sich die Bedeutung des Notdienstes: Er kann vor Ort beurteilen, was notwendig ist – bei Patienten, die es nicht mehr in eine Notdienstpraxis schaffen. Die 86-Jährige wird schließlich ins Krankenhaus eingewiesen, da ihre Sauerstoffsättigung deutlich zu niedrig ist. Ruhig spricht der Arzt mit ihr und den Angehörigen über das weitere Vorgehen. Ein Krankenwagen holt sie später ab. „Deshalb bin ich so gerne im Notdienst. Wenn man helfen kann, ist das einfach großartig“, sagt er.
Nächster Einsatz – alles digital organisiert
Er steigt entspannt wieder zu Alexandra Bindels in den Wagen und schließt den Fall online ab. Auch die Abrechnung erfolgt digital im System. Der nächste Einsatz erscheint bereits auf dem Tablet. „Jetzt geht es in ein Altenheim, nur 2,5 Kilometer von hier“, sagt er. Dort angekommen, kümmert er sich um eine demente Patientin mit Verdacht auf Blasenentzündung und telefoniert zur Entscheidungsfindung später aus der Einrichtung mit der Tochter der Frau. Auch hier stellt sich die Frage, ob die Patientin ins Krankenhaus soll. „Unser System ist fantastisch, wenn man es richtig nutzt“, sagt Duc Phu Dinh während seines Dienstes.
„Für die Praxen ist das, glaube ich, auch ein Vorteil. Die meisten Ärztinnen und Ärzte haben ihre Dienste ja nicht selbst gemacht, sondern haben das abgegeben. Ist ja auch verständlich, sie haben in der Praxis genug zu tun und waren mit den zusätzlichen Notdiensten, insbesondere den Nachtdiensten, oft einfach überfordert“, sagt er. Eine Erfahrung, die er auch machte, als er selbst in der Niederlassung tätig war.
Das neue Modell des ärztlichen Bereitschaftsdienstes setzt auf rund 800 Kooperationsärztinnen und -ärzte. Nach dem Start zum 1. Januar 2026 in den Pilotregionen Neuss und Düsseldorf ist es jetzt seit 1. April auf ganz Nordrhein ausgeweitet. Der bisherige Zuschnitt von 54 Fahrdienstbezirken hat sich auf 20 Bereiche geändert. Die Verpflichtung zum Notdienst ist zunächst ruhend gestellt. Die Kooperationsärzte arbeiten direkt mit der KV Nordrhein zusammen, die Dienstplanung erfolgt zentral. Die Erfahrungen aus den Pilotregionen waren positiv. Die Fahrerinnen und Fahrer sind immer erreichbar für die Notdienstärzte und sie können sich einfach zu ihren Einsätzen fahren lassen. Ein wichtiger Faktor, denn die Kernleistung ist die Versorgung der Patienten, auf die sich Ärztinnen und Ärzte dadurch voll konzentrieren können.
Entlastung für Praxen und Ärzte: Haftung und Planung entfallen
Die Kooperationsärzte arbeiten direkt mit der KV Nordrhein zusammen und die niedergelassenen Ärzte haben mit dem Fahrdienst gar nichts mehr zu tun. Damit entfallen auch die ärztliche Haftung für die Vertretung und der Planungsaufwand für die Einzelnen. Die Fahrdienste im Notdienst übernehmen nun ausschließlich Ärztinnen und Ärzte wie Duc Phu Dinh oder Astrid Pilz-Höcher, die zuvor eine Kooperationsvereinbarung mit der KV Nordrhein abgeschlossen und sich bewusst für diese Tätigkeit entschieden haben. Bis zum Ende seiner Freitagsschicht hat Duc Phu Dinh in seinem Notdienst noch eine junge Patientin mit starken Bauchschmerzen versorgt. „Der Dienst verlief ruhig und ohne Probleme“, sagt er.
Simona Meier ist Redakteurin im Auftrag der KV Nordrhein.
Kooperationsärzte gesucht
Für die Fahrdienste werden weiterhin auf freiwilliger Basis Kooperationsärztinnen und -ärzte gesucht. Sie sind mit entsprechender Kooperationsvereinbarung flexibel und bedarfsgerecht im Notdienst tätig und leisten einen wertvollen Beitrag zur Patientenversorgung.


